12. September 2025, 4:05 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Im Mai 2011 wurde in Deutschland ein schwerer Gesundheitsnotstand ausgerufen. Fast 4.000 Menschen erkrankten und 53 Personen ließen ihr Leben.1 Der Grund: bestimmte Bakterien – Enterohämorrhagische E. coli (kurz EHEC genannt), die Giftstoffe produzieren und eine akute Darmentzündung verursachen können. Was Sie über die Symptomatik, Ansteckung und Ursachen wissen sollten.
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Die eigentliche Rolle von Escherichia coli im Körper
Das Bakterium Escherichia coli (E. coli) übernimmt im menschlichen Darm wichtige Aufgaben – etwa beim Aufspalten von Nährstoffen oder beim Schutz vor Krankheitserregern. Gelangt es jedoch außerhalb des Verdauungstrakts in den Körper, wird es zum Hinweis auf fäkale Verunreinigungen, etwa im Trinkwasser oder auf Lebensmitteln. Vor allem bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem – etwa Säuglingen oder älteren Personen – können E.-coli-Bakterien ernste Infektionen verursachen, darunter Harnwegsinfekte, Wundinfektionen, Bauchfellentzündungen, Gallenwegs- oder Lungenentzündungen, Hirnhautentzündungen oder sogar Blutvergiftungen.
Im Gegensatz dazu kommen EHEC-Bakterien natürlicherweise im Darm von Wiederkäuern wie Rindern, Schafen oder Rehen vor. Sie sind in der Lage, hochwirksame Zellgifte zu bilden, die beim Menschen zu schweren gesundheitlichen Beschwerden führen können. Diese speziellen Bakterien gehören zur Gruppe der Shigatoxin- bzw. Verotoxin-produzierenden Escherichia coli (STEC/VTEC). Schon eine geringe Menge reicht aus, um eine Infektion auszulösen – mit teils drastischem Verlauf.2
Was passierte im Jahr 2011?
Der EHEC-Ausbruch im Jahr 2011 gilt als der bislang schwerwiegendste in Deutschland. Erstmals traten die Infektionen in einem solchen Ausmaß auf, dass nicht nur das nationale Gesundheitssystem stark gefordert war, sondern auch internationale Aufmerksamkeit auf sich zogen – insbesondere wegen der ungewöhnlich hohen Zahl an HUS-Erkrankungen. Dazu später aber mehr. Als wahrscheinlicher Auslöser gelten Bockshornkleesamen aus Ägypten, die zur Sprossenproduktion verwendet wurden. Wie genau diese mit dem Erreger kontaminiert wurden, ließ sich rückblickend nicht mehr eindeutig klären.
EHEC-Bakterien und Pfirsiche
„Ich erinnere mich noch gut: 2011 saß ich nichts ahnend mit meinen zehn Jahren in der Küche. Vor mir stand diese große, leuchtende Packung Pfirsiche – und ich konnte einfach nicht widerstehen. Einer nach dem anderen wanderte in meinen Mund, bis am Ende kein einziger mehr übrig war. Ich war stolz auf meine kleine Schlemmerei, als meine Mutter hereinkam und mich fragte: „Hast du die gewaschen?“ Ich so: „Nein.“ In diesem Moment veränderte sich die Stimmung schlagartig. Meine Mutter riss die Augen auf, sagte nur „Oh nein“ – und mir wurde augenblicklich klar, dass ich mich ja jetzt mit irgendetwas Schlimmem infiziert haben könnte. Wir befanden uns schließlich mitten in der großen EHEC-Krise. Damals waren die genauen Umstände der Infektionen noch nicht ganz klar – nur, dass man Obst und Gemüse vor dem Verzehr waschen sollte. Was ich natürlich nicht getan hatte.
Ich fing an zu weinen, malte mir in meiner kindlichen Fantasie schon das Schlimmste aus, während meine Mutter versuchte, die Panik wieder einzufangen. Und so saßen wir da: ich mit kugelrundem Bauch voller Pfirsiche, sie mit einem Gesichtsausdruck zwischen Sorge und Beruhigungsversuchen. Am Ende ist natürlich nichts passiert – außer, dass ich eine Lektion fürs Leben gelernt habe: Obst wird ab sofort gründlich gewaschen, bevor es auf meinem Teller landet.“
Symptome: Wie sich eine EHEC-Erkrankung äußert
Eine Infektion mit EHEC kann völlig symptomfrei verlaufen – aber auch ernsthafte Beschwerden verursachen. In der Regel zeigen sich die ersten Anzeichen zwei bis zehn Tage nach der Ansteckung. Typisch sind wässriger Durchfall, Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen. Fieber tritt nur selten auf.
Bei einem Teil der Erkrankten verschlechtert sich der Verlauf: Der Durchfall wird blutig, die Bauchschmerzen intensiver, gelegentlich kommt Fieber hinzu. Vor allem kleine Kinder, ältere Menschen oder Personen mit geschwächtem Immunsystem sind von diesen schweren Formen betroffen.
In etwa fünf bis zehn Prozent der symptomatisch Erkrankten entwickelt sich wenige Tage nach dem Einsetzen des Durchfalls das sogenannte hämolytisch-urämische Syndrom (HUS). Dabei kommt es zu einer Zerstörung der roten Blutkörperchen, zu einer akuten Einschränkung der Nierenfunktion sowie zu Störungen der Blutgerinnung – ein lebensbedrohliches Krankheitsbild, das vor allem Kinder betrifft.3
So überträgt sich EHEC
Die Übertragung erfolgt überwiegend fäkal-oral – also über den Mund, nachdem die Bakterien auf Nahrungsmitteln, Händen oder Gegenständen gelandet sind. EHEC gelangt meist über den Kot infizierter Tiere in die Umwelt und kann anschließend auf verschiedenste Weise beim Menschen landen. Bereits wenige Erreger reichen aus, um im menschlichen Organismus eine Erkrankung auszulösen.
Tierkot und verunreinigte Lebensmittel
Besonders häufig erfolgt die Infektion durch den Verzehr von rohen oder unzureichend erhitzten Speisen aus Rohmilch- und Rohwurstprodukten, Gemüse, Obst oder Samen. Auch bei Kontakt mit Wiederkäuern – etwa beim Streicheln von Tieren im Streichelzoo – kann es zur Übertragung kommen, selbst wenn die Tiere gesund erscheinen. Schmierinfektionen über kontaminierte Oberflächen, Spielzeug oder Küchenutensilien sind ebenfalls möglich.4
Schmierinfektionen
EHEC-Schmierinfektionen sind über Gegenstände wie Küchenutensilien, kontaminierte Oberflächen oder direkt von Mensch zu Mensch möglich. Ein Ansteckungsrisiko, vor allem für kleinere Kinder, besteht im unmittelbaren Umgang mit Tieren: Beim Streicheln können die Bakterien über die Hände in den Mund geraten.
Verunreinigtes Wasser
Auch beim Baden im See besteht ein Risiko, sich mit EHEC zu infizieren, da sich die Bakterien in verunreinigtem Wasser befinden und über den Mund aufgenommen werden können. Besonders in natürlichen Gewässern können sie sich gut vermehren. In gechlorten Schwimmbädern hingegen gilt eine Infektion als unwahrscheinlich.
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Warum Kinder besonders gefährdet sind
Kinder gehören zu den am stärksten gefährdeten Gruppen bei einer EHEC-Infektion. Ihr Immunsystem und ihre Organe befinden sich noch in der Entwicklung, wodurch sie empfindlicher auf die Toxine reagieren, die von den Erregern freigesetzt werden. Komplikationen wie das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) treten bei ihnen deutlich häufiger auf als bei Erwachsenen. Schon bei ersten Anzeichen wie starken Bauchschmerzen oder auffälligem Stuhlgang sollte daher umgehend ärztlicher Rat eingeholt werden
Komplikationen: Wenn EHEC zum HUS führt
Wenn sich die Giftstoffe, die die EHEC-Bakterien produzieren, über den Darm hinaus weiter im Körper ausbreiten, kann ein HUS entstehen. Die Giftstoffe greifen dabei vor allem die Wände kleiner Blutgefäße an, die sich überall im Körper befinden. Das HUS ist deshalb eine Erkrankung, die mehrere Organe gleichzeitig betreffen kann. Typischerweise macht sich die Erkrankung zuerst und am stärksten an den Nieren und im Magen-Darm-Trakt bemerkbar. Aber auch das Gehirn und die Nerven, die Bauchspeicheldrüse sowie die Skelett- und Herzmuskulatur können betroffen sein.
In der Folge können sich schwerwiegende Spätfolgen entwickeln, darunter Bluthochdruck oder chronische Nierenschäden. Bei einigen Kindern ist auch ein insulinpflichtiger Diabetes möglich. Nur in seltenen Fällen bleibt eine bleibende Nierenschädigung zurück, die eine dauerhafte Dialyse erforderlich macht.
Vorbeugung: So lässt sich eine Ansteckung vermeiden
EHEC-Bakterien sind widerstandsfähig und können über längere Zeit in der Umwelt aktiv bleiben. Da bereits kleinste Mengen ausreichen, um eine Infektion auszulösen, ist konsequente Hygiene der wichtigste Schutz.
Zur Vorbeugung gelten folgende Maßnahmen als besonders wirksam:
- sorgfältige Handhygiene nach dem Kontakt mit Tieren, etwa im Streichelzoo oder auf dem Bauernhof – gerade bei kleinen Kindern, bevor sie essen oder sich die Hände in den Mund stecken
- gründliches Händewaschen mit Seife – vor dem Essen, nach dem Toilettengang sowie vor und nach der Zubereitung von Lebensmitteln
- wenn möglich, Vermeidung engen Kontakts zu erkrankten Personen – insbesondere unter Geschwistern
- strenge Küchen- und Lebensmittelhygiene, insbesondere bei rohen tierischen Produkten
Auch im häuslichen Umfeld von Infizierten sind besondere Vorsichtsmaßnahmen erforderlich:
- Nach dem Wickeln infizierter Kinder ist gründliches Händewaschen unverzichtbar
- Personen mit EHEC sowie ihre Haushaltsangehörigen dürfen Gemeinschaftseinrichtungen wie Kitas oder Schulen erst wieder betreten, wenn die behandelnden Ärzte dies freigeben
- Erkrankte sollten nach Möglichkeit eine eigene Toilette benutzen
- Wer in der Lebensmittelverarbeitung oder Gemeinschaftsverpflegung arbeitet, darf erst dann wieder tätig sein, wenn keine Erreger mehr im Stuhl nachweisbar sind5
Wie gefährlich sind E.-coli-Bakterien und wo steckt man sich an?
Ursachen und Symptome einer Lebensmittelvergiftung
Wie kann man EHEC behandeln?
Bislang existiert keine spezifische Therapie gegen die EHEC-Erkrankung. Die medizinische Behandlung zielt daher darauf ab, den Körper zu stabilisieren und Komplikationen zu vermeiden.
Im Vordergrund steht der Ausgleich von Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten – entweder durch Trinken oder bei Bedarf durch Infusionen. Eine frühzeitige intravenöse Flüssigkeitsgabe kann helfen, Nierenschäden zu verhindern oder zu begrenzen. In schweren Fällen ist daher eine stationäre Aufnahme im Krankenhaus erforderlich.
Kommt es zu einem HUS, wird die Nierentätigkeit medikamentös unterstützt. Reicht das nicht aus, kann eine Dialyse notwendig werden. Zudem erhalten betroffene Patienten bei Bedarf Bluttransfusionen, um fehlende rote Blutkörperchen, Blutplättchen oder Blutplasma zu ersetzen.
Aktuelle Situation in Deutschland
Im Landkreis Oberhavel (Brandenburg) sind kürzlich zwei Kinder an EHEC erkrankt und mussten im Krankenhaus behandelt werden. Bei beiden wurde das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) festgestellt – eine schwerwiegende Folgeerscheinung, die vor allem bei kindlichen EHEC-Infektionen auftreten kann. Inzwischen zeigt sich bei beiden eine deutliche Besserung des Gesundheitszustands.
Ein Zusammenhang mit dem aktuellen EHEC-Ausbruch in Mecklenburg-Vorpommern wird geprüft. Dort wurden seit Mitte August insgesamt 16 bestätigte Erkrankungen registriert, darunter 13 Kinder und drei Erwachsene. Bei fünf der infizierten Kinder traten ebenfalls HUS-Komplikationen auf. Zusätzlich laufen Untersuchungen zu 28 weiteren Verdachtsfällen. Außerdem stehen 44 Personen unter Beobachtung, die möglicherweise in Mecklenburg-Vorpommern mit dem Erreger in Kontakt gekommen sein könnten.6
Die genauen Ursachen des Ausbruchs sind bislang nicht geklärt. Der Erregerstamm wurde mittlerweile identifiziert, konkrete Ansteckungsquellen werden jedoch weiterhin untersucht.