13. Dezember 2025, 7:43 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Nierenschäden zählen zu den tückischsten Erkrankungen – sie entwickeln sich still, oft über Jahre hinweg. Frühzeichen sind selten eindeutig, weshalb viele Betroffene erst spät eine Diagnose erhalten. Umso wichtiger ist es, mögliche Hinweise zu kennen. FITBOOK erklärt, worauf Sie achten sollten.
Schätzungsweise zehn Prozent der Bevölkerung in Europa leiden unter einer chronischen Nierenschwäche.1, 2 Mehr als die Hälfte der im Anfangsstadium Betroffenen weiß nichts davon. Eine Einschränkung der Nierenfunktionen bleibt nämlich meist unerkannt und damit auch unbehandelt. Das liegt daran, dass Nierenschädigungen im Frühstadium oft symptomlos verlaufen.
Jetzt dem FITBOOK-Kanal bei Whatsapp folgen!
Übersicht
Nierenschädigungen anfangs meist ohne Symptome
Treten doch Beschwerden auf, sind diese oftmals nicht eindeutig und werden von Betroffenen nicht immer sofort dem Entgiftungsorgan zugeordnet. Zu den möglichen Symptomen zählen bspw.:
- Nächtlicher Harndrang
- Ermüdung
- Übelkeit
- Juckreiz
- Muskelzuckungen und Muskelkrämpfe
- Appetitlosigkeit
- Verwirrtheit
- Atemprobleme
- Schwellungen des Körpers
Aufgrund dessen, dass Nierenschädigungen oft zunächst unbeachtet bleiben, bezeichnet die Amerikanische Gesellschaft für Nephrologie (ASN) diese auch als „silent diseases“ – also stille Krankheiten – und kritisiert die fehlende Aufklärungsarbeit. „Wir schätzen, dass weltweit über 850 Millionen Menschen in einer Form an einer Nierenerkrankung leiden“, heißt es in einer Pressemitteilung von 2018. „Die Prävalenz ist damit 20-mal so hoch wie die von Krebs, […] aber die Öffentlichkeit ist sich des Ausmaßes nicht bewusst.“3
Was ist eine chronische Niereninsuffizienz?
Sind die Nieren geschädigt, können sie ihren wichtigen Aufgaben nicht mehr oder nur noch eingeschränkt nachkommen.
Nierenschädigung ist aber nicht gleich Nierenschädigung. Entwickelt sich die Erkrankung schleichend, so liegt dem meist eine sogenannte chronische Niereninsuffizienz zugrunde. Die chronische Niereninsuffizienz wird international auch als chronic kidney disease (CKD) bezeichnet. Im deutschen Sprachraum sind ebenso die Synonyme chronische Nierenerkrankung oder chronische Nierenschwäche gebräuchlich.
Bei der chronischen Niereninsuffizienz lassen die Funktionen der Nieren über einen Zeitraum von einigen Monaten oder Jahren immer mehr nach. Dies führt dazu, dass giftige Stoffwechselprodukte nicht mehr in den Nieren gefiltert und über den Urin ausgeschieden werden können. Stattdessen lagern sie sich im Blut an und es kommt zur Harnvergiftung.
Anzeichen und Verlauf einer chronischen Niereninsuffizienz
Unbehandelt kann die chronische Niereninsuffizienz zum Nierenversagen führen und tödlich enden. Mit Nierenerkrankungen werden Herzinfarkte, Schlaganfälle und laut einer Studie von 2024 sogar Demenz in Verbindung gebracht.4 Bevor dies geschieht, durchlaufen Patienten jedoch mehrere Stadien, die, insbesondere zu Beginn der Erkrankung, häufig beschwerdefrei verlaufen. Messen lässt sich eine chronische Niereninsuffizienz mithilfe der sogenannten Kreatinin-Clearance, die man mit Urinproben ermittelt. Dieses Verfahren zur Beurteilung der Nierenfunktion bestimmt die glomeruläre Filtrationsrate (kurz GFR) also die Filterleistung der Nieren.5 Bei einem gesunden Menschen beträgt die GFR 95 bis 110 Milliliter pro Minute. Das bedeutet, dass die Nieren innerhalb dieses Zeitraums 95 bis 110 Milliliter Blut reinigen. Die GFR sinkt mit fortschreitender Erkrankung. Fachleute unterscheiden dabei fünf Stadien.
Die 5 Stadien der Niereninsuffizienz
Stadium 1 und Stadium 2
Im Anfangsstadium (GFR über 90 Milliliter pro Minute) sowie im zweiten Stadium (GFR 60 bis 89 Milliliter pro Minute) verursacht die chronische Niereninsuffizienz meist keine auffälligen Symptome. Dennoch gibt es einige Warnhinweise. So sollten betroffene Personen beispielsweise bei verfärbtem oder schaumigem Urin jedoch aufmerksam werden. Denn ein schaumiger Urin kann auf eine vermehrte Eiweißausscheidung zurückgeführt werden. Auch Wassereinlagerungen können auf die beginnende Erkrankung hindeuten. Besteht ein Verdacht, ist es ratsam, möglichst früh einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen. Direkt im Blut lassen sich während des ersten und zweiten Stadiums in der Regel zwar noch keine Veränderungen erkennen, doch eine Kreatinin-Clearance oder ein Ultraschall können bereits Aufschluss geben. Wird die Nierenschwäche schnell behandelt, erhöht dies die Chancen, ihr Fortschreiten zu verlangsamen.
Stadium 3
Im dritten Stadium (GFR 30 bis 59 Milliliter pro Minute) beträgt die Nierenleistung nur noch die Hälfte der eines gesunden Menschen. Nun äußern sich Symptome wie Müdigkeit, Bluthochdruck und Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit. Eine amerikanische Studie zeigte, dass sich ab diesem Stadium zudem das Risiko eines akuten Nierenversagens erhöht.6 Neben der Niereninsuffizienz an sich müssen auch möglicherweise begleitend auftretende Komplikationen (wie Herz-Kreislauf-Probleme) behandelt werden. Zudem ist eine Anpassung der Dosis bestimmter Medikamente essenziell.
Stadium 4
Im vierten Stadium (GFR 15 bis 29 Milliliter pro Minute) ist die chronische Niereninsuffizienz bereits weit fortgeschritten. Viele Patienten klagen jetzt über Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen. Auch Knochenschmerzen oder Juckreiz auf der Haut sind charakteristisch. Bereits bestehende Wassereinlagerungen verstärken sich noch mehr.
Stadium 5
Das fünfte Stadium (GFR unter 15 Milliliter pro Minute) beschreibt die sogenannte terminale Niereninsuffizienz, also das Endstadium der Erkrankung. Die Funktion des Organs ist so gering, dass es zu einem vollständigen Nierenversagen kommen kann. Deshalb sind Patienten im Endstadium auf eine Dialyse oder eine Nierentransplantation angewiesen.
Wie häufig kommt die chronische Niereninsuffizienz vor?
Aufgrund des im Frühstadium meist symptomlosen Verlaufs liegen wenig verlässliche Daten zur Häufigkeit der chronischen Niereninsuffizienz vor. Eine Studie aus den USA vermutet, dass ungefähr jeder zehnte Erwachsene unter einer Nierenschwäche in einem der fünf Stadien leidet. Neuere Untersuchungen gehen sogar davon aus, dass knapp 15 Prozent der US-amerikanischen Erwachsenen betroffen sind.7 Als gefährlich gilt vor allem, dass, selbst bei schwerer Niereninsuffizienz, zwei von fünf Patienten vermutlich nichts von ihrer Erkrankung wissen. Werden auch Nierenschädigungen in einem früheren Stadium eingeschlossen, so erhöht sich die Zahl der Ahnungslosen in den USA auf 90 Prozent.8
Für den deutschen Raum gab es lange Zeit keine vergleichbaren Daten zur Häufigkeit von Nierenschädigungen in den Stadien 1 bis 4. Im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern verfügt Deutschland auch nicht über ein bundesweites Register chronisch Nierenkranker. Eine Untersuchung auf Basis von Daten des Robert-Koch-Instituts konnte nun jedoch ermitteln, dass mehr als zwei Millionen Deutsche unter chronischen Nierenfunktionsstörungen in den nichtdialysepflichtigen Stadien – also vor dem Endstadium – leiden.9 Da die Ziffer auf konservativen Schätzungen beruht, könnte die tatsächliche Zahl der Betroffenen sogar bei 2,5 Millionen liegen. Die Forschenden gehen zudem davon aus, dass etwa drei Viertel der Betroffenen in diesen Stadien ihre Erkrankung nicht bewusst ist.
7 Dinge, die wir selbst für gesunde Nieren tun können
Weiterer Faktor, der laut Studie Demenz begünstigt
Welche Gruppen sind besonders gefährdet?
Nicht immer können Ursachen für die chronische Niereninsuffizienz klar ausgemacht werden. Als Risikofaktoren gelten speziell Diabetes und Bluthochdruck. Auch vorangegangene Nierenentzündungen, angeborene Zystennieren (Zysten an den Nieren) oder der leichtfertige Gebrauch von Schmerzmitteln können eine Nierenschwäche auslösen.
Neue Studiendaten zeigen: Neben Blut- auch Urintests wichtig
Eine großangelegte Studie zeigt, dass viele chronische Nierenerkrankungen mit den üblichen Bluttests allein nicht erkannt werden. Oft bleibt die GFR, also der wichtigste Standardwert zur Beurteilung der Nierenfunktion, zunächst unauffällig. Erst ein zusätzlicher Urintest, der den Albumin-Kreatinin-Quotienten (uACR) misst, zeigte bei zahlreichen Betroffenen frühe Auffälligkeiten. Ohne diesen Urintest wären diese Erkrankungen unentdeckt geblieben.
Die Forschenden empfehlen deshalb, Blut- und Urintests regelmäßig zu kombinieren. Dadurch lassen sich Nierenschäden früher erkennen und gezielter behandeln. Besonders Menschen mit Diabetes oder Bluthochdruck profitieren von einem routinemäßigen Albuminurie-Screening, da sich so das Fortschreiten der Erkrankung oft frühzeitig bremsen lässt.10
Wie kann man einer Niereninsuffizienz vorbeugen?
Um Nierenerkrankungen vorzubeugen, sollte man mit Medikamenten vorsichtig umgehen. selbst frei verkäufliche Schmerzmittel können die Nieren belasten, wenn sie regelmäßig eingenommen werden. Auch ein übermäßiger Konsum von Zucker, ungesunden Fetten, Salz und Alkohol kann sich negativ auswirken. Eiweiß ist zwar ein wichtiger Nährstoff, sollte aber in ausgewogener Menge verzehrt werden. Für Gesunde ist eine höhere Zufuhr meist unbedenklich, bei eingeschränkter Nierenfunktion kann sie jedoch belastend sein. Umgekehrt benötigen Dialysepatienten oft sogar mehr Eiweiß.11
Prof. Dr. Andreas Kribben von der Klinik für Nephrologie in Essen fordert zudem flächendeckende diagnostische Maßnahmen.12 „Es ist an der Zeit, dass die wichtigsten Untersuchungen zur Früherkennung von chronischen Nierenkrankheiten regelmäßig durchgeführt und in den Vorsorgekatalogen aufgenommen werden“, so der Mediziner.13,14