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Extremläufe über 600 und 400 Kilometer

Mediziner zu Arda Saatçi und Rachel Entrekin: »Außergewöhnlich und fernab jeder gesunden Belastung

Arda Saatçi und Rachel Entrekin
Extremläufer Arda Saatçi und Ultraläuferin Rachel Entrekin leisteten Ungewöhnliches. Was machen solche Läufe mit dem Körper? Foto: Getty Images, picture alliance/dpa/Red Bull Content Pool | Cameron Moon, Anadolu, Collage: FITBOOK
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Anna Echtermeyer
Redakteurin

12. Mai 2026, 14:46 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Der eine lief 600 Kilometer durch die USA, die andere hängte bei einem 400-Kilometer-Lauf alle Männer ab: US-Ultraläuferin Rachel Entrekin und der Berliner Extremläufer Arda Saatçi haben zuletzt Außergewöhnliches geleistet. Für den Körper bedeuten solche Extremläufe eigentlich nichts Gutes: Einerseits befindet er sich in einem permanenten Abbau-Modus, in dem er weiter leisten muss – gleichzeitig steigt die Gefahr für gefährliche Herzrhythmusstörungen. Zwei Mediziner erklären es genauer.

Unbeschreiblich stark – aber „fernab jeder gesunden Belastung“

Millionen verfolgten den Lauf von Arda Saatçi, feiern ihn als mentale und körperliche Ausnahmeleistung: 600 Kilometer durch die Hitze des Death Valley, 6.000 Höhenmeter, kaum Schlaf, ein Körper im Dauerbetrieb. Ein anderer aktueller Rekord, um den es weniger medialen Wirbel gab: Die US-Läuferin Rachel Entrekin gewann ein 400-Kilometer-Rennen mit 12.000 Höhenmetern durch Arizona – mit nur rund 19 Minuten Schlaf (das Rennen heißt Cocodona 250). So unterschiedlich ihre Leistungen sind, am Ende läuft es medizinisch auf dasselbe hinaus. „Das ist fernab jeder gesunden Belastung“, sagt der Kardiologe Dr. med. Christopher Schneeweis.

Stoffwechsel und Muskeln im Abbau-Modus

„600 Kilometer unter diesen extremen Bedingungen von Death Valley sind unbeschreiblich stark“, sagt der Sportmediziner und Facharzt für Innere Medizin Enrico Zessin. Das Energiedefizit, welches sich bei Saatçi während seines Laufs durch die Wüste angehäuft hat, schätzt er auf mehrere Tausend Kilokalorien. Selbst bei regelmäßiger Nahrungsaufnahme kann ein solcher Bedarf nicht gedeckt werden. Eigentlich würde der Körper in einer solchen Situation Energie sparen, Prozesse drosseln. Genau das passiert aber nicht.

Saatçi war 123 Stunden unterwegs, Entrekin 56 Stunden. Ihren Körpern blieb damit nichts anderes übrig, als Substanz abzubauen, statt sie zu reparieren. Kataboler Muskelzustand heißt dieser Abbau-Modus, in dem sich beide tagelang befanden. In diesem kommt es laut Zessin dann „zu einem deutlichen Verlust von Proteinen, Mineralien und der Fettmasse“.

Der Substanzverlust betrifft aber nicht nur die Energiereserven. Es geht auch Muskulatur verloren: Die Kraft schwindet. In der Muskulatur, in den Sehnen und Gelenken entstehen Mikroverletzungen. Besonders kritisch ist der Angriff auf den Gelenkknorpel. Strukturen ermüden, die Verletzungsanfälligkeit steigt. Krämpfe werden immer wahrscheinlicher. Zessin spricht von „schmerzhaften Kontraktionen“.

Hohes Risiko für Herzrhythmusstörungen

Beim Herz wird die Lage unklarer – und kritischer. Ein Lauf, wie ihn Arda Saatçi hinter sich gebracht hat? Kardiologe Christopher Schneeweis weiß: Unter solchen Extrembedingungen gerät das Herz-Kreislauf-System unter massiven Stress. Eine zentrale Rolle spielen dabei Flüssigkeitsverlust und verschobene Elektrolyte. Das sind Mineralstoffe im Blut, die den Herzrhythmus stabil halten. Hier würden „Herzrhythmusstörungen, teilweise auch durch Elektrolytverschiebungen bis hin zu sehr schwerwiegenden Herzrhythmusstörungen“ drohen. Es wird berichtet, dass Saatçi zwischenzeitlich mit hohem Puls und Halluzinationen kämpfte.

Gerade in Kombination mit Hitze und Dehydrierung – Saatçi kämpfte mit Temperaturen von bis zu fünfzig Grad Celsius in der Wüste – steige das Risiko zusätzlich. „Da kann man nur hoffen, dass der Teilnehmer medizinisch vorher gut durchgecheckt wurde“, sagt Schneeweis. Ohne umfassende, engmaschige medizinische Betreuung, wie es sie in diesem Fall glücklicherweise gab, wäre so etwas aus Sicht des Mediziners unverantwortlich.

Auch interessant: Extrem-Läuferin: »Wie ich in der Wüste beinahe innerlich ertrank

Herz pumpt weniger effizient

Für das Herz an sich stellt ein Ultramarathon mit mäßigem Tempo wie bei Arda Saatçi – in den Laufphasen soll er zwischen 6:10 und 7:30 Minuten pro Kilometer gebraucht haben, den Rest ging er – laut Sportwissenschaftler Enrico Zessin eine „moderate Belastung“ dar. Allerdings: „Mit Beeinträchtigung der Herzfunktion.“ Was heißt das?

Die Forschung würde zeigen, dass solche Dauerbelastungen das Herz messbar beeinflussen. „Es zeigten sich ein geringeres Schlagvolumen, ein geringeres linksseitiges diastolisches Volumen und eine geringere Ejektionsfraktion“, erklärt Zessin. Heißt: Das Herz pumpt vorübergehend weniger effizient.

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Folgen des Schlafmangels

Extreme Mehrtagesbelastungen bringen aber noch einen weiteren wichtigen, limitierenden Faktor mit: kaum Zeit zur Erholung. Zessin gibt an, dass Arda kurze Schläfchen von ca. 90 Minuten umgesetzt hat, um Tief- und REM-Schlafphasen zu durchlaufen. Was sich jeder denken kann: Das reicht dem Körper natürlich nicht, um sich wirklich zu erholen und stabilisieren zu können.

Aus sportmedizinischer Sicht führt die mehr oder weniger nicht vorhandene Regeneration zu einem deutlichen Leistungsabfall, der die Koordinationsfähigkeit und Bewegungspräzision beeinträchtigt. Mit zunehmender Erschöpfung steigt deshalb das Risiko für Stürze und Verletzungen deutlich.

Weil Schlafmangel überdies ein starker Stressfaktor für den Körper ist, gerät er auch hormonell unter Druck. Laut Sportmediziner Zessin wird der Cortisolspiegel stark erhöht. Dadurch werden Reparaturprozesse gebremst. Auch das Immunsystem fährt runter. Der Körper kommt aus dem Alarmmodus nicht mehr heraus.

Was das langfristig bedeutet, ist (bislang noch) offen

Klar ist: Der Körper braucht Wochen, um sich zu stabilisieren. Laut Zessin dauert es zwei bis vier Wochen, bis der Körper die mechanischen Schäden und den Hormonhaushalt wieder im Griff hat.

Nach dem Ziel ist das Immunsystem so am Boden, dass die Athleten in den ersten Tagen extrem infektanfällig sind. Ruhe und schneller Energieausgleich sind jetzt lebenswichtig.

Während die kurzfristigen Effekte gut beschrieben sind, bleiben die langfristigen Folgen solcher Extrembelastungen weitgehend unklar. Kardiologe Christopher Schneeweis spricht diese Unsicherheit auch an: „Zu dem Thema gibt es keine Langzeitstudien.“

Hinweise aus der Forschung legen nahe, dass sich bei Ausdauersportlern mit sehr hohem Trainingspensum Veränderungen an den Herzkranzgefäßen zeigen. Über Jahre hinweg könne sich die Anzahl sogenannter Koronarplaques erhöhen – also Ablagerungen in den Gefäßen, die das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen beeinflussen können. Als mögliche Ursache im Gespräch ist der dauerhafte mechanische Stress auf die Gefäßwände.

In einer kleinen Studie hat sich gezeigt: Bei Athleten mit bereits bestehenden Plaques nahmen diese nach einem solchen Lauf zu. Bei denjenigen ohne Plaques hat sich hingegen nichts verändert. Gleichzeitig stiegen bei allen Teilnehmern Entzündungsmarker an.1

Was das langfristig bedeutet, ist offen.

Quellen

  1. Lin, J., DeLuca, J., Lu, M. et al. (2017). Extreme Endurance Exercise and Progressive Coronary Artery Disease. JACC. ↩︎

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