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Britische Studie legt es nahe

Zu wenig Schlaf bei Menschen zwischen 50 und 70 kann Demenzrisiko erhöhen

Ein Mann mittleren Alters liegt schlaflos im Bett
Insbesondere im Alter zwischen 50 und 70 scheint der Schlaf großen Einfluss auf das Demenzrisiko zu haben. Zu diesem Ergebnis kommt eine britische Studie.Foto: Getty Images

Seit Jahren wird in der Forschung diskutiert, inwieweit sich unser Schlafverhalten auf den kognitiven Abbau und kognitive Veränderungsprozesse auswirkt. Eine aktuelle, umfassende Studie aus Großbritannien will nun herausgefunden haben, dass zu wenig Schlaf im Alter zwischen 50 und 70 Jahren die Gefahr für ein erhöhtes Demenzrisiko birgt. FITBOOK zeigt die wichtigsten Details zur Studie auf.

Bei Personen mit Alzheimer und anderen Demenz-Erkrankungen treten häufig Veränderungen des Schlafmusters auf. Wissenschaftler vermuten, dass hier eine Dysregulation des Schlaf-Wach-Zyklus durch pathophysiologische Prozesse im Hirn zugrunde liegt. Neben Schlafstörungen wächst das Forschungsinteresse an dem Zusammenhang zwischen Schlafdauer und Demenz. Sowohl kurze als auch lange Schlafdauern können laut Beobachtungsstudien mit einem erhöhten Risiko für kognitiven Abbau und Demenz verbunden sein. Viele davon beruhen allerdings auf Untersuchungszeiträumen von weniger als 10 Jahren. Eine aktuelle Studie eines internationalen Forschungsteams hat diesen nun erweitert, und einen deutlichen Zusammenhang zwischen zu wenig Schlaf und einem erhöhten Demenzrisiko festgestellt.

Ablauf der Studie

Knapp 8000 gesunde Proband*innen aus Großbritannien nahmen über einen Zeitraum von insgesamt 25 Jahren an der Studie teil, deren Ergebnisse jetzt in „Nature Communications“ veröffentlicht wurden. Zu Beginn der Studie in den Jahren 1985 bis 1988 waren die Teilnehmer*innen 50 Jahre alt. Sie wurden im Verlauf der Studie sechsmal über das eigene Schlafverhalten und insbesondere über die Dauer ihres Schlafs befragt.

Die Einflussfaktoren auf das Schlafverhalten und die Dauer wurden von dem Forschungsteam eingehend untersucht. Dazu zählten beispielsweise die körperliche Aktivität und die Ernährung der Studienteilnehmer*innen, das Rauchverhalten und der Alkoholkonsum. Auch Vorerkrankungen wie Bluthochdruck und Diabetes, sowie der Bildungsstatus und die Lebenssituation wurden erfasst.

Zudem wurden Probanden mit psychischen Erkrankungen – wie z. B. Depressionen, die als erwiesener Risikofaktor für das Auftreten von Schlafstörungen gelten – in eine separate Gruppe eingeteilt. So wurde sichergestellt, dass das Schlafverhalten als solches herauskristallisiert und ohne verzerrende Faktoren beurteilt werden konnte. Die Proband*innen wurden gemäß ihres Schlafverhaltens in drei unterschiedliche Gruppen eingeteilt und über die Dauer der Studie hinweg anhand von Fragebögen untersucht.

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Weniger als sechs Stunden Schlaf erhöhten Demenzrisiko um 30 Prozent

Zum Ende der Studie waren von den 7.959 Studienteilnehmern 521 im Durchschnittsalter von 77 Jahren an Demenz erkrankt. Bei denjenigen, die über eine regelmäßige, durchschnittliche Schlafdauer von sechs oder weniger Stunden berichteten, konnte ein um 30 Prozent höheres Risiko nachgewiesen werden, innerhalb der folgenden drei Jahrzehnte an Demenz zu erkranken. Zwischen Männern und Frauen wurde kein signifikanter Unterschied nachgewiesen. Eine weitere wichtige Erkenntnis sei, dass der Zusammenhang zwischen zu wenig Schlaf und einem erhöhten Demenzrisiko nicht auf die psychische Gesundheit zurückzuführen ist.

Die häufig diskutierte Henne-Ei-Problematik, ob Schlafmangel Demenz mitverursache oder ein Symptom der später einsetzenden Erkrankung sei, konnte anhand der Studienergebnisse neu beleuchtet werden. Dass ein Symptom so früh – nahezu 30 Jahre vor Ausbruch der Krankheit – auftrete, sei sehr unwahrscheinlich, so Dr. Kristine Yaffee, Professorin der Neurologie und Psychiatrie an der Universität von Kalifornien im Gespräch mit der „New York Times“. Daraus schließt Yaffee, die nicht an der Studie beteiligt war, dass Schlafmangel als Risikofaktor für die Erkrankung eingestuft werden könne.

Auch Dr. Erik Musiek, Neurologe am „Center on Biological Rhythms and Sleep“ an der Universität von Washington, bestätigt der „NYT“ diese Hypothese. Aufgrund des relativ jungen Alters der befragten Proband*innen zu Beginn der Studie sei die Chance hoch, dass zu diesem Zeitpunkt noch keine pathologischen Vorgänge im Gehirn stattgefunden hätten.

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Kritische Einordnung der Studie

Durch die auf Selbstauskünften der Teilnehmer*innen basierenden Berichte über die Dauer ihres Schlafes könnten laut Experten Ungenauigkeiten in der Datenanalyse vorliegen. Ein objektiver Vergleich zwischen den Berichten und dem tatsächlichen Schlafverhalten habe zwar mithilfe von Messverfahren stattgefunden. Dies sei jedoch zu einem sehr späten Zeitpunkt, nur einmalig und nur mit der Hälfte der Teilnehmenden erfolgt.

Ein weiterer Kritikpunkt sei die Auswahl der Studienteilnehmer*innen an sich. Aufgrund ihrer einheitlichen Herkunft, des höheren Bildungs- und des überdurchschnittlich guten Gesundheitsstatus könnten diese nicht als repräsentativ für die gesamte britische Bevölkerung angesehen werden.