Gesundheitspartner
von FITBOOK

Kommentar

Deshalb trainiere ich lieber im Frauen-Fitnessstudio

FITBOOK-Autorin Louisa Jung (22)
Für Louisa Jung (22) waren sportliche Aktivitäten lange Zeit ausschließlich durch Leistungsdruck und Bewertung geprägt. Erst, als sie in ein Frauen-Fitnessstudio ging, änderte sich das.
Foto: FITBOOK

Seit etwa drei Jahren besuche ich regelmäßig ein Frauen-Fitnessstudio in Berlin. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, in einem rein weiblichen Umfeld zu trainieren.

Mit 19 Jahren wollte ich den Sport endlich wieder in meinen Alltag integrieren. Eine Freundin schlug mir ihr Studio vor – sie beschrieb die Atmosphäre als entspannend und vertraulich. Ein Empfinden, das sie sich durch das rein weibliche Umfeld erklärte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Was unter anderem daran lag, dass ich mit Sport vielerlei assoziierte, bloß nicht Behagen.

Sport bedeutete für mich Leistungsdruck

Für mich waren sportliche Aktivitäten lange Zeit ausschließlich durch Leistungsdruck geprägt. Ob es die Bewertungssituation im Schulsport war, oder die prestigeträchtige Mitgliedschaft im Tennisclub – es ging dabei niemals um mich und mein Körpergefühl.

Keine spannenden Themen mehr verpassen – abonnieren Sie hier den FITBOOK-Newsletter

In meinem neuen Fitnessstudio war das anders. Zum ersten Mal ging es um mein Wohlbefinden und meine Ziele. Dabei fühlte ich mich von den Trainerinnen verstanden, da sie meine körperlichen Voraussetzungen eher nachvollziehen konnten.

Anzügliche Blicke und Kommentare

Ein weiterer Grund für meine Entscheidung war, dass ich für mich einen Raum schaffen wollte, der frei von Beurteilungen oder Annäherung auf sexueller Ebene sein sollte. Es gibt bestimmte Übungen, wie zum Beispiel eine besonders tiefe Kniebeuge oder einige Dehnungsübungen, die in einem gemischten Studio schnell unangenehm werden können. Ein falscher Blick, ein anzüglicher Kommentar – und die Konzentration ist dahin. Verbale Entgleisungen dieser Art hatten mich schon in der Vergangenheit abwechselnd hilflos oder aggressiv zurückgelassen.

Auch interessant: Warum ich Sport in den eigenen vier Wänden dem Fitnessstudio vorziehe

Wie sich das anfühlt, wird beispielsweise durch das Projekt Cheer Up Luv der Fotografin Eliza Hatch klar. Sie fotografiert Frauen an den Orten, an denen sie von Männern verbal oder auch körperlich belästigt wurden. Es sind öffentliche Orte – trotzdem müssen die Frauen sie für sich zurückerobern, indem sie ihre Geschichten erzählen. Denn genau diese Möglichkeit wird ihnen von den Männern abgesprochen, die sie durch wertende Äußerungen auf ihren Körper reduzieren.

Kein Vorwurf an die männliche Allgemeinheit

Dies soll kein Vorwurf an die männliche Allgemeinheit werden. Die meisten von uns treibt ein gemeinsames Ziel an: dem eigenen Körper etwas Gutes zu tun und sich dabei auf sich selbst zu konzentrieren. Aber: In einem Fitnessstudio geht es einigen Mitgliedern sicherlich auch um ihre Außenwirkung. Manche wünschen sich vielleicht einen flacheren Bauch, damit sie endlich wieder in ein altes Oberteil passen. Und das ist auch völlig in Ordnung. Für mich stellt sich jedoch die Frage, warum einige der Meinung sind, dass ein makelloses Äußeres ihren „Wert“ als Mensch definiert.

Auch interessant: Warum es so schwerfällt, sich zum Sport aufzuraffen – und was wirklich hilft

Andere Erfahrungen

Auf das Thema angesprochen, berichtete eine Kollegin mir von ihren Fitnessstudio-Erfahrungen. Auch sie hatte sich anfangs für ein Frauenstudio entschieden, weil sie sich in ihrem Körper nicht wohl fühlte und Spöttelei befürchtete. Erst nachdem sie eine Weile trainiert hatte und sich dadurch als attraktiver und selbstbewusster wahrnahm, wechselte sie in ein gemischtes Studio.

Viele Frauen scheinen das Gefühl zu haben, sich vor Männern anders präsentieren zu müssen. Bloß keine Schwäche zeigen, bloß nicht zu verkrampft wirken und so weiter. Das Problem: Gerade in einem Umfeld, wo man sich seinen Unsicherheiten stellt, will man sich nicht auch noch mit solchen Gedanken befassen müssen.

Jeder Körper sollte frei sein von Bewertungen

Wir alle vergleichen uns von Zeit zu Zeit mit anderen, oder eifern einem gesellschaftlichen Schönheitsideal nach. Das führt dazu, dass wir einander danach bewerten, wer dem Ideal am nächsten kommt. Es entstehen Gefühle wie Neid, Missgunst oder Unsicherheit, die uns immer weiter voneinander entfernen. Dabei sollte uns diese Erkenntnis zusammenbringen, um die Situation zu verändern. Denn jeder Körper hat eine Geschichte. Er trägt jemanden durchs Leben und erfüllt damit eine so monumentale Funktion, dass er frei von Bewertungen jeglicher Art sein sollte.

Auch interessant: Die häufigsten Trainingsfehler von Frauen

Persönliches Fazit

Auf den ersten Blick wirkt meine Entscheidung für ein Frauen-Fitnessstudio recht banal. Ich habe jedoch festgestellt, dass sie in unserem gesellschaftlichen Kontext schnell zum Politikum werden kann und viele Fragen zu Themen wie Geschlechterrollen und Körperbild aufwirft. Deshalb kann ich an dieser Stelle auch keine eindeutige Empfehlung aussprechen.

Vielmehr möchte ich ein Bewusstsein schaffen für mehr Verständnis und einen offeneren Umgang mit den Unsicherheiten, die uns letztendlich alle an den gleichen Ort verschlagen. Denn obwohl wir uns möglicherweise im gleichen Raum aufhalten, sind wir oft meilenweit davon entfernt, die Menschen um uns herum wahrzunehmen, ohne sie zu beurteilen. Auch uns selbst sehen wir dabei nicht mehr, ohne dabei sofort eine Wertung auszusprechen.

Auch interessant: Über den Kleidergrößen-Wahnsinn und Wohlfühlen im eigenen Körper

Die eigentliche Frage, die sich für mich stellt: Warum fühlen sich so viele von uns so unwohl in ihrem Körper, dass sie ihn von einem Großteil der Außenwelt abschirmen wollen?

Anzeige: Fitness ist nicht nur ein Trend, sondern auch ein „mindset“. Mehr dazu auf dem Aktiv.Blog von ERDINGER Alkoholfrei

Themen