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ARFID

Diese Essstörung trifft Kinder – und kaum einer kennt sie

Bei ARFID kann bereits der Geruch oder Anblick bestimmter Speisen Stress oder starken Ekel auslösen.
Bei ARFID kann bereits der Geruch oder Anblick bestimmter Speisen Stress oder starken Ekel auslösen. Foto: Getty Images
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Julia Freiberger
Redakteurin

7. Januar 2026, 19:23 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Die meisten Eltern kennen diese Situation vermutlich. Der Teller wird weggeschoben, die Nase gerümpft, das Essen kaum angerührt. Schon der Geruch oder der Anblick bestimmter Speisen kann reichen, um jede Mahlzeit zur Belastung zu machen. Was auf den ersten Blick nach wählerischem Essen aussieht, kann in Wahrheit ernstere Gründe haben. In solchen Fällen kann eine Essstörung vorliegen, die lange kaum bekannt war: ARFID.

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Was ist ARFID?

Hinter der Abkürzung der Fachdiagnose steckt eine Essstörung, die den Alltag vieler Familien bestimmt. ARFID bedeutet „Avoidant Restrictive Food Intake Disorder“, was auf Deutsch eine vermeidende oder restriktive Störung der Nahrungsaufnahme bedeutet. Gemeint ist ein Essverhalten, bei dem Kinder ihre Nahrung stark einschränken – sei es in der Menge, in der Auswahl oder in beidem. Anders als bei Magersucht oder Bulimie geht es dabei nicht um Körpergewichtskontrolle. Das Aussehen spielt keine Rolle. Das Problem ist das Essen selbst.

Während einige Kinder auf bestimmte Konsistenzen oder Gerüche mit starkem Ekel reagieren, fürchten andere das Verschlucken oder Erbrechen. Wieder andere verlieren zunehmend das Interesse am Essen. In vielen Familien bleibt am Ende nur eine kleine Auswahl an Lebensmitteln, die das Kind überhaupt noch akzeptiert. Alles andere wird gemieden. Oft schon beim bloßen Anblick.1

Die Essstörung beginnt meist im Kindesalter

Erste Auffälligkeiten zeigen sich oft früh, etwa dann, wenn neue Lebensmittel eingeführt werden oder wenn Kinder sich an andere Konsistenzen gewöhnen sollen. Während sich wählerisches Essverhalten bei vielen Kindern mit der Zeit legt, bleibt die Ablehnung bei ARFID bestehen und verstärkt sich häufig schrittweise.

Gleichzeitig zeigt sich immer deutlicher, dass ARFID nicht an ein bestimmtes Körpergewicht gebunden ist. Lange richtete sich der Blick vor allem auf Kinder mit Untergewicht. Inzwischen wird jedoch klar: Entscheidend ist nicht, wie ein Kind aussieht, sondern wie stark Essen mit Stress, Angst oder Ekel verbunden ist.2

Auch interessant: Picky-Eater-Kinder entwickeln häufiger Autismus, ADHS und Epilepsie

Warum ARFID oft mit wählerischem Essen verwechselt wird

Viele Kinder lehnen zeitweise bestimmte Speisen ab. Sie greifen lieber zu Nudeln als zu Gemüse, meiden Mischkonsistenzen oder bestehen auf immer gleichen Gerichten. Dieses Verhalten gehört zur kindlichen Entwicklung und ist in der Regel unproblematisch.

Bei ARFID verhält es sich jedoch anders. Hier bleibt die Einschränkung nicht nur bestehen, sondern wirkt sich zunehmend auf den Alltag aus. Kinder essen so eingeschränkt, dass gesundheitliche Probleme entstehen oder das Familienleben deutlich leidet. Deshalb meiden viele Familien Geburtstage, Ausflüge oder Klassenfahrten, weil Essen überall eine Rolle spielt. Genau diese schleichende Entwicklung erschwert die Einordnung und sorgt dafür, dass ARFID häufig erst spät erkannt wird.

Lange galt die Essstörung als selten. Inzwischen deuten Schätzungen jedoch darauf hin, dass ARFID häufiger vorkommt als angenommen. Fachleute gehen davon aus, dass etwa 5 bis 14 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit einer Essstörung von ARFID betroffen sind. Damit zeigt sich: Unter Kindern mit bestehenden Essstörungen spielt ARFID bei einem relevanten Anteil eine Rolle. Gerade weil die Erkrankung nicht sofort auffällt, bleibt sie im Alltag dennoch oft unerkannt.3

Warum genaue Zahlen fehlen

Auch wenn es erste Schätzungen zur Einordnung gibt, bleibt vieles unklar. Wie viele Menschen insgesamt von ARFID betroffen sind, lässt sich bislang nicht verlässlich sagen. Das liegt auch daran, dass die Essstörung noch vergleichsweise jung ist. Erst im Jahr 2013 wurde ARFID in einem US-amerikanischen Diagnoseleitfaden erstmals als eigenständige Erkrankung beschrieben. Seit 2022 ist sie zudem in der internationalen Krankheitsklassifikation der Weltgesundheitsorganisation aufgeführt.

In Deutschland wird diese Klassifikation bislang jedoch noch nicht durchgängig genutzt. In der ärztlichen Praxis wird ARFID deshalb häufig unter den sonstigen Essstörungen erfasst. Das erschwert nicht nur die genaue Erfassung der Betroffenen, sondern auch die Versorgung.

Klar ist inzwischen jedoch, dass ARFID nicht auf eine bestimmte Altersgruppe begrenzt ist. Sowohl Kinder als auch Erwachsene können betroffen sein. Typisch bleibt dabei die starke Abwehr bestimmter Lebensmittel, etwa wegen ihres Geruchs, Geschmacks, ihrer Konsistenz oder ihres Aussehens. Viele Betroffene verspüren wenig Hunger oder Appetit oder entwickeln Ängste rund ums Essen. Für sie ist Essen kein Genuss, sondern eine dauerhafte Belastung.4

Wie gefährlich ist ARFID bei Kindern?

Ein dauerhaft eingeschränktes Essverhalten bleibt nicht ohne Folgen. Wenn wichtige Lebensmittelgruppen fehlen oder die Nahrungsmenge insgesamt zu gering ist, entwickeln sich Nährstoffmängel. Dazu zählen unter anderem Eisen- oder Vitaminmangel sowie Störungen des Knochenstoffwechsels. Bei Kindern kann außerdem das altersgerechte Wachstum ausbleiben oder sich deutlich verlangsamen.

Gleichzeitig belastet ARFID nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche. Viele betroffene Kinder wirken angespannt, schnell erschöpft oder ziehen sich zurück. Währenddessen dreht sich der Familienalltag immer stärker um das Thema Essen. Mahlzeiten werden geplant, Situationen vermieden und Sorgen wachsen. Dadurch wird ARFID zu einer Belastung, die weit über den Esstisch hinausgeht.

Mögliche Ursachen der Essstörung

ARFID hat selten nur eine Ursache – meist greifen mehrere Faktoren ineinander. Eine Rolle spielen sowohl individuelle Veranlagungen als auch psychische und soziale Einflüsse. Häufig bestehen Zusammenhänge mit Angststörungen oder neuroentwicklungsbedingten Besonderheiten wie Autismus-Spektrum-Störungen oder ADHS.

Hinzu kommen mitunter belastende Erfahrungen rund ums Essen. Starkes Erbrechen, ein Verschlucken oder schmerzhafte allergische Reaktionen können sich tief einprägen. In der Folge weitet sich die Angst vor dem Essen Schritt für Schritt aus, bis immer mehr Lebensmittel gemieden werden.5

Wie wird ARFID diagnostiziert?

Ärztinnen und Ärzte stellen die Diagnose anhand klarer Kriterien. Entscheidend ist, dass die eingeschränkte Nahrungsaufnahme zu spürbaren gesundheitlichen oder psychosozialen Folgen führt. Gleichzeitig schließen sie andere Ursachen aus, etwa körperliche Erkrankungen, kulturelle Essgewohnheiten oder andere Essstörungen. Außerdem darf kein verzerrtes Körperbild vorliegen.

Für Eltern ist die Kinderarztpraxis meist die erste Anlaufstelle. Dort lässt sich einschätzen, ob das Essverhalten noch im entwicklungsüblichen Rahmen liegt oder ob eine weiterführende Abklärung notwendig ist. Gerade dann, wenn kein Untergewicht vorliegt, wird ARFID im Alltag jedoch häufig fehlgedeutet. Umso wichtiger ist es, nicht nur auf die Waage zu schauen, sondern auch das Verhalten und die Belastung im Alltag zu berücksichtigen.

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Welche Behandlung hilft bei ARFID?

In der Behandlung hat sich vor allem eine psychotherapeutische Begleitung bewährt, häufig in Form einer kognitiven Verhaltenstherapie. Dabei lernen Kinder, ihre Ängste rund ums Essen schrittweise abzubauen. Gleichzeitig nähern sie sich neuen Lebensmitteln langsam und in einem geschützten Rahmen an.

Besteht bereits eine Mangelernährung oder ein deutliches Wachstumsproblem, ergänzt eine medizinische Betreuung die Therapie. Da ARFID den Alltag der gesamten Familie beeinflusst, beziehen Behandelnde Eltern häufig mit ein. Auf diese Weise lässt sich Druck aus den Mahlzeiten nehmen und wieder mehr Ruhe in den Alltag bringen.6

Fazit

ARFID bei Kindern ist mehr als eine Phase und mehr als besonders wählerisches Essen. Die Essstörung beginnt häufig früh und bleibt dennoch lange unerkannt. Gleichzeitig hängt sie nicht mit einer Kontrolle des Körpergewichts zusammen und lässt sich nicht allein am Körpergewicht erkennen. Wer Warnzeichen ernst nimmt und frühzeitig ärztlichen Rat sucht, kann gesundheitliche Folgen begrenzen – und Kindern helfen, Schritt für Schritt den Druck rund ums Essen zu verlieren.

Quellen

  1. Universitätsklinikum Leipzig. Wenn Essen eine Belastung ist. (aufgerufen am 07.06.2026) ↩︎
  2. MSD Manual. Vermeidende/restriktive Essstörung. (aufgerufen am 07.01.2026) ↩︎
  3. Nutricia. ARFID - Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder. (aufgerufen am 07.01.2026) ↩︎
  4. PZ. Wenn man essen will, aber nicht essen kann. (aufgerufen am 07.01.2026) ↩︎
  5. Apotheken Umschau. Essstörung ARFID – mehr als nur wählerisch beim Essen. (aufgerufen am 07.01.2026) ↩︎
  6. netDoktor. ARFID-Interview: Hilfe, mein Kind will nicht essen! (aufgerufen am 07.01.2026) ↩︎

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