4. September 2025, 10:57 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Kennen Sie das unbehagliche Gefühl, wenn Sie einen unheimlich wirkenden, menschenähnlichen Avatar sehen? Dann hat sie der sogenannte „Uncanny Valley“-Effekt erwischt – ein Begriff aus der Robotik, welcher beschreibt, dass unsere Akzeptanz für Roboter schlagartig abfällt, wenn diese Menschen zu sehr ähneln. Doch damit nicht genug: Ein Forschungsteam der Universität Hamburg hat herausgefunden, dass KI-Charaktere sogar unser Immunsystem beeinflussen können.
Kann das Gefühl des Unheimlichen allein ausreichen, um das Immunsystem zu alarmieren? Ein Forschungsteam rund um Humanbiologin Dr. Esther Diekhof und Informatiker Prof. Dr. Frank Steinicke wollte herausfinden, ob nahezu menschlich wirkende, aber leicht abweichende KI-Avatare – sogenannte „uncanny agents“ – eine körperliche Immunreaktion auslösen können.1
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Testpersonen sollten Avatare zum Lachen bringen
Die Studie wurde an der Universität Hamburg mit 66 gesunden Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren durchgeführt. Sie wurden zufällig einer von drei Gruppen zugeordnet, die sich jeweils mit unterschiedlichen Avataren bzw. „Agents“ im Rahmen eines Virtual-Reality-Experiments auseinandersetzen mussten:
- Cartoon-Agents (wenig Ähnlichkeit zum Menschen, wenig unheimlich)
- Uncanny-Agents (hohe Ähnlichkeit zum Menschen, mit leicht unnatürlichen Merkmalen)
- Realistische Agents (hohe Ähnlichkeit zum Menschen, ohne unnatürliche Merkmale)
Alle Teilnehmer führten die sogenannte Make-All-Agents-Smile-Task (MAAST) durch. Dabei mussten sie in einer virtuellen Bushaltestelle zehn Avatare so lange ansehen und sich ihnen nähern, bis diese lächelten. Die Nähe war dabei entscheidend – unmittelbare Vermeidung war nicht möglich. Steinicke erläutert in einer Pressemitteilung: „Uns ging es darum, dass die Probandinnen und Probanden sich in einer möglichst realistischen virtuellen Umgebung den ‚virtual agents‘ näherten und für längere Zeit direkten Augenkontakt aufnehmen mussten.“2
Vor und nach dem Experiment wurden Speichelproben genommen, um den sogenannten sIgA-Wert zu bestimmen. Dieser beschreibt die Konzentration des sekretorischen Immunglobulin A, eines unspezifischen Antikörpers, der eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Krankheitserregern an Schleimhäuten spielt.
Neben der Immunantwort wurden auch psychologische Fragebögen ausgefüllt – etwa zur wahrgenommenen Unheimlichkeit, körperlichen Empfindungen, Angstzuständen sowie dem Grad der immersiven Erfahrung (z. B. Eintauchen in die VR-Welt).
„Uncanny Valley“ – das unheimliche Tal
Der „Uncanny Valley“-Effekt, auch „unheimliches Tal“ genannt, beschreibt ein psychologisches Phänomen, bei dem menschenähnliche Roboter, Avatare oder digitale Charaktere ein Gefühl des Unbehagens oder der Abneigung hervorrufen, anstatt Begeisterung. Dieser Effekt tritt auf, wenn künstliche Wesen eine bestimmte Schwelle der Menschenähnlichkeit erreichen, aber gleichzeitig subtile, störende Abweichungen vom normalen menschlichen Aussehen aufweisen. Die Pathogen-Vermeidungs-Hypothese besagt, dass unsere Abneigung gegen das „Fast-Menschliche“ mit einem tief verwurzelten Schutzinstinkt zusammenhängt, der uns vor potenziell ansteckenden Kranken schützen soll.
Uncanny Agents werden als Gesundheitsbedrohung wahrgenommen
Die zentrale Erkenntnis: Nur die Interaktion mit den uncanny Agenten führte zu einem signifikanten Anstieg der sIgA-Konzentration. In den beiden anderen Gruppen (Cartoon und realistisch) blieb der sIgA-Wert unverändert. Zudem korrelierte in der Uncanny-Gruppe der Grad des Eintauchens in die virtuelle Umgebung („Involvement“) positiv mit dem sIgA-Anstieg. Einfach ausgedrückt: Je stärker sich die Testpersonen auf die VR-Erfahrung einließen, desto stärker war auch die Immunantwort. Steinicke erklärt: „Eine als glaubhaft erlebte virtuelle Realität scheint die wahrgenommene gesundheitliche Bedrohung durch seltsam aussehende ‚virtual agents‘ zu verstärken.“
Diekhof erläutert, dass die Ergebnisse sie der Erklärung des „Uncanny Valley“-Effekts näher brächten: „Das zeigt, dass die menschliche Wahrnehmung abweichende äußere Merkmale auch bei virtuellen Abbildern anscheinend als potenzielle Bedrohung für die Gesundheit ansieht und unterstützt somit die sogenannte ‚Pathogen-Vermeidungs-Hypothese‘ als mögliche Erklärung des ‚Uncanny Valley-Effekts‘.“ Abweichende Merkmale würden fälschlicherweise als Anzeichen einer Erkrankung angesehen und das Immunsystem bereite sich vermutlich darauf vor, eine Ansteckung zu verhindern.
Reaktion erfolgte nicht bewusst
Die gemessene Immunreaktion spiegelte sich nur teilweise in den emotionalen Bewertungen der Teilnehmenden wider. Zwar wurden die „unheimlichen“ Avatare deutlich häufiger als seltsam empfunden, was nach Einschätzung der Forschenden darauf hinweist, dass mit steigendem Realismus die Toleranz gegenüber Abweichungen abnehme. Je menschenähnlicher eine Figur wirke, desto sensibler reagiere die Wahrnehmung auf kleinste Unstimmigkeiten.
Bemerkenswerterweise gab es aber keinen Zusammenhang zwischen sIgA-Anstieg und bewusster Wahrnehmung wie Ekel, Angst oder körperlichem Unwohlsein. Das Forschungsteam vermutet, dass das Immunsystem automatisch auf die potenzielle Ansteckungsgefahr durch die unnatürlich wirkenden Avatare reagiert habe, während das Gehirn die Situation offenbar nicht als bedrohlich genug einstufte, um eine bewusste Empfindung wie Ekel oder Ablehnung auszulösen. „Das Gehirn leitet aus den optischen Informationen relativ automatisch eine potenzielle Gefahr ab und aktiviert vorsorglich das Immunsystem“, so Diekhof. Dabei gelte: Lieber einmal falsch bewerten als eine Krankheitsbedrohung nicht zu erkennen.
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Forscher ließen Avatare in früherer Studie niesen
Im Jahr 2024 zeigte ein Experiment, dass die bloße visuelle Wahrnehmung von Krankheitssymptomen die Immunreaktion verstärken kann, selbst, wenn man dem Erreger nicht wirklich ausgesetzt ist. Die Studie wies ein vergleichbar alarmiertes Immunsystem nach, wenn der KI-Agent nieste und damit eindeutig symptomatisch war.3 Durch die aktuelle Studie wissen wir nun, dass nicht mal ein Niesen notwendig ist, leichte Abweichungen im äußeren Erscheinungsbild reichen aus.
Bedeutung der Ergebnisse
Die Forschungsarbeit liefert erstmals einen direkten experimentellen Beleg dafür, dass der „Uncanny Valley“-Effekt nicht nur ein psychologisches Phänomen ist, sondern auch eine physiologische Immunreaktion auslösen kann. Der Körper reagiert also mit einem Schutzmechanismus, obwohl kein echtes Ansteckungsrisiko besteht und der Kontext (eine virtuelle Umgebung) bewusst als ungefährlich wahrgenommen wird. Die Ergebnisse stützen die Pathogen-Vermeidungs-Hypothese: Menschen scheinen evolutionär darauf programmiert zu sein, potenzielle Krankheitsanzeichen – auch wenn sie nur vage oder missinterpretiert sind – als Gefahr wahrzunehmen.
Einordnung der Studie
Die experimentelle Studie überzeugt durch ein klares Design, gut kontrollierte Bedingungen und präzise Erhebung immunologischer und psychologischer Parameter. Besonders hervorzuheben ist, dass durch die Gruppenzuordnung ein direkter Vergleich zwischen verschiedenen Agentenarten möglich war. Auch wurde die Pandemie als potenzieller Störfaktor bewusst ausgeschlossen, da die Erhebung nach dem offiziellen Ende des Covid-19-Notstands stattfand.
Einschränkungen gibt es dennoch. Die Immunantwort wurde ausschließlich über sIgA in Speichel gemessen. Zwar gilt sIgA als zuverlässiger Marker für Schleimhautimmunität, doch eine umfassendere Betrachtung weiterer Immunparameter (z. B. Entzündungsmarker) wäre wünschenswert, um das Bild zu vervollständigen. Zudem reagierte das Immunsystem nur, wenn körperliche Nähe zum „uncanny“ KI-Avatar unvermeidbar war. Ob auch bei einem möglichen Rückzug eine solche Immunaktivierung stattfindet – oder ausbleibt –, bleibt offen.
Fazit
Diekhof und ihre Kollegen konnten zeigen, dass unheimlich wirkende virtuelle Agenten eine reale Immunantwort auslösen können – selbst in völlig risikofreier Umgebung. Die Ausschüttung von sIgA in der Mundschleimhaut erfolgte automatisch und unabhängig von bewusster Angst oder Ekel. Entscheidend war die Nähe zu den Avataren und das Gefühl des Eintauchens in die virtuelle Welt. Diese Ergebnisse liefern starke Belege für die Pathogen-Vermeidungs-Hypothese und werfen ein neues Licht auf die unbewusste Macht von Virtual Reality über unser Immunsystem.