28. Mai 2026, 18:11 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Autismus-Spektrum-Störungen nehmen seit Jahren deutlich zu – gleichzeitig suchen Forscher weltweit nach Möglichkeiten, betroffene Kinder früher zu erkennen. Eine neue Studie aus den USA lenkt den Blick nun auf ein Organ, das viele dabei kaum auf dem Schirm haben: den Darm. Denn bei zahlreichen Kindern mit Autismus fanden Wissenschaftler auffällige chemische Spuren im Urin. Die Ergebnisse könnten Hinweise darauf liefern, warum manche Kinder betroffen sind – und wie sich Risiken womöglich früher erkennen lassen.
Auffällige Darmstoffe bei Kindern mit Autismus deutlich häufiger
Eine neue Untersuchung bringt Bewegung in die Forschung rund um Autismus und Darmgesundheit. Die zentrale Erkenntnis: Kinder mit Autismus hatten deutlich häufiger erhöhte Mengen bestimmter Stoffwechselprodukte im Urin als Kinder ohne Autismus. Im Durchschnitt hatten Kinder mit Autismus mehr als drei auffällige Stoffwechselprodukte im Urin, die bei keinem der Kinder ohne Autismus in dieser Höhe gefunden wurden.
Warum Forscher plötzlich den Darm im Visier haben
Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) beginnen meist schon in der frühen Kindheit. Betroffene Kinder haben oft Schwierigkeiten bei sozialer Kommunikation und zeigen wiederholende Verhaltensweisen oder sehr feste Routinen. Viele leiden zusätzlich unter Verdauungsproblemen wie Verstopfung, Durchfall, Bauchschmerzen oder Blähungen.
Deshalb beschäftigt sich die Forschung seit Jahren zunehmend mit dem Darmmikrobiom – also den Milliarden Bakterien, Pilzen und anderen Mikroorganismen im Darm. Die Vermutung: Veränderungen dieser Darmflora könnten bei einem Teil der Kinder mit Autismus eine Rolle spielen.
Frühere Studien lieferten bereits erste Hinweise auf eine Verbindung zum Darm
Mehrere frühere Studien hatten bereits Hinweise darauf geliefert, dass bestimmte bakterielle Abbauprodukte bei Menschen mit Autismus häufiger vorkommen.1,2, 3
Auch Verdauungsprobleme treten bei Betroffenen deutlich öfter auf als bei anderen Kindern. Die neue Studie knüpft genau an diese Beobachtungen an. Die Forscher untersuchten deshalb bestimmte chemische Stoffe im Urin. Diese entstehen, wenn Darmbakterien oder Hefepilze Nahrung abbauen. Einige dieser Stoffe waren bereits in früheren Untersuchungen bei Kindern mit Autismus aufgefallen.4
Besonders interessiert waren die Wissenschaftler daran, ob sich daraus künftig ein einfacher Screening-Test entwickeln lässt. Denn bislang wird Autismus häufig erst relativ spät diagnostiziert – obwohl frühe Förderung als besonders wichtig gilt.
Was genau die Forscher untersucht haben
An der Untersuchung nahmen 52 Kinder mit diagnostizierter Autismus-Spektrum-Störung sowie 47 Kinder ohne Autismus teil. Alle waren zwischen zwei und elf Jahre alt. Die Studie wurde an vier Standorten in den USA durchgeführt. Die Forscher analysierten Urinproben der Kinder mit einer sehr empfindlichen Labormethode. Damit suchten sie gezielt nach Stoffwechselprodukten von Darmbakterien und Hefen.
Besonders auffällig war ein Stoff namens p-Kresol-Sulfat. Er entsteht, wenn bestimmte Darmbakterien Eiweißbestandteile aus der Nahrung abbauen. Frühere Studien hatten diesen Stoff bereits mehrfach mit Autismus in Verbindung gebracht.5,6
Zusätzlich untersuchten die Wissenschaftler weitere bakterielle Abbauprodukte sowie Stoffe, die auf eine stärkere Besiedlung mit Hefepilzen im Darm hinweisen könnten. Anschließend entwickelten die Forscher ein eigenes Bewertungssystem. Dabei wurde gezählt, wie viele dieser auffälligen Stoffe bei einem Kind erhöht waren.
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Ein Stoff fiel den Forschern besonders auf
Die Kinder mit Autismus hatten deutlich häufiger erhöhte Werte bestimmter bakterieller Stoffwechselprodukte im Urin als die Vergleichsgruppe. Einige dieser Stoffe lagen teilweise 100- bis 1000-mal höher als bei Kindern ohne Autismus. Besonders häufig betroffen waren Abbauprodukte der Eiweißbausteine Phenylalanin und Tryptophan. Diese werden normalerweise für wichtige Botenstoffe im Gehirn wie Dopamin, Serotonin oder Melatonin benötigt.
Ein bestimmtes Abbauprodukt stach besonders heraus
Vor allem ein Stoff fiel immer wieder auf: p-Kresol-Sulfat. Dieses Abbauprodukt bestimmter Darmbakterien war bei vielen Kindern mit Autismus deutlich erhöht. Im Durchschnitt fanden die Forscher bei Kindern mit Autismus mehr als drei verschiedene auffällige Stoffe im Urin, die bei keinem der Kinder ohne Autismus in dieser Höhe vorkamen. Die Kinder ohne Autismus lagen dagegen im Normalbereich.
In der ersten Analyse erkannten die Forscher mit ihrem Testsystem rund 90 Prozent der betroffenen Kinder korrekt. Kein Kind aus der Kontrollgruppe wurde fälschlich als betroffen eingestuft. In einer zweiten, strengeren Analyse sank die Trefferquote allerdings auf 78 Prozent. Selbst bei den wenigen Kindern mit Autismus, deren Test unauffällig war, fanden die Forscher oft andere seltene Stoffwechsel-Besonderheiten, die nichts mit dem Darm zu tun hatten.
Autismus doch nicht nur „Kopfsache“?
Die Studie stellt die verbreitete Vorstellung infrage, dass Autismus ausschließlich im Gehirn entsteht. Stattdessen rückt sie die sogenannte Darm-Hirn-Achse in den Mittelpunkt. Gemeint ist damit die enge Verbindung zwischen Darm, Stoffwechsel, Immunsystem und Gehirn.
Die Forscher vermuten, dass bestimmte Stoffwechselprodukte von Darmbakterien über das Blut bis ins Gehirn gelangen könnten. Dort könnten sie die Entwicklung von Nervenzellen oder wichtige Botenstoffe beeinflussen.
Um das verständlicher zu machen, ziehen die Wissenschaftler selbst einen ungewöhnlichen Vergleich: Alkohol. Ethanol entsteht ebenfalls durch Mikroorganismen – nämlich durch Hefen. Alkohol kann Sprache, Denken, Stimmung und Bewegungen deutlich verändern. Ähnlich könnten nach Ansicht der Forscher auch manche der entdeckten bakteriellen Stoffe Einfluss auf das Gehirn nehmen.
Ein direkter Beweis dafür fehlt allerdings bisher. Die Studie zeigt nur, dass diese Stoffe bei vielen Kindern mit Autismus auffällig erhöht waren.
Forscher schlagen sogar eine neue Autismus-Form vor
Die Studie liefert weitere Hinweise darauf, dass Darmflora und Gehirnentwicklung möglicherweise enger zusammenhängen als lange angenommen. Gleichzeitig hoffen die Forscher, dass sich daraus künftig ein einfacher Frühtest entwickeln lässt – etwa über eine Urinprobe. So könnten Kinder mit erhöhtem Risiko möglicherweise früher erkannt und schneller gefördert werden.
Zudem vermuten die Forscher, dass es innerhalb des Autismus-Spektrums verschiedene biologische Untergruppen geben könnte. Für diese spezielle Gruppe schlagen sie sogar einen eigenen Namen vor: „ASD-MDM“ – also Autismus, der eng mit auffälligen Stoffwechselprodukten von Darmbakterien verbunden ist.
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Warum Experten trotzdem vorsichtig bleiben
Die Studie liefert spannende Hinweise, hat aber auch klare Einschränkungen. Insgesamt wurden nur 99 Kinder untersucht. Für einen zuverlässigen Diagnostiktest wären deutlich größere Studien nötig.
Außerdem erfassten die Forscher weder die Ernährung noch die Medikamenteneinnahme oder das Körpergewicht der Kinder. All diese Faktoren können die Darmflora beeinflussen.
Wichtig ist allerdings: Die Studie beweist nicht, dass Darmbakterien Autismus verursachen. Zwar fanden die Forscher auffällige Stoffwechselprodukte bei vielen betroffenen Kindern, ob diese Veränderungen tatsächlich zur Entstehung von Autismus beitragen oder lediglich Begleiterscheinungen sind, bleibt jedoch offen.
Außerdem sollte berücksichtigt werden, dass mehrere Autoren an Firmen beteiligt sind oder Patente rund um den entwickelten Test halten. Solche Interessenkonflikte bedeuten zwar nicht automatisch, dass die Ergebnisse falsch sind, sie spielen bei der wissenschaftlichen Einordnung aber eine wichtige Rolle.
Die Forscher selbst bezeichnen ihre Arbeit ausdrücklich als Pilotstudie. Größere Untersuchungen laufen bereits.
Fazit: Der Darm rückt bei Autismus immer stärker in den Fokus
Viele Kinder mit Autismus hatten auffällige Stoffwechselprodukte von Darmbakterien oder Hefen im Urin – besonders häufig erhöhte Mengen des bakteriellen Abbauprodukts p-Kresol-Sulfat. Die Forscher vermuten deshalb, dass es eine spezielle Form von Autismus geben könnte, die eng mit Veränderungen im Darm zusammenhängt. Ob daraus tatsächlich einmal ein verlässlicher Frühtest entsteht, müssen nun größere Studien zeigen.