28. Juli 2025, 16:11 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten
Gemüse wird mit spitzen Fingern vom Teller entfernt, Salat hartnäckig mit Nichtbeachtung gestraft und der Auflauf misstrauisch auseinandergepflückt. Tatsächlich ist es bisweilen richtig schwer, Kindern etwas anderes als Spaghetti mit Tomatensauce erfolgreich vorzusetzen. FITBOOK erklärt, was hinter dem Problem steckt und wie Sie Ihrem Kind – Schritt für Schritt – doch noch Appetit auf mehr machen können.
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Vorneweg: persönliche Erfahrung
Ich habe als Ernährungstherapeutin schon viele Eltern am Rande des Nervenzusammenbruchs erlebt, weil ihre Kinder standhaft den Brokkoli verweigern oder Paprika eklig finden und sie vom Teller kicken. Gerade Gemüse ist ein heikles Thema bei Kindern.1 Das Tröstliche ist vielleicht: Es geht fast allen Eltern so, dass sie irgendwann am Tisch Stress mit dem Nachwuchs haben, weil die gesunden Sachen liegen bleiben: Studien zufolge ist jedes zweite bis fünfte Kind beim Essen sehr, sehr wählerisch.2 Diese Situationen brauchen immer Geduld, daran führt kein Weg vorbei. Aber meine Erfahrung ist: Wer weiß, was dahintersteckt und ein paar Tricks im Köcher hat, der kann diese innere Ruhe auch viel leichter aufbringen.
Warum essen Kinder so gern Nudeln?
Ich habe als Kind die sogenannten „Kantinenteller“ meines Vaters abgöttisch geliebt. Das sind Teller, in denen es einzelne „Abteilungen“ gibt – eine große für den Hauptteil des Gerichts (beispielsweise Fleisch oder Fisch) und zwei kleine für die Beilagen. Herrlich! So ordentlich und übersichtlich! Interessanterweise steckt aber nicht nur ein persönliches Faible dahinter, warum ich diese Teller so mochte, sondern ein Muster: Kinder bevorzugen im Vorschulalter nämlich einfache, übersichtliche Dinge. Nicht nur beim Spielzeug, sondern auch bei Lebensmitteln. Da sind Nudeln, Kartoffeln, Reis, ein Stück Wurst oder Brot ideal. „Durcheinander“ auf dem Teller bringt auch sie durcheinander. Deshalb sind Gerichte wie Aufläufe oder Eintöpfe oft problematisch: So viele Sachen auf einmal, viele verschiedene Farben, Texturen, Geschmäcker und viele Zutaten sind gar nicht mehr zu erkennen. Nudeln mit Tomatensauce sind optisch wunderbar einfach. Und auf einem Teller, wo alles nebeneinander und nicht übereinander liegt, umso mehr.
Dazu kommt: Viele Kinder haben zwischen zwei und fünf Jahren eine Phase, in der sie alles, was neu ist, erst mal ablehnen. Das „Fremdeln“ gilt auch für’s Essen.3 Was nicht bekannt ist, wird weggeschoben. Nachdem Nudeln schon meist recht früh in der Beikost vorkommen, haben sie einen „Vorsprung“: Sie sind bekannt und vertraut. Deswegen gehen Nudeln lebenslang (fast) immer. Die gute Nachricht ist: Dieses „Fremdeln“ legt sich in den allermeisten Fällen von alleine wieder und die Neugierde übernimmt wieder.4
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Was Eltern tun können, damit Kinder mehr Gemüse essen
Nudeln bis zum Abwinken?
Was aber, wenn der Nachwuchs außer Nudeln aber kaum noch etwas anderes essen will? Es gibt in der Ernährungstherapie eine Strategie, der Nudel-Liebe von Kindern auf recht robuste Art und Weise zu begegnen. Nämlich: Nudeln satt. Jeden Tag. Bis zum Abwinken. Sprichwörtlich. Kenne ich: Einer meiner Freunde hat sich als Kind zusammen mit seinem Bruder eine Woche Dosenravioli „erkämpft“. Der anfängliche Triumph war erwartungsgemäß nicht von langer Dauer. Denn wir sind als Menschen evolutionär auf vielfältiges Essen geprägt:
Dafür sorgt das Phänomen der sogenannten „spezifischen sensorischen Sättigung“: Zu viel von einem Geschmack, und es hängt uns zum Hals raus. Deshalb kam es auch bei der Dosenravioli-Diät wie es kommen musste: Schon am dritten Tag brachten die beiden Brüder die Nudeln nicht mehr runter. Allerdings halte ich von solchen Abgewöhnungsstrategien wenig – zum einen, weil sie sich wie eine absichtliche Traumatisierung anhören, zum anderen, weil so der Umgang mit einem leckeren Lebensmittel und das Verständnis für gute Ernährung nicht gelernt wird. Deswegen habe ich andere Tipps zusammengestellt, die meiner Erfahrung nach sehr erfolgversprechend sind. So klappt’s Schritt für Schritt:
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Schritt 1: Nudeln clever nutzen
Wenn Neues erst mal verdächtig beäugt wird, dann ist die erste Strategie: Neues mit Vertrautem kombinieren. Das heißt: Nudeln als „Transportmittel“ nutzen, um beispielsweise neue Gemüsesorten oder neue Geschmacksrichtungen einzuschleichen.
- Nudelsauce mit feiner Gemüseeinlage zubereiten (zum Beispiel kleine Erbsen, Karotte oder Zucchini, zu Beginn fein geraspelt)
- Alternative Nudelsorten ausprobieren: Dinkel, Vollkorn, Hülsenfrüchte-Nudeln (zum Beispiel aus Kichererbsen oder Linsen), die mehr Nährstoffe, aber vertrauten Geschmack liefern
- Nudelsaucen mit ähnlicher Textur aber nährstoffreicheren Zutaten zubereiten (zum Beispiel pürierte Linsen mit der Tomatensauce mischen).
Wichtig – auch wenn’s erst mal komisch klingt: Das Kind sollte immer auch eine Portion „nur Nudeln“ zur Auswahl haben: So behält es die Kontrolle, wählt selbstbestimmt, was Druck und Widerstand deutlich verringert.
Schritt 2: Anbieten, anbieten, anbieten
Die Natur hat verschiedene essensbezogene Verhaltensweisen in uns programmiert, wie die Vorliebe für Süßes (= ungiftig, energiereich) oder die Angst vor Bitterem (= möglicherweise giftig). Manches davon ist in unserer modernen Zivilisation mit ihrem irren Angebot leider nicht besonders hilfreich – wie die Vorliebe für süße Sachen. Aber andere angeborene Mechanismen kann man sich zunutze machen. Wie den sogenannten „Mere-exposure-effect“. Das heißt: Je öfter ich mit etwas Kontakt habe, desto wahrscheinlicher mag ich es.5
Dieser Effekt wurde auch für’s Essen bewiesen: Kinder probierten täglich ein kleines Stück einer neuen Gemüseart – das führte zu einer messbaren Steigerung von Akzeptanz und Konsum.6 Die Sicherheit des neuen Lebensmittels wurde sprichwörtlich gelernt. Diese Strategie ist vor allem für herzhafte Lebensmittel, wie Salat oder Gemüse, von Bedeutung, denn Süßes wird von allen Menschen sofort akzeptiert. Konkret: Jeden Tag einige Gabelspitzen eines wenig geliebten Gemüses anbieten – ohne Druck, sondern spielerisch. In der Regel sind 10 bis 16 Tage nötig, damit das Kind Vertrauen zu dem neuen Lebensmittel fasst. Die meisten Eltern geben aber schon nach drei bis vier gescheiterten Versuchen auf. Mein Rat: Geduld und dranbleiben, es lohnt sich langfristig, auch wenn es kurzfristig sehr nervig sein kann.
Schritt 3: Kleine Belohnungen einbauen
In der Schule gibt’s einen goldenen Stern für einen besonders schönen Hefteintrag und im Sport einen glänzenden Pokal, wenn man gewonnen hat. Da leuchten die Augen! Diese Freude kann man sich auch beim Essen zunutze machen. Studien zeigen: Kombiniert man beispielsweise oben genannte Probe-Angebote mit kleinen Belohnungen (zum Beispiel Aufkleber, kleine Figuren), können auch kindlichere Esser motiviert werden.7 Aber Vorsicht: Die Belohnung sollte nie Essen selbst sein (also Süßigkeiten oder Fast Food) – das führt langfristig zu einem sehr ungesunden und emotional geprägtem Essverhalten und erhöht das Risiko für Übergewicht.8
Schritt 4: Vielfalt als Vorbild
Eltern prägen das Essverhalten ihrer Kinder maßgeblich: Wenn sie selbst eintönig und immer das Gleiche essen, neigt das Kind eher dazu, ebenfalls wenig ausprobieren zu wollen.9 Deshalb: Je früher Kinder mitbekommen, dass die Familie bei Tisch „bunt“ und abwechslungsreich genießt, desto selbstverständlicher wird es auch für sie. Oder, wie es der Münchner Komiker Karl Valentin ausgedrückt hat: „Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.“
Schritt 5: Mitmachen lassen
Kinder haben schon sehr früh das Bedürfnis nach Autonomie und Selbstwirksamkeit.10 Sie schubsen ein Stofftier vom Tisch und grinsen über beide Ohren, wenn es runterfällt. Denn das zeigt ihnen: Ich habe das gemacht, ich kann das! Auch beim Essen wollen sich Menschen ausdrücken: Was wir essen ist Teil unserer unverwechselbaren Persönlichkeit.11 Das fängt schon im Kindesalter an. Wer das akzeptiert, kann seinem Kind ganz anders entgegentreten, als es nur als „wählerisch“ oder „heikel“ abzustempeln, wenn das Gemüse weggeschoben wird. Und mit diesem Bedürfnis arbeiten, nicht gegen ihn:
- Essen im Buffet-Stil anbieten: Studien zeigen: Wenn Kinder zwischen verschiedenen Gemüsesorten wählen können, nehmen sie insgesamt mehr Gemüse.12
- Mitmachen lassen: Man kann Kinder beim Einkaufen und Kochen miteinbeziehen: an Zutaten riechen, anfassen oder klein schneiden lassen. Plätzchenausstecher oder bunte Bretter können helfen, dass Kinder ihre Kreativität und Spielfreude ausleben können. Das fördert Neugier und Akzeptanz.
- Auch wenn die Eltern festlegen sollten, wann, wo und was gekocht wird – das Kind entscheidet, ob und wie viel gegessen wird. So bleibt Druck draußen und Selbstwirksamkeit erhalten.
Schritt 6: Entspannung am Tisch
Stress empfinden nicht nur Erwachsene – sondern auch Kinder. Weil unser Körper Stress als etwas Feindliches verortet, versucht unser Gehirn sich zu merken, in welchen Situationen Stress aufgetreten ist, um ihn dann zu vermeiden: Wir haben ein ausgeprägtes „Stressgedächtnis“.13 Damit das gemeinsame Essen nicht tagtäglich zum Dauerdrama wird, bei dem sich alle nur am liebsten auf einen anderen Planeten wünschen, sollte Entspannung am Tisch das wichtigste Ziel sein. Zusammen essen und genießen in fröhlicher, gelöster Atmosphäre legt den Grundstein für Neugier, Experimentierfreude und Mut zum Ausprobieren. Lockere Atmosphäre, positive Begleitung, geduldiges Warten – das förd
Meine Meinung zur perfekten Brotdose
Sie sind immer gut gelaunt, top frisiert und natürlich zu 1000 Prozent für ihre Kinder da: Die „Momfluencer“. Seit einigen Jahren quellen die „Super-Moms“ aus den Social-Media-Kanälen und präsentieren ihre perfekt gestylten Pausenbrotdosen-Inhalt für den Nachwuchs. Selbst gebackenes Dinkel-Sauerteig-Brioche mit Käsebelag in Herzchenform, dazu Kirschtomaten und Radieschen, zu kleinen Rosen geschnitzt. So gestylt, wird versprochen, isst jedes Kind die vorgesehene Vollkorn- und Gemüseportion!
Ich als Ernährungstherapeutin halte diesen Trend für problematisch. Denn Essen und Kochen wird so zu einer verkrampften „Performance“, zu einem Wettstreit, zum Streben nach Perfektion. Und das geht nie gut – erst recht nicht beim Thema Essen. Es setzt Eltern unter Druck und fordert ihnen neben dem meist ohnehin schon anstrengenden Alltag noch stundenlange oder spätabendliche Kreativ-Akrobatik in der Küche ab. Deswegen: Wenn man ab und zu Spaß an etwas Brotdosen-Beauty hat, bitteschön.
Aber es ist weder das angepriesene Allheilmittel gegen die kindliche Gemüse-Phobie noch eine Strategie, die man langfristig wirklich durchhalten kann. Und das ohne wahrscheinlich selbst irgendwann auszubrennen. Lieber Geduld und innere Ruhe für das 16. Mal „Hier kommt das Brokkoli-Röschen geflogen!“ nutzen. Dann essen es die Kinder irgendwann nämlich ganz von selbst, egal, ob es noch zwei Oliven-Äuglein und einen Tomatenschnitz-Mund aufgepiekst hat oder nicht.