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Savaş Çoban im FITBOOK-Interview

80 Ultramarathons in 80 Tagen – Extremsportler über Training, Schmerzen und mentale Stärke

läufer mann
Extremsportler Savaş Çoban umrundete die Türkei in 80 Tagen. Er lief dafür jeden Tag einen Ultramarathon. Foto: Lucía Venero
Isa Kabakci
Redakteur

2. September 2026, 11:04 Uhr | Lesezeit: 12 Minuten

Vom Fußballer und Personal Trainer zum Extremsportler: Savaş Çoban (33) sucht Herausforderungen, die weit über klassische Wettkämpfe hinausgehen. Er lief von München nach Istanbul, durchquerte Peru in 87 Tagen und absolvierte auf seinen Abenteuern über Wochen hinweg täglich Ultramarathon-Distanzen. Für sein aktuelles Buch „Homerun“, welches vor wenigen Monaten erschien, führte ihn sein Weg im vergangenen Jahr durch die Türkei und zugleich zurück zu seinen familiären Wurzeln. Im Interview mit FITBOOK spricht Çoban darüber, was ihn zu solchen Extremläufen antreibt, wie er mit Schmerzen, Erschöpfung und Selbstzweifeln umgeht und warum mentale Stärke für ihn mehr bedeutet als reine Willenskraft. Außerdem erklärt er, wie sich der Körper an enorme Laufumfänge gewöhnen kann und warum er bei seinen Abenteuern bewusst langsam läuft.

Der ungewöhnliche Weg zum Ultraläufer

FITBOOK: Sie haben früher Fußball gespielt, als Personal Trainer gearbeitet und sind dann ohne große Vorbereitung mit dem Fahrrad nach Sevilla gefahren. Wie kam es dazu, dass Sie schließlich beim (Ultra-)Laufen gelandet sind?
Savaş Çoban: „Die Fahrradreise war 2020, während der Coronazeit, und ich hatte plötzlich viel Zeit. Aus einer melancholischen Laune heraus kam die spontane Idee, mir ein gebrauchtes Fahrrad zu besorgen und einfach loszufahren, obwohl ich noch nie etwas Vergleichbares gemacht hatte. Sechs Tage später war ich bereits auf dem Weg nach Sevilla. Ich wusste nicht einmal, wie man einen Reifen wechselt. Für mich war das damals kein Extremprojekt, sondern meine erste richtige Abenteuerreise. Sevilla war weit genug entfernt, um eine echte Herausforderung zu sein. Dort lebte auch meine ehemalige Gastfamilie aus Spanien. Auf dieser Reise habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie sehr mir solche Situationen liegen: nicht zu wissen, wo ich schlafe, was mich erwartet oder welche Herausforderung am nächsten Tag auf mich zukommt. Ich hatte vieles ausprobiert, unzählige Jobs gemacht und mich oft unter Druck gesetzt. Auf dem Fahrrad wurde mir dann klar: Ich möchte Abenteurer und Extremsportler werden. Noch in Madrid rief ich einen Freund an und fragte ihn, was ich dafür tun müsse, ob ich Sponsoren brauche und wie man so etwas überhaupt angeht.“

„Die Liebe galt zunächst nicht dem Laufen, sondern dem Abenteuer selbst“

Viele Menschen haben nach einer besonderen Reise eine Idee oder einen Traum, kehren danach aber wieder in ihren Alltag zurück. Warum war das bei Ihnen anders?
„Die Liebe galt zunächst nicht dem Laufen, sondern dem Abenteuer selbst. Nachdem ich das Fahrrad nicht mehr hatte, habe ich begonnen, längere Strecken zu laufen. Sport war immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Laufen war dabei stets eine Stärke, aber nie mein eigentlicher Sport. Mit der Zeit hat mich das Laufen dann doch gepackt. Ich lud mir eine Lauf-App herunter und beschäftigte mich erstmals mit Dingen wie Pace. Mein Ziel war aber nie, einfach nur einen Marathon zu laufen. Stattdessen kam wieder eine spontane Idee auf.“

Und die war?
„Ich lief von Hamburg zu meiner Familie nach Bremen, rund 100 Kilometer. Nach 14 Stunden saß ich völlig durchgefroren in der Badewanne meiner Mutter und dachte nur: ‚Wenn du 100 Kilometer schaffen kannst, was ist dann noch möglich?‘ Daraus entstand die Lust auf größere Abenteuer. Es folgte 2021 mein Lauf von München nach Istanbul: 45 Tage unterwegs, komplett allein und self-supported. Für mich als Deutschtürken war die Ankunft in Istanbul etwas ganz Besonderes. Danach ging es weiter nach Peru. Dort war ich 87 Tage unterwegs, durchquerte verschiedene Klimazonen und lief auf über 5000 Metern Höhe. Aus dieser Reise entstanden eine Dokumentation und mein erstes Buch. Spätestens da konnte ich mir den Traum erfüllen, Vollzeit-Abenteurer zu sein.“

Vom Extremlauf zur Reise zurück zu den Wurzeln

Lassen Sie uns auf Ihr aktuelles Buch zu sprechen kommen. Bei „Homerun“ war der Auslöser nicht nur sportlicher Natur, sondern auch das Erdbeben in der Türkei sowie in Syrien 2023 und ein Anruf Ihrer Familie. Wann wurde Ihnen klar, dass daraus mehr werden könnte als nur eine sportliche Herausforderung?
Savaş Çoban: „Ich war damals in Peru unterwegs, als ich den Anruf bekam. In dem Moment konnte ich die Tragweite noch gar nicht erfassen. Erdbeben gibt es in der Türkei immer wieder, außerdem war ich in Peru komplett mit meinem Alltag beschäftigt. Erst zurück in Deutschland wurde mir bewusst, wie schlimm die Situation war und wie sehr meine Familie betroffen war. Die Geschwister meiner Mutter lebten in der Region, entsprechend schwer war die Zeit auch für sie. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie weit ich mich von meiner Heimat entfernt hatte. Während meine Mutter und meine Geschwister regelmäßig dort waren, war ich rund zwölf Jahre lang nicht in der Türkei und hatte kaum Kontakt zur Familie vor Ort. Da kam bei mir das Gefühl auf, sie ein Stück weit zurückgelassen zu haben. Ich kannte Istanbul und die Heimatstadt meiner Familie, aber sonst nur wenig von der Türkei. Als ich 2021 in Istanbul ankam, sagte meine Verwandtschaft aus Kahramanmaraş: ‚Lauf doch einfach weiter bis zu uns.‘ Dieser Gedanke blieb bei mir hängen. Die sportliche Leistung stand dabei nicht im Vordergrund. Es ging um meine Herkunft und um die Frage nach der eigenen Identität. ‚Homerun‘ war deshalb vor allem eine Reise zurück zu meinen Wurzeln. Dabei bin ich 80 Tage lang jeden Tag einen Ultramarathon gelaufen – von Istanbul gegen den Uhrzeigersinn einmal um die Türkei und wieder zurück nach Istanbul.“

Durch das Laufen erlebe man mehr

Sie hätten die Türkei auch mit dem Auto bereisen können. Was verpasst man, wenn man ein Land abfährt, statt es zu erlaufen?
„Für mich entsteht durch die Anstrengung und die Herausforderung eine ganz andere Verbindung zu einem Land. Wer mit dem Bus oder der Bahn unterwegs ist, erlebt es anders. Zu Fuß bewegst du dich Schritt für Schritt durch die Landschaft, begegnest mehr Menschen und nimmst vieles intensiver wahr. Irgendwann haben wir scherzhaft gesagt, ich sei von Dorf zu Dorf und von Çay zu Çay gelaufen, weil ich ständig eingeladen wurde. Genau darin liegt für mich der Reiz: Man ist langsamer unterwegs, erlebt mehr und kommt Menschen viel näher. Ohne diese Herausforderung würde ich so ein Abenteuer wahrscheinlich gar nicht machen.“

„Entscheidend ist, ein klares Warum zu haben“

Was passiert bei Ihnen im Kopf, wenn Sie etwas durchziehen möchten, müde sind oder sich hinterfragen? Was bedeutet mentale Stärke für Sie konkret?
„Für mich ist vieles eine Frage des Kopfes. Entscheidend ist, ein klares Warum zu haben und der Sache eine Bedeutung zu geben. Willenskraft allein reicht oft nicht aus. Mir hilft außerdem, dass ich Dinge sehr gut visualisieren kann. Wenn ich mir etwas vorstelle, wird es in meinem Kopf greifbar. So entsteht der Glaube, es schaffen zu können. In schwierigen Momenten sind es genau dieses Warum und die Überzeugung, dass ich es schaffen kann, die mich weitermachen lassen.“

Der Körper gewöhnt sich an Schmerzen

Am Anfang Ihres Laufs durch die Türkei haben Sie sich nicht nur den Erfolg vorgestellt, sondern auch sehr detailliert, wie Sie verzweifelt sind oder schreien. Aus sportpsychologischer Sicht heißt es oft, man solle Positives visualisieren. Warum hat bei Ihnen auch diese negative Vorstellung funktioniert?
„Das ist tatsächlich interessant. Einerseits stelle ich mir mein Ziel vor Augen vor. Das hilft mir, weil ich die Emotionen, die damit verbunden sind, schon vorher spüren kann. Das motiviert mich. Andererseits hilft mir auch die negative Vorstellung: ‚Was passiert, wenn du jetzt aufgibst?‘ Irgendwann würdest du zurückblicken und denken: ‚Eigentlich hättest du weitermachen können.‘ Diese Reise hatte für mich eine enorme persönliche Bedeutung. Scheitern hätte deshalb auch etwas sehr Persönliches bedeutet. Gleichzeitig ist das mein Beruf und mein Sport. Da kommt dieser Sportlerkopf durch. Gerade weil die Probleme so früh kamen, war es mental besonders schwer. Bereits zu Beginn des Laufs hatte ich so starke Beschwerden, dass ich dachte, die Reise könnte vorbei sein, obwohl sie eigentlich gerade erst begonnen hatte. Ein Kameramann hat damals gefilmt, wie ich in Tränen ausgebrochen bin. Nicht wegen der Schmerzen, sondern weil ich mir vorgestellt habe, aufgeben zu müssen. Gleichzeitig half mir aber die Erfahrung aus früheren Reisen. Ich wusste, dass der Körper am Anfang besonders anfällig für Belastungsschmerzen ist. Deshalb konnte ich die Beschwerden richtig einordnen. Mit der Zeit gewöhnt sich der Körper daran, und vieles wird leichter.“

„Wir können oft viel mehr, als wir glauben“

Ist mentale Stärke antrainierbar oder angeboren? Was würden Sie jemandem raten, der nach sechs Kilometern aufgeben möchte, obwohl der Körper eigentlich noch könnte?
„Aus meiner Erfahrung unterschätzen sich die meisten Menschen. Wir können oft viel mehr, als wir glauben. Viele schöpfen ihr Potenzial gar nicht aus, weil sie nie in die Nähe ihrer eigenen Grenzen kommen. Für mich ist das Verschieben dieser Grenzen nichts rein Körperliches. Es ist vor allem eine Erkenntnis: Ich kann mehr, als ich dachte. Das habe ich bei mir selbst erlebt und auch bei anderen beobachtet. Deshalb sage ich immer: ‚Kratze einmal an deinen eigenen Grenzen.‘ Du wirst überrascht sein, wie weit du kommen kannst. Dafür braucht es Mut, überhaupt loszulaufen. Und genau diesen Mut kann man trainieren.“

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„An Tag 50 oder 60 stehst du morgens auf und läufst einfach los“

Resilienz wird oft als Fähigkeit beschrieben, gestärkt aus Krisen hervorzugehen. Auf Ihren Reisen erleben Sie ständig Herausforderungen: von Verletzungen über die Schlafplatzsuche bis zu schwierigen Bedingungen. Haben Sie das Gefühl, dass einen solche Erfahrungen stärker machen, oder kann es auch zu viel werden?
„Ich glaube, man kann aus Krisen gestärkt hervorgehen. Und das meine ich nicht nur im Sport, sondern auch im Leben. Herausforderungen sind für mich nicht dazu da, uns zu bestrafen. Sie können uns stärker machen und auf das vorbereiten, was noch kommt. Im Sport ist es ähnlich. Wenn ich 80 Tage unterwegs bin und jeden Tag einen Ultramarathon laufe, wird das irgendwann zur Gewohnheit. An Tag 50 oder 60 stehst du morgens auf und läufst einfach los. Du hinterfragst es nicht mehr. So ist es auch mit Disziplin und Routinen: Was anfangs schwerfällt, wird mit der Zeit selbstverständlich. Vor jedem Abenteuer habe ich ein Ritual. Ich visualisiere mögliche Schwierigkeiten und stelle mich darauf ein, hungrig zu sein, Schmerzen zu haben oder Rückschläge zu erleben. Dann schalte ich gedanklich in einen ‚Abenteuermodus‘. Von diesem Moment an bis zum Schluss bin ich bewusst außerhalb meiner Komfortzone. Das hilft mir, mit Schwierigkeiten besser umzugehen.“

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Energiemanagement statt schneller Pace

Sie laufen bei Ihren Abenteuern bewusst eher langsam. Welche Rolle spielen für Sie Pace, Laufuhr und Zone 2: eher hilfreiche Orientierung oder potenzieller Irrweg?
„Das lässt sich vor allem über Energiemanagement erklären. Ich könnte auch einen Marathon unter drei Stunden laufen. Wenn ich aber 80 Tage lang jeden Tag einen Ultramarathon laufe, geht es nicht darum, möglichst schnell zu sein, sondern gesund durchzukommen. Deshalb laufe ich bewusst langsam. Als ich einmal etwas schneller unterwegs war, habe ich sofort gemerkt, dass die Regeneration länger dauert. Das kann ich mir nicht leisten, weil am nächsten Tag die nächste Etappe ansteht. Das langsamere Tempo dient also dem Energiemanagement und der Verletzungsprävention. Dazu kommt der Rucksack auf dem Rücken. Bei solchen Reisen achte ich deshalb kaum auf die Pace. Im Training ist das anders. Da arbeite ich gezielt mit unterschiedlichen Intensitäten. Auf meinen Abenteuern muss ich mich dagegen eher bremsen.“

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So will Çoban Verletzungen auf langen Distanzen vermeiden

Welche drei Dinge sollte man beachten, wenn man ein längeres Laufabenteuer möglichst ohne Verletzung bewältigen möchte?
„Erstens: gut vorbereitet sein. Ultralaufen erlebt gerade einen Boom. Viele wollen zu schnell zu viel und verletzen sich. Der Körper braucht Zeit, um sich an solche Belastungen anzupassen. Zweitens: die Beinmuskulatur gezielt stärken. Kräftige Muskeln entlasten die Gelenke, die bei langen Distanzen besonders gefordert werden. Drittens: die Umfänge langsam steigern und die eigenen Grenzen kennenlernen. Man sollte körperlich auf die Belastung vorbereitet sein. Das Mentale entwickelt sich dann mit der Erfahrung. Wichtig ist außerdem, Schmerzen richtig einzuordnen. Zu Beginn meines Türkei-Laufs hatte ich starke Belastungsschmerzen und bin zeitweise gehumpelt. Viele hätten an diesem Punkt vielleicht aufgehört. Durch frühere Erfahrungen wusste ich jedoch, dass es sich nicht um eine Verletzung handelte. Mein Physiotherapeut sagte damals: ‚Lauf weiter, dein Körper wird sich daran gewöhnen.‘ Das klingt verrückt, hat in diesem Fall aber funktioniert. Mit der Zeit entwickelt man ein besseres Körpergefühl und lernt, wann man weitermachen kann und wann eine Pause nötig ist.“

Nach all diesen Erfahrungen: Was steht bei Ihnen in den kommenden Wochen und Monaten noch an?
„Ideen für neue Abenteuer habe ich genug. Das ist etwas, das ich an meinem Sport besonders liebe: Ich kann kreativ sein und mir meine eigenen Herausforderungen schaffen. Es gibt viele Orte auf der Welt, von denen wir schon gehört haben, über die wir aber nur wenig wissen. Peru war für mich so ein Beispiel und eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Aktuell arbeiten wir am Dokumentarfilm zu ‚Homerun‘. In den nächsten ein bis zwei Jahren werden auf jeden Fall mehrere neue Abenteuer folgen.“

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