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Oft zu spät entdeckt

Wie kann ich erkennen, ob meine Nieren geschädigt sind?

Woran erkenne ich eine Niereninsuffizienz? 3D-Computertomographie (CT) einer Niere
Falschfarbene-3D-Computertomographie (CT) einer Niere Foto: Getty Images

Schätzungsweise zehn Prozent der Bevölkerung leiden unter einer chronischen Nierenschwäche. Das Tückische: Drei Viertel der im Anfangsstadium Betroffenen wissen nichts davon. Eine Einschränkung der Nierenfunktionen bleibt nämlich meist unerkannt und damit auch unbehandelt. Grund dafür ist, dass sich die Symptome nur schleichend entwickeln. Dennoch gibt es einige Warnhinweise, auf die vor allem Risikogruppen achten sollten.

Detox-Kuren liegen zurzeit hoch im Kurs, auch wenn Ärzt*innen von angeblich entgiftend oder entschlackend wirkenden Tees, Säften und Co. wenig halten. Ein gesunder Körper kann sich nämlich bestens selbst entgiften. Maßgeblich daran beteiligt: unsere Nieren.

Das etwa faustgroße Organ hat die äußere Form zweier Bohnen. Die Nieren übernehmen –neben der Entgiftung auch zahlreiche weitere wichtige Funktionen. So bilden sie beispielsweise Urin und leiten ihn durch die Harnwege ab, regeln den Säure-Basen-Haushalt und kontrollieren die Bildung der roten Blutkörperchen. Durch gesunde Nieren fließt täglich etwa 1500 Liter Blut, das dabei von ihnen gereinigt wird.

Nierenschädigungen anfangs meist ohne Symptome

Sind die Nieren jedoch geschädigt, können sie ihre Aufgaben nicht mehr oder nur noch eingeschränkt wahrnehmen. Besonders trügerisch: Wenn Nierenschädigungen erkannt werden, ist es meist schon zu spät, denn sie verlaufen im Frühstadium in der Regel symptomlos. Treten jedoch Beschwerden auf, sind diese oftmals diffus und werden von Betroffenen nicht immer sofort dem Entgiftungsorgan zugeordnet.

Die Amerikanische Gesellschaft für Nephrologie (ASN) bezeichnet Nierenschädigungen daher auch als „silent diseases“ – also stille Krankheiten – und kritisiert die fehlende Aufklärungsarbeit. „Wir schätzen, dass weltweit über 850 Millionen Menschen in irgendeiner Form an einer Nierenerkrankung leiden“, heißt es in einer Pressemitteilung. „Die Prävalenz ist damit 20-mal so hoch wie die von Krebs, [… ] aber die Öffentlichkeit ist sich des Ausmaßes nicht bewusst.“¹

Was ist eine Chronische Niereninsuffizienz?

Nierenschädigung ist nicht gleich Nierenschädigung. Entwickelt sich die Erkrankung schleichend, so liegt dem meist eine sogenannte Chronische Niereninsuffizienz zugrunde. Die chronische Niereninsuffizienz wird international auch als Chronic kidney disease (CKD) bezeichnet. Im deutschen Sprachraum sind ebenso die Synonyme chronische Nierenerkrankung oder chronische Nierenschwäche gebräuchlich.

Bei der chronischen Niereninsuffizienz lassen die Funktionen der Nieren über einen Zeitraum von einigen Monaten oder Jahren immer mehr nach. Dies führt dazu, dass giftige Stoffwechselprodukte nicht mehr in den Nieren gefiltert und über den Urin ausgeschieden werden können. Stattdessen lagern sie sich im Blut an und es kommt zur Harnvergiftung.

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Anzeichen und Verlauf einer chronischen Niereninsuffizienz

Unbehandelt kann die chronische Niereninsuffizienz zum Nierenversagen führen und tödlich enden. Mit Nierenerkrankungen werden Herzinfarkte, Schlaganfälle und laut einer neuen Studie sogar Demenz in Verbindung gebracht. Bevor dies geschieht, durchlaufen Patienten jedoch mehrere Stadien, die, vor allem anfangs, meist beschwerdefrei verlaufen. Messen lässt sich eine chronische Niereninsuffizienz mit Hilfe der sogenannten Kreatinin-Clearance. Dieses Verfahren zur Beurteilung der Nierenfunktion bestimmt die glomeruläre Filtrationsrate, kurz GFR – also die Filterleistung der Nieren. Bei einem gesunden Menschen beträgt die GFR 95 bis 110 Milliliter pro Minute. Das bedeutet, dass die Nieren innerhalb dieses Zeitraums 95 bis 110 Milliliter Blut reinigen. Die GFR sinkt mit fortschreitender Erkrankung. Fachleute unterscheiden dabei fünf Stadien.

Die 5 Stadien der Niereninsuffizienz

Stadium 1 (GFR über 90 Milliliter pro Minute) und Stadium 2 (GFR 60 bis 89 Milliliter pro Minute): Im Anfangsstadium verursacht die chronische Niereninsuffizienz meist keine auffälligen Symptome. Dennoch gibt es einige Warnhinweise. So sollten betroffene Personen beispielsweise bei verfärbtem oder schaumigem Urin stutzig werden. Letzterer wird durch eine vermehrte Eiweißausscheidung bedingt. Auch Wassereinlagerungen können auf die beginnende Erkrankung hindeuten. Besteht ein Verdacht, ist es ratsam, möglichst früh einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen. Direkt im Blut lassen sich während des ersten und zweiten Stadiums in der Regel zwar noch keine Veränderungen erkennen, doch eine Kreatinin-Clearance oder ein Ultraschall können bereits Aufschluss geben. Wird die Nierenschwäche schnell behandelt, erhöht dies die Chancen, ihr Fortschreiten zu verlangsamen.

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Stadium 3 (GFR 30 bis 59 Milliliter pro Minute): Im dritten Stadium beträgt die Nierenleistung nur noch die Hälfte der eines gesunden Menschen. Nun äußern sich Symptome wie Müdigkeit, Bluthochdruck und Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit. Eine amerikanische Studie² zeigte, dass sich ab diesem Stadium zudem das Risiko eines akuten Nierenversagens erhöht. Neben der Niereninsuffizienz an sich müssen auch möglicherweise begleitend auftretende Komplikationen (wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Probleme) behandelt werden. Zudem ist eine Anpassung der Dosis bestimmter Medikamente essenziell.

Stadium 4 (GFR 15 bis 29 Milliliter pro Minute): Im vierten Stadium ist die chronische Niereninsuffizienz bereits weit fortgeschritten. Viele Patienten klagen nun über Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen. Auch Knochenschmerzen oder Juckreiz auf der Haut sind charakteristisch. Bereits bestehende Wassereinlagerungen verstärken sich noch mehr.

Stadium 5 (GFR unter 15 Milliliter pro Minute): Das fünfte Stadium beschreibt die sogenannte terminale Niereninsuffizienz, also das Endstadium der Erkrankung. Die Funktion des Organs ist nun so gering, dass es zu einem vollständigen Nierenversagen kommen kann. Deshalb sind Patienten im Endstadium auf eine Dialyse oder eine Nierentransplantation angewiesen.


Wie häufig kommt die chronische Niereninsuffizienz vor?

Aufgrund des im Frühstadium meist symptomlosen Verlaufs liegen wenig verlässliche Daten zur Häufigkeit der chronischen Niereninsuffizienz vor. Eine Studie aus den USA vermutet, dass ungefähr jeder zehnte Erwachsene unter einer Nierenschwäche in einem der fünf Stadien leidet.³ Neuere Untersuchungen gehen sogar davon aus, dass knapp 15 Prozent der us-amerikanischen Erwachsenen betroffen sind. Als gefährlich gilt vor allem, dass, selbst bei schwerer Niereninsuffizienz, zwei von fünf Patienten vermutlich nichts von ihrer Erkrankung wissen. Werden auch Nierenschädigungen in einem früheren Stadium eingeschlossen, so erhöht sich die Zahl der Ahnungslosen in den USA auf 90 Prozent.⁴

Für den deutschen Raum gab es lange Zeit keine vergleichbaren Daten zur Häufigkeit von Nierenschädigungen in den Stadien 1 bis 4. Eine Untersuchung auf Basis von Daten des Robert-Koch-Instituts konnte nun jedoch ermittelt, dass mehr als zwei Millionen Deutsche unter chronischen Nierenfunktionsstörungen in den nichtdialysepflichtigen Stadien – also vor dem Endstadium – leiden. Da die Ziffer auf konservativen Schätzungen beruht, könnte die tatsächliche Zahl der Betroffenen sogar bei 2,5 Millionen liegen. Die Forschenden gehen zudem davon aus, dass etwa drei Viertel der Betroffenen in diesen Stadien ihre Erkrankung nicht bewusst ist.⁵

Welche Gruppen sind besonders gefährdet?

Nicht immer können Ursachen für die chronische Niereninsuffizienz klar ausgemacht werden. Als Risikofaktoren gelten vor allem Diabetes und Bluthochdruck. Auch vorige Nierenentzündungen, angeborene Zystennieren (Zysten an den Nieren) oder der leichtfertige Gebrauch von Schmerzmitteln können eine Nierenschwäche auslösen.

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Wie kann man einer Niereninsuffizient vorbeugen?

Um einer Nierenschwäche vorzubeugen, ist es besonders wichtig, Vorsicht im Umgang mit Medikamenten walten zu lassen. Auch vermeintlich harmlose Kopfschmerztabletten können, bei ständiger Anwendung, die Nieren schädigen. Auf Lebensmittel wie Zucker, ungesunde Fette, Salz und Alkohol gilt es, möglichst zu verzichten. Das unter Sportler*innen so beliebte Eiweiß kann die Nieren ebenfalls reizen – dabei hat mehr Eiweiß keinen Einfluss auf den Muskelaufbau, wie eine Studie herausfand. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt daher, eine tägliche Proteinzufuhr von 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht nicht zu überschreiten.⁶ Achtung: Diese Empfehlungen beziehen sich lediglich auf die Prävention. Für Dialysepatienten können teils sogar umgekehrte Richtlinien gelten.⁷ ⁸

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Prof. Dr. Andreas Kribben von Klinik für Nephrologie in Essen fordert zudem flächendeckende diagnostische Maßnahmen. „Es ist an der Zeit, dass die wichtigsten Untersuchungen zur Früherkennung von chronischen Nierenkrankheiten regelmäßig durchgeführt und in den Vorsorgekatalogen aufgenommen werden“, so der Mediziner.

Quellen:
1. American Society of Nephrology (2018). Press Release.
2. Hsu, C.Y. et al. (2008). The risk of acute renal failure in patients with chronic kidney disease. Kidney Int.
3. Coresh, J. et al. (2007). Prevalence of chronic kidney disease in the United States. JAMA.
4. Centers for Disease Control and Prevention (2021). Chronic Kidney Disease in the United States.
5. Girndt, M. et al. (2016). Prävalenz der eingeschränkten Nierenfunktion: Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland 2008-2011 (DEGS1). Deutsches Ärzteblatt
6. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2011). Richtwerte für die Energiezufuhr aus Kohlenhydraten und Fett.
7. Kuhlmann, M.K. (2011). Ernährung bei Nierenerkrankungen.
8. Kiss, D. (2014). Ernährung bei chronischer Niereninsuffizienz. Schweizer Zeitschrift für Ernährungsmedizin.
9. Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (2018). Prävalenz der chronischen Nierenkrankheit – und deren Bedeutung für die Früherkennung.

Weitere Quellen:
Fleig, S., Patecki, M. & Schmitt, R. Chronische Niereninsuffizienz. Internist 57, 1164–1171 (2016).
Keller C.K. (2002) Chronische Niereninsuffizienz. In: Burkarth C.M., Geberth S.K. (eds) Praxis der Nephrologie. Springer, Berlin, Heidelberg.
Oßwald H. (2005) Nieren- und Harnwegskrankheiten. In: Scholz H., Schwabe U. (eds) Taschenbuch der Arzneibehandlung. Springer Lehrbuch. Springer, Berlin, Heidelberg.
Segerer K., Wanner C. (2014) Epidemiologie der chronischen Niereninsuffizienz. In: Steffel J., Luescher T. (eds) Niere und Ableitende Harnwege. Springer-Lehrbuch. Springer, Berlin, Heidelberg.