18. Mai 2026, 17:12 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Softdrinks, Chips, Süßigkeiten oder Fertigpizza gehören für viele Kinder ganz selbstverständlich zum Alltag. Doch genau solche stark verarbeiteten Lebensmittel stehen jetzt im Fokus einer neuen Studie aus Spanien. Forscher begleiteten Hunderte Kinder über mehrere Jahre – und entdeckten dabei einen auffälligen Zusammenhang zwischen Ernährung und Atemwegsgesundheit. Was hinter den Ergebnissen steckt und was Eltern daraus mitnehmen können, erklärt FITBOOK.
Was steckt hinter dem Asthma-Verdacht?
Asthma und Allergien zählen zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindesalter. Zwar gilt die genetische Veranlagung als wichtiger Risikofaktor, doch Experten vermuten seit Jahren, dass auch Ernährung Einfluss auf die Entstehung haben könnte.
Im Fokus der aktuellen Untersuchung standen sogenannte ultraverarbeitete Lebensmittel. Dazu zählen industriell stark verarbeitete Produkte wie Softdrinks, Chips, Süßigkeiten, Fast Food, Fertigpizza, abgepackte Snacks, gesüßte Milchgetränke oder viele Frühstückscerealien aus dem Supermarkt. Sie enthalten oft viel Zucker, Salz, gesättigte Fettsäuren und Zusatzstoffe, gleichzeitig aber wenig Ballaststoffe.1
Frühere Studien lieferten schon erste Hinweise
Frühere Studien hatten bereits Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen solchen Produkten und Atemwegsproblemen geliefert.2,3,4 Viele dieser Untersuchungen waren jedoch nur Momentaufnahmen. Deshalb ließ sich schwer beurteilen, ob die Ernährungsgewohnheiten bereits vor der Erkrankung bestanden.
Die Forscher des spanischen SENDO-Projekts wollten das genauer prüfen. Untersucht wurde, ob Kinder mit hohem Konsum ultraverarbeiteter Lebensmittel später häufiger Asthma oder andere allergische Erkrankungen entwickeln.
So beobachteten Forscher die Kinder über Jahre
Für die Untersuchung begleiteten die Forscher 691 Kinder im Alter von vier bis fünf Jahren über mehrere Jahre. Die Kinder wurden im Schnitt rund dreieinhalb Jahre lang beobachtet.5
Eltern dokumentierten die Ernährung
Nicht die Kinder selbst, sondern ihre Eltern machten die Angaben. Sie beantworteten ausführliche Fragebögen dazu, was ihre Kinder regelmäßig essen und trinken. Anhand dieser Informationen berechneten die Forscher, wie groß der Anteil ultraverarbeiteter Lebensmittel an der gesamten Ernährung war. Kinder mit besonders hohem Konsum deckten mehr als 30 Prozent ihrer täglichen Energiezufuhr über solche Produkte.
Jährliche Kontrolle auf Asthma und Allergien
Anschließend wurde jedes Jahr erfasst, ob bei den Kindern Asthma oder andere allergische Erkrankungen neu diagnostiziert worden waren. Zusätzlich berücksichtigten die Wissenschaftler weitere Faktoren, die das Risiko beeinflussen könnten. Dazu gehörten unter anderem Körpergewicht, Bildschirmzeit, Stillen, Rauchen der Eltern sowie das Ernährungswissen der Familien.
Auffällige Unterschiede im Alltag der Kinder
Auffällig war dabei: Kinder mit hohem Konsum ultraverarbeiteter Lebensmittel verbrachten tendenziell mehr Zeit vor Bildschirmen, bewegten sich etwas weniger und wurden seltener ausschließlich gestillt. Außerdem verfügten ihre Eltern laut Studie häufiger über geringeres Wissen zu Ernährungsempfehlungen für Kinder.
Kinder, die bereits zu Beginn Asthma oder die jeweilige Erkrankung hatten, wurden aus den entsprechenden Analysen ausgeschlossen. So sollten nur neu auftretende Fälle berücksichtigt werden.
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Auffälliges Ergebnis: Viel Fertigkost, mehr Asthma
Während der Beobachtungszeit entwickelten 34 Kinder neu diagnostiziertes Asthma. Besonders deutlich war der Unterschied zwischen Kindern mit niedrigem und hohem Konsum ultraverarbeiteter Lebensmittel.
Kinder mit besonders hohem Anteil solcher Produkte in ihrer Ernährung hatten laut der Studie ein fast vierfach erhöhtes Risiko, später Asthma zu entwickeln.
Ein klarer Trend zeigte: Kinder mit höherem Konsum hatten ein deutlich höheres Risiko für Asthma als jene, die kaum Fertigkost aßen. Die Forscher sprechen deshalb von einer möglichen „Dosis-Wirkungs-Beziehung“. Vereinfacht bedeutet das: Nicht ein einzelner Burger oder eine Tüte Chips war entscheidend, sondern das langfristige Ernährungsmuster über Jahre hinweg.
Für andere Erkrankungen wie Neurodermitis, Nahrungsmittelallergien oder allergisches Asthma fanden die Wissenschaftler dagegen keinen vergleichbaren Zusammenhang.
Warum Experten jetzt genauer hinschauen
Die Studie liefert Hinweise darauf, dass Ernährung möglicherweise eine größere Rolle für Asthma spielt als bislang angenommen. Besonders relevant ist dabei, dass die Kinder über mehrere Jahre begleitet wurden. Dadurch konnten die Forscher besser nachvollziehen, dass die Ernährungsgewohnheiten bereits vor den Diagnosen bestanden.
Die Autoren vermuten, dass ultraverarbeitete Lebensmittel Entzündungsprozesse im Körper fördern könnten. Als mögliche Ursachen nennen sie gesättigte Fettsäuren und sogenannte AGEs. Das sind Stoffe, die bei starker industrieller Verarbeitung oder Erhitzung entstehen können.
Forscher vermuten „stille Entzündungen“ als Auslöser
Diese Stoffe könnten bestimmte Entzündungswege im Körper aktivieren. Die Forscher vermuten, dass dadurch eine dauerhafte leichte Entzündungsreaktion entsteht – oft auch „stille Entzündung“ genannt. Sie könnte die Atemwege empfindlicher machen und langfristig Veränderungen in den Bronchien fördern.
Interessanterweise schienen Eltern, deren Kinder bereits ein genetisch erhöhtes Allergierisiko hatten, bewusster auf die Ernährung zu achten und seltener zu stark verarbeiteten Produkten zu greifen. Das spricht aus Sicht der Forscher dafür, dass der beobachtete Zusammenhang nicht allein durch die genetische Veranlagung erklärt werden könnte.
Auffällig ist außerdem, dass vor allem Asthma häufiger auftrat, klassische Allergien dagegen nicht. Das könnte darauf hindeuten, dass die Lebensmittel eher allgemeine Entzündungsreaktionen fördern als typische allergische Prozesse.
Für Familien bedeutet das allerdings nicht, dass einzelne Snacks oder Fertigprodukte direkt Asthma auslösen. Entscheidend waren in der Studie das langfristige Ernährungsmuster und der insgesamt hohe Anteil stark verarbeiteter Produkte.
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Was man bei den Ergebnissen beachten muss
Trotz der auffälligen Ergebnisse beweist die Untersuchung nicht, dass ultraverarbeitete Lebensmittel tatsächlich Asthma verursachen. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Andere Faktoren könnten ebenfalls eine Rolle gespielt haben.
Ebenfalls als Einschränkung zu sehen, ist der Fakt, dass die Ernährung nicht direkt gemessen, sondern über Angaben der Eltern erfasst wurde. Solche Fragebögen gelten zwar als Standard in Ernährungsstudien, sind aber nicht perfekt. Menschen erinnern sich nicht immer genau daran, was oder wie häufig gegessen wurde.
Ein wichtiger Punkt schränkt die Aussagekraft ein
Hinzu kommt: Die Zahl der neu aufgetretenen Asthmafälle war vergleichsweise klein (34 neue Asthmafälle). Dadurch sind die Ergebnisse weniger eindeutig, als es auf den ersten Blick wirken könnte. Weitere Studien müssen nun zeigen, ob sich der Zusammenhang bestätigt.
Ein Punkt, den man im Hinterkopf behalten sollte: An der Studie nahmen vor allem Familien mit hohem Bildungsstand teil. Ob die Ergebnisse bei allen Familien exakt so ausfallen, müssen weitere Untersuchungen zeigen.
Die Forscher betonen deshalb selbst, dass weitere Studien nötig sind, um die Ergebnisse zu bestätigen und mögliche biologische Ursachen genauer zu untersuchen.
Finanziert wurde das SENDO-Projekt, eine spanische Langzeitstudie zur gesunden Entwicklung von Kindern, von der MAPFRE-Stiftung. Interessenkonflikte gaben die Autoren laut Studie nicht an.
Fazit: Die Ernährung könnte wichtiger sein als gedacht
Die spanische SENDO-Studie deutet darauf hin, dass ein hoher Konsum ultraverarbeiteter Lebensmittel mit einem erhöhten Asthmarisiko bei Kindern zusammenhängen könnte. Besonders betroffen waren Kinder, deren Ernährung zu einem großen Teil aus stark verarbeiteten Produkten bestand.
Für andere allergische Erkrankungen fanden die Forscher dagegen keinen vergleichbaren Zusammenhang. Die Ergebnisse liefern deshalb vor allem Hinweise auf mögliche entzündliche Prozesse im Körper.
Auch wenn die Studie keine Ursache beweist, unterstützt sie die Empfehlung, Kinder möglichst abwechslungsreich und mit wenig stark verarbeiteten Produkten zu ernähren.