6. Mai 2026, 20:57 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Der Weg in den Spitzensport ist selten gradlinig. Oft sind es einzelne Momente, die alles verändern – ein Gefühl, eine Entscheidung, ein Perspektivwechsel. Bei Louisa Lippmann war es genau dieser Mix, der sie vom klassischen Hallenvolleyball schließlich in den Sand geführt hat. Im Interview mit FITBOOK spricht die 31-Jährige über ihren Antrieb, mentale Stärke und warum sie heute bewusster trainiert als je zuvor.
„Das will ich machen“ – der Startschuss für den Profisport
FITBOOK: Erinnern Sie sich an den Moment, in dem Ihnen klar wurde: Volleyball oder Beachvolleyball wird mein Weg?
Louisa Lippmann: „Im Volleyball hat alles ganz klassisch angefangen: Ich habe zunächst mit Freunden gespielt, einfach aus Spaß. Parallel habe ich auch Leichtathletik gemacht und hatte schon früh Ehrgeiz im Sport. Der entscheidende Moment kam, als ich nach Bielefeld in meinen Jugend- und Ausbildungsverein gewechselt bin. Dort wurde mir zum ersten Mal gespiegelt, dass mehr in mir steckt – Stichwort Internat und Bundeskader. Das hat in mir sofort etwas ausgelöst. Ich wusste damals noch gar nicht genau, was das alles bedeutet, aber ich hatte direkt das Gefühl: Das will ich machen. Als ich dann meine Schnupperwoche im Internat hatte, hat sich das bestätigt. Ich bin mit fünfzehn dorthin gegangen und kurz darauf sechzehn geworden. Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Man ist plötzlich unter vielen Gleichgesinnten, alle verfolgen ähnliche Ziele, und man beginnt, sich stark über den Sport zu definieren. Für mich war das der Einstieg in den Profisport.“
Vom Hallenfokus zur neuen Perspektive im Sand
Und Beachvolleyball spielte zunächst keine große Rolle?
„Nein, ich habe mich lange ganz klar als Hallenspielerin gesehen. Beachvolleyball war eher etwas, das ich interessant fand, aber nicht als meinen eigenen Weg. Ein wichtiger Impuls war der Olympiasieg von Laura Ludwig und Kira Walkenhorst 2016. Mich hat beeindruckt, mit welcher Ausstrahlung und welchem Fokus sie gespielt haben. Man hat gespürt, dass das eine andere Dimension von Leistungssport ist. Durch die Zusammenarbeit mit Jürgen Wagner kam später mehr Kontakt zum Beachvolleyball. Der eigentliche Wendepunkt kam aber erst in der Corona-Zeit. Hallensport war kaum möglich, und ich habe in Hamburg Beachvolleyball ausprobiert. Zunächst ohne klare Entscheidung, eher aus Neugier. Die endgültige Entscheidung kam erst später, als ich mich gefragt habe, was ich in meiner Karriere noch erreichen möchte. Im Sand habe ich einfach mehr Entwicklungsmöglichkeiten gesehen – vor allem auch im mentalen Bereich.“
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„Ich höre heute viel stärker auf meinen Körper“
Wie sieht Ihre Trainingswoche heute aus?
„Ich trainiere in der Regel sechs Tage pro Woche. Meist habe ich eine Balleinheit am Tag, dazu kommen zwei Krafteinheiten und mehrere Stabilisations- und Athletikeinheiten. In der Vorbereitung sind auch Ausdauereinheiten dabei, die ich ehrlicherweise nicht besonders gerne mache. Der Großteil des Trainings findet am Olympiastützpunkt statt. Zu Hause fällt es mir schwer, mich zusätzlich zu motivieren. Wenn man ohnehin täglich trainiert, braucht man auch bewusst Phasen, in denen man abschaltet.“
Was machen Sie heute anders als zu Beginn Ihrer Karriere?
„Ich höre heute viel stärker auf meinen Körper. Früher habe ich einfach gemacht, was auf dem Plan stand. Heute habe ich ein viel besseres Gefühl dafür, was ich brauche, wo meine Grenzen liegen und wann es sinnvoll ist, einen Schritt zurückzugehen. Dieses Körpergefühl entwickelt sich über Jahre. Man lernt, Belastung besser einzuschätzen und auch die Signale des Körpers ernst zu nehmen. Ich trainiere heute deutlich bewusster und individueller als noch mit Anfang zwanzig.“
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Lippmann über ihren Umgang mit Leistungsdruck
Welche Fähigkeiten entscheiden im Beachvolleyball über Erfolg oder Misserfolg?
„Viele denken zuerst an körperliche Voraussetzungen, aber ich würde sagen, die mentale Stärke ist ein ganz entscheidender Faktor. Im Beachvolleyball kann man sich nicht verstecken. Man ist nur zu zweit und in jede Aktion eingebunden. Körperlich sind Athletik und Ausdauer wichtig, vor allem bei Hitze und langen Ballwechseln im Sand. Aber genauso entscheidend sind Ballkontrolle, Spielverständnis und Kreativität. Es gibt nicht den einen perfekten Spielertyp – das macht den Sport auch so spannend.“
Wie gehen Sie mit Leistungsdruck um – gerade vor großen Turnieren?
„Ich bin grundsätzlich ein sehr nervöser Mensch vor Wettkämpfen. Im Beachvolleyball habe ich das noch einmal intensiver erlebt als früher. Besonders bei großen Turnieren oder bei Olympia hat das eine ganz eigene Dynamik. Inzwischen sehe ich die Aufregung eher als etwas Positives. Sie zeigt mir, wie wichtig mir das ist. Entscheidend ist, sie anzunehmen und trotzdem fokussiert zu bleiben.“
„Wenn man es schafft, im Moment zu bleiben, wird vieles klarer“
Haben Sie dafür feste mentale Routinen?
„Ja, vor allem der positive Selbstdialog ist für mich ein wichtiges Tool geworden. Ich habe gelernt, wie stark die eigenen Gedanken die Leistung beeinflussen können. Außerdem versuche ich, mich immer wieder auf den nächsten Ball zu konzentrieren. Gerade unter Druck denkt man schnell zu weit voraus oder hängt noch an einer vorherigen Aktion. Wenn man es schafft, im Moment zu bleiben, wird vieles klarer und einfacher.“
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Regeneration, Ernährung und die unterschätzten Basics
Was halten Sie von Regenerationstrends wie Eisbaden oder Recovery Boots?
„Am wichtigsten ist für mich ein guter Physiotherapeut – das ist durch nichts zu ersetzen. Recovery Boots nutze ich auch, vor allem nach Spielen oder Reisen, das kann sehr angenehm sein. Eisbaden habe ich ausprobiert, aber für mich persönlich keinen großen Effekt gespürt. Viel entscheidender sind die Basics: ausreichend Schlaf, Beweglichkeit und auch mentale Erholung. Das wird oft unterschätzt.“
Welche Rolle spielt Ernährung für Sie?
„Eine große, aber sie hat sich über die Jahre entwickelt. Ich habe viel ausprobiert, unter anderem auch eine vegane Phase. Dabei habe ich gemerkt, was für mich funktioniert und was nicht. Ein wichtiger Punkt war, überhaupt genug zu essen. Durch den hohen Trainingsumfang hatte ich einen großen Energieverbrauch, und das hat sich auch körperlich bemerkbar gemacht. Heute achte ich auf eine ausgewogene, eher pflanzenbasierte Ernährung und versuche, stark verarbeitete Lebensmittel zu reduzieren. Gleichzeitig finde ich, dass Ernährung auch Genuss bleiben muss. Ich verbiete mir nichts – es geht um Balance.“
„Man sollte Geduld mitbringen“ – das rät Louisa Lippmanns dem Nachwuchs
Welchen Rat würden Sie jungen Mädchen geben, die vom Profisport träumen?
„Dass sie auf ihr Bauchgefühl hören und die Freude am Sport nicht verlieren. Gerade am Anfang ist es wichtig, dass die Motivation von innen kommt und nicht von außen. Man sollte den Sport nicht aus Druck heraus machen, sondern weil man ihn wirklich liebt und sich darin entfalten möchte. Gleichzeitig ist ein gutes Umfeld entscheidend. Menschen, die einen unterstützen, motivieren und an einen glauben, machen einen enormen Unterschied – gerade in schwierigen Phasen. Denn die gehören zwangsläufig dazu. Allein ist dieser Weg kaum zu schaffen. Und man sollte Geduld mitbringen. Entwicklung verläuft nicht linear, es gibt Rückschläge und Zweifel. Wichtig ist, dranzubleiben und Vertrauen in den eigenen Weg zu behalten.“