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Sportwissenschaftler im Interview

Vegan und Kraftsport – passt das zusammen?

Welche Meinung hat ein Sportwissenschaftler zum Thema vegane Ernährung und Kraftsport?
Welche Meinung hat ein Sportwissenschaftler zum Thema vegane Ernährung und Kraftsport?
Foto: Getty Images

Veganismus im Kraftsport – ein Evergreen unter den Fitnessthemen. Nichts wird in diesem Zusammenhang so heiß diskutiert wie die Fragestellung, ob effektiver Muskelaufbau mit rein pflanzlicher Ernährung möglich ist. FITBOOK hat Sportwissenschaftler Jörn Giersberg genau diese Frage gestellt.

Promi-Trainer Jörn Giersberg kennt sich aus, wenn es um Muskelaufbau und Gewichtsverlust geht. Welche Meinung hat der Sportwissenschaftler zum Thema „Kraftsport und trotzdem vegan“? Ist das Streben nach mehr Muskelmasse mit pflanzlicher Kost überhaupt möglich oder ist Veganismus eher als Trend zu betrachten?

FITBOOK: Ist effektiver Muskelaufbau mit rein pflanzlicher Ernährung möglich?

Jörn Giersberg: „Veganer Muskelaufbau ist möglich, aber nicht optimal. Ohne Fleisch kann keine vollständige Aminosäurenbilanz vorliegen. Es ist sinnvoll, verschiedene Aminosäurequellen (Proteine) zu nutzen. Vor allem die Kombination aus tierischen und pflanzlichen Quellen ist essenziell. Wer die eine oder andere Seite weglässt, beraubt sich eines wichtigen Teils des Aminosäurespektrums.“

Veganismus-Kritiker verweisen auch auf den Punkt der biologischen Wertigkeit.

Genau. Tierische Produkte besitzen außerdem eine höhere biologische Wertigkeit. Das heißt, die Menge des aufgenommenen Eiweißes wird effektiver in körpereigene Strukturen umgewandelt. Beim Vollei liegt der Wert bei 100. Pflanzliche Proteine haben hingegen einen Maximalwert von ca. 70. Man müsste also noch mehr essen, um auf die gleiche verfügbare Eiweißmenge zu kommen. Diese Menge aus natürlichen Lebensmitteln zu schöpfen, macht die Ernährung aufwändiger.

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Welche Vor – oder Nachteile ergeben sich zu einer fleischlichen Ernährung?

„Reine Vorteile gibt es bei einer eindimensionalen Ernährung nie und Veganismus ist aus meiner Sicht einseitig. Zwar werden durch die pflanzliche Kost weniger Fett, Harnsäure und Cholesterin aufgenommen. Das Cholesterin wird beispielsweise für die Hormonproduktion benötigt. Nachteile gibt es hingegen schon! Durch die geringere biologische Wertigkeit der pflanzlichen Kost muss mehr gegessen werden, um seinen Proteinhaushalt zu decken.

Promi-Trainer Jörn Giersberg

Jörn Giersberg studierte Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln
Foto: Nadine Dilly

Warum ist das ein Problem?

Weil dadurch der Griff zu Supplements wahrscheinlicher wird. Leider denken die Leute ja, sie tun sich etwas Gutes, wenn sie massenweise Pulver verdrücken, nur weil von Eiweiß und Vitaminen die Rede ist. Das gilt übrigens nicht nur für vegane Produkte! Es ist echt verrückt, wie verstrahlt die Leute von der Industrie und deren Werbeversprechen sind. Nahrungsergänzungen können nicht die Lösung sein! Die Leute können mir nicht erzählen, der Veganismus sei so gesund – und dann sehe ich, wie sie massenweise Chemie essen.“

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Ist der Veganismus eher ein Trend im Kraftsport oder steckt mehr dahinter?

„Es gibt immer Beispiele für eine erfolgreiche Umsetzung im Sport. Ich habe mal vor Jahren Bill Pearl kennengelernt, einen sehr berühmten Bodybuilder, der sich auch pflanzlich ernährte und damit schon vor Schwarzenegger Erfolg hatte. Für die breite Masse der Bevölkerung ist das allerdings kein Thema. Aus meiner Sicht ist und bleibt es ein Trend. Sicherlich wird es mehr. Die Leute greifen vermehrt auf pflanzliche Produkte zurück. Auch die Lebensmittel verändern und verbessern sich. Jedoch glaube ich nicht, dass die tierische Ernährung dadurch verdrängt werden kann.

Warum glaubst du das?

Aus meiner Erfahrung sind Extrema nie von Dauer – zumindest nicht für die Masse. Es gibt immer Leute, die gewisse Ernährungsformen rigoros durchziehen. Die Wenigsten wollen sich jedoch im Leben dauerhaft einschränken oder Gedanken über das Essen machen. Aus ökologischen und ethischen Gründen macht der Veganismus natürlich Sinn. Nichtsdestotrotz hat die tierische Ernährung eine hohe Bedeutung für unsere Gesundheit, die man nicht einfach vom Tisch wischen kann. Ich bin durchaus dafür, Fleisch nicht mehr so oft zu konsumieren und keine Mast zu betreiben, aber ein kompletter Verzicht ist auch keine Lösung.“