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Skisprung-Olympiasieger im Interview

Martin Schmitt: „Vom Trainings- aufs Wettkampfgewicht zu kommen, ist eine eigene Kunst“

Martin Schmitt, Skisprung-Trainer
Martin Schmitt ist Olympiasieger und mehrfacher Weltmeister im Skispringen. Mittlerweile ist er Nachwuchstrainer und Talent-Scout beim Deutschen SkiverbandFoto: picture alliance / sampics / Stefan Matzke

Bei der nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Oberstdorf kämpfen die deutschen Skisprung-Asse um Medaillen. Doch wie wird man eigentlich Skispringer? Wie trainiert man, wie ernährt man sich und was für ein Typ muss man eigentlich sein, um diesen waghalsigen Sport ausüben zu können? Diese Fragen kann wohl kaum einer besser beantworten als Martin Schmitt.

Deutschlands bester Skispringer ist derzeit Karl Geiger. Bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften in Oberstdorf holte er bereits einen kompletten Medaillensatz – Bronze von der Großschanze, Silber von der Normalschanze und mit dem Mixed Team sogar Gold. TV-Experte Martin Schmitt zeigte sich mächtig beeindruckt von der Leistung – und er muss es wissen. Martin Schmitt zählt zu den erfolgreichsten deutschen Skispringern der Geschichte. Er ist Olympiasieger, vierfacher Weltmeister und sorgte zusammen mit Sven Hannawald für einen unvergesslichen Skisprung-Hype um die Jahrtausendwende.

Der 43-Jährige ist mittlerweile Nachwuchstrainer und Talent-Scout im Deutschen Skiverband (DSV) und TV-Experte. Außerdem führt der Schwarzwälder, der mehr als 30 Jahre für den SC Furtwangen bei Wettkämpfen startete, mit seinem ehemaligen Schweizer Skisprung-Weggefährten Simon Ammann eine Sportmarketingagentur. Mit FITBOOK hat Martin Schmitt vor dem WM-Start darüber gesprochen, wie man eigentlich Skispringer wird, welche körperlichen und mentalen Voraussetzungen man braucht und was den Sport so faszinierend macht. 

FITBOOK: Herr Schmitt, wie alt waren Sie, als Sie mit dem Skispringen angefangen haben? 

Martin Schmitt: „Ich war recht früh dran. In der Regel fängt man im Alter von sechs bis zehn Jahren mit dem Skispringen an. Bei mir war es im Prinzip ein spielerischer Übergang vom normalen Alpin-Skifahren zum Skispringen. Ich bin mit drei Jahren zum ersten Mal auf Ski gestanden und konnte dann auch recht schnell ganz gut fahren. Mit sechs habe ich mich dann auf die erste Schanze getraut. Das war so eine, auf der man ungefähr 25 Meter springen kann. Natürlich ging’s am Anfang noch nicht so weit. Bei meinem ersten Wettkampf bin ich etwa zehn bis zwölf Meter gesprungen, auf Alpin-Ski allerdings. Ein Jahr später habe ich es dann auch mit Sprungski probiert.“

Ist das die Regel, dass junge Springer*innen zunächst mit Alpin-Ski anfangen? 

„Da gibt es unterschiedliche Meinungen und Herangehensweisen. Ich finde es jedenfalls sinnvoll, denn Voraussetzung sollte sein, dass man gut Skifahren kann. Wenn man dort eine Sicherheit entwickelt hat, fängt man auf der Piste an, über kleinere Hügel zu springen. Dann fällt auch der Übergang auf die Schanze nicht so schwer. Der Umstieg auf Sprungski ist dann natürlich noch mal etwas ganz anderes. Es ist schwer, wenn plötzlich an der Ferse die Fixierung der Bindung fehlt. Außerdem haben die Sprungschuhe nicht den festen Halt eines alpinen Skischuhs. Das ist am Anfang sehr ungewohnt.“

Das muss besonders bei der Landung problematisch sein, wenn das System wackliger ist. Wie oft stürzt man als junger Skispringer? 

„Ach, das geht eigentlich, so viele sind das nicht (lacht). Man tastet sich ja an den Sprung und die Weiten heran. Trotzdem ist die Erfahrung von Stürzen wichtig, damit man lernt, wie man sich in so einem Fall verhalten muss. Uns ist als Kinder immer gesagt worden: ‚Beim Stürzen immer lang machen!‘ – das heißt, den Körper strecken, damit es einen nicht ‚wickelt‘ und man den Hang einfach runterrutscht. Das hat sich bei schon so eingebrannt, dass ich auch bei späteren Stürzen immer den Reflex hatte: ‚Lang machen, Martin!‘ Skispringen lernen heißt eben auch: stürzen lernen.“

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Skispringen – benötigte Ausrüstung und Kosten

Kommen wir auf das Material zurück: Wo bekommt man denn als Anfänger eine Skisprung-Ausrüstung? Im Sportgeschäft findet man sie vermutlich nicht. 

„Heutzutage ist es relativ einfach, sich über Online-Shops der Hersteller das Material zu besorgen. Das war früher schon etwas schwieriger. Ein guter Anlaufpunkt sind natürlich auch die Vereine, die Skisprung-Abteilungen haben. Die können helfen, und oft wird das Material – vor allem Ski und Bindungen – auch vom Klub gestellt. Aber im Allgemeinen muss man zu Beginn seiner Karriere, wenn man noch keine Sponsoren hat, sein Material selbst bezahlen.“

Und was kostet so eine Ausrüstung

„Das variiert je nach Hersteller etwas. Eine Kinderausrüstung – bestehend aus Ski, Bindung, Schuhe, Anzug und Helm – liegt bei etwa 700 bis 800 Euro. Im Jugendbereich ist das dann schon deutlich teurer, im Rahmen von 1500 bis 2000 Euro. Allerdings ist man dann in der Regel bereits in der Förderung des Skiverbands, die große Teile der Kosten abfedert.“
 

Wie sieht es mit dem Anzug aus? Da wird ja im Erwachsenenbereich viel getüftelt – und bei Wettkämpfen kontrolliert, damit sie in bestimmten Bereichen nicht zu weit sind und sich somit ein Vorteil im Flug verschafft werden kann. 

„Im Schülerbereich wird bis circa 14 Jahren mit Anzügen in Einheitsgrößen gesprungen. So soll eine Materialschlacht bereits im jungen Alter verhindert werden. Später geht es dann mit individuell angefertigten bzw. angepassten Anzügen los. Der Faktor Anzug spielt ohnehin erst bei etwas größeren Schanzen eine gewisse Rolle für die Aerodynamik.“

Martin Schmitt: „Beim Skifliegen kitzelt es sogar bei den Weltcup-Athleten“

In welchem Alter wechselt man denn auf große Schanzen? 

„Mit sechs bis zehn Jahren springt man auf Schanzen, die Sprünge zwischen 20 und 40 Metern zulassen. Ab zehn Jahren geht es dann auf die 60-Meter-Schanze. Mit 14 Jahren war ich erstmals auf einer 90-Meter-Schanze, wenn ich mich richtig erinnere, und mit 16 auf der Großschanze (120 Meter, Anmerk. d. Red.).“ 

Und wie sieht es mit Skifliegen aus? 

„Das Skifliegen ist den Weltcup-Athleten vorbehalten. Das kann man tatsächlich auch nicht trainieren, denn die Anlagen sind vom Internationalen Skiverband (FIS) nicht freigegeben. Sie sind nur für die Weltcup-Veranstaltung – also das offizielle Training, die Qualifikation und den Wettkampf – geöffnet. Das ist auch der Grund, warum es da selbst bei den Athleten in der Weltspitze kitzelt, wenn es zum Skifliegen geht. Da fehlt die Routine, bei drei Skiflugveranstaltungen pro Saison kommen da maximal 30 Sprünge zusammen.“

Wie viele Sprünge macht man als Weltcup-Skispringer insgesamt während einer Saison? 

„Im Spitzenbereich sind es etwa 650 Sprünge im Jahr, also Vorbereitung und Wettkampfsaison. Das klingt nicht nach sonderlich viel, aber ein Sprungtraining ist sehr aufwändig und erfordert höchste Konzentration. Viel mehr packt man eigentlich nicht bzw. es bringt nichts mehr, da die Qualität leidet. Das ist meiner Ansicht nach auch ein Grund, warum Freud und Leid so nahe beieinander liegen im Skispringen. Es hängt auch mit der Anzahl der Übungswiederholungen zusammen. Verglichen mit anderen Sportarten machen wir sehr wenige Wiederholungszahlen. Ein Golfspieler macht 650 Schläge vermutlich an wenigen Tagen, ein Skifahrer vermutlich 650 Slalom-Schwünge an einem Tag. Da ist es einfacher, die Technik zu perfektionieren und sich Sicherheit zu holen, bzw. schwächere Wiederholungen mental abzuhaken.“

Skispringer Martin Schmit
Martin Schmitt beim Auftaktspringen der Vierschanzentournee in Oberstdorf im Dezember 2013Foto: Getty Images

Welche Fähigkeiten man fürs Skispringen mitbringen muss

Zur WM in Oberstdorf werden wieder viele Kinder vor den Fernsehern sitzen und die deutschen Skisprung-Stars um Karl Geiger anfeuern. Vielleicht wollen auch einige selbst Skispringer werden. Aber was, wenn man nicht unmittelbar in der Nähe eines der großen Skisprungzentren wohnt? 

„Es ist natürlich mit viel Fahrerei für die Eltern verbunden, aber ist gibt durchaus immer mal wieder Talente aus Regionen fernab der größeren Stützpunkte Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Berchtesgaden, Furtwangen, Oberhof oder Oberwiesental, die es ganz nach oben schaffen. Mit Stephan Leyhe hat zuletzt ein Hesse geschafft, sich im Weltcup zu etablieren. Allerdings liegt ab einem gewissen Alter bzw. Leistungsniveau der Wechsel auf ein Skiinternat nahe, um die bestmöglichen Trainingsbedingungen zu haben. Das schließt z. B. mit ein, dass auch für das Sommertraining eine große Schanze mit Matten zur Verfügung steht.“

Als Talent-Scout und Trainer sind Sie in die Nachwuchsarbeit des Deutschen Skiverbands fest eingebunden. Welche Fähigkeiten müssen Sportler*innen fürs Skispringen mitbringen? 

„Ich versuche immer, den ganzen Sportler zu sehen. Jeder hat Stärken in unterschiedlichen Bereichen. Die einen haben zum Beispiel eine super Anfahrtsposition und einen starken Absprung, andere haben schon eine gut ausgeprägte Flugtechnik und ein Gespür für den Luftangriff, wissen wie man wann reagieren muss. In diesen Fällen kann man von einem gewissen Talent fürs Skispringen sprechen. Mindestens genauso wichtig ist aber die ganze Einstellung zum Sport. Da sind vor allem in jungen Jahren noch große Unterschiede zu erkennen: Die einen sind schon etwas weiter, die anderen brauchen halt noch etwas länger, bis der Groschen fällt.“

Apropos Einstellung: Muss man ein bisschen verrückt sein, um diesen Sport auszuüben? 

„Also ein bisschen Draufgängertum und ein bisschen Überwindungsfähigkeit braucht man schon beim Skispringen (lacht).“

Martin Schmitt: „Manchmal muss man mit Sportlern Gespräche übers Gewicht führen“

Und wie sieht es mit der Statur aus? „Leicht fliegt weit“ ist ja nun kein Geheimnis. Aber können junge Athleten ihre körperliche Entwicklung soweit steuern, dass es fürs Skispringen passt, oder hat man gegen die Gene keine Chance? 

„Bis zu einem gewissen Punkt kann man die Entwicklung steuern, aber irgendwann sind selbstverständlich Grenzen gesetzt, die man nicht beeinflussen kann und auch nicht sollte. Das Thema Körpergewicht ist natürlich immer präsent. Besonders bei Schülern und Jugendlichen muss man da ganz behutsam vorgehen. Wenn ich zum Beispiel die Eltern von jungen Springern sehe, und da steht ein 1,90-Meter-Mann vom Typ Zehnkämpfer vor mir, dann denke ich für mich vielleicht schon: ‚Puh, wird vermutlich schwierig für den Jungen irgendwann.‘ Aber auch hier zählt zunächst, ob er Spaß am Springen hat und die Einstellung passt. Wenn das stimmt, wird er unterstützt. Wo die Reise dann am Ende hingeht, wird man eh erst später sehen. Wir führen jedenfalls keine Auswahl aufgrund des Körperbaus durch.“

Vermutlich regelt sich das irgendwann eh von allein…

„Sagen wir mal so: Es ist mir noch kein Springer mit 85 Kilogramm entgegengekommen, der sich im Weltcup behaupten kann. Aber es gibt schon Sportler, mit denen man Gespräche führen muss, weil man weiß, dass es mit dem Gewicht eigentlich nicht funktionieren kann. Da müsste man so viel besser springen als alle anderen, um das auszugleichen. Und das wird ganz, ganz schwer. Aber auch hier: Das Körpergewicht oder die Körpergröße an sich sind nicht alles entscheidend. Diese Faktoren beeinflussen aber das ganze Flugsystem. Und um das optimal zu gestalten, muss ich mich eben in einem gewissen Korridor bewegen, was Gewicht und Größe angeht. Es bedingt sich gegenseitig.“

Gibt es auch Ausnahmeathleten, die es selbst mit etwas ungünstigeren Voraussetzungen schaffen? 

„Allerdings. Ein Beispiel ist Andi Wank (Mannschaftsolympiasieger 2014, Anmerk. d. Red.). Der ist 1,90 Meter groß, hat aber gezeigt, dass man auch als schwerer Springer gut mithalten kann, wenn man entsprechend arbeitet. Durch seine Athletik und enorme Sprungkraft hat er es geschafft sich mehr als zehn Jahre im Weltcup zu behaupten. Hätte er einen anderen Sport gemacht, wäre seine körperliche Entwicklung vermutlich eine ganz andere gewesen, hin zu einem muskelbepackten Oberkörper beispielsweise. Den braucht man allerdings beim Skispringen nicht, also wird er auch nicht trainiert, um ihn schön schlank und leicht zu halten.“

Die typischen Trainingsinhalte eines Skispringers

Was steht denn auf dem Trainingsplan eines Skispringers? 

„Zu den Klassikern im Training eines Skispringers zählen Kniebeugen zum Kraftaufbau der Beinmuskulatur und verschiedene Sprungformen. Zum Beispiel Squat Jumps aus der Anfahrtsposition, also ein Sprung aus der statischen Position bei einem Kniewinkel von 70 Grad, um die Explosivkraft zu trainieren. Und Countermovement Jumps. Dabei startet man aus der Position mit gestreckten Beinen, geht durch Beugung der Knie in die Hockposition und springt nach der schnellstmöglichen Umkehrbewegung wie beim Squat Jump nach oben. Der so provozierte muskuläre Reiz bietet vor allem Top-Athleten noch Möglichkeiten, die Leistung beim Absprung zu verbessern.“

Gibt es da dann auch Mindestanforderungen, die ein Skispringer erreichen muss? 

„Squat Jumps und Countermovement Jumps mit und ohne Zusatzgewicht sind fester Bestandteil von Konditionstests. Dort wird die Leistung auf der Kraftmessplatte geprüft. Im Alter von 15 Jahren springen Nachwuchsathleten beim Squat Jump ohne Ausholbewegung ungefähr 50 Zentimeter hoch, ein Top-Springer wie Karl Geiger etwa 60 Zentimeter und ein ‚Athletik-Monster‘ wie der bereits erwähnte Andreas Wank über 70 Zentimeter. Wobei die Höhe der Sprünge nicht allein das ausschlaggebende Kriterium ist – die kann man sich nämlich durch den nicht gewünschten letzten Abdruck über den Fußballen erschleichen –, sondern die Muskelleistung in der Streckbewegung. Schließlich springt man von der Schanze auch nicht mit komplett durchgestreckten Beinen ab. Das gäbe Probleme, die Ski vom Tisch in den Flug zu führen.“ 

Gibt es neben Kraft und Sprungkraft noch etwas, was Skispringer besonders intensiv trainieren? 

„Eine gute Rumpfstabiltät ist Voraussetzung, um eine saubere Flugposition einnehmen und gut reagieren zu können. Außerdem wird viel an der Beweglichkeit gearbeitet. Die braucht man zum Beispiel für eine optimale Anfahrtsposition. Hauptsächlich geschieht das durch klassisches Dehnen, manche machen auch Yoga.“

Wie unterscheidet sich das Training von Nachwuchssportler*innen und Top-Athleten? 

„Im Jugendbereich hängt viel davon ab, wie weit der Athlet oder die Athletin von der körperlichen Entwicklung schon ist. Bei einigen kann schon Sprungkraft-Training mit Zusatzgewicht erfolgen, andere brauchen noch etwas Zeit und fokussieren sich auf das Erlernen einer sauberen Bewegungsausführung. Es geht immer Technik vor Gewicht! Wir Skispringer betreiben eine so präzise und sensible Sportart, entsprechend stark liegt der Fokus auf einem korrekten Bewegungsablauf.“

Krafttraining mit Gewicht ist eine recht intensive Belastung. Zu intensiv für junge Sportler?

„Während man früher im Schüler- und Jugendbereich komplett auf Krafttraining mit Gewicht verzichtet hat, baut man es mittlerweile behutsam mit ein, weil man vor allem als Jugendlicher dort schon enorme Erfolge erzielen und die Technik lernen kann – beispielsweise wie man eine saubere Kniebeuge mit Langhantel ausführt. Und selbst wenn keine Hantel im Spiel ist, können die Belastungsspitzen bei bestimmten Sprungformen recht hoch sein, z. B. wenn man von einem Kasten springt. Es erfordert für mich als Nachwuchstrainer ein hohes Maß an Sensibilität. Das richtige Heranführen an Übungen und Belastungen ist entscheidend, damit der Körper auf spätere Belastungen vorbereitet ist.“

Im Februar 2002 feiern Martin Schmitt (l.) und Sven Hannawald die Goldmedaille im Team bei Olympia in Salt Lake CityFoto: Getty Images

Ex-Skispringer Martin Schmitt: „Auf mein Wettkampfgewicht zu kommen, war schwer“

Kommen wir zum Thema Ernährung. Was müssen Skispringer da beachten? 

„Auch hier versuchen wir, die jungen Athleten heranzuführen, und lassen z. B. von einer Ernährungsberaterin auf Lehrgängen die grundlegenden Faktoren einer Sporternährung erklären. Die Basics sollte man schon als junger Athlet lernen und verstehen. Da geht es aber nicht ums Kalorienzählen, sondern um eine gesunde Ernährung im Allgemeinen.“

Ist Magersucht ein Thema, wenn jedes Gramm beim Körpergewicht über die Weite entscheidet?

„Das Thema Magersucht spielt bei uns keine große Rolle, in den letzten 20 Jahren sind mir eigentlich auch keine Fälle bekannt. Es gibt im Skispringen schon seit vielen Jahren eine BMI-Regel: Wenn ich einen BMI unter 21 habe, wird die Skilänge gekürzt, d.h. ich verliere Auftriebsfläche. Auch wenn manche Athleten freiwillig etwas kürzere Skier springen, so fehlt doch der Anreiz immer noch leichter zu werden. Trotzdem wissen wir natürlich, dass das Gewicht eine wichtige Rolle spielt und damit auch Gefahren verbunden sein können. Entsprechend sind wir für dieses Thema sensibilisiert.“

Die Themen Ernährung und Gewichtsmanagement werden in der Weltspitze aber mitunter schon extremer gehandhabt, oder? 

„Wenn es darum ging, auf mein Wettkampfgewicht zu kommen, das war schon immer schwer. Da musste ich mich richtig anstrengen. Ich habe seit meinem Karriereende nicht wahnsinnig zugenommen. Bei einer Größe von 1,81 Meter wiege ich jetzt 71 Kilogramm – also normal-schlank würde ich da sagen. Mein Wettkampfgewicht war allerdings bei 64 Kilo, während der Vorbereitung habe ich mit etwa 67 Kilogramm trainiert. Vom Trainings- aufs Wettkampfgewicht zu kommen, war dann schon immer eine Herausforderung – Nudeln abwiegen etc. Es war fast schon sowas wie eine eigene Kunst. Man muss seinen Körper gut kennen – wie er auf bestimmte Nahrung zu bestimmten Zeiten in bestimmten Mengen reagiert – und verschiedene Dinge ausprobieren.“

Also kein Ernährungsplan für alle, an dem man sich orientieren kann

„Nein, das ist eine sehr individuelle Angelegenheit, da gibt es nicht die perfekte Ernährungsform für alle oder das perfekte Verhältnis von Eiweiß, Kohlenhydraten und Fett. Manche Springer müssen sich satt essen und lassen dafür lieber eine andere Mahlzeit komplett weg. Für mich wäre das nichts gewesen, ich brauchte immer ein bisschen was. Auf Vorrat essen konnte ich nicht.“

Das heißt, keine Experimente wie z. B. vor einem wichtigen Wettkampf gar nichts essen, um leichter zu sein? 

„Ich persönlich hab sowas nicht gemacht, weil mir das definitiv nicht gutgetan hätte. Ich brauchte mein gutes Basisgewicht und musste mich wohl, fit und explosiv fühlen. Auf keinen Fall hätte ich da in einer Art Hungerast-Gefahr sein dürfen. Ein guter Wettkampf ohne das Gefühl von Energie – unmöglich.“ 

Hintergrund: Der Begriff „Hungerast“ ist insbesondere unter Leistungssportlern geläufig. Er bezeichnet den Zustand eines massiven Leistungsabfalls aufgrund einer Unterzuckerung bzw. schlechten Energieversorgung durch Nahrung bei gleichzeitiger sportlicher Belastung. Die Blutzuckerwerte fallen ab, der Körper kann keine Leistung mehr abrufen. Aus dem Ausdauersport kennt man auch die Begrifflichkeit „wenn der Mann mit dem Hammer kommt“. Er schlägt einen nieder, nichts geht mehr.

Der (nicht) perfekte Sprung

Wenn Sie an so einen Wettkampf voller Energie zurückdenken: Was macht den perfekten Sprung aus?

„Der perfekte Sprung? Schwierig – und noch schwieriger, zu reproduzieren. Wir Skispringer streben einen automatisierten Bewegungsablauf an, bei welchem man nicht mehr groß nachdenken muss, sondern alles mit voller Überzeugung und Energie laufen lassen kann. Durch solche Automatismen erreiche ich die höchste Qualitätsstufe eines Sprungs. Aber der Grat auf dem Skispringen optimal funktioniert, ist sehr schmal. Kleine Störungen im System bringen alles durcheinander und man muss alles neu justieren. Aber das macht das Springen ja auch so faszinierend.

Diese Faszination scheint Wettkampfsportlern vorbehalten. Oder kann man Skispringen eigentlich auch hobbymäßig betreiben?  

„Auf manchen Anlagen ist das möglich. Man muss sich anmelden und eine Schanzengebühr bezahlen und dann kann es losgehen. Es wird vermutlich nirgends nur für eine Person die Anlage aufgesperrt, aber prinzipiell ist es möglich. In Norwegen ist das zum Beispiel sehr beliebt. Da treffen sich dann auch die etwas älteren Herren, sagen wir mal so 50 plus, in voller Montur zum Hobbyspringen, auch wenn der Anzug schon ein bisschen spannt. Unten am Lift wird die Thermoskanne deponiert – und dann schön sieben, acht Sprünge von der Schanze. Und gut is‘! Richtig cool!“

Mein Sprung von der 60-Meter-Schanze
Alexandra Grauvogl, FITBOOK-Redakteurin
„Ich war fast 15 Jahre Mitglied der Deutschen Ski-Nationalmannschaft und davon mehrere Jahre im Abfahrts-Weltcup unterwegs, später dann im Skicross. Ich liebe Geschwindigkeit und das Springen auf Ski! Zur Vorbereitung im Sommer gehörten damals Sprung-Trainings auf den Skisprungschanzen in Berchtesgaden und Garmisch-Partenkirchen. So sollten wir eine kompakte und stabile Flugposition für Sprünge bei Abfahrts- und Super-G-Rennen trainieren. In Berchtesgaden stand ich zum ersten Mal auf einer 60-Meter-Schanze, mit 2,10 Meter langen Abfahrtsski und Stöcken. Als einziger Schutz mit dabei: Helm und Rückenprotektor. Den Moment, als ich im Sprungturm oben auf dem Podest stand, kurz bevor die Ski nach vorne in die kerzengerade Keramikspur kippten, werde ich nie vergessen. Das Herz pochte wie wild, schließlich gab es ab dem Moment, in dem man in der Spur war, kein Zurück – kein Bremsschwung, kein Abbruch kurz vor der Kante. Meine Horror-Vorstellung war es, nicht über den flachen Teil des Landehügels hinauszukommen und voll einzuschlagen. Als mich dann fest entschlossen nach vorne kippen ließ, war es Adrenalin pur: rein in die Abfahrtshocke, in wenigen Sekunden auf etwas 80-90 km/h beschleunigen, die Ski flattern in der Keramikspur, der Schanzentisch kommt näher, die Kante ist da, ich springe leicht ab und ziehe die Beine an, die Hände zu den Bindungen – ein Wahnsinnsgefühl in der Luft! Anders als bei so manchen Sprüngen auf Skihängen trägt es einen auf einer Skisprungschanze schön sanft nach vorne raus und man segelt den steilen Landehang entlang, mit einem im ersten Moment erschreckenden Luftstand, aber daran gewöhnt man sich. Mein „Flug“ endete zwar bereits nach knapp 40 Metern mit einer halbwegs stabilen Landung auf den grünen Matten (ohne Telemark, geht ja auch nicht in den harten Skischuhen). Ich fühlte mich aber, als hätte ich soeben einen Schanzenrekord aufgestellt. Als ich im Gras zum Stehen kam, konnte ich es es kaum erwarten, so schnell wie möglich wieder hoch zu kommen!“

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