27. Mai 2026, 17:28 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
In den vergangenen Jahren hat kaum eine andere körperliche Aktivität so stark an Popularität gewonnen wie Yoga. Vor allem gestresste Großstädter schwören auf die entspannende Wirkung auf Körper und Geist. Nun fanden Forscher heraus, wie sich Yoga auch auf unser Gehirn auswirkt.
Wie gut ist Yoga für Geist und Gehirn wirklich?
Noch vor einigen Jahren galt Yoga eher als Alternativsport für Menschen, die mit Kraft- oder Ausdauertraining wenig anfangen konnten. Heute ist Yoga fest als ganzheitliches Fitnesskonzept etabliert und begeistert immer mehr Menschen. Auch Kraftsportler profitieren davon, weil Yoga Beweglichkeit, Koordination und Balance verbessert. Gleichzeitig hilft die Praxis dabei, den Geist zu fokussieren und bewusster mit ständigen Ablenkungen wie dem Smartphone umzugehen. Doch welche Auswirkungen hat Yoga tatsächlich auf Geist und Gehirn?
Dieser Frage widmete sich eine Meta-Analyse von Forschern der Universität Sevilla, die 23 internationale Studien zum Einfluss von Yoga auf das Gehirn auswerteten. Yoga, eine vor Tausenden von Jahren in Indien entstandene Praxis für Körper und Geist, hat in den vergangenen Jahrzehnten auch im Westen stark an Bedeutung gewonnen. Parallel dazu untersuchten Wissenschaftler zunehmend die gesundheitlichen Effekte der Übungen. Neben den positiven Auswirkungen auf den Körper gibt es Hinweise darauf, dass Yoga Stress reduzieren, Neurotransmitter regulieren, die Durchblutung des Gehirns fördern sowie Struktur und Funktion des Gehirns beeinflussen kann. Für die Analyse wurden verschiedene Neuroimaging- und Neurophysiologie-Verfahren wie MRT, fMRT und EEG eingesetzt. Die Ergebnisse fallen jedoch nicht in allen Bereichen eindeutig aus – dafür gibt es mehrere Gründe.1
Merkmale der untersuchten Studien
Die Forscher haben keine Einschränkungen hinsichtlich der Altersspanne der Teilnehmer, der Mindestdauer oder der Intensität der Yoga-Praxis sowie des Erscheinungsjahres vorgenommen, um eine umfassende Zusammenfassung der verfügbaren Neuroimaging-Befunde zu Yoga zu erstellen. So ergab sich die folgende Studien-Zusammensetzung:
- die meisten Studien enthielten überwiegend weibliche Probanden
- in nur sechs der 23 Studien waren mehr Männer als Frauen vertreten
- das Durchschnittsalter lag je nach Studie zwischen 16,4 und 66,5 Jahren
- die Yoga-Erfahrung reichte von gering vor dem Studientraining bis zu einer maximalen Erfahrung von 30 Praxisjahren.
- Sahaja-Yoga-Meditation (SYM) war die am häufigsten vertretene Yoga-Form (in fünf der Studien)
Das hat die Datenanalyse ergeben
Die größte Herausforderung bestand darin, die Ergebnisse der unterschiedlichen Studien miteinander vergleichbar zu machen. Bei der Interpretation der neuronalen Effekte mussten deshalb individuelle Merkmale der Teilnehmenden ebenso berücksichtigt werden wie praxisbezogene Faktoren, etwa die Dauer der Yoga-Erfahrung oder die Intensität des Trainings.
Die wichtigste Erkenntnis der Analyse: Die Effekte von Yoga auf das Gehirn variieren je nach Erfahrungsniveau, Dauer und Intensität der Praxis, Alter der Teilnehmenden sowie dem jeweils untersuchten Yoga-Stil. Vor allem Studien mit langjährig praktizierenden und sehr erfahrenen Yogis berichteten konsistent über strukturelle und funktionelle Veränderungen im Gehirn. Beobachtet wurden unter anderem Veränderungen im sogenannten Default Mode Network (DMN), ein erhöhtes Volumen der grauen Substanz in Bereichen wie der Insula und dem Hippocampus sowie eine stärkere Vernetzung verschiedener Hirnregionen.
Das DMN (zu Deutsch Ruhezustandsnetzwerk) gilt als biologische Grundlage unseres geistigen Innenlebens. Es ist unter anderem an Selbstreflexion, Gedankenschweifen, Erinnerungen, Zukunftsplanung und Empathie beteiligt.2 Langjährige und intensive Yoga-Praxis scheint sich positiv auf eben diese Bereiche auszuwirken.
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Kurzfristige und langfristige Effekte von Yoga
Die Forscher beobachteten jedoch nicht nur Langzeiteffekte, sondern auch kurzfristige Veränderungen bei Yoga-Anfängern. Analysiert wurden Trainingsprogramme, die von wenigen Tagen bis zu mehreren Wochen dauerten. Dabei zeigte sich unter anderem eine Verringerung von Angst und negativen Emotionen, eine geringere Reaktivität der Amygdala sowie eine vorübergehende Veränderung der Aktivität im Default Mode Network (DMN).
Auch das Alter der Teilnehmenden beeinflusste offenbar die Ergebnisse. Studien mit älteren Erwachsenen zeigten stärkere Effekte hinsichtlich der Netzwerkeffizienz, der Resilienz und des Erhalts kognitiver Fähigkeiten. Untersuchungen mit jüngeren oder altersgemischten Gruppen berichteten dagegen häufiger über Veränderungen bei der emotionalen Regulation, der Aufmerksamkeitskontrolle und der selbstreferenziellen Verarbeitung.
Besonders deutlich wurde zudem, dass die Art des praktizierten Yoga einen erheblichen Einfluss auf die beobachteten Effekte hat. Yoga-Formen mit stärkerem meditativen Schwerpunkt standen häufiger mit Veränderungen im Ruhezustandsnetzwerk in Verbindung. Körperlich intensivere Yoga-Stile wurden dagegen eher mit Veränderungen im Hippocampus und im sensomotorischen Bereich assoziiert. Der Hippocampus spielt eine zentrale Rolle für Gedächtnis, Lernfähigkeit, räumliche Orientierung und die Verarbeitung von Emotionen.
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Fazit und Einschränkungen der Studie
Zusammenfassend zeigt die Meta-Analyse der 23 Studien, dass Yoga positive Effekte auf das Gehirn haben kann. Wie stark diese ausfallen, hängt jedoch maßgeblich von der praktizierten Yoga-Form, der Dauer der Praxis und dem Alter der Teilnehmenden ab. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Yoga-Stile mit meditativem Schwerpunkt insbesondere das Ruhezustandsnetzwerk beeinflussen und damit Prozesse wie Selbstreflexion, Gedächtnisabruf, Zukunftsplanung und Empathie fördern können. Körperlich orientierte Yoga-Formen standen dagegen häufiger mit Verbesserungen von Gedächtnis, Lernfähigkeit, räumlicher Orientierung und emotionaler Regulation in Verbindung. Besonders bemerkenswert: Bereits nach wenigen Stunden Yoga-Praxis konnten bei Anfängern negative Emotionen wie Angst und Stress reduziert werden.
Dennoch hat diese Meta-Analyse eine große Einschränkung. Die einzelnen Ergebnisse der untersuchten Studien hinsichtlich der Auswirkungen von Yoga auf die Gehirnstruktur und -funktion bei gesunden Personen sind aufgrund methodischer Unterschiede uneinheitlich. Die Forscher empfehlen deshalb für kommende Studien, die Definition von Yoga zu schärfen und eine einheitlichere Methodik zwischen Studien derselben Art von Neurobildgebungsverfahren zu etablieren. Eine weitere Empfehlung lautet, zwischen den verschiedenen Yoga-Komponenten zu unterscheiden, da Körperhaltungen, Atemübungen und Meditation unterschiedliche Auswirkungen haben.