18. Juni 2026, 14:12 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Medikamente wie Ozempic oder Wegovy werden vor allem zur Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas eingesetzt. Eine neue Studie weist nun auf einen bislang wenig beachteten Zusammenhang hin: Bei Menschen, die sogenannte GLP-1-Rezeptoragonisten (Abnehmspritzen) einnahmen, war der Zusammenhang zwischen Impulsivität, Alkoholkonsum und Gewaltdelikten deutlich schwächer ausgeprägt. Hierzu hat FITBOOK auch bei den Studienautoren nachgefragt.
So wurde die Studie durchgeführt
Die aktuelle Studie der Rutgers-Universität untersuchte, ob GLP-1-Rezeptoragonisten – darunter die Wirkstoffe Semaglutid, Liraglutid, Dulaglutid und Exenatid, die vor allem bei Typ-2-Diabetes und Adipositas eingesetzt werden – den Zusammenhang zwischen bekannten Risikofaktoren für Gewalt und tatsächlich ausgeübter Gewalt beeinflussen könnten. Hintergrund sind frühere Hinweise, dass die Wirkstoffe nicht nur den Stoffwechsel regulieren, sondern möglicherweise auch Belohnungsverhalten, Impulskontrolle und Suchttendenzen beeinflussen.1
Im Mittelpunkt standen zwei seit Langem bekannte Risikofaktoren für aggressives Verhalten: Impulsivität und Alkoholkonsum. Die Forscher vermuteten, dass GLP-1-Medikamente den Übergang von diesen Risikofaktoren zu gewalttätigem Verhalten abschwächen könnten.
Grundlage der Studie war eine repräsentative US-Befragung aus dem Jahr 2025 mit insgesamt 7521 Erwachsenen. Für die Analyse berücksichtigten die Forscher ausschließlich Personen, die bereits Erfahrungen mit GLP-1-Medikamenten hatten. Die Stichprobe umfasste 821 Personen, darunter 597 aktuelle und 224 ehemalige Nutzer.
Erfasst wurden verschiedene selbst berichtete Gewalthandlungen innerhalb der vergangenen zwölf Monate, darunter körperliche Angriffe, Schlägereien, Bedrohungen mit Waffen und Raubüberfälle. Zusätzlich wurden Impulsivität und Alkoholkonsum mithilfe etablierter Befragungsinstrumente gemessen. Um aktuelle und ehemalige Nutzer möglichst vergleichbar zu machen, berücksichtigten die Forschenden Faktoren wie Alter, Geschlecht, Einkommen, Bildung, Diabetesdiagnose und Körpergewicht.
Impulsivität führe weniger oft zu gewaltvollem Verhalten
Die Ergebnisse bestätigten zunächst bekannte Zusammenhänge: Menschen mit höherer Impulsivität und stärkerem Alkoholkonsum berichteten häufiger von gewalttätigem Verhalten. Einen direkten Zusammenhang zwischen der aktuellen Einnahme von GLP-1-Medikamenten und einer geringeren Gewaltneigung konnten die Forscher jedoch nicht feststellen.
Spannend wurde es beim Blick auf die Risikofaktoren: Bei Personen, die aktuell GLP-1-Medikamente einnahmen, war der Zusammenhang zwischen Impulsivität beziehungsweise Alkoholkonsum und Gewalt deutlich schwächer ausgeprägt als bei ehemaligen Nutzern. Besonders klar zeigte sich dieser Effekt bei der Impulsivität. Statistisch gesehen war die Verknüpfung zwischen Impulsivität und Gewalt um rund 62 Prozent schwächer, beim Alkoholkonsum um etwa 52 Prozent.
Die Ergebnisse deuten damit darauf hin, dass GLP-1-Medikamente die Risikofaktoren möglicherweise nicht direkt verändern, wohl aber deren Einfluss auf gewalttätiges Verhalten abschwächen könnten.
Dr. Daniel Semenza, einer der Hauptautoren der Studie, zeigte sich besonders vom Befund der Impulsivität überrascht: „Impulsivität gilt als einer der am besten belegten Risikofaktoren für Gewalt, daher erwarteten wir einen starken Zusammenhang mit gewalttätigem Verhalten. Auffällig war jedoch, wie viel schwächer dieser Zusammenhang bei aktuellen GLP-1-Anwendern im Vergleich zu ehemaligen Anwendern zu sein schien.“
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Was das konkret bedeutet
Als mögliche Erklärung verweisen die Autoren auf bekannte Effekte der Medikamente im Gehirn. Frühere Studien legen nahe, dass sie unter anderem Belohnungs- und Stresssysteme beeinflussen könnten, die für Impulskontrolle und Verhalten eine wichtige Rolle spielen. „Falls diese Effekte tatsächlich bestehen, wäre eine mögliche Erklärung, dass Menschen weniger dazu neigen, unmittelbar auf starke Impulse oder emotionale Reaktionen zu handeln“, sagt Dr. Semenza gegenüber FITBOOK.
Die Forscher ziehen einen interessanten Vergleich: So wie die Spritze bei vielen das ständige Gedankenkarussell um das Essen (den sogenannten ‚Food Noise‘) verstummen lässt, könnte sie auch das „kognitive Rauschen“ bei Impulsivität oder Suchtdruck dämpfen. Das hilft Betroffenen möglicherweise dabei, in hitzigen Momenten die Kontrolle zu behalten, anstatt direkt aggressiv zu reagieren.
Die Ergebnisse eröffnen damit eine neue Perspektive für die Forschung. Ob die beobachteten Effekte tatsächlich klinisch relevant sind, ist derzeit jedoch noch unklar.
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Einordnung der Studie und mögliche Einschränkungen
Zu den Stärken der Studie zählen die große, repräsentative Stichprobe und die Berücksichtigung zahlreicher möglicher Einflussfaktoren. Zusätzliche Analysen stützten insbesondere den Befund, dass der Zusammenhang zwischen Impulsivität und Gewalt bei aktuellen GLP-1-Nutzern abgeschwächt war.
Dennoch hat die Untersuchung einige Einschränkungen. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, lässt sich nicht sagen, ob die Medikamente die beobachteten Unterschiede tatsächlich verursacht haben. Dr. Semenza sagt dazu: „Aus diesen Gründen betrachte ich die Studie als einen wichtigen ersten Schritt und nicht als eine endgültige Antwort.“ Zudem basieren die Angaben zu Gewalthandlungen auf Selbstberichten, die fehleranfällig sein können.
Auch könnten sich aktuelle und ehemalige Nutzer in wichtigen, nicht erfassten Merkmalen unterscheiden, etwa in den Gründen für das Absetzen der Medikamente. Die Ergebnisse zum Alkoholkonsum erwiesen sich zudem als weniger stabil als die zur Impulsivität.
Auffällig war außerdem, dass der beobachtete Effekt vor allem bei Gewaltdelikten auftrat. Bei nicht gewalttätigen Straftaten wie Diebstahl oder Sachbeschädigung fiel er deutlich schwächer aus. Da die Gewaltrate in der untersuchten Bevölkerungsstichprobe insgesamt niedrig war, bleibt zudem offen, ob sich die Ergebnisse auf Hochrisikogruppen übertragen lassen.
Die Studie liefert aber erste Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang. Ob GLP-1-Medikamente, also Abnehmspritzen, tatsächlich aggressives bzw. gewaltvolles Verhalten beeinflussen, müssen weitere Untersuchungen zeigen.