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Lebensmittelkennzeichnung

Experte warnt: »Nutri-Score ist ein Wegweiser in die Fehlernährung

Lebensmittelverpackungen mit Nutri-Score drauf
Der Nutri-Score soll in der Theorie den Verbrauchern auf einfache Weise vermitteln, welche Produkte gesund und ungesund sind. Aber wie sinnvoll ist der Nutri-Score wirklich?Foto: Getty Images

Dem ein oder anderem wird bei näherer Betrachtung der Lebensmittelkennzeichnung namens Nutri-Score schon mal ein Fragezeichen über dem Kopf erschienen sein. Nicht selten sind Lebensmittel, die man als gesund abgespeichert hat, im Nutri-Score-Ranking schlechter bewertet als industriell verarbeitete Produkte. FITBOOK hat einen Experten gefragt, wie das sein kann und welchen Mehrwert der Nutri-Score für Verbraucher wirklich hat.

Eigentlich soll der Nutri-Score den Verbrauchern das gesundheitsbewusste Einkaufen erleichtern. Dabei soll durch eine Kennzeichnung von „A“ bis „E“ in Ampelfarben dargestellt werden, welchen Nährwert das Produkt hat. So zumindest die Theorie. Daraus, dass ein naturbelassener Käse einen schlechteren Score hat als ein hoch verarbeitetes Müsli, werden allerdings nur wenige schlau. Woran liegt das und wie sinnvoll ist es, beim Einkaufen auf den Nutri-Score zu achten? Ernährungswissenschaftler und Autor Prof. Dr. Nicolai Worm hat im Gespräch mit FITBOOK erklärt, was Verbraucher über den Score wissen sollten.

Die Berechnung des Nutri-Scores

Welchen Buchstaben ein Lebensmittel auf der Nutri-Score-Ampel erhält, hängt von der à la Nutri-Score berechneten „Nährwert-Punktzahl“ ab. Dieser funktioniert so, dass Energiegehalt und Gehalte von ernährungsphysiologisch vermeintlich „günstigen“ und „ungünstigen“ Nährstoffen miteinander verrechnet werden. Ballaststoffe, Eiweiß, der Gehalt an Nüssen, Hülsenfrüchten, Obst, Gemüse und ausgewählte Speiseöle werden als günstig eingestuft und die Energiedichte (viele Kalorien/100 g), der Gehalt von gesättigten Fettsäuren, Salz und Zucker als ungünstig.

Für eine Menge von 100 Gramm werden Punkte vergeben. Von der Summe der „negativen“ Punkte werden die „positiven“ Punkte abgezogen, woraus sich am Ende ein Gesamtwert ergibt, der wiederum einem Buchstaben der fünfstufigen Skala des Nutri-Scores zugeteilt ist. „A“ auf dunkelgrünem Feld gilt als die günstigste Bilanz, worauf die bereits weniger günstigen Abstufungen „B“ und „C“ folgen, bis zum roten „E“, welches als am ungünstigsten gilt. Was die meisten Verbraucher nicht wissen: Die Kennzeichnung vergleicht jeweils nur die Nährwerte innerhalb einer Produktgruppe untereinander. Das heißt, der Score zeigt zum Beispiel nur, welche Süßigkeit unter den Süßigkeiten mehr Nährwerte hat.

Warum hoch verarbeitete Lebensmittel gut abschneiden

Wo genau ist denn jetzt das Problem beim Nutri-Score? Für die meisten Verbraucher erscheint die Unterscheidung von „günstigen“ und „ungünstige“ Nährwerten und Energie bei der Berechnung des Nutri-Scores zunächst sinnvoll. Laut Ernährungswissenschaftler und Autor Prof. Nicolai Worm sei der Score aber vielmehr ein „Konstruktionsplan der Nahrungsmittelindustrie, um speziell darauf zugeschnittene, hoch verarbeitete Nahrungsmittel auf den Markt zu bringen, die nach der Nutri-Score Logik günstig bewertet werden.“

So werden in der Berechnung des Nährwertes keine chemischen Zusätze wie beispielsweise Süßstoffe und Geschmacksverstärker berücksichtigt. „Man kann in der Chemieküche alles Mögliche zusammensetzen, also Zuckeraustauschstoffe, Salzersatz oder Kunstfette einsetzen.“ Laut Prof. Worm würden die Nahrungsmittel „lebensmitteltechnologisch so trickreich hergestellt, dass sie alle günstigen Kriterien erfüllen und alle negativen Kriterien vermieden werden.“

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„Künstlich hergestellte Produkte haben ein eigenes Gesundheitsrisiko“

Für die Verbraucher sendet die Kennzeichnung damit völlig falsche Signale. Während Müsli mit Farbstoffen und Geschmacksverstärker ein „A“ bekommt, erhält naturbelassener Käse ein rotes „D“, welches für Einkaufende natürlich abschreckend wirkt. Ein riesiger Fehler, wie Prof. Worm erklärt: „In der Wissenschaft weiß man heute, dass diese hoch verarbeiteten Nahrungsmittel, die aus isolierten Stoffen zusammengesetzt sind, ein eigenständiges Gesundheitsrisiko darstellen.“ Aspekte, die man bei der Kennzeichnung gar nicht berücksichtigen würde.

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Sind gesättigte Fettsäuren und Salz wirklich „ungünstig“?

Auch bei der Bewertung von gesättigten Fettsäuren und zu viel Salz als prinzipiell „ungünstig“ sieht Worm ein Problem. Zum einen würde zahlreiche Studien inzwischen zeigen, dass der Konsum gesättigter Fettsäuren nicht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht. Insbesondere dann nicht, wenn man gesättigte Fettsäuren innerhalb einer stärke- und zuckerarmen Ernährung zu sich nimmt. Zum anderen würden gesättigte Fette und in Nahrungsmittel eingebunden im Körper unterschiedlich wirken. So bewirken beispielsweise viele Milchprodukte – welche gesättigte Fettsäuren enthalten – durchaus positive Stoffwechseleffekte, von denen die Herz-Kreislauf-Gesundheit profitiert.

Ähnlich ist es laut Worm beim Salzgehalt. Zahlreiche neue Studien belegen, dass „der Salzkonsum, wie er momentan in Deutschland vorherrscht, das geringste Risiko darstellt“. Im Gegensatz dazu fehle es an Studien, die belegen, dass eine Reduktion von Salzkonsum irgendeinen Mehrwert für die Gesundheit habe. Einzig Menschen mit einem hohen Bluthochdruck und einer sehr hohen Salzzufuhr profitierten von einer Reduktion.

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Kalorien sind nicht gleich Kalorien

Ein weiteres Manko sieht Prof. Worm bei der Bewertung von Kilokalorien „Was völlig übersehen wird in diesem Score, sind all die Forschungen, die zeigen, dass im Körper eine Kalorie nicht eine Kalorie ist. Je nachdem, ob sie aus Fett kommen, aus Kohlenhydraten und auch aus welcher Art von Kohlenhydraten, wirken sie im Körper völlig unterschiedlich – die einen sättigen eher, die anderen machen schnell wieder Hunger.“ Das würde der Nutri-Score nicht berücksichtigen, was nicht sinnvoll sei und auf „längst überholten, falschen Vorstellungen beruht“. Vielmehr sollte man darauf achten, Kalorien zu konsumieren, die einen lange satt machen.

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Wie sinnvoll ist der Nutri-Score für den Verbraucher?

Sich beim Einkaufen alleine von der Ampel-Kennzeichnung des Nutri-Scores leiten zu lassen, ist laut Prof. Nicolai Worm „nicht zu empfehlen.“ Vielmehr sollten Verbraucher „hoch verarbeitete Nahrungsmittel rausschmeißen und sich möglichst auf naturbelassene Lebensmittel konzentrieren“. Anstatt zu künstlichem Müsli zu greifen, sei es ratsam, sich die Haferflocken mit Obst selbst zuzubereiten. Das sei zwar mehr Arbeit, aber genau das sei der „Trick, mit dem die Nahrungsmittelindustrie lockt und arbeitet: Guckt, ihr müsst gar nichts mehr machen! Nehmt unser wunderbares Nutri-Score-A-Produkt und dann seid ihr auf der sicheren Seite.“ Eine Täuschung der Verbraucher auf Kosten der Gesundheit.

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