19. Mai 2026, 20:51 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Ein langer Tag im Büro, danach noch ein paar Erledigungen und die eine oder andere Freizeitaktivität – da kann das Abendessen schon einmal später ausfallen. Doch dies kann sich als tückisch erweisen und der Grund sein, warum man zunimmt. Wie sich spätes Essen genau im Körper auswirkt, zeigt eine Studie.
Wie wichtig ist es, wann man die letzte Mahlzeit des Tages konsumiert?
Wer gelegentlich bei einem Film auf der Couch ein spätes Abendessen genießt, muss wohl nicht gleich befürchten, übergewichtig zu werden. Die letzte Mahlzeit des Tages aber dauerhaft nach hinten zu verschieben, scheint mit negativen Einflüssen auf das Körpergewicht und die Gesundheit einherzugehen.1,2 Doch warum ist das so? Dem gingen Forscher der Harvard Universität auf den Grund und zeigten dabei, wie schlecht spätes Essen offenbar wirklich ist – u. a. fürs Kalorienverbrennen.
Aufbauend auf früheren Forschungsergebnissen, die Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen spätem Essen und Übergewicht lieferten, arbeiteten die Forscher aus Harvard 2022 an einem besseren Verständnis dieses Zusammenhangs. „Wir wollten die Mechanismen untersuchen, die erklären könnten, warum spätes Essen das Adipositasrisiko erhöht“, erklärte der Hauptautor Frank Scheer in einer Universitätsmitteilung.3 Er ist Professor für Medizin und Direktor des Medical Chronobiology Program in der Abteilung für Schlaf- und zirkadiane Störungen am Brigham and Women‘s, dem Lehrkrankenhaus der Harvard Medical School. „In dieser Studie haben wir die Frage gestellt, ob die Zeit, zu der wir essen, eine Rolle spielt, wenn alles andere gleich bleibt“, ergänzte Erstautorin Nina Vujović, Forscherin im Medical Chronobiology Program.
Teilnehmer mussten zu unterschiedlichen Uhrzeiten essen
In ihrer Untersuchung wendeten die Forscher ein Studiendesign an, das es ihnen ermöglichte, die Effekte von früher und später am Tag essen, zu isolieren, um sicherzustellen, dass keine anderen Faktoren eine Rolle bei den Untersuchungsergebnissen spielten. Zu diesem Zweck ließen sie 16 übergewichtige und adipöse Probanden (gemessen an ihrem BMI) zweimal ein Experiment durchlaufen: einmal für „frühes Essen“ und einmal für „spätes Essen“. Die Reihenfolge wurde per Zufall bestimmt.4
Der Ablauf sah in beiden Fällen gleich aus. Die Teilnehmer hielten zunächst zwei bis drei Wochen feste Schlaf- und Wachzeiten ein. Dabei kontrollierten die Wissenschaftler auch genau, wie aktiv sie körperlich waren. Im Anschluss ernährten sich die Probanden drei Tage lang strikt gemäß vorgegebener Diäten und Essenszeitpläne. Die Mahlzeiten waren in beiden Studienrunden identisch.
Nur die Uhrzeiten, zu denen sie gegessen wurden, änderten sich. Im frühen Essensprotokoll nahmen die Teilnehmenden ihre Mahlzeiten eine Stunde, fünf Stunden und zehn Minuten sowie neun Stunden und zwanzig Minuten nach dem Aufwachen zu sich. Im späten Essensprotokoll wurden dieselben Mahlzeiten jeweils um 250 Minuten – also rund vier Stunden – nach hinten verschoben.
Während der Studie ging es für die Probanden mehrfach ins Labor. Dort führten sie selbst Protokolle über ihren Hunger und ihren Appetit. Ferner analysierten die Wissenschaftler mehrmals am Tag ihre Blutproben und maßen Körpertemperatur und Energieverbrauch. Bei einer kleinen Untergruppe entnahmen die Forscher zudem in beiden Studienrunden (früh vs. spät) Biopsien des Fettgewebes. Anhand der Analyse dieser konnten sie Aussagen darüber treffen, ob und inwieweit sich verschiedene Essenszeiten auf die Art und Weise auswirken, wie der Körper Fett speichert.
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Die Ergebnisse
Tatsächlich lieferte die Studie einige ernüchternde Ergebnisse für Menschen, die gerne spät essen. Die negativen Effekte dieser Angewohnheit machten sich direkt auf dreifache Weise im Körper der untersuchten Probanden bemerkbar.
Auswirkung auf den Hunger
So zeigten die Auswertung der Protokolle und die Analyse der Proben, dass spätes Essen tiefgreifende Auswirkungen auf den Hunger und die appetitregulierenden Hormone Leptin und Ghrelin hatte. Diese beeinflussen das Verlangen, zu essen. Insbesondere der Spiegel des Hormons Leptin, das Sättigung signalisiert, war unter den Bedingungen des späten Essens über 24 Stunden hinweg niedriger als beim früheren Essen.
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Spätes Essen schlecht fürs Kalorienverbrennen
Beim späteren Essen verringerten sich zudem der Energieverbrauch im Wachzustand und die Körperkerntemperatur. Beides Belege dafür, dass die Teilnehmer, wenn sie später aßen, weniger Kalorien verbrannten.
Körper speichert mehr Fett
Schließlich hatte das späte Essen auch Auswirkungen auf die Fettspeicherung. So ergab die Analyse der Biopsien des Fettgewebes Hinweise für eine erhöhte Fetteinlagerung (Adipogenese) und einen verringerten Fettabbau (Lipolyse).
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Aktuelle Studien kommen zu einem ähnlichen Ergebnis
Auch neuere Untersuchungen weisen in eine ähnliche Richtung. Eine Auswertung von Daten der US-Gesundheitsstudie NHANES mit 7379 Erwachsenen und älteren Menschen ergab: Erwachsene, deren letzte Mahlzeit besonders spät lag – im Schnitt gegen 22 Uhr –, hatten häufiger abdominelle Adipositas, also vermehrtes Bauchfett, als Personen mit früherer letzter Mahlzeit. Zudem war ein tägliches Essensfenster von mehr als zwölf Stunden bei Erwachsenen mit mehr Bauchfett verbunden.5
Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 fasst außerdem zusammen, dass spätes Essen und eine gestörte innere Uhr Stoffwechselprozesse wie Insulinsensitivität, Hungerregulation und Fettspeicherung ungünstig beeinflussen können. Umgekehrt könnten Essensfenster früher am Tag die Gewichtskontrolle sowie den Zucker- und Fettstoffwechsel unterstützen. Da ein Teil der Daten aus Beobachtungsstudien stammt, zeigen diese Befunde aber vor allem Zusammenhänge – keinen endgültigen Beweis für Ursache und Wirkung.6
Lieber früher als später essen?
Die Mahlzeiten auf einen späteren Zeitpunkt am Tag zu verschieben, ist laut aktueller Studienlage also definitiv keine gute Idee. Denn es hat negative Auswirkungen auf diverse Prozesse im Körper, die regulieren, wie gut wir Nahrung verwerten. Da spätes Essen offenbar schlecht fürs Kalorienverbrennen und den Fettabbau und zudem weniger sättigend ist, schlussfolgern die Forscher, dass es generell das Risiko für Adipositas erhöhen könnte. Im Umkehrschluss scheint es ratsam zu sein, das Abendessen früher zu sich zu nehmen, um auf Dauer Übergewicht zu vermeiden.