4. Juni 2026, 15:16 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Seit Jahren suchen Wissenschaftler nach neuen Möglichkeiten, das Risiko für Brustkrebs zu senken. Nun rücken ausgerechnet Medikamente in den Fokus, die ursprünglich für Typ-2-Diabetes entwickelt wurden und heute vor allem als Abnehmspritzen bekannt sind. In einer großen US-Studie untersuchten Forscher, ob zwischen GLP-1-Medikamenten und Brustkrebs ein Zusammenhang besteht, und kommen auf überraschende Ergebnisse.
Mehr als 111.000 Frauen untersucht
Bei der aktuellen Studie der University of Pennsylvania handelt es sich um eine Beobachtungsstudie. Die Forscher werteten bereits vorhandene elektronische Gesundheitsdaten aus und untersuchten, welche Frauen im Studienzeitraum an Brustkrebs erkrankten.1
Untersucht wurden mehr als 111.000 Frauen zwischen 45 und 80 Jahren mit Übergewicht oder Adipositas (BMI von mindestens 25). Sie hatten zwischen 2022 und 2025 eine Brustuntersuchung erhalten und waren im Schnitt 61 Jahre alt.
BMI: Ab wann spricht man von Übergewicht?
Der Body-Mass-Index (BMI) setzt das Körpergewicht ins Verhältnis zur Körpergröße und dient als grobe Orientierung für das Körpergewicht.2
Unter 18,5: Untergewicht
18,5 bis 24,9: Normalgewicht
25 bis 29,9: Übergewicht
30 bis 34,9: Adipositas Grad I
35 bis 39,9: Adipositas Grad II
40 oder höher: Adipositas Grad III
Für die aktuelle Studie wurden nur Frauen mit einem BMI von mindestens 25 eingeschlossen. Die Ergebnisse gelten daher nicht automatisch für Frauen mit Normalgewicht.
Von ihnen hatten 15.264 Frauen vor ihrer Brustuntersuchung ein GLP-1-Medikament verschrieben bekommen. Die übrigen 96.382 Frauen hatten keine dokumentierte GLP-1-Behandlung.
Um die Vergleichbarkeit zu verbessern, stellten die Forscher zusätzlich zwei möglichst ähnliche Gruppen zusammen. Dabei berücksichtigten sie Faktoren wie Alter, Körpergewicht, Brustdichte, ethnische Herkunft und Typ-2-Diabetes. Nach diesem Abgleich standen 30.528 Frauen für eine weitere Analyse zur Verfügung.
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Weniger Brustkrebs unter GLP-1-Medikamenten
Während des Untersuchungszeitraums wurde bei 2628 der 111.646 Frauen Brustkrebs festgestellt. Das entspricht rund zwei von 100 Frauen.
In der Gruppe mit GLP-1-Behandlung wurde bei knapp zwei von 100 Frauen Brustkrebs festgestellt. Ohne diese Medikamente waren es etwa 2,5 von 100 Frauen. Anders gesagt: Frauen, die ein GLP-1-Medikament erhielten, bekamen in dieser Studie etwas seltener die Diagnose Brustkrebs als vergleichbare Frauen ohne diese Behandlung.
Auch nach einem direkten Vergleich möglichst ähnlicher Frauen blieb dieser Zusammenhang bestehen. Die Forscher berücksichtigten dabei unter anderem Alter, Körpergewicht, Brustdichte und Diabetes. Selbst dann wurde in der GLP-1-Gruppe seltener Brustkrebs festgestellt als in der Vergleichsgruppe.
Ähnliche Zusammenhänge zeigten sich sowohl bei Frauen mit als auch ohne Typ-2-Diabetes sowie bei schwarzen und weißen Frauen.
Was die Ergebnisse für Frauen bedeuten
Die Ergebnisse liefern einen neuen Hinweis darauf, dass GLP-1-Medikamente möglicherweise mit weiteren gesundheitlichen Effekten verbunden sein könnten als einer Gewichtsabnahme und einer verbesserten Blutzuckerkontrolle. Da Übergewicht ein wichtiger Risikofaktor für Brustkrebs ist, interessiert sich die Forschung seit Jahren für die Frage, ob wirksame Therapien zur Gewichtsreduktion auch die Krebsentstehung beeinflussen könnten.
Besonders bemerkenswert ist die Größe der Untersuchung. Mit mehr als 111.000 Frauen und 2628 Brustkrebsfällen gehört sie zu den größten Studien, die speziell diesen Zusammenhang untersucht haben. Zudem wurden ausschließlich Frauen analysiert, die eine Brustuntersuchung erhalten hatten. Dadurch konnten Unterschiede bei der Krebsfrüherkennung zumindest teilweise berücksichtigt werden.
Für Frauen bedeutet das jedoch nicht, dass GLP-1-Medikamente bereits zur Vorbeugung von Brustkrebs empfohlen werden können. Die Studie zeigt lediglich einen Zusammenhang zwischen der Medikamenteneinnahme und einer niedrigeren Brustkrebsrate. Ob die Arzneimittel selbst dafür verantwortlich sind, bleibt offen.
Die Autoren sehen ihre Ergebnisse deshalb als wichtigen Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen, die klären sollen, ob tatsächlich ein schützender Effekt besteht.
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Wichtige Fragen, auf die die Studie Antworten liefert
Die Ergebnisse könnten auch deshalb interessant sein, weil sie häufig diskutierte Fragen zu GLP-1-Medikamenten aufgreifen. Zum einen war bislang unklar, ob ein möglicher Zusammenhang mit einer niedrigeren Brustkrebsrate nur bei Frauen mit Typ-2-Diabetes auftritt. In der aktuellen Studie zeigte sich der Zusammenhang jedoch sowohl bei Frauen mit Diabetes als auch bei Frauen ohne Diabetes.
Zum anderen wird häufig angenommen, dass mögliche Vorteile von GLP-1-Medikamenten ausschließlich auf die Gewichtsabnahme zurückzuführen sind. Die aktuellen Daten liefern jedoch einen interessanten Hinweis dagegen: Das niedrigere Brustkrebsrisiko blieb auch dann bestehen, wenn die Forscher den Gewichtsverlust in ihren Analysen berücksichtigten. Das deutet darauf hin, dass ein möglicher Schutzeffekt nicht allein durch weniger Körpergewicht erklärt werden kann.
Die Autoren verweisen auf Labor- und Tierstudien, die weitere Erklärungen nahelegen. Demnach könnten GLP-1-Medikamente direkt biologische Prozesse beeinflussen, die bei der Krebsentstehung eine Rolle spielen. Diskutiert werden unter anderem entzündungshemmende Effekte sowie Veränderungen von Stoffwechselvorgängen in Krebszellen. Ob solche Mechanismen auch beim Menschen tatsächlich das Tumorwachstum bremsen können, ist bislang jedoch nicht geklärt.
Das zeigen frühere Studien
Übergewicht zählt insbesondere nach den Wechseljahren zu den wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren für Brustkrebs. Gleichzeitig werden GLP-1-Rezeptoragonisten zunehmend zur Behandlung von Typ-2-Diabetes und zur Gewichtsreduktion eingesetzt.3
Neben ihren bekannten Effekten auf Gewicht und Blutzucker gibt es Hinweise darauf, dass diese Medikamente auch biologische Prozesse beeinflussen könnten, die bei der Krebsentstehung eine Rolle spielen.4 Ob sich dies tatsächlich auf das Brustkrebsrisiko auswirkt, war bislang jedoch unklar. Frühere Studien lieferten widersprüchliche Ergebnisse.5
Forscher der University of Pennsylvania untersuchten deshalb, ob Frauen mit Übergewicht oder Adipositas unter einer GLP-1-Therapie häufiger oder seltener an Brustkrebs erkranken als vergleichbare Frauen ohne eine solche Behandlung.
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Was die Studie nicht beantworten kann
Kein Beweis für einen Schutzeffekt
Trotz der auffälligen Ergebnisse hat die Untersuchung wichtige Einschränkungen. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, kann sie keine Ursache-Wirkungs-Beziehung nachweisen. Die Forscher können also nicht belegen, dass die Medikamente direkt für die niedrigere Brustkrebsrate verantwortlich waren.
Nicht alle Einflussfaktoren lassen sich ausschließen
Zwar wurden wichtige Faktoren wie Alter, Körpergewicht, Brustdichte, ethnische Herkunft und Diabetes berücksichtigt. Dennoch können unbekannte Unterschiede zwischen den Gruppen das Ergebnis beeinflusst haben.
Offene Fragen zu Dauer und Dosierung
Außerdem untersuchte die Studie nicht, wie lange die Frauen die Medikamente eingenommen hatten oder welche Dosierungen verwendet wurden. Auch verschiedene GLP-1-Wirkstoffe wurden gemeinsam ausgewertet. Daher bleibt unklar, ob bestimmte Präparate oder längere Einnahmezeiten stärkere Effekte zeigen könnten.
Warum jetzt weitere Studien nötig sind
Die Autoren betonen deshalb ausdrücklich, dass ihre Ergebnisse vor allem neue Hypothesen liefern. Erst klinische Studien, bei denen Teilnehmerinnen zufällig verschiedenen Behandlungen zugeteilt werden, können klären, ob GLP-1-Medikamente tatsächlich das Brustkrebsrisiko senken.
Fazit: Vielversprechend, aber nicht bewiesen
In dieser großen US-Studie mit 111.646 Frauen war die Einnahme von GLP-1-Medikamenten mit einer niedrigeren Brustkrebsrate verbunden. Frauen mit einer dokumentierten GLP-1-Behandlung erhielten seltener eine Brustkrebsdiagnose als vergleichbare Frauen ohne diese Medikamente.
Die Ergebnisse sind wissenschaftlich interessant und liefern einen wichtigen Hinweis für die weitere Forschung. Sie beweisen jedoch nicht, dass GLP-1-Medikamente Brustkrebs verhindern. Um diese Frage zu beantworten, sind gezielte klinische Studien notwendig.