5. Juli 2026, 8:14 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Schlaf ist überlebenswichtig. Mehr noch: Erholsamer Schlaf entscheidet über viele Nuancen unseres Wohlbefindens. Er schützt vor Krankheiten, macht uns stressresistenter, sorgt für schöne Haut und Haare und ist essenziell für ein gesundes Körpergewicht sowie das Erreichen von Fitnesszielen. Wir tun also gut daran, unseren Alltag so zu gestalten, dass ausreichender und qualitativer Schlaf möglich ist. Smartwatches und Tracker können dabei helfen. Doch wann wird die Schlafüberwachung zu viel – und kippt in eine ungesunde Besessenheit, auch Orthosomnie genannt?
Zu wenig Schlaf ist ungesund, zu viel aber auch. Zu häufiges Aufwachen und Wachliegen in der Nacht mindern die Schlafqualität. Zahlreiche Studien möchten über den optimalen Schlaf aufklären, sorgen zugleich bei vielen Menschen aber für Verunsicherung – und eine Art Schlafstress. Ähnlich wie ihre täglichen Schritte oder die Menge an Kalorien, die sie zu sich nehmen, tracken sie nun auch minutiös ihren Schlaf. Wie viele Stunden waren es in der Nacht? Was sagt der Tracker über die Schlafphasen und die Schlafqualität? Wer sich ständig um seinen Schlaf Gedanken macht, könnte womöglich bereits in den Bereich der Orthosomnie gerutscht sein.
Was ist Orthosomnie?
Geprägt wurde der Begriff von Dr. Kelly Glazer Baron von der University of Utah Health. Sie ist klinische Psychologin mit einer Zusatzausbildung in Verhaltensschlafmedizin und beschrieb 2017 einige Fallbeispiele.1
Gemeinsam mit ihrem Forschungsteam berichtete Glazer Baron von drei Patienten, die ihre Schlafqualität stark anhand der Daten kommerzieller Schlaftracker beurteilten und dadurch zunehmend auf „perfekten Schlaf“ fixiert waren. Das psychologische Phänomen, sich übermäßig mit vermeintlich optimalem Schlaf zu beschäftigen, nannten die Autoren Orthosomnie.
Orthosomnie setzt sich aus zwei griechischen Begriffen zusammen. „Ortho“ bedeutet „richtig“ oder „korrekt“ und „somnus“ wird im Deutschen mit „Schlaf“ übersetzt.
In allen drei Fällen vertrauten die Patienten den Angaben ihrer Tracker teilweise mehr als objektiven Untersuchungen im Schlaflabor, obwohl diese Geräte Schlafphasen und Wachzeiten nur eingeschränkt zuverlässig erfassen. Die Autoren weisen darauf hin, dass Schlaftracker bei manchen Menschen Schlafängste oder perfektionistisches Verhalten verstärken, selbst Schlafprobleme verursachen und die Behandlung von Schlafstörungen erschweren können.
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Schlaf-Tracking kann positive und negative Folgen haben
Mit der Verbreitung von Fitnesstrackern und Smartwatches sowie dem zunehmenden Wissen um die gesundheitliche Bedeutung von Schlaf, interessieren sich immer mehr Menschen für die Schlafdaten ihrer Tracker. Eine Studie aus Norwegen, die Anfang 2026 veröffentlicht wurde, fand in einer Befragung heraus, dass vor allem Personen unter 50 ihren Schlaf tracken. Viele berichteten von positiven Erfahrungen, etwa, dass sie viel über ihren Schlaf gelernt hätten und ihn jetzt stärker priorisierten. Doch auch negative Effekte wurden berichtet. So erklärten 17,8 Prozent der Befragten, sich durch das Tracken ihres Schlafs mehr Sorgen um ihren Schlaf zu machen. 14 Prozent entwickelten den Eindruck, mit ihrem Schlaf stimme etwas nicht. 11,2 Prozent der Befragten empfanden erhöhten, auf ihren Schlaf bezogenen Stress.2
Vertrauen Sie mehr auf Ihr eigenes Gefühl!
„Schlaf ist wichtig, damit sich unser Körper erholen kann – und Schlafprobleme sowie diagnostizierte Schlafstörungen sind ernstzunehmende Probleme. Aber diese sollten nicht durch Tracker, Uhren und Apps überhaupt erst entstehen. Zumal diese, so lernte ich erst kürzlich in meiner Schlafcoach-Weiterbildung, oftmals sehr ungenau messen. Wer mal unterschiedliche Tracker gleichzeitig getestet hat, hat vielleicht schon festgestellt, dass sie dieselbe Nacht unterschiedlich bewerten. An medizinisch erfasste Daten, etwa im Schlaflabor, kommen die meisten Tracker und Apps nicht heran. Das heißt, Sie sollten die von ihren Geräten gemessenen Schlafdaten höchstens als Orientierung sehen, sie aber nicht überbewerten – besonders, wenn sie mit ihrem Gefühl nicht übereinstimmen. Sie fühlen sich ausgeruht und haben keine Mühe, sich zu konzentrieren und körperliche Leistung abzurufen? Dann sollten Sie sich von vermeintlich schlechten Schlaf-Scores nicht verrückt machen lassen. Haben Sie aber – egal, ob bei guten oder schlechten Scores – den Eindruck, ständig müde und gereizt zu sein, dann sollten Sie ärztlich abklären lassen, ob Sie womöglich Schlafprobleme entwickelt haben.“