27. November 2025, 3:56 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
In einer großangelegten Studie mit über 51.000 Schwangeren fanden Forscher heraus, dass eine Schilddrüsenunterfunktion während der Schwangerschaft das Risiko für Autismus deutlich erhöht. Gleichzeitig zeigt die Studie, wie sich dieses Risiko vermeiden lässt.
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Frauen sind häufiger von Schilddrüsenunterfunktion betroffen als Männer
Rund fünf Prozent der Deutschen leiden an einer Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose).1 Besonders häufig betroffen sind Frauen und Senioren. Von einer Schilddrüsenunterfunktion spricht man, wenn zu wenig des Hormons Thyroxin gebildet wird. Dies führt zu einer Verlangsamung des Stoffwechsels, wodurch Symptome wie Schwäche und Müdigkeit, aber auch Konzentrationsstörungen, Teilnahmslosigkeit bis zu Depressionen auftreten können. Eine aktuelle Studie aus Israel zeigt, dass sich der Hormonmangel nicht nur bei den Betroffenen negativ auswirkt.2 Laut den verantwortlichen Forschern erhöht sich durch ein Schilddrüsenhormon-Ungleichgewicht während der Schwangerschaft das Autismus-Risiko bei den Neugeborenen.
So lief die Studie ab
Wissenschaftler vom israelischen „Soroka University Medical Center“ analysierten die Daten von mehr als 51.000 Geburten aus der „Clalit Health Services“-Datenbank. Darin wurden insgesamt 51.296 Geburten zwischen Januar 2011 und Dezember 2017 registriert.
Von den untersuchten werdenden Müttern hatten 4409 Frauen (8,6 Prozent) eine gestörte Schilddrüsenfunktion. Die Auswertung der Daten ergab, dass Mütter, die während der Schwangerschaft unter einem anhaltenden oder unbehandelten Ungleichgewicht der Schilddrüsenhormone litten, ein höheres Risiko hatten, Kinder mit Autismus zu bekommen. Je länger die Schilddrüsenfunktionsstörung über die Trimester der Schwangerschaft hinweg anhielt, desto höher war das Risiko.
Wie äußert sich Autismus?
Autismus ist eine vielschichtige Erkrankung, die die Art und Weise, wie eine Person kommuniziert, mit anderen umgeht und ihre Umgebung interpretiert, beeinflusst. Betroffenen fällt es schwer, zwischenmenschliche Interaktionen richtig zu deuten. Auch das Lesen von Gesichtsausdrücken und das Entwickeln von Empathie fällt Personen mit Autismus schwer. Sie verstehen oft keine Ironie oder Doppeldeutigkeiten und meiden in der Regel Körperkontakt.
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Studienautor zu FITBOOK: »Schwangere mit normalen Schilddrüsenhormonwerten haben das geringste Autismus-Risiko für ihr Kind
Doch neben der schlechten Nachricht haben die Forscher auch eine gute parat. Frauen, die ihre Schilddrüsenunterfunktion mit den entsprechenden Hormonen behandelten, hatten nämlich kein erhöhtes Risiko für Nachkommen mit Autismus. „Unseren Daten zufolge haben Schwangere mit normalen Schilddrüsenhormonwerten das geringste Risiko, ein Kind mit Autismus zu bekommen, verglichen mit Frauen mit abnormalen Schilddrüsenhormonwerten“, erklärt Dr. Idan Menashe, einer der Studienautoren, auf FITBOOK-Nachfrage.
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Schilddrüsencheck in der Schwangerschaft sollte Routine sein
Menashe unterstreicht deshalb die Bedeutung einer routinemäßigen Schilddrüsenfunktionsuntersuchung und einer rechtzeitigen Behandlung während der gesamten Schwangerschaft. In westlichen Ländern sei diese Routineuntersuchung ohnehin üblich, so der Wissenschaftler.
Studienautor über Einschränkungen der Studie und was Forschung nun angehen sollte
Menashe zu FITBOOK: „Die zwei Haupteinschränkungen unserer Studie sind: Uns lagen keine Daten zur Behandlung von Frauen mit Schilddrüsenproblemen vor. Daher können wir nicht feststellen, ob die beobachtete Ungleichgewichtung der Schilddrüsenhormonwerte auf eine fehlende oder unwirksame Behandlung zurückzuführen ist.“ Die zweite Haupteinschränkung: „Obwohl es sich um eine relativ umfangreiche Studie handelt, ist sie aufgrund der geringen Fallzahl von Autismus eingeschränkt, da wir den Zusammenhang zwischen Autismus und selteneren Schilddrüsenerkrankungen (z. B. Hyperthyreose) nicht untersuchen konnten.“
Trotz Einschränkungen: Diese Studie zeigt mal wieder, wie wichtig die Gesundheit der Mutter für ihr Neugeborenes ist. Zukünftige Forschung sollte laut Menashe daher die molekularen Mechanismen erforschen, „die den Zusammenhängen zwischen Schilddrüsenproblemen während der Schwangerschaft und Autismus bei den Nachkommen zugrunde liegen, um zu verstehen, wie ein Ungleichgewicht im Hormonsystem zu neurokognitiven Entwicklungsstörungen führt“.
Meine Schilddrüse und ein wichtiger Satz für später
„Seit vor kurzem bei mir wieder eine Unterfunktion festgestellt wurde, nehme ich das Thema Schilddrüse ganz anders wahr als früher. Anfangs war es nur eine Tablette am Morgen, etwas, das sich leicht in den Alltag einfügt. Doch in einem aktuellen Gespräch sagte mir mein Arzt einen Satz, der sich eingebrannt hat: ‚Ihre Schilddrüse sollte spätestens vor einer Schwangerschaft stabil eingestellt sein – währenddessen können wir nur sehr begrenzt eingreifen.‘
Mir war vorher nicht bewusst, wie sensibel der Körper in dieser Zeit reagiert. Wie sehr kleine hormonelle Schwankungen entscheiden können, wie man sich fühlt. Und wie wichtig es ist, dass alles schon davor im Gleichgewicht ist. Dieser Gedanke begleitet mich seitdem: die Vorstellung, dass mein Körper im entscheidenden Moment vorbereitet sein muss. Kein Nachjustieren, kein Abwarten.
Deshalb ist es mir wichtig zu betonen, dass die Behandlung wirklich individuell abgestimmt sein sollte. Jede Schilddrüse reagiert anders, jede Lebensphase stellt neue Anforderungen. Was mir gesagt wurde, gilt nicht automatisch für alle. Aber es zeigt, wie wichtig eine enge Absprache mit dem eigenen Arzt ist. Besonders dann, wenn irgendwann ein Kinderwunsch im Raum steht.“