12. Februar 2026, 10:05 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Gestörter Schlaf bedeutet mehr als Müdigkeit am nächsten Tag. Auf lange Sicht drohen sogar Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder des Gehirns, allen voran Demenz. Welch großen Effekt es allein im Fall von Demenz hätte, wenn man Schlafstörungen erfolgreich behandeln oder ihnen vorbeugen und sie damit als Risikofaktor eliminieren würde, zeigt eine Modellrechnung in den USA. Demnach würde es – zumindest in der Theorie – knapp eine halbe Million weniger Demenzkranke geben.
Von Insomnie (Schlaflosigkeit) spricht man bei Ein- und Durchschlafstörungen. Bereits seit längerer Zeit wird ihr langfristiger Effekt auf die kognitive Gesundheit untersucht. Studien kamen zu dem Schluss, dass es eine Verbindung zwischen Insomnie und Demenz gibt.1,2 Wer die Leistung seines Gehirns erhalten möchte, kann über Schlaf also möglicherweise viel bewirken.
Jetzt untersuchte ein Forschungsteam, wie sich der Faktor Schlaf in absoluten Fallzahlen auswirken könnte. Die Idee war, zu berechnen: Was wäre, wenn niemand an Insomnie leiden würde? Wie viel weniger Demenzfälle würde es dann geben? Dafür schauten sie sich die existierenden Zahlen zu Demenz- und Insomniefällen in den USA an. Am Beispiel dieser Nation präsentierten sie ihre Modellberechnung.
Über die Studie
Für ihre Berechnung griffen die Forscher auf Daten aus der National Health and Aging Trends Study (NHATS) aus dem Jahr 2022 zurück. Diese werteten sie nach bei den Studienteilnehmern bestehender Insomnie – Störungen beim Einschlafen oder Durchschlafen – aus. Außerdem ermittelten sie, welche Personen aufgrund ihrer Beschwerden und Leistungen in Gedächtnistests wahrscheinlich an Demenz litten. Auf dieser Basis konnten die Forscher Prävalenzschätzungen vornehmen – also schätzen, wie viele von 100 Menschen Insomnie und wie viele Demenz hatten.
Aus einer zusätzlich ausgewerteten Metaanalyse entnahmen die Wissenschaftler relative Risiken (RR). RR vergleicht, wie häufig eine Krankheit in Vergleichsgruppen auftritt. In diesem Fall: Wie oft die Krankheit Demenz in der Gruppe mit Insomnie auftrat – im Vergleich zur Gruppe ohne Insomnie.
Anhand der relativen Risiken sowie der Prävalenzschätzungen konnte der bevölkerungsbezogene attributable Anteil (Population Attributable Fraction, PAF) der Demenzfälle, die insgesamt statistisch auf Insomnie zurückzuführen sind, berechnet werden. Einfacher ausgedrückt ermittelte man, wie viele Demenzfälle in der Gesamtbevölkerung statistisch auf Insomnie zurückzuführen sind. Frauen und Männer wurden separat betrachtet.3
Ohne Insomnie 449.069 Demenzfälle weniger
Die Auswertung umfasste Daten von 5899 Teilnehmenden. 44,7 Prozent waren 80 Jahre und älter. 57,9 Prozent waren Frauen. 28,7 Prozent der Teilnehmenden berichteten über Insomniesymptome. 6,6 Prozent litten wahrscheinlich an Demenz. Der geschätzte PAF für wahrscheinliche Demenz aufgrund jeglicher Form von Insomnie betrug 12,5 Prozent und war bei Frauen etwas höher als bei Männern. Der höchste Anteil auf Insomnie zurückzuführender Demenzfälle wurde bei Frauen in der Altersgruppe von 65 bis 69 Jahren und bei Männern in der Altersgruppe von 70 bis 74 Jahren beobachtet.
Die Hochrechnung auf die Bevölkerung ergab: Insgesamt hätten allein im Jahr 2022 schätzungsweise 449.069 Demenzfälle in den USA verhindert werden können, wenn Insomnie beseitigt worden wäre. So die Erkenntnis der Forscher auf Grundlage ihrer Modellrechnung.
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Einordnung der Studie
Fast eine halbe Million Demenzfälle weniger – allein durch die Eliminierung eines einzelnen Risikofaktors? Das klingt beeindruckend und zeigt, wie viel Einfluss ein Faktor wie Schlaf auf die Gesundheit haben kann. Die Forscher liefern starke Argumente dafür, warum Insomnien – gerade auch im höheren Alter – nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollten. Sie sind weit mehr als eine alltägliche Unannehmlichkeit und könnten in der Prävention von Demenz ein wichtiger Hebel sein.
Allerdings handelt es sich bei den Erkenntnissen der Forscher um solche rein statistischer Natur. Die Wissenschaftler „jonglierten“ mit Zahlen bereits bestehender Studien und berechneten ein rein theoretisches Szenario. Dieses kann weder kausale Zusammenhänge belegen noch unangreifbar beweisen, dass die Demenzfälle ohne Insomnie nicht aufgetreten wären. Das Modell kann auch die komplexen Hintergründe von Krankheiten, die selten auf einen einzelnen Faktor zurückzuführen sind, nicht real abbilden.
Insomnie bekämpfen – womöglich Demenz vermeiden
Dennoch helfen theoretische Modelle durchaus, Entwicklungen im realen Leben einzuschätzen. Und wenn man das hier vorliegende Modell mit den Studien kombiniert, die bereits Zusammenhänge zwischen Schlafstörungen und kognitivem Abbau aufzeigen konnten, dann scheint es logisch, diese Forschungsrichtung weiter zu verfolgen. Die Bekämpfung von Insomnie könnte im Rahmen der Demenzprävention also eine wirksame Strategie sein.
Da es sich bei Insomnie zusätzlich um ein eigenständiges Krankheitsbild handelt, mit Auswirkungen unter anderem auf den Stoffwechsel und das Herz, ist sie ohnehin behandlungswürdig – auch unabhängig von einem Zusammenhang mit Demenz.