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Studie zeigt

Picky-Eater-Kinder entwickeln häufiger Autismus, ADHS und Epilepsie

Kann „picky eating“ bei Kindern harmlos sein – oder auf ein Problem hinweisen?
Kann Picky Eating bei Kindern harmlos sein – oder auf ein Problem hinweisen? Foto: Getty Images
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4. Dezember 2025, 4:01 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten

Vermutlich kennen viele Eltern diese Situation: Man steht in der Küche, hat mit Mühe ein vollwertiges Gericht zubereitet – doch das Kleinkind schiebt den Teller weg, rümpft die Nase oder probiert nicht einmal. Gemüse? Nein, danke. Neues Essen? Lieber nicht. Picky Eating ist größtenteils harmlos und verliert sich mit der Zeit. Hält wählerisches oder selektives Essverhalten jedoch über Jahre an, kann es auf ein tiefer liegendes Problem hinweisen. Eine Studie zeigt nun: Picky Eating bei Kindern kann mit Entwicklungsverzögerungen, neurologischen Erkrankungen oder psychischen Auffälligkeiten zusammenhängen.

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Weshalb Picky Eating im Raum steht

Im Mittelpunkt der norwegischen Untersuchung stand die Frage, wie verbreitet vermeidendes oder stark eingeschränktes Essverhalten in der frühen Kindheit ist. Gleichzeitig wollten die Forscher herausfinden, wie sich dieses Verhalten im Laufe der Jahre entwickelt und ob es mit medizinischen oder psychischen Auffälligkeiten einhergeht. Außerdem wurde untersucht, ob genetische Faktoren eine Rolle dabei spielen.

Die Ergebnisse überraschen: Bei rund einem Drittel der Kinder wurden Symptome festgestellt, die auf ARFI hindeuten – die medizinische Kurzform für „Avoidant/Restrictive Food Intake“, also vermeidendes oder restriktives Essverhalten. Je nach Ausprägung reichte das Spektrum von vorübergehend vermindertem Appetit bis hin zu deutlich eingeschränktem Essverhalten, das mit Nährstoffdefiziten oder Entwicklungsverzögerungen verbunden war.

So wurde das Essverhalten der Kinder erfasst

Die Daten stammen aus der sogenannten MoBa-Kohorte, einer norwegischen Langzeitstudie, in der Familien über viele Jahre hinweg begleitet werden. Für die aktuelle Auswertung wurden 35.751 Kinder berücksichtigt, die zwischen 1999 und 2009 geboren wurden.1 Dabei machten die Mütter Angaben zum Essverhalten ihrer Kinder, und zwar jeweils im Alter von drei und acht Jahren. Zusätzlich wurden Daten aus norwegischen Gesundheitsregistern herangezogen, die ärztlich dokumentierte Diagnosen enthielten. Dazu gehörten etwa Entwicklungsverzögerungen, neurologische Erkrankungen oder psychische Auffälligkeiten.

Die Forscher unterschieden mehrere Ausprägungen des Essverhaltens:

  • Zum einen erfassten sie Kinder, die Symptome eines eingeschränkten Essverhaltens zeigten – unabhängig davon, ob diese medizinisch relevant waren. Diese Gruppe wurde als „ARFI-breit“ bezeichnet.
  • Eine zweite, engere Definition, „ARFI-klinisch“, schloss nur Kinder ein, bei denen zusätzlich mindestens ein medizinischer Hinweis auf eine Essstörung, einen Nährstoffmangel oder ein auffälliges Körpergewicht vorlag.

Zudem analysierte man, ob das Verhalten nur vorübergehend war – also nur mit drei Jahren auftrat –, ob es später neu hinzukam oder über beide Zeitpunkte hinweg bestehen blieb. Kinder, bei denen das auffällige Essverhalten sowohl mit drei als auch mit acht Jahren beobachtet wurde, wurden der Gruppe mit „persistierendem ARFI“ zugeordnet.

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ARFI ist kein Randphänomen, sondern betrifft viele Kinder

Die Ergebnisse der Analyse machen deutlich, dass es sich bei ARFI nicht um eine seltene Ausnahme handelt. Vielmehr zeigte sich ein breites Spektrum an Auffälligkeiten in der untersuchten Kindergruppe. Genauer gesagt, wiesen sechs Prozent der Kinder ein dauerhaftes vermeidendes Essverhalten auf. Damit sind Symptome gemeint, die sowohl im Alter von drei als auch im Alter von acht Jahren auftraten. Weitere 18 Prozent zeigten das Verhalten nur im früheren Alter, während bei acht Prozent die Auffälligkeiten erst mit acht Jahren begannen.

Insgesamt hatte etwa jedes dritte Kind eine Form von ARFI-bedingtem Essverhalten. Das allein macht deutlich, wie verbreitet das Phänomen ist. Zusätzlich kommt hinzu, dass bei ca. sechs Prozent der Kinder nicht nur das Verhalten selbst auffällig war, sondern sich auch bestimmte medizinische Merkmale zeigten: darunter starkes Untergewicht, dokumentierte Nährstoffmängel oder bereits gestellte Essstörungsdiagnosen. Diese Kinder wurden zur Gruppe „ARFI-klinisch“ gezählt.

Welche Folgen Picky Eating langfristig haben kann

Kinder, die über längere Zeit auffällig beim Essen waren, unterschieden sich in mehreren Punkten deutlich von Gleichaltrigen mit unauffälligem Essverhalten. Bei ihnen traten häufiger Sprachverzögerungen auf, motorische Schwierigkeiten waren verbreiteter, und auch im sozialen Umgang zeigten sich häufiger Probleme. Viele dieser Kinder waren emotional weniger stabil, hatten Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit und reagierten empfindlicher auf Veränderungen im Alltag. Insgesamt wirkten sie oft weniger anpassungsfähig, hielten stärker an bestimmten Abläufen fest oder wiederholten bestimmte Verhaltensmuster immer wieder.

Medizinisch betrachtet waren sie ebenfalls deutlich stärker belastet. Diagnosen wie ADHS oder Autismus kamen bei Kindern mit persistierendem ARFI doppelt so häufig vor wie bei den übrigen Kindern. Über fünf Prozent von ihnen erhielten eine Autismus-Diagnose – gegenüber knapp zwei Prozent in der Vergleichsgruppe. Auch die Raten für Epilepsie, Entwicklungsverzögerungen oder kognitive Einschränkungen waren erhöht.

Diese Ergebnisse zeigen klar: ARFI ist nicht nur eine „Essmacke“, sondern in vielen Fällen Ausdruck oder Teil umfassenderer Entwicklungsbesonderheiten.

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Je länger die Symptome bestehen, desto höher das Risiko für Begleitprobleme

Kinder, die nur vorübergehend – also im Alter von drei Jahren – wählerisch beim Essen waren, hatten deutlich seltener Begleitprobleme als die, bei denen sich das Verhalten über Jahre hinweg hielt. Besonders auffällig war die Gruppe mit persistierendem ARFI – also Kindern, die sowohl mit drei als auch mit acht Jahren betroffen waren. Sie schnitten in fast allen untersuchten Entwicklungsbereichen schlechter ab. Das zeigt: Nicht jede Essphase ist gleich ein Grund zur Sorge – entscheidend ist, wie lange das Ganze anhält und ob noch andere Auffälligkeiten dazukommen.

Auch das Erbgut beeinflusst, wie Kinder essen

Ein weiterer zentraler Teil der Studie war die genetische Analyse. Dabei wurden die Daten von Kindern mit und ohne ARFI auf Unterschiede im Erbgut untersucht. Die Auswertungen ergaben: Acht bis 16 Prozent des Risikos für ARFI lassen sich durch genetische Faktoren erklären – ein moderater, aber signifikanter Anteil.

Besonders im Fokus stand das Gen ADCY3, das bereits aus früheren Studien bekannt ist.2 Es spielt eine Rolle bei der Appetitregulation und ist mit einem erhöhten Risiko für Fettleibigkeit, aber auch mit olfaktorischer Wahrnehmung und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen assoziiert.3 In der aktuellen Studie zeigte sich: Bestimmte Varianten dieses Gens traten bei Kindern mit klinisch relevantem ARFI deutlich häufiger auf.

Die genetischen Analysen zeigten auch Überschneidungen mit anderen Merkmalen – darunter kognitive Fähigkeiten, Bildungsniveau, bestimmte Essvorlieben und Erkrankungen wie ADHS oder Zöliakie. Das unterstreicht: Essverhalten entsteht nicht ausschließlich durch äußere Einflüsse. Auch genetische Faktoren tragen messbar dazu bei.

Warum Eltern sich nicht selbst die Schuld geben sollten

Lange galt wählerisches Essverhalten bei Kindern als Erziehungsthema – etwas, das man mit mehr Konsequenz oder klareren Regeln in den Griff bekommt. Die aktuellen Daten zeigen jedoch ein deutlich komplexeres Bild. Familiäre Strukturen und der Umgang mit Essen spielen zwar eine Rolle, reichen als Erklärung aber nicht aus. In vielen Fällen tragen auch biologische, medizinische oder entwicklungsbedingte Faktoren dazu bei, dass das Verhalten bestehen bleibt oder sich sogar verstärkt.

Eltern, die sich mit einem scheinbar „unmöglichen Esser“ konfrontiert sehen, sollten sich also nicht automatisch selbst die Schuld geben. Stattdessen ist es wichtig, genau hinzuschauen: Ist das Verhalten eine Phase – oder ein Muster, das über Jahre anhält und sich womöglich auf andere Lebensbereiche ausweitet?

Einschränkungen der Studie

Trotz ihres Umfangs hat auch diese Studie klare Grenzen. So konnten nicht alle Kriterien der offiziellen ARFID-Diagnose erfasst werden – wie psychosoziale Belastungen oder Einschränkungen im Alltag durch das gestörte Essverhalten. Die Einordnung beruhte ausschließlich auf Fragebögen und mütterlichen Angaben, was die Daten grundsätzlich anfällig für Verzerrungen macht.

Hinzu kommt, dass nur Kinder europäischer Abstammung in die genetischen Analysen einbezogen wurden. Wie gut sich die Ergebnisse auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen lassen, bleibt offen. Auch die relativ geringe Teilnahmequote – nur etwa 41 Prozent der angeschriebenen Familien machten mit – kann die Aussagekraft einschränken. Zusätzlich gab es über die Jahre einen gewissen Teil an Studienteilnehmern, die nicht bis zur letzten Erhebungswelle dabeiblieben.

Nicht zuletzt fehlt eine systematische Erfassung der sozialen oder familiären Folgen des Essverhaltens, z.B. wie stark Eltern im Alltag belastet sind oder ob sich Spannungen beim Thema Ernährung langfristig auf die familiäre Dynamik auswirken. Auch der Blick über die Kindheit hinaus fehlt: Ob sich ARFI im Jugend- oder Erwachsenenalter legt, wandelt oder weiterbesteht, lässt sich auf Basis der vorliegenden Daten nicht sicher sagen.

Fazit: Nicht jedes mäkelige Kind ist auffällig – aber frühes Hinsehen hilft

Die norwegische Studie liefert wichtige Erkenntnisse darüber, wie häufig selektives Essverhalten bei Kindern vorkommt und wann es problematisch werden kann. Zwar sind Phasen mit eingeschränktem Appetit in der Kindheit nichts Ungewöhnliches. Doch wenn sich das Verhalten über Jahre hinwegzieht oder mit Entwicklungsproblemen einhergeht, sollte man genauer hinsehen.

Quellen

  1. Bjørndal, LD., Corfield, EC., Hannigan, LJ. et al. (2025). Prevalence, Characteristics, and Genetic Architecture of Avoidant/Restrictive Food Intake Phenotypes. JAMA Pediatr.  ↩︎
  2. Grarup, N., Moltke, I., Andersen, M.K. et al. (2018). Loss-of-function variants in ADCY3 increase risk of obesity and type 2 diabetes. Nat Genet ↩︎
  3. Devasani, K., Yao, Y. (2022). Expression and functions of adenylyl cyclases in the CNS. Fluids Barriers CNS  ↩︎

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