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Kuriose Apps im Check

Warum Essen bestellen, das nie ankommt, glücklich machen kann

Bestellen ohne Bezahlen und Essen: Ein Internettrend aus Südkorea simuliert Lieferdienste. Dahinter steckt eine ungewöhnliche Idee gegen Heißhunger.
Bestellen ohne Bezahlen und Essen: Ein Internettrend aus Südkorea simuliert Lieferdienste. Dahinter steckt eine ungewöhnliche Idee gegen Heißhunger. Foto: Getty Images
Julia Freiberger
Ernährungsexpertin

21. September 2026, 20:05 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten

Pizza, Burger oder doch lieber Korean Fried Chicken? Das Essen ist ausgesucht, die Bestellung abgeschickt und auf dem Handy lässt sich sogar verfolgen, wie der Fahrer immer näher kommt. Eigentlich fehlt nur noch das Klingeln an der Haustür. Doch genau das wird niemals passieren – so funktioniert eine kuriose Geschäftsidee in Südkorea. FITBOOK erklärt, was dahintersteckt.

Kurz auf den Punkt gebracht: Das bestellte Essen gibt es gar nicht. Bezahlen muss man dafür ebenfalls nichts. Was zunächst ziemlich absurd klingt, entwickelt sich in Südkorea gerade zu einem neuen Internetphänomen. Auf sogenannten „Dopamine Sites“ können Nutzer Konsumerlebnisse durchspielen, ohne am Ende tatsächlich etwas zu kaufen oder zu bekommen. Gerade beim Essen steckt dahinter eine ungewöhnliche Idee: Statt dem Impuls nachzugeben und wirklich beim Lieferdienst zu bestellen, wird die Bestellung einfach nur simuliert. Trotzdem soll genau dieser Vorgang bereits glücklich machen. Doch warum funktioniert das, obwohl das Essen niemals ankommt?

Fake bestellen statt wirklich kaufen

Eine der südkoreanischen Seiten heißt übersetzt „Nur das Essen kommt nicht“. Entwicklerin Park Seo-hyun erklärte gegenüber „MBC News“, dass einige Menschen das Angebot als eine Art Challenge nutzen, um auf echte Lieferbestellungen zu verzichten und Geld zu sparen. Gerade die hohen Liefergebühren seien für manche ein Grund. Laut MBC greifen inzwischen täglich etwa 200 bis 300 Menschen auf die Seite zu.

Park selbst machte während der Entwicklung eine interessante Erfahrung: Weil sie die Fake-Bestellungen immer wieder ausprobiert habe, habe sie irgendwann gar kein Essen mehr bestellt und auch keine Lust mehr gehabt, eine echte Liefer-App zu öffnen. Ob dieser Effekt tatsächlich durch die Simulation entstand und sich auch auf andere Menschen übertragen lässt, ist allerdings völlig offen.

Die Seite gehört zu den sogenannten „Dopamine Sites“, die sich derzeit vor allem unter jungen Menschen der Generation Z verbreiten. Das Prinzip gibt es längst nicht mehr nur für Essen. In Fake-Shops können Nutzer zum Beispiel Kleidung und andere Produkte in den Warenkorb legen, ohne sie anschließend wirklich zu kaufen. Eine internationale Variante für Essen ist „FoodNeverComes“.1 Nutzer können dort Gerichte aus 22 verschiedenen Länderküchen auswählen und den gesamten Bestellvorgang durchspielen.

Warum eine Bestellung glücklich machen kann, obwohl nichts ankommt

Wer Pizza bestellt, freut sich vermutlich vor allem darauf, sie später zu essen. Doch ein Teil des Glücksgefühls kann offenbar schon deutlich früher entstehen.

Man sucht sich etwas aus, trifft eine Entscheidung und freut sich darauf. Eine Rolle spielt dabei Dopamin. Der Botenstoff wird häufig als „Glückshormon“ bezeichnet, tatsächlich ist seine Funktion deutlich komplexer. Dopamin motiviert uns unter anderem dazu, Ziele zu verfolgen, und hilft unserem Gehirn dabei, zu lernen, welche Handlungen mit einer möglichen Belohnung verbunden sind. Schon die Erwartung einer solchen Belohnung kann dabei eine Rolle spielen.2

Bei den „Dopamine Sites“ erleben Nutzer mehrere Schritte, die auch bei einer echten Bestellung positive Gefühle auslösen können: die Vorfreude, die eigene Auswahl und schließlich die Bestätigung, dass die vermeintliche Bestellung aufgegeben wurde. Nur der entscheidende letzte Schritt fehlt: das Essen tatsächlich zu bekommen.

FITBOOK hat mit dem Wirtschaftspsychologen Dr. Georg Felser von der Hochschule Harz darüber gesprochen. Dass bereits das Bestellen und die Vorfreude befriedigend sein können, hält er grundsätzlich für plausibel. „Ein Teil des befriedigenden Prozesses von Bestellen und Vorfreude kann tatsächlich erlebt werden“, erklärt Felser. „FoodNeverComes“ bezeichnet diesen Ablauf selbst als „Dopamine Loop“.

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Eigentlich kennen wir das Prinzip schon

So ungewöhnlich das Ganze klingt, dürfte ein ähnliches Verhalten vielen bekannt vorkommen. Vielleicht hat man selbst schon einmal beim Online-Shopping den Warenkorb gefüllt und die Seite anschließend wieder geschlossen, ohne etwas zu kaufen.

Andere erstellen Wunschlisten mit Dingen, die sie gerne hätten, obwohl sie diese vielleicht niemals bestellen werden. Ein ähnlicher Effekt kann beim Planen eines Traumurlaubs entstehen, der am Ende gar nicht gebucht wird, oder beim Zusammenstellen des perfekten Hauses auf Pinterest. Man beschäftigt sich also mit etwas, das man gerne hätte, ohne es anschließend tatsächlich zu bekommen. „Dopamine Sites“ machen aus diesem Verhalten nun ein eigenes Angebot.3

Kann eine Fake-Bestellung wirklich den Essensdrang stoppen?

Dass sich das Aussuchen und Bestellen gut anfühlen kann, ist das eine. Doch reicht dieser Effekt auch aus, um danach auf die echte Bestellung zu verzichten?

Felser hält auch das für möglich. Der Grund: Durch die Fake-Bestellung vergeht zusätzliche Zeit. Es finde „eine noch längere Verzögerung statt, in der das Verlangen wieder abklingen kann“, erklärt er. „Das ist für sich genommen potenziell positiv.“

Warum der Effekt mit der Zeit nachlassen könnte

Doch der Experte sieht auch einen entscheidenden Haken: Auf die Vorfreude folgt bei einer Fake-Bestellung nie die eigentliche Erfüllung. „Das Konzept baut auf der Tatsache auf, dass Dopamin bereits in der Erwartung einer ‚Belohnung‘ ausgeschüttet wird und die Dinge, die eine Belohnung ankündigen, einen eigenen sekundären Belohnungswert bekommen“, erklärt Felser.

Normalerweise würden solche Reaktionen allerdings wieder verlernt, wenn die erwartete Belohnung konsequent und dauerhaft ausbleibt. Übertragen auf die Fake-Bestellung bedeutet das: Lernt das Gehirn irgendwann, dass auf den Bestellvorgang ohnehin kein Essen folgt, könnte auch dieser seinen Reiz verlieren. Oder wie Felser es ausdrückt: „Wenn der Bestellvorgang eben nicht eine spätere Befriedigung durch das Essen bzw. die ‚Belohnung‘ ankündigt, wird sie ihren geliehenen Belohnungswert einbüßen.“

Felser zweifelt deshalb daran, dass der Effekt dauerhaft stabil bleibt. Unter bestimmten Bedingungen könne das anders aussehen, etwa wenn auf das Verhalten manchmal eine tatsächliche Belohnung folgt und manchmal nicht.

Oder bekommt man danach erst recht Hunger?

Wer eine solche Fake-Bestellungsseite öffnet, beschäftigt sich intensiv mit genau dem Essen, auf das er gerade verzichten möchte. Könnte die vorgetäuschte Bestellung den Hunger also sogar verstärken?

„In der Tat, das Risiko besteht und ist nicht klein“, sagt Felser. Entscheidend sei, welche Funktion das Stöbern für die jeweilige Person erfülle. So könne bereits das Durchsuchen eines Lieblings-Onlineshops und die Vorstellung, etwas zu kaufen, befriedigend sein, ohne dass man am Ende tatsächlich etwas bestellt.

Beim Essen könne es ähnlich funktionieren wie beim Blättern in einem Kochbuch und der Vorfreude darauf, ein Gericht zu kochen oder zu bestellen. „Aber wenn der Hunger schon groß ist, kann er mit diesem Verfahren noch größer werden“, erklärt Felser.

Hinzu kommt die Selbstkontrolle. Aus der Forschung sei bekannt, dass das Widerstehen umso schwieriger werde, je näher die Belohnung erscheine. Bei einer echten Bestellung ist sie schließlich nur wenige Klicks entfernt. Felser warnt deshalb: „Insofern spielen die Leute, die ein Interesse daran haben, weniger zu essen oder weniger Geld für solche Bestellungen auszugeben, mit dem Feuer.“

Können Streaks und Rabatte zur neuen Gewohnheit werden?

„FoodNeverComes“ setzt zusätzlich auf Countdowns, Rabatte, Streaks, Abzeichen und andere spielerische Elemente. Könnten Nutzer dadurch zwar einer echten Bestellung widerstehen, sich gleichzeitig aber eine neue Gewohnheit angewöhnen?

Felser hält das für möglich: „Durch diese spielerischen Elemente und andere Gimmicks wird es ja in der Tat immer leichter, Gewohnheiten aufzubauen.“ Entscheidend sei dabei die Gamification. Die spielerischen Funktionen könnten dafür sorgen, dass irgendwann gar nicht mehr das Essen selbst den Reiz ausmacht. „Wenn das Belohnungssignal immer ins Leere läuft, weil nie Essen geliefert wird, ist der Effekt meines Erachtens nicht so stark“, erklärt Felser.

Kommen allerdings zusätzliche Anreize hinzu, kann sich das ändern: „Wenn dagegen stattdessen so etwas wie ein Wettstreit oder auch nur ein Feedback über das eigene Verhalten dazukommt, kommen weitere Motive ins Spiel, die gar nichts mit Essen zu tun haben müssen.“ Sein Fazit: „Und dann verselbstständigt sich die Wirkung der App.“

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Kann aus dem Fake echtes Verhalten werden?

Noch ist unklar, ob die ständige Simulation auch einen gegenteiligen Effekt haben könnte. In anderen Bereichen wird deshalb untersucht, ob ein zunächst nur nachgespieltes Verhalten die Wahrscheinlichkeit erhöhen kann, es später tatsächlich auszuführen. Ein solches Phänomen wird auch als „Einstiegsverhalten“ bezeichnet. Für „Dopamine Sites“ wurde das bislang nicht untersucht. Hinweise darauf, dass Simulationen echtes Verhalten beeinflussen können, gibt es allerdings aus der Glücksspielforschung.

So begleiteten Forscher 2014 insgesamt 409 Menschen, die Social-Casino-Spiele nutzten, zuvor aber noch nie online um echtes Geld gespielt hatten. Sechs Monate später hatten rund 26 Prozent mit Online-Glücksspiel begonnen.4 Eine Untersuchung aus dem Jahr 2016 kam zu einem ähnlichen Ergebnis: Von 521 Social-Casino-Spielern gaben 19 Prozent an, aufgrund der simulierten Spiele später auch um echtes Geld gespielt zu haben.5

Auch bei Jugendlichen zeigte sich ein Zusammenhang. Eine Studie mit 1178 Teilnehmern zwischen 11 und 19 Jahren ergab, dass simuliertes Glücksspiel mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für echtes Glücksspiel ein Jahr später verbunden war.6

Auf Fake-Essensbestellungen lassen sich diese Ergebnisse allerdings nicht übertragen. Ob eine „Dopamine Site“ den Griff zur echten Liefer-App auf Dauer eher verhindert oder möglicherweise sogar begünstigt, ist bislang nicht untersucht.

Auch kostenlos kann einen Preis haben

Die Fake-Bestellung kostet zwar nichts, die Nutzung solcher Seiten kann für die Betreiber trotzdem Geld wert sein.

„FoodNeverComes“ zeigt etwa Werbung und verlinkt auf kommerzielle Angebote. Werbefinanzierte Seiten können außerdem mithilfe von Cookies und anderen Tracking-Technologien das Nutzungsverhalten erfassen und die gesammelten Informationen etwa für personalisierte Werbung nutzen. Die Bestellung bleibt also fake. Die eigenen Klicks sind es nicht.

Macht Fake-Bestellen nun wirklich glücklich?

Zumindest kurzfristig kann eine Fake-Bestellung offenbar tatsächlich glücklich machen. Denn ein Teil dessen, was eine echte Bestellung reizvoll macht, passiert schon vorher: die Vorfreude, das Aussuchen und die Erwartung der Belohnung.

Ob dieses Glücksgefühl anhält, ist allerdings fraglich. Bleibt die erwartete Belohnung dauerhaft aus, könnte auch die Fake-Bestellung ihren Reiz verlieren. Bei starkem Hunger kann die Beschäftigung mit dem Wunschessen das Verlangen sogar verstärken.

Das vermeintliche Glück steckt also weniger im Essen selbst als in der Vorfreude darauf. Ob dieser Effekt tatsächlich dabei hilft, langfristig weniger Essen zu bestellen, ist bislang nicht untersucht.

Quellen

  1. Foodnevercomes. Order the food. Skip the bill. (aufgerufen am 15.09.2026) ↩︎
  2. Medizinische Universität Wien. Dopamin - weit mehr als nur der Botenstoff des Glücks. (aufgerufen am 15.09.2026) ↩︎
  3. The Conversation. Warum Menschen gefälschte Lebensmittel und Mode über kostenlose „Dopamin-Apps“ bestellen. (aufgerufen am 15.09.2026) ↩︎
  4. Kim, HS., Wohl, MJ., Salmon, MM. et al. (2015). Do Social Casino Gamers Migrate to Online Gambling? An Assessment of Migration Rate and Potential Predictors. J Gambl Stud. ↩︎
  5. Sally, M., Gainsbury, Alex, M. et al. (2016). Migration from social casino games to gambling: Motivations and characteristics of gamers who gamble. Computers in Human Behavior. ↩︎
  6. Hayer, T., Kalke, J. et al. (2018). Do Simulated Gambling Activities Predict Gambling with Real Money During Adolescence? Empirical Findings from a Longitudinal Study. J Gambl Stud. ↩︎

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