Gesundheitspartner
von FITBOOK

Der Fitnessprof erklärt

Muss ich meinen HRV-Wert kennen, um richtig zu trainieren?

Herzfrequenz-Illustration
Die Herzfrequenzvariabilität (kurz: HRV) meint die physiologischen Schwankungen der Herzfrequenz, die durch Veränderungen der Intervalle Zwischen den einzelnen Herzschlägen zustande kommen
Foto: Getty Images

Viele Hersteller von intelligenten Wearables und Herzfrequenzsystemen haben eine sogenannte HRV-Messung in ihre Trainingsteuerung integriert. Sie soll dafür sorgen, dass der Sportler sich „nur“ seiner derzeitigen Situation entsprechend belastet. Der Fitnessprof erklärt, ob das sinnvoll ist.

Von Prof. Dr. Stephan Geisler

Zunächst sollten wir mal darüber sprechen, was das überhaupt ist…?! Die Herzfrequenzvariabilität (englisch heart rate variability, kurz: HRV) meint die physiologischen Schwankungen der Herzfrequenz, die durch Veränderungen der Intervalle Zwischen den einzelnen Herzschlägen zustande kommen.

Rückschlüsse auf den Erregungszustand des Herzens

Jetzt fragen Sie sich vielleicht, wie, zwischen den Herzschlägen? Ja, genau. Sie haben bestimmt schon mal die graphische Aufzeichnung eines EKG (Elektrokardiogramm) bei ihrem Arzt gesehen? Da wird Ihnen dort eine extreme Menge an unterschiedlich hohen Strichen (wie man es von einem Lügendetektor in Hollywood-Filmen kennt) aufgefallen sein. Diese Hebungen haben alle einen Namen (P, Q, R, S, T). Wichtig für die HRV ist vor allem die R-Zacke dieser Grafik. Man misst den zeitlichen Abstand der R-Zacken zueinander (RR-Abstand) und kann dadurch Rückschlüsse auf den Erregungszustand des Herzens bzw. die „Gemütslage Ihres Autonomen Nervensystems) machen. Dies wird schon seit vielen Jahren in der Medizin eingesetzt, um evtl. Unregelmäßigkeiten des Herzens oder Risiken aufzudecken.

Zustand des Trainierenden in Ruhe

Bei einer angespannten Lage des Nervensystems, verkürzen sich diese Intervalle durch eine gesteigerte Sympathikus-Aktivität (der Teil des Nervensystems, der für Aktivität und Leistung zuständig ist). Wo hingegen bei Entspannung eher das parasympathische Nervensystem (Teil des Systems, der für Entspannung und Ruhe zuständig ist) aktiv ist. Dies kann man durch eine Messung der HRV relativ genau messen und auf den Zustand des Trainierenden (in Ruhe) interpretieren.

Auch interessant: So (un)genau messen Fitnesstracker den Puls

Bei der Messung kommt es schnell zu Ungenauigkeiten

Viele Hersteller von intelligenten Wearables und Herzfrequenzsystemen haben dies erkannt und in Ihre Trainingsteuerung integriert. Sie sollen dafür sorgen, dass der Sportler sich „nur“ seiner derzeitigen Situation entsprechend belastet. Aus gesundheitlicher Sicht ein durchaus vernünftiger Gedanke!

Auch interessant: Der Fitnessprof erklärt – Warum Sie unbedingt Pyramidentraining machen sollten

Immer mehr Fitnessstudios bieten auch solche Messungen schon ihren Kunden an, um auf mögliche Stress-Gefahren hinzuweisen. In Anbetracht der Tatsache, dass Stress einer der Haupt-Risikofaktoren unserer modernen Zivilisation darstellt, ebenfalls gar keine so schlechte Idee. Hier sollte man allerdings beachten, dass es bei solchen empfindlichen Messungen sehr schnell zu Ungenauigkeiten kommen kann und im Fitnessclub generell ja keine klinischen Laborbedingungen herrschen. Daher rate ich bei Verdacht eher den Arzt aufzusuchen.

Fazit

Ob ein Training, welches durch die HRV-Messung gesteuert wird, effektiver ist, vermag ich leider nicht zu bewerten, aber eine solche Steuerung ist für die Gesundheit und die Sensibilität für Ihren Stress sicher nicht verkehrt. Wenn Sie mich allerdings fragen, ob man unbedingt eine solche Methode anwenden MUSS, ist die Antwort leider NEIN, denn eine gute Selbstreflektion und ein gutes Körpergefühl beim Ausdauersport ist immer noch die beste Trainingssteuerung!

Auch interessant: Der Fitnessprof erklärt – was bedeutet eigentlich „Push-Pull“-Training? 

Zur Person: Prof. Dr. Stephan Geisler ist Professor für Fitness und Gesundheit an der IST-Hochschule in Düsseldorf und Dozent für Olympisches Gewichtheben an der Deutschen Sporthochschule Köln. Dort promovierte er auch im Bereich der molekularen Sportmedizin. Sein Schwerpunkt in Forschung und Lehre liegt im Krafttraining. Er bildet seit über 15 Jahren Studenten und Fitnesstrainer aus und ist Autor verschiedener internationaler Fachpublikationen. Auf seinem YouTube-Kanal Fitnessprofessor und bei Facebook gibt er Tipps und Tricks für Sportler und Trainer. Mehr vom Fitnessprof finden Sie hier!