23. Juli 2025, 15:48 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Anfang Juli – nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt – hat sich in Frankreich ein Mensch mit dem Chikungunya-Virus angesteckt. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) hielt sich die betroffene Person ausschließlich in Lipsheim und Fegersheim südlich von Straßburg auf. Nun warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor einer globalen Ausbreitung des Virus. FITBOOK erklärt, wie Experten des Robert-Koch-Instituts (RKI) die Lage für Deutschland beurteilen – und an welchen Symptomen man das Chikungunya-Fieber erkennen kann.
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Das Chikungunya-Virus, das das gleichnamige Fieber auslöst, wird durch die asiatische Tigermücke übertragen – eine Stechmückenart, die ursprünglich aus Südostasien stammt und sich mittlerweile auch in Deutschland verbreitet. Neben den Stichen der asiatischen Tigermücke sind auch die der Gelbfiebermücke (Aedes aegypti) diesbezüglich gefährlich. Die wichtigste Maßnahme zur Vorbeugung der Erkrankung ist daher der Schutz vor den Mücken. War dies für uns bisher ziemlich leicht, weil die Insekten in subtropischen und tropischen Gefilden beheimatet sind, hat sich dies mittlerweile geändert.1 Der Grund ist die zunehmende Ausbreitung der Mücken in Europa. Das hat man besonders schlimm im Sommer 2023 in Italien erlebt. Wegen außergewöhnlich hoher Temperaturen kam es in verschiedenen Regionen zu wahren Mückenplagen. Und letztendlich zu Fällen des Chikungunya-Fiebers.
Wie äußert sich das Chikungunya-Fieber?
Meistens treten die ersten Beschwerden zwei bis sieben Tage nach dem Stich auf – in selteneren Fällen erst nach bis zu zwölf Tagen. Die Symptome betreffen fast alle Infizierten. Typisch ist ein plötzliches, hohes Fieber, das mehrere Tage anhält. In manchen Fällen klingt es kurzzeitig ab, um dann erneut anzusteigen – ein sogenannter biphasischer Fieberverlauf.2
Sehr häufig kommt es zu starken, meist beidseitigen Gelenkschmerzen – vor allem an Knöcheln, Händen, Fingern, Knien, Schultern und Ellenbogen. Darüber hinaus können die betroffenen Gelenke geschwollen, druckempfindlich und morgens steif sein. In vielen Fällen führen die Schmerzen schließlich zu einer deutlich eingeschränkten Beweglichkeit.
Der Begriff „Chikungunya“ stammt aus der Makonde-Sprache in Tansania und bedeutet „der Gekrümmte“ – ein Hinweis auf das typische gebückte Gangbild vieler Patientinnen und Patienten.3
Weitere mögliche Symptome
- Kopfschmerzen
- Schüttelfrost
- Bindehautentzündung
- juckender oder geröteter Hautausschlag
- Schmerzen hinter den Augen
- kleine Hautblutungen (Petechien)
- geschwollene Lymphknoten
- Übelkeit und Erbrechen (gerade bei Kindern)
Die akuten Beschwerden halten sieben bis zehn Tage an. Hautveränderungen können nach dem Abklingen bräunliche Flecken hinterlassen.
In bis zu 95 Prozent der Fälle treten Symptome auf – deutlich häufiger als bei Dengue. Gelenkschmerzen sind besonders verbreitet (bis zu 98 Prozent) und können Wochen, Monate oder in Einzelfällen Jahre andauern.
Da es kein Medikament gegen das Chikungunya-Fieber gibt, werden bei Erkrankung die auftretenden Symptome behandelt. Die Genesung kann Monate und in seltenen Fällen sogar Jahre dauern und von Gelenkschmerzen begleitet sein. Wer das Fieber überstanden hat, ist in der Folge lebenslang immun gegen das Chikungunya-Virus.4
Mögliche Komplikationen
In seltenen Fällen kann das Chikungunya-Virus jedoch zu schwerwiegenden Folgen führen. Zu den bekannten Komplikationen zählen unter anderem:
- Gehirnentzündung (Enzephalitis)
- Hirnhautentzündung (Meningitis)
- Guillain-Barré-Syndrom (Nervenentzündung)
- Herzmuskelentzündung (Myokarditis)
- langanhaltende Erschöpfungszustände
- kleinere Blutungen wie Petechien oder Zahnfleischbluten
- Schwere hämorrhagische Verläufe mit starken Blutungen sind selten.
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Aktuelle globale Situation: WHO schlägt Alarm
Bislang wurde das Chikungunya-Virus in 119 Ländern nachgewiesen.5 Nach Angaben der WHO leben rund 5,6 Milliarden Menschen in Regionen mit potenzieller Gefährdung.6 Die Organisation warnt vor einer weltweiten Ausbreitung und fordert dringend Maßnahmen, um große Ausbrüche zu verhindern. Die WHO erkennt nach eigenen Angaben Parallelen zu einer Epidemie in den Jahren 2004 und 2005. Damals hatte sich Chikungunya zunächst auf Inseln im Indischen Ozean ausgebreitet und dann international verbreitet – fast eine halbe Million Menschen erkrankten.
Auch 2025 zeigen sich ähnliche Muster
Mayotte, Réunion und Mauritius melden schwere Ausbrüche. Auf Réunion soll ein Drittel der Bevölkerung betroffen sein. Gleichzeitig breitet sich das Virus in weiteren Ländern der Region aus – etwa in Madagaskar, Somalia und Kenia.
In Europa wurden zahlreiche importierte Fälle gemeldet, die mit den aktuellen Ausbrüchen in Verbindung stehen. In Frankreich kam es zu mehreren lokalen Übertragungen, in Italien wurden Verdachtsfälle gemeldet.7
Die WHO warnt zudem, dass die Symptome – Fieber, Gelenkschmerzen, Hautausschläge – schwer von Denguefieber oder Zika zu unterscheiden seien. Obwohl die Sterblichkeit unter einem Prozent liege, könne es bei Millionen Infektionen zu tausenden Todesfällen kommen. Ziel sei es daher, Länder frühzeitig zum Handeln zu bewegen, um größere Epidemien zu verhindern.
Was bedeutet das für Deutschland?
Zwischen April und Juni 2025 sind in Deutschland insgesamt 75 Chikungunya-Erkrankungen gemeldet worden. Laut dem Robert-Koch-Institut haben sich sämtliche Betroffene im Ausland infiziert – vor allem auf Mauritius, La Réunion oder in Sri Lanka.
Auch in der Schweiz wurden im selben Zeitraum 30 importierte Fälle registriert – und damit mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Trotz der gestiegenen Zahlen wurden weder in Deutschland noch in der Schweiz bislang autochthone Übertragungen nachgewiesen – also Ansteckungen, die direkt vor Ort durch heimische Mücken erfolgt sind.8
Zahlreiche europäische Länder meldeten importierte Fälle, die im Zusammenhang mit dem Ausbruch auf den Inseln im Indischen Ozean stehen. In Frankreich machten die Behörden mehrere lokale Übertragungen öffentlich.
Die Asiatische Tigermücke, Hauptüberträger des Virus, kommt inzwischen in weiten Teilen Frankreichs vor – teilweise bis an die deutsche Grenze. In Deutschland wurde sie bislang unter anderem in Baden-Württemberg, im Rhein-Main-Gebiet von Hessen und Rheinland-Pfalz sowie vereinzelt in Bayern, Thüringen, Berlin und Nordrhein-Westfalen nachgewiesen.
Rückblick: Chikungunya-Fälle in Italien
Bereits 2023 berichtete das italienische Nachrichtenportal „V:Notizie“ über mehrere Chikungunya-Fälle. Damals wurden fünf bestätigte Infektionen gemeldet – drei davon in der Region Venetien, eine in der Provinz Arezzo (Toskana) und eine weitere erneut in Venetien, in der Großstadt Triest.
Der erste große europäische Chikungunya-Ausbruch fand 2007 ebenfalls in Italien statt – damals erkrankten rund 200 Menschen. 2010 und 2014 kam es zudem zu kleineren Ausbrüchen in Frankreich mit zwei bzw. zwölf gemeldeten Fällen.9
Vor diesem Hintergrund führt das Auswärtige Amt auf seiner Seite mit Reise- und Sicherheitshinweisen für Italien (Stand 18.10.2023) auch speziell Informationen zum Chikungunya-Fieber auf.10
Asiatische Tigermücke breitet sich in Deutschland aus
Immer mehr West-Nil-Virus-Fälle in Deutschland
Schutzmöglichkeiten: Impfstoffe und Mückenschutz
Angesichts der Ausbreitung des Virus gilt: Wer in tropische oder subtropische Regionen reist, kann sich mittlerweile gezielt schützen. In der EU sind inzwischen zwei Impfstoffe gegen Chikungunya zugelassen:
- Ixchiq (Lebendimpfstoff): empfohlen für Personen zwischen 12 und 59 Jahren
- Vimkunya (Totimpfstoff): zugelassen ab 12 Jahren, auch für ältere Risikogruppen geeignet
Beide Impfstoffe werden einmalig verabreicht. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Impfung für folgende Personengruppen:
- Personen mit beruflichem Risiko, die gezielt mit Chikungunya-Viren arbeiten – etwa in Forschungseinrichtungen oder Laboren gemäß Biostoffverordnung
- Personen ab 12 Jahren, die in Regionen mit einem aktuellen Chikungunya-Ausbruch reisen
- Personen ab 12 Jahren mit geplantem Aufenthalt über vier Wochen oder mit wiederholten Kurzreisen in Endemiegebiete, sofern ein erhöhtes Risiko für einen schweren oder chronischen Verlauf besteht – etwa ab 60 Jahren oder bei schweren Vorerkrankungen (z. B. Herz, Lunge, Nieren)11
Wichtig: Zwischen Impfung und Reise sollten mindestens zwei Wochen liegen, um einen vollständigen Schutz aufzubauen.12 Ergänzend bleibt Mückenschutz entscheidend. Das CRM Centrum für Reisemedizin rät:
- helle, lange Kleidung tragen (am besten imprägniert)
- Mückenschutzmittel mit mind. 30 Prozent DEET verwenden
- Moskitonetze und Fliegengitter nutzen
Weltweite Verbreitung: Zahlen aus dem ECDC-Lagebericht
Laut dem Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) wurden zwischen Januar und Anfang Juni 2025 weltweit rund 220.000 Chikungunya-Fälle registriert – darunter etwa 80 Todesfälle. Die meisten traten dabei in Afrika, Südamerika und Südasien auf:
- Brasilien: 141.436 Fälle
- Argentinien: 2.521 Fälle
- Bolivien, Peru, Indien, Sri Lanka, Pakistan: mehrere tausend Fälle
- Senegal: bestätigte Übertragungen
Auch in den französischen Überseegebieten wurden hohe Fallzahlen gemeldet:
- Réunion: über 51.000 Fälle
- Mayotte: über 560 Fälle
Auf dem europäischen Festland wurden bislang keine autochthonen Fälle gemeldet – also keine Infektionen, die vor Ort durch Mücken übertragen wurden und nicht auf eine Reise zurückzuführen sind.13
Einschätzung zur Lage in Europa: Bewertung des ECDC
Nach Einschätzung des ECDC besteht ein erhöhtes Risiko für lokale Chikungunya-Ausbrüche in Europa, wenn infizierte Reiserückkehrer in Regionen kommen, in denen übertragende Stechmückenarten bereits aktiv sind. Darüber hinaus ist die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) mittlerweile in vielen Teilen Europas heimisch, während Aedes aegypti vor allem auf Zypern, Madeira und entlang der Ostküste des Schwarzen Meeres vorkommt.
Besonders in den Sommermonaten sind die klimatischen Bedingungen günstig für die Ausbreitung der Mücken und die Übertragung von Viren. Das Risiko für lokale Infektionen mit Chikungunya oder auch Dengue steigt deshalb vor allem in der Zeit von Juni bis November deutlich an.
Mit Material von dpa