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von FITBOOK

16 Kilo in 30 Tagen

„Wieso ich es bereue, radikal abgenommen zu haben“

Unser Autor war nie stark übergewichtig, gehörte aber schon immer zu denen, die etwas mehr auf den Rippen haben. Als 18-Jähriger verlor er mit einer Radikaldiät und exzessivem Sport binnen kürzester Zeit 16 Kilogramm. Heute bereut er es. Ein Erfahrungsbericht.

Hinweis: Dieser Beitrag ist ein persönlicher Erfahrungsbericht. Er soll in keiner Weise als Anleitung für schnelles Abnehmen oder exzessives Sporttreiben verstanden werden. Radikaldiäten können der Beginn einer Essstörung sein. Bei einer besonders drastischen Ernährungsumstellung und plötzlicher starker körperlicher Belastung sollte ein Arzt zurate gezogen werden. In diesem Text geht es darum zu erfahren, die Gedanken und Emotionen zu verstehen, die dazu führen, dass sich Menschen radikal wandeln wollen: Woher kommt die Angst vorm Dicksein? Und wodurch kann eine übermäßige Beschäftigung mit Essen ausgelöst werden? FITBOOK hat diesen Bericht auch einer Psychotherapeutin vorgelegt. Lesen Sie Ihre Einschätzung am Ende des Textes.

Extremdiät: Autor Julian Srobel berichtet von seiner Erfahrung damit

Autor Julian Strobel (22) sagt heute: „Ich habe gelernt, dass ich auch ohne einen schlanken Körper Anerkennung bekommen kann“
Foto: Fitbook

Von Julian Strobel

Um 5.00 Uhr klingelt mein Wecker. 5.05 Uhr joggen. 6.05 Uhr eiskalt duschen. 6.30 Haferbrei zum Frühstück. Bis 7.00 Uhr mindestens einen Liter Wasser trinken. Jeden Morgen, 30 Tage lang. Mein Ziel: endlich schlank sein. Endlich zu den schönen Menschen gehören. Das war vor vier Jahren – ich war 18 und hatte eine Schulzeit als Mobbing-Opfer („fettes Schwein!“) hinter mir.

So lange ich denken kann, gehörte ich zu jenen Menschen, die immer ein bisschen mehr draufhatten. Ich war nicht unbedingt dick, schlank aber auch nicht: Bei 1,68 Meter Größe wog ich 73 Kilogramm – damit war ich etwa zehn Kilo über meinem Idealgewicht. „Das verwächst sich!“ war ein Satz, den ich oft hörte. Doch als ich nicht mehr wuchs, war mir klar, dass mein Bauch nicht einfach so verschwinden würde.

Der Auslöser, der mich damals dazu veranlasste, möglichst schnell möglichst viel abzunehmen, war eine unerwiderte Schwärmerei. Ich redete mir ein, dass wir ein Paar sein könnten, wenn ich endlich dünn wäre. Plötzlich war ich motiviert.

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Ich stellte mir über Nacht einen absurd zeitintensiven Diät- und Sportplan zusammen. Wasser, extrem viel Sport und Disziplin beim Essen waren meine neuen besten Freunde. Früh morgens eine Stunde Joggen, danach Krafttraining, nach der Schule wieder Liegestütze und Co., dann Tennis oder Schwimmen. Nicht selten waren es zwei Stunden. Dazu trank ich bis zu 4,5 Liter Wasser und achtete streng darauf, nicht mehr als 1000 Kalorien zu mir zu nehmen: zum Frühstück Haferbrei, mittags und abends Obst und gedünstetes Gemüse ohne Gewürze, einmal die Woche Hühnchen oder Fisch. Ständig wurde mir schwindelig, und ich übergab mich, machte aber dennoch weiter. Alles für das Gefühl von Anerkennung. Die Sorgen meiner Eltern ignorierte ich.

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Autor Julian Strobel nahm mit 18 radikal ab – heute bereut er es

Der Autor mit 18: Zu diesem Zeitpunkt hatte er sein vermeintliches Traumgewicht erreicht Foto: privat

Meine Radikal-Diät funktionierte. Innerhalb von nur einem Monat verlor ich 16 Kilogramm Gewicht und hatte zum ersten Mal, seit ich denken kann, das Gefühl, schön zu sein. Ich war stolz darauf, meine Hosen in der Kinderabteilung kaufen zu können. Mein Schwarm wollte immer noch nichts von mir wissen, dafür bewunderten mich jetzt meine Mitschüler: „Wow, wie du abgenommen hast!“ Die Bestätigung, die ich mir sehnlichst gewünscht hatte, ging durch meine radikale Diät in Erfüllung – bis auf die Sache mit der unerwiderten Schwärmerei.

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Gleichzeitig streikte mein Körper: Mir fielen die Haare aus, ich bekam einen Hautausschlag, der stark juckte, dazu permanente Kopfschmerzen aufgrund der Mangelernährung. Mein Kurzzeitgedächtnis verschlechterte sich extrem, manchmal konnte ich mich nicht mehr daran erinnern, was ich kurz zuvor gemacht hatte. Ich war auf dem besten Weg, in eine Essstörung zu rutschen. Doch es kam zum Glück anders.

Zu verdanken habe ich das neuen Freunden und nicht zuletzt meinen Eltern, denen es gelang, mir rechtzeitig die Augen zu öffnen. Das ist der schöne Teil der Geschichte. Die andere Seite war weniger schön: Durch das radikale Abnehmen landete ich in der Jojo-Falle (was dabei im Körper genau passiert, lesen Sie hier). Ich glaube, dass sich mein Körper für die lange Zeit der Entbehrungen rächen wollte.

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Autor Julian Strobel

Julian Strobel (22) hat gelernt, dass er Anerkennung auch ohne einen schlanken Körper bekommen kann
Foto: Fitbook

Das letzte Mal gewogen habe ich mich vor über drei Jahren. Damals waren es 81,5 Kilo, fast zehn Kilo mehr als mein Ausgangsgewicht vor der Radikaldiät. Die harte Arbeit hat mir also langfristig nichts gebracht. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass die Crashdiät meinem Körper dauerhaft geschadet hat: Vom schnellen Ab- und Zunehmen habe ich Dehnungsstreifen am Bauch bekommen, mein Asthma hat sich verschlimmert. Vom Hautausschlag sind mir Narben geblieben.

Ich und meine Umwelt akzeptieren mich so, wie ich bin. Ich gönne mir ein Stück Kuchen, wenn ich Lust darauf habe, gleichzeitig gehe ich neuerdings einmal pro Woche ins Fitnessstudio. Ganz entspannt, ohne Erfolgsdruck. Es macht mich nicht mehr unglücklich, wenn die Hose in Größe L nicht passt.

Aber ich weiß, wie sich die Menschen fühlen, die ihren Körper hassen und in der Umkleide heulen.

Das sagt die Expertin

FITBOOK hat die Berliner Psychotherapeutin Miki Kandale gebeten, den Bericht zu bewerten. Sie sagt: „Diese Crashdiät könnte natürlich ein Einstieg in eine entsprechende Essstörung sein, die bei Männern oft sogar noch drastischer verläuft als bei Frauen. Denn abnehmen, etwas bezwingen, fühlt sich an wie Siegen – und Siegen ist (leider) geil.“ Das beschriebene Verhalten weise jedoch nicht die klassischen Merkmale einer Essstörung auf – auch wenn die Fixierung auf das Körper-Selbst und die übermäßige Beschäftigung mit Essen bzw. Nicht-Essen sehr auffällig erscheine. Kandale: „Als Therapeutin würde ich mich fragen, welche Defizite (z. B. Selbstwert) der Klient auf diese Weise kompensieren muss.“