21. Oktober 2026, 10:03 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Dass die Ernährung mit der psychischen Gesundheit zusammenhängen kann – davon geht die Forschung bereits länger aus. Eine neue Studie aus Australien betrachtete in diesem Zusammenhang speziell Jugendliche. Sie untersuchte über einen Zeitraum von drei Jahren, welchen Einfluss der Verzehr von Obst, Gemüse und zuckerhaltigen Getränken auf die Wahrscheinlichkeit hat, psychische Beschwerden zu entwickeln. Die Ergebnisse könnten womöglich künftig dazu beitragen, Präventionsansätze zu entwickeln.
FITBOOK berichtete schon häufiger über die Verbindung zwischen Darm und Psyche: die sogenannte Darm-Hirn-Achse, die auf einem engen Austausch über Nervenbahnen, Botenstoffe und das Mikrobiom basiert. Die Ernährung soll die psychische Gesundheit im vielerlei Hinsicht beeinflussen können. Unter anderem soll der Konsum von Softdrinks die Neigung zu Depressionen verstärken und wiederum der Verzicht auf Fleisch selbige senken können.1,2
Jugendjahre entscheidend für psychische Gesundheit
Die vorliegende Untersuchung betrachtete speziell Jugendliche – also Menschen in einer Lebensphase, die einen prägenden Einfluss auf die eigene psychische Gesundheit hat.3 In dieser Zeit treten Depressionen und Angststörungen häufig erstmals auf, schreiben die Autoren. Gleichzeitig dürfen viele Jugendliche erstmals nach der Kindheit selbst Entscheidungen über ihre Ernährung treffen. Umso wichtiger finden es die Forscher, zu verstehen, ob und in welchem Ausmaß Ess- und Trinkgewohnheiten nun Einfluss auf die Psyche nehmen.
Frühere Untersuchungen wiesen bereits auf einen Zusammenhang zwischen der Ernährung und psychischen Beschwerden hin.4 Doch oft waren die Ergebnisse bezüglich des Einflusses gesunder Lebensmittel wie Obst und Gemüse uneinheitlich. Zudem beleuchten die meisten Studien die Zusammenhänge zwischen Ernährung und psychischer Gesundheit nur zu einem einzigen Zeitpunkt, so die Autoren. Somit fehlen Daten zur längerfristigen Auswirkung von Ernährungsgewohnheiten. Auch mögliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern wurden bisher kaum berücksichtigt. Hier setzte die neue Untersuchung an.
Details zur Untersuchung
Die Forscher führten eine prospektive Längsschnitt-Kohortenstudie durch. Sie untersuchten also eine Gruppe von Probanden über einen längeren Zeitraum hinweg wiederholt, um Zusammenhänge zwischen früheren Merkmalen und späteren Entwicklungen zu erfassen.
Die Daten stammten aus der australischen „Health4Life“-Studie.5 Insgesamt flossen die Gesundheitsinformationen von 6537 Jugendlichen aus 71 weiterführenden Schulen in Queensland, New South Wales und Western Australia in die Analysen ein. Das Durchschnittsalter der Probanden betrug zu Beginn der Studie 12,65 Jahre. Die erste Erhebung fand im Jahr 2019 statt, die letzte drei Jahre später. Die Teilnehmer waren somit zu Beginn überwiegend 12 bis 13 Jahre und am Ende 15 bis 16 Jahre alt.
Jugendliche, die zu Beginn der Untersuchung bereits Anzeichen für Depressionen oder Angststörungen aufwiesen oder bei denen Ausgangsdaten fehlten, wurden von der Analyse ausgeschlossen.
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Erfassung der Ernährungsgewohnheiten und Depressionen
In Online-Fragebögen machten die Jugendlichen Angaben zu ihrem üblichen Obst- und Gemüseverzehr sowie dazu, wie häufig sie zuckerhaltige Getränke konsumierten. Eine Portion Obst definierten die Forscher dabei als 150 Gramm, eine Portion Gemüse als 75 Gramm. Für Getränke legten sie eine Menge von 250 Millilitern zugrunde.
Depressionssymptome erfassten die Autoren mithilfe des Patient Health Questionnaire for Adolescents (PHQ-A), eines standardisierten Fragebogens zur Erfassung depressiver Symptome bei Jugendlichen. Für Angstsymptome verwendeten sie die PROMIS Anxiety Paediatric-Skala.6 Dieses wissenschaftlich geprüfte Messinstrument erfasst Angstbeschwerden bei Kindern und Jugendlichen anhand ihrer eigenen Angaben.
Mithilfe festgelegter Grenzwerte unterschieden die Forscher dabei erhöhte psychische Symptome von niedrigeren Ausprägungen. Zusätzlich berücksichtigten sie in ihren statistischen Berechnungen das Alter, das Geschlecht, den familiären Wohlstand als Maß für den sozioökonomischen Status und die körperliche Aktivität, um deren möglichen Einfluss auf die Ergebnisse einzubeziehen.
Ergebnisse: Mehr Obst, weniger Depressionen
Bei der Auswertung stellten die Autoren fest, dass eine obstreiche Ernährung mit einem geringeren Risiko für erhöhte Depressions- und Angstsymptome verbunden war. Auch nach Einbeziehung der möglichen Einflussfaktoren hatten diese Beobachtungen Bestand. Mit jeder zusätzlichen täglichen Portion Obst verringerte sich das Risiko, im Beobachtungszeitraum erhöhte Depressionssymptome zu entwickeln, um 13 Prozent. Für Angstsymptome war der Zusammenhang etwas weniger auffällig, hier lag der Unterschied bei 7 Prozent.
Beim Gemüse zeigte sich dagegen kein statistisch signifikanter Zusammenhang mit Depression oder Angst. Die Beobachtungen belegen somit nicht, dass ein höherer Gemüseverzehr das Risiko dieser Beschwerden senkt.
Wiederum bei zuckerhaltigen Getränken zeigte sich sehr wohl ein Zusammenhang – ein umgekehrter. Jugendliche, die mehr davon konsumierten, wiesen ein höheres Risiko für Depressionen und Angststörungen auf. Dieser Zusammenhang war bei beiden Geschlechtern statistisch signifikant, besonders deutlich fiel er aber bei Angst bei Jungen aus. Bei depressiven Symptomen war der Zusammenhang zwischen Jungen und Mädchen dagegen ähnlich ausgeprägt.
Man sollte hier allerdings einräumen, dass die Forscher den Getränkekonsum logarithmisch umgerechnet hatten – sie haben die Angaben also mathematisch verändert, bevor sie den Zusammenhang untersuchten. Die Zahlen lassen sich also nicht direkt als Risikoanstieg durch ein zusätzliches Glas eines zuckerhaltigen Getränks verstehen.
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Mögliche Bedeutung der Ergebnisse
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Ernährung mit der psychischen Gesundheit von Jugendlichen zusammenhängen könnte. Schulen, Familien und Präventionsprogramme könnten dies berücksichtigen, so die Autoren, indem sie ausgewogene Ernährungsgewohnheiten fördern. Da die Untersuchung nicht nur allgemeine Ernährungsqualität betrachtete, sondern einzelne Lebensmittelgruppen untersuchten, lassen sich mögliche Ansatzpunkte für Gesundheitsprogramme konkreter benennen.
Besonders spannend ist der beobachtete Zusammenhang mit zuckerhaltigen Getränken. Zumal, wie oben bereits beschrieben, frühere Studien einen solchen bereits bei Erwachsenen nahegelegt hatten. Als mögliche Erklärung wird diskutiert, dass ein hoher Zuckerkonsum die Zusammensetzung des Darmmikrobioms beeinflussen könnte.
Einschränkungen
Es sind verschiedene Einschränkungen zu bemerken. Eine besonders wesentliche besteht darin, dass die Angaben zur Ernährung der Jugendlichen auf Selbstauskünften basieren. Dadurch lassen sich Erinnerungsfehler und ungenaue Einschätzungen nicht ausschließen. Zudem wurden nur drei Ernährungsindikatoren untersucht. Aus den Ergebnissen lässt sich daher keine umfassende Aussage über die gesamte Ernährungsqualität ableiten.
Es handelte sich um eine Beobachtungsanalyse. Es könnten also auch nicht berücksichtigte Einflussfaktoren die beobachteten Zusammenhänge mit erklären, etwa die tägliche Energiezufuhr insgesamt, generelle Ernährungsgewohnheiten im Haushalt, die psychische Gesundheit der Eltern, und so weiter. Zumal es neben zuckerhaltigen Getränken auch weitere ungesunde Ernährungsgewohnheiten gibt. Auch ist zu bedenken, dass die Probanden Schüler an weiterführenden Schulen waren. Die Stichprobe bestand somit aus sozioökonomisch besser gestellten Jugendlichen. Die Übertragbarkeit der Ergebnisse ist daher begrenzt.
Zuletzt ist einzuwenden, dass auch die verwendeten Fragebögen zu psychischen Beschwerden lediglich mögliche Hinweise liefern. Sie ermöglichen keine klinische Diagnose. Die Ergebnisse beziehen sich daher auf erhöhte Symptome – nicht auf gesicherte Depressionen oder Angststörungen.
Auf jeden Fall sind die Ergebnisse nicht so zu interpretieren, dass Obst Depressionen verhindert oder zuckerhaltige Getränke psychische Erkrankungen verursachen. Auch belegt die Studie nicht, dass eine Ernährungsumstellung allein bestehende Beschwerden behandeln kann.