26. Juni 2026, 17:07 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Menschen ohne familiäres Risiko wird gemeinhin erst ab etwa 50 Jahren zur Darmkrebsvorsorge geraten, immerhin galt Darmkrebs lange als Erkrankung des höheren Lebensalters. Doch dieses Bild hat sich verändert. Eine neue Auswertung deutscher Krebsregister zeigt, dass die Zahl der Darmkrebsdiagnosen bei jüngeren Erwachsenen zunimmt. Besonders ausgeprägt ist dieser Trend den Daten zufolge bei den 20- bis 29-Jährigen. Insgesamt zeichnet die Untersuchung jedoch ein differenziertes Bild: Die Daten sind offenbar nicht so zu deuten, dass das Screening-Alter herabgesetzt werden muss.
Darmkrebs bei jüngeren Erwachsenen in Deutschland nimmt zu
Erst kürzlich fasste eine internationale Übersichtsarbeit zahlreiche Studien aus verschiedenen Ländern zusammen, FITBOOK berichtete.1 Sie kam zu dem Schluss, dass Darmkrebs und weitere Krebserkrankungen des Magen-Darm-Trakts bei jüngeren Menschen (unter 50 Jahren) weltweit zunehmen.
Die neue Untersuchung ging nun einen Schritt weiter.2 Das Forscherteam um den Krebsepidemiologen Dr. Sven Voigtländer hat erstmals Krebsregisterdaten aus Deutschland aus einem Zeitraum von über 20 Jahren ausgewertet. Dadurch ist eine genauere Beurteilung der Entwicklung hier im Land möglich.
Details zur Untersuchung
In den vergangenen Jahren sorgten vor allem Studien aus den USA für Aufmerksamkeit. Sie zeigten einen deutlichen Anstieg von Krebserkrankungen bei jüngeren Menschen.3 Einige Arten betrafen dabei im besonders ausgeprägten Maß Frauen. Auch für Deutschland lagen bereits Analysen vor. Häufig beschränkten diese sich jedoch auf einzelne Bundesländer oder unterschieden nicht ausreichend zwischen verschiedenen Tumorarten und Tumorlokalisationen.
Die vorliegende Studie untersuchte deshalb erstmals die Entwicklung der Neuerkrankungen an frühem Darmkrebs („Early-Onset Colorectal Cancer“, EO CRC) auf nationaler Ebene für Deutschland über einen Zeitraum von 21 Jahren. Dabei beschäftigten die Wissenschaftler sich im Speziellen damit, ob bestimmte Altersgruppen stärker betroffen sind. Außerdem stand im Mittelpunkt der Arbeit, welche konkreten Tumorarten zunehmen, aber auch wie sich Deutschland im Vergleich zu den USA entwickelt.
Ein weiterer Schwerpunkt der Registerstudie war die Unterscheidung verschiedener Tumorarten. So lässt sich besser nachvollziehen, ob tatsächlich die Fallzahlen steigen oder ob der scheinbare Trend auf eine verbesserte Diagnostik oder veränderte Klassifikationen zurückgeht. Zum Verständnis: Beispielsweise verlaufen sogenannte neuroendokrine Tumoren, die aus hormonbildenden Zellen entstehen, oft weniger aggressiv als die weitaus häufigeren Adenokarzinome.
Studiendesign und Methoden
Die Forscher analysierten Registerdaten von Darmkrebsfällen in Deutschland aus den Jahren 2003 bis 2023. Berücksichtigt wurden nur Regionen, die eine vollständige und qualitativ hochwertige Krebsregistrierung durchführen. Insgesamt deckt die Auswertung rund 46 Prozent der deutschen Bevölkerung ab.
Konkret flossen in die Analyse 28.046 Darmkrebsfälle bei 27.568 Personen im Alter von 20 bis 49 Jahren ein. Untersucht wurden alle Neuerkrankungen an Darmkrebs (ICD-10 C18 bis C20). Tumoren des Wurmfortsatzes (Appendix) haben spezielle biologische Eigenschaften, weshalb die Forscher sie separat auswerteten.
Die Forscher berechneten altersstandardisierte Erkrankungsraten sowie deren durchschnittliche jährliche Veränderung (AAPC). So sollte anschaulich werden, wie sich die Zahlen im Verlauf der Jahre entwickeln, und zwar unabhängig davon, wie sich die Altersstruktur der Bevölkerung verändert. Die Auswertung der Daten erfolgte nach Geschlecht, in verschiedenen Altersgruppen (20–29, 30–39 und 40–49 Jahre), nach Tumorlage und -art, Tumorgröße und Differenzierungsgrad. Für den internationalen Vergleich zogen die Forscher auch Daten aus dem US-amerikanischen SEER-Krebsregister heran.
Auch interessant: Darmkrebs – erste Symptome und Anzeichen der fortgeschrittenen Krankheit
Ergebnisse
Wie die Auswertung zeigte, stieg zwischen 2003 und 2023 die altersstandardisierte Erkrankungsrate sowohl bei Männern als auch bei Frauen leicht an. Im Durchschnitt betrug die Zunahme rund 0,8 Prozent pro Jahr bei Männern und 0,9 Prozent bei Frauen.
Der Trend betraf nicht alle untersuchten Altersgruppen gleichermaßen. Besonders deutlich war der Anstieg der Erkrankungszahlen bei den 20- bis 29-Jährigen. Hier stiegen die Fallzahlen bei Männern um durchschnittlich 3,3 Prozent pro Jahr und bei Frauen sogar um 3,9 Prozent. In der Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen zeigte sich ebenfalls ein klarer Zuwachs, wobei das Plus bei 2,2 Prozent (Männer) bzw. 2,0 Prozent (Frauen) lag. In der Altersgruppe der 40- bis 49-Jährigen blieb die Erkrankungshäufigkeit hingegen insgesamt weitgehend stabil.
Anstieg von Tumoren mit besserer Prognose
Bei der Betrachtung der verschiedenen Tumorarten bestätigte sich, dass mit rund 90 Prozent aller Diagnosen die meisten Darmkrebsfälle auf Adenokarzinome zurückzuführen sind. Allerdings nahm auch die Zahl der neuroendokrinen Neoplasien deutlich zu. Das ist insofern günstig, als diese Tumoren häufig mit einer besseren Prognose einhergehen. Es wurden auch vermehrt kleinere und niedriggradige Tumoren diagnostiziert, die oft weniger aggressiv verlaufen.
Die Gesamtsterblichkeit blieb dabei weitgehend stabil oder sank in einzelnen Altersgruppen sogar leicht. Dies deutet darauf hin, dass die Zahl der Diagnosen stärker gestiegen ist als die Zahl der Todesfälle. Und noch kurz zum internationalen Vergleich: In den USA waren die Erkrankungsraten bei jüngeren Erwachsenen bereits zu Beginn der Untersuchung deutlich höher als in Deutschland und stiegen im Verlauf zudem wesentlich stärker an.
Bedeutung der Ergebnisse
Der Anstieg von Tumoren mit vergleichsweise günstiger Prognose könnte darauf hindeuten, dass mehr Fälle früher entdeckt werden. Dafür spricht auch, dass die Sterblichkeit insgesamt nicht im gleichen Maß steigt wie die Zahl der Diagnosen. Allerdings fanden die Forscher auch Hinweise auf eine Zunahme fortgeschrittener Tumoren in der Altersgruppe zwischen 30 und 39. Deshalb könnten auch Veränderungen von Risikofaktoren eine Rolle spielen.
Als mögliche Ursachen für den Anstieg der Zahlen nennen die Autoren unter anderem vermehrtes Übergewicht in der Bevölkerung, Bewegungsmangel, ungünstige Ernährungsgewohnheiten, eine frühe Antibiotika-Exposition im Kindesalter sowie Veränderungen der Darmflora. Welche dieser Faktoren tatsächlich eine zentrale Rolle spielen, bleibt jedoch weiterhin unklar.
Immer mehr Magenkrebsfälle bei Menschen unter 50 Jahren
Darmkrebs-Fälle bei Kindern in den vergangenen 20 Jahren um 500 Prozent gestiegen
Sollten mehr jüngere Erwachsene zur Darmkrebs-Vorsorge?
Vor dem Hintergrund der aktuellen Daten betonen die Studienautoren, dass die Früherkennung weiterhin gezielt auf Risikogruppen ausgerichtet bleiben. Für eine generelle Absenkung des Vorsorge-Alters sehen sie derzeit keinen Anlass, denn insgesamt bleibe Darmkrebs bei jüngeren Erwachsenen eher selten. Es entfallen demnach von jährlich rund 56.000 neuen Darmkrebsfällen etwa fünf Prozent auf Menschen unter 50 Jahren, heißt es dazu in einer Pressemitteilung.4
Einschränkungen
Da es sich um eine reine Beobachtungsstudie handelt, lassen sich keine Aussagen über Ursache und Wirkung treffen. Die Studie zeigt lediglich die zeitlichen Entwicklungen der Erkrankungshäufigkeit.
Zudem ist einschränkend zu beachten, dass die Analyse zwar rund die Hälfte der deutschen Bevölkerung umfasst. Allerdings bildet sie nicht alle Bundesländer ab, wodurch regionale Unterschiede unberücksichtigt bleiben.
Zusätzlich basieren Krebsregisterdaten auf gemeldeten Diagnosen. Veränderungen in Diagnostik, Klassifikation oder Meldeverhalten können langfristige Trends beeinflussen. Die Autoren haben versucht, solche Effekte durch die getrennte Analyse verschiedener Tumorarten möglichst gering zu halten.
Eine weitere Einschränkung ist, dass ein Teil des Anstiegs vermutlich auf eine frühere Diagnose kleiner und biologisch weniger aggressiver Tumoren zurückzuführen ist. Gleichzeitig sprechen die Zunahme fortgeschrittener Tumoren bei jüngeren Erwachsenen sowie internationale Unterschiede dafür, dass sich auch das tatsächliche Erkrankungsrisiko verändert haben könnte.