23. April 2026, 21:25 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Bei Diabetikern steht die Bauchspeicheldrüse unter Stress, weil sie wegen des chronisch erhöhten Blutzuckerspiegels ständig Insulin produzieren muss. Eine Studie zeigt: Eine ketogene Ernährung kann diesen Stress zumindest kurzfristig deutlich senken. Relevant ist das besonders für Menschen mit Typ-2-Diabetes im Frühstadium, die ihre Krankheit durch Ernährung beeinflussen möchten.
Keto reduzierte Stress auf insulinproduzierende Zellen bei Diabetikern
Ernährungswissenschaftlerinnen der University of Alabama at Birmingham haben die Auswirkungen einer ketogenen Ernährung im Vergleich zu einer fettarmen Ernährung auf die Gesundheit der Bauchspeicheldrüse untersucht. Die Forscherinnen um Marian L. Yurchishin wiesen 51 Probanden mit Typ-2-Diabetes im Frühstadium (Diagnose vor maximal zehn Jahren) über zwölf Wochen eine der beiden Diäten zu. Kernergebnis der im „Journal of the Endocrine Society“ veröffentlichten Studie: Die ketogene Diät reduzierte den Stress der insulinproduzierenden Betazellen sowohl im Ruhezustand als auch unter Stress um beachtliche 56 bzw. 49 Prozent stärker als die fettarme Diät.1 Das Ganze geschah ohne Gewichtsverlust.
Darum ist die Entlastung des Pankreas bei Typ-2-Diabetes so entscheidend
Um den Zustand der Bauchspeicheldrüse zu beurteilen, nutzten die Forscher das Verhältnis von Proinsulin zu C-Peptid (PICP). Proinsulin ist eine Vorstufe des Insulins, die normalerweise in der Zelle fertig verarbeitet wird. Stehen die Betazellen jedoch unter Stress – etwa durch dauerhaft zu hohen Blutzuckerspiegel –, schütten sie vermehrt dieses „unfertige“ Proinsulin aus. Ein sinkendes PICP-Verhältnis, wie es bei der ketogenen Gruppe massiv beobachtet wurde, ist somit ein direktes Zeichen für eine erholte und effizienter arbeitende Bauchspeicheldrüse.
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Das Experiment: Stabile Kilos, aber extrem viel vs. extrem wenig Kohlenhydrate
Während die fettarme Gruppe etwa 55 Prozent ihrer Energie aus Kohlenhydraten (wie Brot und Pasta) bezog, reduzierte die ketogene Gruppe diesen Anteil auf neun Prozent. Das Besondere am Versuchsaufbau der University of Alabama war die strikte Kontrolle der Kalorien. Die Forscherinnen stellten den Probanden die Lebensmittel zur Verfügung. Gereicht wurden konsequent unverarbeitete Lebensmittel und Kohlenhydrate mit niedrigem glykämischen Index, während Zucker fast vollständig vom Speiseplan verschwand.
Die Mengen passte man jede Woche so an, dass das Körpergewicht stabil blieb. Damit konnte gezeigt werden, dass die Entlastung der Betazellen nicht bloß eine Folge des Abnehmens ist, sondern ein direkter Effekt des Nährstoff-Cocktails der ketogenen Ernährung: extrem kohlenhydratarm und fettreich.
Auch verbesserte Funktionsfähigkeit des Pankreas
Messungen zeigten, dass die Entlastung der Bauchspeicheldrüse Hand in Hand mit einer verbesserten Funktionsfähigkeit des Pankreas ging. Dafür setzten die Forscherinnen auf das aufwendige Verfahren des „hyperglykämischen Clamps“. Dabei wird der Blutzuckerspiegel der Probanden künstlich und kontrolliert auf einem hohen Niveau gehalten, um die maximale Reaktion der insulinproduzierenden Betazellen ohne störende Einflüsse messen zu können.
Dabei zeigten sich im Kern zwei entscheidende Verbesserungen:
- Die Teilnehmer der ketogenen Gruppe konnten nach den zwölf Wochen deutlich effektiver auf einen plötzlichen Glukosereiz reagieren. Besonders in der kritischen Phase der Insulinausschüttung nach einer Mahlzeit standen die Zellen weniger unter Stress.
- Auch die maximale Leistungsfähigkeit der Bauchspeicheldrüse verbesserte sich unter Keto. Die Zellen waren im Ernstfall auch wieder in der Lage, mehr Insulin-Vorstufen korrekt zu verarbeiten und bereitzustellen.
„Schutzschild“ für gestresste Pankreas-Zellen
Eine Reduktion der Kohlenhydrate senkt damit nicht nur den Blutzucker, sondern unterstützt die Bauchspeicheldrüse aktiv bei der Regeneration. Die Forscher vermuten, dass die fettreiche Kost den oxidativen Stress in den insulinproduzierenden Pankreaszellen reduziert und ihnen eine echte Regenerationspause verschafft. Keto könnte wie eine Art „Schutzschild“ für die Bauchspeicheldrüse wirken.
„Diese Ergebnisse legen nahe, dass die ketogene Diät zu einer signifikanten Reduktion des Betazell-Stresses führte […] und daher eine therapeutische Option für Personen mit Typ-2-Diabetes sein könnte, um das Fortschreiten der Krankheit zu minimieren“, schreiben die Autorinnen.
Keto vielversprechend bei frühem Typ-2-Diabetes – Studie hat Schwächen
Es handelt sich um eine randomisierte, kontrollierte Studie, den Goldstandard in der klinischen Forschung. Die Messmethode gilt als präzise. Dass die Lebensmittel bereitgestellt wurden, ist eine weitere Stärke der Untersuchung. Ebenso die gezielte Stabilisierung des Gewichts – hätten die Probanden zu- und abgenommen, hätte das die Ergebnisse massiv gestört.
Ärzte könnten künftig das PICP-Verhältnis (Proinsulin zu C-Peptid) als einfachen Blutmarker nutzen, um in der Praxis zu prüfen, ob eine Ernährungsumstellung die Bauchspeicheldrüse tatsächlich regeneriert.
Da die Effekte unabhängig vom Gewichtsverlust eintraten, ist diese Ernährungsform auch für Patienten eine Option, die bereits ein stabiles Gewicht haben, aber dennoch ihre Bauchspeicheldrüse schützen wollen.
Trotzdem muss man festhalten, dass eine Studie mit 51 Personen eher klein ist. Das Durchschnittsalter lag bei 55 Jahren, 76 Prozent der Teilnehmer waren Frauen – es nahmen also wenig Männer teil. Langfristige Effekte sind aufgrund der kurzen Studiendauer (drei Monate) völlig unklar. Die Ergebnisse gelten vor allem für Menschen mit frühem Typ-2-Diabetes. Bei fortgeschrittener Erkrankung könnten die Effekte geringer ausfallen.
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Nur 9 Prozent der Energie aus Carbs – das ist nicht ohne
Bei einer ketogenen Ernährung kommt die Energie hauptsächlich aus Fett. Neun Prozent der Energie aus Kohlenhydraten (so war es in der Studie) sind im normalen Keto-Bereich. Bei einer Ernährung mit zum Beispiel 2000 Kilokalorien wären das ungefähr 45 Gramm Kohlenhydrate pro Tag. Das ist deutlich weniger als bei üblichen Ernährungsformen und deshalb für viele Menschen im Alltag schwer durchzuhalten. Viele fühlen sich schlapp und müde, manche haben sogar ein richtiges Krankheitsgefühl. Das ist ein bekanntes Phänomen einer Ernährungsumstellung auf ketogen, auch „Keto-Grippe“ genannt. Hier geht’s zum Keto-Erfahrungsbericht von FITBOOK-Redaktionsleiterin Melanie Hoffmann.
Wichtig bei Keto: Verstopfung vorbeugen
Keto hat auch noch einen weiteren, unangenehmen Haken. Wer die Kohlenhydrate stark reduziert, streicht oft auch viele klassische Ballaststoffquellen wie Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte oder Obst. Ballaststoffe sind jedoch wichtig, um die Darmtätigkeit anzuregen und Verstopfung vorzubeugen.
Mein Rat für Personen, die sich für eine ketogene Ernährung entscheiden
„Ich empfehle, neben grünem Blattgemüse auch unbedingt Nüsse und Samen in den Speiseplan zu integrieren. Und mein Geheimtipp, wenn man es sich einfach machen will: täglich einen Drink mit Flohsamenschalen. Diese bestehen zu etwa 90 Prozent aus Ballaststoffen und liefern sehr wenig Kohlenhydrate.“