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Neurodivergenz erkennen – worauf Sie bei Ihrem Kind achten sollten

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Ist mein Kind neurodivergent? Einzelne Verhaltensweisen reichen nicht aus, um diese Frage zu beantworten. Foto: Getty Images/Vera Livchak
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31. August 2026, 20:06 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten

Stillsitzen beim Essen? Klappt keine zwei Minuten. Das Lieblingsspiel? Wird tagelang immer wieder hervorgeholt. Trotzanfälle wegen Kleinigkeiten? Stehen an der Tagesordnung. Und während die anderen Kinder draußen herumtoben, zieht sich das eigene lieber zurück und beschäftigt sich allein – vielleicht mit Zugfahrplänen oder Astrophysik. Solche Verhaltensweisen können Eltern ins Grübeln bringen: Ist das noch ganz normales kindliches Verhalten – oder könnte mein Kind neurodivergent sein? FITBOOK hat mit zwei Kinder- und Jugendpsychiatern darüber gesprochen, worauf Eltern wirklich achten sollten, welche Anzeichen auf Neurodivergenz hindeuten können und warum nicht jede Besonderheit gleich eine Diagnose bedeutet.

Was bedeutet Neurodivergenz überhaupt?

Ganz wörtlich betrachtet setzt sich das Wort „Neurodivergenz“ aus dem altgriechischen „neuron“ (Nerv, Gehirn) und dem lateinischen Verb „divergere“ (sich auseinanderneigen, abweichen) zusammen. Gemeint sind damit Menschen, deren Wahrnehmung, Denken oder Verhalten von dem abweicht, was als „neurotypisch“ gilt. Als neurotypisch werden entsprechend Menschen bezeichnet, deren neurologische Entwicklung als „normal“ betrachtet wird. Häufig werden etwa Menschen mit ADHS, Autismus oder Tourette-Syndrom unter dem Begriff „neurodivergent“ zusammengefasst. „Neurodiversität“ wiederum beschreibt als Überbegriff die Vielfalt menschlicher Gehirne und ihrer Funktionsweisen.

Allerdings: „Neurodiversität und Neurodivergenz sind keine medizinischen Diagnosebegriffe“, betont Prof. Dr. Eva Möhler, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum des Saarlandes. Die Begriffe stammen vielmehr aus einer gesellschaftlichen Bewegung. Dahinter steht ein durchaus hilfreicher Gedanke: Menschen nicht allein danach zu beurteilen, was ihnen schwerfällt, sondern stärker auch ihre Fähigkeiten und Besonderheiten in den Blick zu nehmen. Denn mit ADHS oder Autismus können, so Prof. Möhler, durchaus besondere Stärken einhergehen – etwa Kreativität und Begeisterungsfähigkeit bei ADHS oder Genauigkeit und Zuverlässigkeit bei Autismus.

Warum der Begriff eine Diagnose nicht ersetzen kann

Auch eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit aus dem Jahr 20251, für die 46 Forschungsarbeiten ausgewertet wurden, zeigt: Was genau unter Neurodivergenz verstanden wird, ist wissenschaftlich nicht einheitlich definiert. Prof. Dr. Michael Kölch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP), sieht den Begriff im Kindesalter deshalb eher kritisch. Neurodiversität sei „kein Fachbegriff der Kinder- und Jugendpsychiatrie“. Vor allem sollte der Begriff seiner Ansicht nach eine medizinische Diagnose nicht ersetzen.

Denn auch das gehört zum Gesamtbild: Ein Kind mit ADHS oder Autismus kann besondere Stärken haben und gleichzeitig erheblich unter bestimmten Schwierigkeiten leiden. Beides kann nebeneinanderstehen. Dazu passen auch die Ergebnisse einer Studie im Fachjournal „Developmental Psychology“2: Viele Befragte betrachteten Autismus einerseits als Teil ihrer Identität, erkannten andererseits aber auch die damit verbundenen Beeinträchtigungen an.

Woran Eltern mögliche Anzeichen erkennen können

Ob ein Kind neurodivergent ist oder nicht, lässt sich nicht daran ablesen, dass es gelegentlich einen Wutanfall hat, einem ungewöhnlichen Hobby nachgeht oder beim Abendessen auf dem Stuhl hin und her rutscht. Viel wichtiger für die Einschätzung sei das Gesamtbild, sagt Prof. Möhler. Erste entscheidende Fragen sind: Seit wann verhält sich das Kind so und wie ausgeprägt ist das Verhalten? Besteht das ständige Zappeln beim Essen beispielsweise schon seit Wochen oder tritt es nur in bestimmten Situationen auf? Kommt es einmal pro Woche zu einem Wutanfall – oder einmal pro Viertelstunde? Solche Beobachtungen können erste Hinweise liefern.

Im nächsten Schritt lohnt sich ein genauerer Blick darauf, was das Verhalten auszeichnet. Sehr starke und anhaltende Impulsivität, große Konzentrationsprobleme und ausgeprägte motorische Unruhe können beispielsweise Hinweise auf ADHS sein. Prof. Möhler beschreibt etwa Kinder, die praktisch nie abwarten können, sich nur sehr schwer konzentrieren und kaum stillsitzen können. Bei Autismus können sich deutliche Schwierigkeiten im sozialen Miteinander zeigen, etwa große Probleme damit, die Signale anderer Menschen zu verstehen und deren Gefühle zu deuten. Hinzukommen können sehr intensive, eingeschränkte Interessen oder häufig wiederholte Verhaltensweisen. Beim Tourette-Syndrom fallen motorische und vokale Tics auf, also beispielsweise wiederkehrende Bewegungen oder Laute.

Entscheidend ist, wie es dem Kind damit geht

Aber: Einzelne solcher Eigenschaften kommen auch bei völlig gesund entwickelten Kindern vor. Das zeigt auch eine Studie3: Autistische Merkmale waren bei dieser Analyse innerhalb von Familien nicht einfach nur „vorhanden“ oder „nicht vorhanden“, sondern unterschiedlich stark ausgeprägt. Ein Beispiel für diese fließende Grenze ist laut Prof. Möhler, wenn Kinder immer wieder dasselbe Buch lesen oder dasselbe Spiel spielen wollen. „Alle Kinder lieben und brauchen Rituale“, sagt sie. „Sie geben ihnen Sicherheit in einer Welt, in der vieles noch neu und unvorhersehbar ist.“ Wiederholungen sind für Kinder zudem eine Form der Selbstberuhigung. Ein guter Orientierungspunkt sei deshalb weniger die Frage „Ist dieses Verhalten ungewöhnlich?“, sondern vielmehr: „Wie geht es meinem Kind damit?“

Für den Familienalltag bedeutet das: Ein Kind kann bestimmte Eigenschaften zeigen, die man beispielsweise auch von Autismus kennt, ohne deshalb autistisch zu sein. Prof. Kölch empfiehlt Eltern daher, nicht nur auf das Verhalten zu Hause zu schauen, sondern auch mit Kita oder Schule im Austausch darüber zu bleiben, wie es dem Kind dort geht.

Entscheidend ist nicht das Verhalten, sondern der Leidensdruck

Denn bevor Eltern über Neurodivergenz grübeln, sollten sie sich laut Prof. Möhler eine andere, viel zentralere Frage stellen: weniger „Ist dieses Verhalten ungewöhnlich?“, sondern vielmehr: „Wie geht es meinem Kind damit?“ Ist es grundsätzlich fröhlich? Kann es in die Kita oder Schule gehen und findet dort seinen Platz? Funktioniert der Familienalltag einigermaßen? Ist das der Fall, muss ein ungewöhnliches Verhalten nicht automatisch behandlungsbedürftig sein.

Auch Prof. Kölch betont: „Solange ein Kind nicht unter seinem Verhalten leidet und dadurch im Alltag nicht beeinträchtigt wird, ist nicht jede Besonderheit automatisch krankhaft.“

Hinzu kommt: Manchmal steckt hinter auffälligem Verhalten etwas viel Alltäglicheres. Ein müdes, hungriges oder überfordertes Kind kann impulsiv werden, schreien oder schlagen. Auch Schmerzen oder körperliche Erkrankungen können das Verhalten verändern. Prof. Möhler nennt dazu ein anschauliches Beispiel aus dem Praxisalltag: Eltern berichteten, ihr Kind „höre überhaupt nicht“. Ein Blick ins Ohr zeigte dann, dass tatsächlich eine Mittelohrentzündung dahintersteckte.

Auch Bildschirmzeit kann Verhalten beeinflussen

Prof. Möhler rät Eltern außerdem, bei Unruhe und Konzentrationsproblemen auch einen Blick auf die Mediennutzung zu werfen. Viel Bildschirmzeit kann Schlaf, Bewegung, Aufmerksamkeit und Familienalltag beeinflussen. Dabei ist allerdings wichtig, nicht Ursache und Zusammenhang miteinander zu verwechseln. Besonders beim Thema Autismus kursiert im Internet immer wieder die Behauptung, viel Bildschirmzeit könne autistisches Verhalten „verursachen“. Dafür gibt es nach aktuellem Forschungsstand keinen überzeugenden Beleg. Eine große Übersichtsarbeit wertete dazu 46 Studien mit insgesamt mehr als 562.000 Teilnehmern aus: Es konnte kein stabiler Zusammenhang nachgewiesen werden.4

Viel Bildschirmzeit „macht“ ein Kind also nicht einfach autistisch. Trotzdem kann es sinnvoll sein, Medienzeiten im Blick zu behalten, gerade wenn Schlaf, Bewegung oder gemeinsames Spielen dadurch zu kurz kommen.

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Wann sollten Eltern Hilfe suchen?

Auch hier gibt es keine feste Regel nach dem Motto: Drei Wutanfälle pro Woche sind normal, vier nicht. Prof. Kölch rät Eltern zunächst, aufmerksam hinzuschauen und zu beobachten, wie sich ein Verhalten über einen gewissen Zeitraum entwickelt. Wird es von selbst wieder besser? Tritt es nur in bestimmten Situationen auf? Gibt es einen konkreten Auslöser?

Aus dem Beobachten sollte allerdings kein jahrelanges Abwarten werden. Prof. Kölch formuliert es deutlich: „Das Problem in der Praxis ist oft nicht, dass etwas nicht erkannt wurde, sondern dass zu lange beobachtet wurde.“ Werden Schwierigkeiten stärker, bleiben sie über längere Zeit bestehen oder schränken sie das Kind deutlich in seinem Alltag ein, sollten Eltern deshalb fachlichen Rat suchen. Eine gute erste Anlaufstelle ist meist der Kinder- und Jugendarzt. Je nach Problem können anschließend beispielsweise ein sozialpädiatrisches Zentrum, eine kinder- und jugendpsychiatrische Praxis oder eine psychotherapeutische Praxis die richtigen Ansprechpartner sein.

In manchen Situationen sollten Eltern jedoch nicht erst abwarten. Prof. Möhler nennt etwa Kinder, die aufgrund ihrer Probleme gar nicht mehr zur Schule gehen können, Essen oder Trinken verweigern oder davon sprechen, nicht mehr leben zu wollen. Bei solchen Warnzeichen braucht ein Kind rasch professionelle Unterstützung. Besteht eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung, gilt: sofort Hilfe holen, im Notfall über die 112.

Frühzeitig Unterstützung zu suchen, bedeutet dabei keineswegs, einem Kind vorschnell eine Diagnose aufzudrücken. Vielmehr geht es darum, herauszufinden, warum bestimmte Situationen so schwierig sind und was dem Kind konkret helfen kann. Dabei können auch Eltern viel bewirken. Das zeigt etwa eine Studie zu verhaltensorientierten Elterntrainings bei ADHS5: Positive Effekte waren teilweise noch Monate nach dem Training feststellbar – unter anderem beim Verhalten der Kinder, beim Erziehungsverhalten der Eltern und in der Eltern-Kind-Beziehung.

Verhalten als Ausdruck eines Bedürfnisses verstehen

Was Eltern im Alltag helfen kann, klingt zunächst erstaunlich simpel: auffälliges Verhalten nicht automatisch als bösen Willen zu verstehen, sagt Prof. Möhler. Das Kind wirft sich im Supermarkt auf den Boden, weigert sich, seine Schuhe anzuziehen, oder schreit die Eltern an. Natürlich kann einen das zur Weißglut bringen. Trotzdem empfiehlt Prof. Möhler, gedanklich einen anderen Ausgangspunkt zu wählen. Eltern könnten versuchen, das Verhalten als Ausdruck eines Bedürfnisses zu verstehen. Vielleicht ist das Kind erschöpft, vielleicht ist ihm die Situation zu laut, vielleicht hat es Angst oder kann seinen Frust noch nicht anders ausdrücken. Die zielführende Frage laute deshalb nicht „Warum machst du das?“, sondern: „Was brauchst du?“

Das bedeutet nicht, dass Eltern jedes Verhalten akzeptieren oder auf Grenzen verzichten sollen. Es macht jedoch einen Unterschied, ob man hinter einem Wutanfall ein „böses Kind“ vermutet oder ein Kind sieht, das in diesem Moment nicht besser mit der Situation umgehen kann. Hilfreich sind laut Prof. Möhler deshalb Dinge, die grundsätzlich allen Kindern guttun. Dazu gehören verlässliche Beziehungen, klare Strukturen, ausreichend Schlaf und Bewegung, gemeinsame Mahlzeiten und ein Tagesablauf, der ein gewisses Maß an Sicherheit bietet.

Manchmal lohnt sich für Eltern außerdem die Frage, ob die eigenen Erwartungen tatsächlich zum Kind passen, regt Prof. Möhler an. Ein stilles, introvertiertes Kind, das zufrieden stundenlang Lego spielt, muss nicht zum Entertainer der ganzen Spielstraße werden. Und das auch nur, weil die Eltern selbst einen großen Freundeskreis haben und sich nur schwer vorstellen können, dass ein ruhiges Kind genauso glücklich und zufrieden sein kann. Natürlich dürfen und sollen Eltern ihr Kind ermutigen, Neues auszuprobieren und sich weiterzuentwickeln. Entscheidend sei aber, unterschiedliche Bedürfnisse anzuerkennen und dem Kind zugleich die Botschaft zu vermitteln: „Du bist gut, so wie du bist.“

Quellen

  1. McLennan, H., Aberdein, R., Saggers, B. et al. (2025). Thirty Years on from Sinclair: A Scoping Review of Neurodiversity Definitions and Conceptualisations in Empirical Research. Rev J Autism Dev Disord. https://doi.org/10.1007/s40489-025-00493-2 ↩︎
  2. Kapp, S. K., Gillespie-Lynch, K., Sherman, L. E., & Hutman, T. (2013). Deficit, difference, or both? Autism and neurodiversity. Developmental psychology, 49(1), 59–71. https://doi.org/10.1037/a0028353 ↩︎
  3. Marinopoulou, M., Billstedt, E., Wessman, C. et al. (2025). Association Between Intellectual Functioning and Autistic Traits in the General Population of Children. Child Psychiatry Hum Dev 56, 264–275. https://doi.org/10.1007/s10578-023-01562-5 ↩︎
  4. Ophir Y, Rosenberg H, Tikochinski R, Dalyot S, Lipshits-Braziler Y. (2023). Screen Time and Autism Spectrum Disorder: A Systematic Review and Meta-Analysis. JAMA Netw Open. 2023;6(12):e2346775. doi:10.1001/jamanetworkopen.46775 ↩︎
  5. Doffer, D. P. A., Dekkers, T. J., Hornstra, R., van der Oord, S., Luman, M., Leijten, P., Hoekstra, P. J., van den Hoofdakker, B. J., & Groenman, A. P. (2023). Sustained improvements by behavioural parent training for children with attention-deficit/hyperactivity disorder: A meta-analytic review of longer-term child and parental outcomes. JCPP Advances, 3(3), e12196. https://doi.org/10.1002/jcv2.12196 ↩︎

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