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Dank schräger Geräusche

Helfen ASMR-Videos wirklich beim Einschlafen?

Frau schaut im Bett ein ASMR-Video
Sogenannte ASMR-Videos sollen müde machen und das Einschlafen erleichtern. Kann das sein?
Foto: Getty Images

In ASMR-Videos werden (meistens) Frauen gezeigt, die auf mitunter eigensinnige Weise Geräusche produzieren. Diese sollen den Zuschauer/Zuhörer entspannen und ihm somit beim Einschlafen helfen. FITBOOK stellt den Internet-Hype vor, der längst Gegenstand wissenschaftlicher Studien ist, und verrät, was ein Schlaf-Experte dazu sagt.

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Bestimmte Berührungen und Geräusche sollen eine „Autonomous Sensory Meridian Response“ auslösen. Dabei handelt es sich um eine Art Kribbeln von der Kopfhaut bis zum Rücken. Eine deutsche Übersetzung dafür gibt es noch nicht, unter der Abkürzung ASMR ist der Effekt aber auch hierzulande schon vielen ein Begriff. Die Wissenschaft unterscheidet ASMR von der klassischen Gänsehaut, da das beschriebene Kribbeln länger anhalten und – noch viel wichtiger! – beruhigend wirken soll.

Knistern, Flüstern und Gluckern zum Entspannen

Als vermeintlicher Garant für jenes Gefühl gelten etwa das Geräusch einer Haarbürste, wenn man damit über die Kopfhaut und durch die Haare gleitet oder die Borsten mit den Händen reibt. Weitere ASMR-Hacks: leises Flüstern und Knistern, etwa beim Eingießen eines Getränks in ein Glas mit Eiswürfeln. Bisweilen verstörend wirken Szenen von vorrangig weiblichen Protagonisten, die mit knallig manikürten Händen trockenen Schleim kneten oder mit ihren langen Nägeln auf Oberflächen mit Textur kratzen. „Texturiertes Tapping und Scratching“, nennen das Kenner.

Essgeräusche kommen richtig gut an

Dass es Personen gibt, die mit Essgeräuschen große Probleme haben – sogenannte Misophoniker –, ist wohl kein Geheimnis. Neuerdings outen sich aber auch immer mehr Menschen als Fans von bestimmten Essgeräuschen, darunter knusperndes Reinbeißen und der Knack-Sound zwischen den Zähnen, wenn etwas Härteres gekaut wird. Im Netz finden sich Aufnahmen rot geschminkter Lippen beim Verzehr geräuschintensiver Lebensmittel in Hülle und Fülle.

Es gibt bereits ASMR-Stars

So manche Frau ist mit ASMR-Videos sogar schon berühmt geworden – wie beispielsweise die 33-jährige Maria Viktorovna (ihr YouTube-Account „Gentle Whispering ASMR“ hat rund 1,66 Millionen Follower). Dazu kommen noch super-prominente Frauen, die das Phänomen selbst mal erkunden wollten und das Ergebnis ihren Fans dann zugänglich gemacht haben. Im Auftrag des amerikanischen „W Magazine“ haben unter anderem die Schauspielerinnen Jennifer Garner (46) und Salma Hayek (52), Musikerin Cardi B (26) und It-Girl Paris Hilton (38) vor tiefschwarzer Kulisse klackende und klappernde Geräusche mit Plastikschmuck produziert, extrem leise flüsternd aus ihrem Leben erzählt, über gepolsterte Mikrofone gekratzt oder klangvoll Tortilla-Chips gegessen.

ASMR auch Gegenstand der Forschung

Eine Studie von 2018 (dokumentiert in der Medizin-Datenbank „US National Library of Medicine National Institutes of Health“) zeigt auf, dass ASMR tatsächlich die Herzfrequenz senkt. Gleichzeitig werde dadurch die Hautleitfähigkeit erhöht – ein wichtiger Marker in der Psychologie, der sich in verschiedenen Gemütszuständen (beispielsweise bei Stress im Gegensatz zu Entspannung) verändert.

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Die bisherige Forschung auf dem Gebiet zeigt aber auch: Nicht jeder ist für ASMR zugänglich. Entsprechend gibt es inzwischen sogar Selbsttests in Form von Internet-Videos, bei denen eine etwaige Reaktionsfreudigkeit auf die ASMR-typischen Geräusche überprüft werden kann.

Das sagt der Experte

FITBOOK sprach mit Dr. Hans-Günter Weeß, Diplom-Psychologe, Buchautor (u.a. „Schlaf wirkt Wunder: Alles über das wichtigste Drittel unseres Lebens“) und Leiter des Schlafzentrums am Pfalzklinikum in Klingenmünster. Er hat von dem Konzept ASMR-Videos natürlich bereits gehört – und gänzlich abtun kann er ihren Wirkmechanismus nicht.

Wie der Fachmann uns erklärt, gibt es zahlreiche Methoden, um sich von den größeren und kleineren Ereignissen des Tages abzulenken. „Alles, was wir brauchen, um in den Schlaf zu finden, ist die nötige Ruhe und Entspannung. Wie ich diese erreiche – da kann die ASMR-Technik genauso eine Möglichkeit darstellen wie autogenes Training oder Stadt-Land-Fluss spielen.“ ASMR-Videos scheinen daher die jüngere Generation anzusprechen, die in der digitalen Welt aufgewachsen ist.

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Was in jedem Fall interessant ist: dass die vom Handy, Tablet oder Laptop abgespielten Aufnahmen – trotz des gefürchteten Blaulichtanteils der Bildschirme (siehe Erklärkasten) – bei vielen Nutzern offenbar die gewünschte entspannende Wirkung erzielen. „Schon alleine das zeigt, dass die oft als schädlich propagierten Blaulichtquellen den Schlaf nicht immer so nachhaltig stören, wie das vermeintlich angenommen wird“, findet der Experte.

Bildschirmleuchten vs. Schlafqualität

Viele Schlafforscher warnen vor den blauen Wellenlängen des Lichts, die vom Smartphone-, Tablet- und Laptop-Bildschirm ausgehen. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass sie die Ausschüttung von Melatonin hemmen, dem sogenannten „Schlafhormon“, das im menschlichen Körper die Wachphasen reguliert und einen bei Dunkelheit müde werden lässt. Heißt: Wer in den Bildschirm sieht, soll langsamer müde werden.

Frau mit Handy im Bett

Unser Experte kann sich vorstellen, dass ASMR-Videos bei manchen Menschen Entspannung erzeugen
Foto: Getty Images

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Fazit: Beim einen klappt‘s, beim anderen nicht

Generell gilt: Jeder tickt anders und kommt anders runter. Entsprechend ist es vielleicht gar nicht so erstaunlich, dass ausgerechnet Essgeräusche, die manche Menschen richtiggehend auf die Palme bringen können, beim anderen beruhigend wirken. Dr. Weeß jedenfalls glaubt daher, „dass nicht jedes ASMR-Video gleich wirkt. Es kommt sicherlich auf den Inhalt und darauf an, wie sympathisch er dem Zuschauer ist.“

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