30. April 2026, 16:35 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Jährlich erkranken rund 74.000 Frauen in Deutschland an Brustkrebs.1 Weltweit sind es sogar zwei Millionen Frauen.2 Der wesentlichste, nicht beeinflussbare Risikofaktor ist das Alter. Forscher aus Großbritannien und Kanada haben untersucht, wie sich die Brust der Frau im Alter genau verändert, sodass sie offenbar anfälliger für Krebs wird – mit erstaunlichen Erkenntnissen.
Nicht nur äußerlich altert die weibliche Brust, auch im Inneren tut sich offenbar einiges. Das konnten Wissenschaftler der University of Cambridge in England und der University of British Columbia in Kanada jetzt sichtbar machen. Mehr als drei Millionen weibliche Brustzellen wurden analysiert und in der bislang detailliertesten Karte von Veränderungen im Brustgewebe festgehalten. Dabei wurde auch deutlich: Die zunehmenden Zellveränderungen finden in einem bestimmten Alter ihren Höhepunkt. Dieser Zeitpunkt fällt in die Lebensphase, die bei vielen Frauen von den Wechseljahren geprägt ist.
3,3 Millionen Zellen in der weiblichen Brust analysiert
Die Forscher analysierten Gewebeproben von 527 Frauen im Alter von 15 bis 86 Jahren (Median: 38 Jahre). Die Proben stammten aus Brustverkleinerungen oder anderen nicht krebsbedingten Operationen. Insgesamt wurden mehr als 3,3 Millionen Zellen analysiert. Bei der Auswertung der Daten verglichen die Wissenschaftler jüngere (< 50 Jahre) und ältere (≥ 50 Jahre) Frauen – als Annäherung an die Zeit vor und nach den Wechseljahren.
Für die Analyse nutzten die Forscher eine hochmoderne Methode namens bildgebende Massenzytometrie. Mit ihr konnten sie bis zu 40 verschiedene Proteine gleichzeitig in einzelnen Zellen sichtbar machen. Proteine sind die „Arbeitsmoleküle“ der Zelle und geben Hinweise darauf, welche Funktionen eine Zelle erfüllt. Diese Technik erlaubt es, Zellen nicht nur zu identifizieren, sondern auch ihre genaue Position im Gewebe zu bestimmen.
Untersuchte Zelltypen
- Epithelzellen (die eigentlichen Brustdrüsenzellen, zu denen auch Milchepithelzellen, also die Produzenten der Muttermilch, gehören)
- Stromazellen (Stützgewebe)
- Immunzellen (Teil des Immunsystems)
Was an den Zellen interessierte
- Zellanzahl pro Fläche (Zelldichte)
- Zellteilung (über den Marker Ki67, ein Eiweiß, das aktive Zellteilung anzeigt)
- Zellgröße und Form
- Abstände und Interaktionen zwischen Zellen
- Gewebestrukturen wie Milchgänge („Dukte“) und Drüsenläppchen („Lobuli“)
Weniger Zellen, weniger Aktivität
Die Analyse weist auf zahlreiche Veränderungen des Brustzellgewebes hin. Beim Älterwerden verändert sich die Brust nicht nur in einzelnen Zellen, sondern als ganzes System. Alles wird gewissermaßen „ruhiger“, einfacher aufgebaut und weniger aktiv.
Gewebe wird dünner
Das zeigt sich zum einen in der Anzahl der Zellen. Mit zunehmendem Alter hat die Brust weniger Zellen, und zwar über alle analysierten Zelltypen hinweg: Brustdrüsen-, Stütz- und Immunzellen. Die Anzahl der Zellen pro Fläche nimmt ab. Das Brustgewebe ist im Alter also weniger dicht, sozusagen „dünner“.
Brust erneuert sich nicht mehr so gut
Die Messung von Ki67, dem Marker der Zellteilung, ergab, dass sich die Brustzellen im Alter seltener zu teilen scheinen. Sie werden offenbar inaktiver, was bedeutet, dass sich die Brust nicht mehr so gut erneuert wie in jüngeren Jahren. Damit einher geht offenbar ein struktureller Umbau des Brustgewebes. So scheint im Vergleich zur Beschaffenheit der jungen Brust laut der aktuellen Analyse die Anzahl an Drüsenzellen (Epithelzellen) abzunehmen, während die Fettzellen größer werden. Auch die Blut- und Lymphgefäße scheinen sich zu verringern. Bemerkenswert: Dieser strukturelle Gewebeumbau zeigte sich besonders stark im Alter um die 50 Jahre, also etwa zum Zeitpunkt der Wechseljahre.
Zellen weiter entfernt voneinander
Wahrscheinlich bedingt durch die Verringerung der Zellmenge sind die einzelnen Zellen der Brust im höheren Alter der Frau auch weiter voneinander entfernt. Die Zellnähe ist ein Indikator dafür, wie gut sie miteinander kommunizieren. Entsprechend kann aus der größeren Entfernung zwischen den Zellen eine schlechtere Kommunikation herausgelesen werden. Die Wissenschaftler betrachteten auch, welche Zellen benachbart zueinander lagen, also besser kommunizieren konnten. Dabei kam heraus, dass im älteren Gewebe im Vergleich zum jüngeren Gewebe weniger unterschiedliche Zelltypen nebeneinanderlagen. Das könnte bedeuten, dass das Brustgewebe in jungen Jahren offenbar nicht nur dichter, sondern auch komplexer organisiert ist, sprich: Unterschiedliche Zelltypen lagen eng beieinander und in Kommunikation zueinander.
Weniger schützende Immunzellen
Auch bei den für das Immunsystem wichtigen Zellen machte die Studienmethodik Veränderungen sichtbar. So verringerte sich die Anzahl der schützenden Immunzellen (B- und T-Zellen), während die der entzündungsfördernden Zellen zunahm. Gerade die Immunzellen sind jedoch wichtig, um Krebszellen zu erkennen und zu zerstören. Junges Brustgewebe enthielt mehr aktive Immunzellen, älteres Brustgewebe dagegen mehr M2-Makrophagen. Das ist eine Immunzellart, die in anderen Studien mit der Krebsentstehung in Verbindung gebracht wurde.3
Weniger schützende Immunzellen einerseits, mehr risikobehaftete Immunzellen andererseits: Damit könnten die Forscher einen Teil der Erklärung dafür gefunden haben, warum das Brustkrebsrisiko im Alter steigt. Nur, warum wird angesichts dieser tiefgreifenden Veränderungen nicht jede Frau krank? Weil – auch dafür liefert die vorliegende Analyse Hinweise – die Veränderungen individuell unterschiedlich stark und schnell geschehen. Im Durchschnitt schien sich die Brust der Frau im Alter wie zuvor beschrieben zu verändern. Von Frau zu Frau schwankten die einzelnen Messungen aber stark. Während etwa eine Frau schneller Zellen „verlieren“ zu schien als andere, verringerte sich bei einer anderen Frau die Zahl eines einzelnen Zelltyps vielleicht schneller. Letztlich scheint die Brustalterung sehr komplex und individuell zu sein, was erklären könnte, warum trotz des gemeinsamen Risikofaktors Alter manche Frauen Brustkrebs bekommen und andere nicht.
Spezielle Sauerstofftherapie kann Alterungsprozess der Zellen offenbar umkehren
Diese Lebensphase verändert Gehirn und Psyche von Frauen
Bedeutung der Ergebnisse
„Unsere Karte hat gezeigt, dass sich das Brustgewebe von Frauen mit zunehmendem Alter stark verändert, wobei die deutlichsten Veränderungen während der Menopause auftreten“, wird Pulkit Gupta, Krebsforscher und Co-Erstautor der Studie, in einer Mitteilung des Cambridge Institute zitiert. Krebs-Pathologe Raza Ali, Co-Seniorautor von der University of Cambridge, fügte hinzu: „Es ist nicht überraschend, dass wir weniger Epithelzellen sehen, da diese an der Produktion von Muttermilch beteiligt sind – etwas, das mit zunehmendem Alter an Bedeutung verliert. Aber das Ausmaß der Veränderungen im gesamten Brustgewebe hat uns überrascht. Was aus unserer Karte klar hervorgeht, ist, dass all diese Veränderungen ein Umfeld schaffen, in dem natürlich entstehende Krebszellen mit zunehmendem Alter leichter Fuß fassen und sich ausbreiten können.“4 Gemeint ist, dass nicht unbedingt bösartige Zellen zunehmen, sondern das Brustgewebe durchlässiger wird und somit einfacher für Krebszellen zu durchdringen zu sein scheint. Die Abwehr funktioniert nicht mehr so gut wie in jungen Jahren.
Für Frauen bedeuten die Studienergebnisse ein besseres Verständnis von dem, was mit zunehmendem Alter, besonders in der Phase der Wechseljahre, mit ihrer Brust geschieht. Brustabtasten und regelmäßige Screenings gewinnen in der Zeit großer hormoneller Umbrüche an noch mehr Wichtigkeit als zuvor bereits.
Für Mediziner legen die Ergebnisse nahe, dass nicht nur das Alter an sich, sondern vor allem der biologische Zustand des Brustgewebes für das Krankheitsrisiko relevant ist. Das könnte langfristig zu präziseren Vorsorge- und Diagnoseansätzen führen, bei denen individuelle Unterschiede stärker berücksichtigt werden. Zudem rückt das Zusammenspiel von Gewebe, Hormonen und Immunsystem stärker in den Fokus, was neue Ansätze für personalisierte Prävention und Therapie eröffnen könnte.
Stärken und Schwächen der Analyse
Die Studie überzeugt vor allem durch ihre außergewöhnliche Größe und Detailtiefe: Über 3,3 Millionen Zellen aus 527 Frauen wurden mit modernster Technologie räumlich analysiert, wodurch erstmals ein sehr präzises Bild der Alterungsprozesse im Brustgewebe entsteht. Gleichzeitig gibt es wichtige Einschränkungen: Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie ohne Verlaufsdaten, sodass keine direkten Ursache-Wirkungs-Beziehungen nachgewiesen werden können. Zudem fehlen zentrale Einflussfaktoren wie Hormonstatus, Lebensstil oder genetisches Risiko, und die Analysen basieren auf zweidimensionalen Gewebeschnitten sowie Proben aus bestimmten Operationen, die nicht vollständig repräsentativ für alle Frauen sein müssen.