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Plädoyer für ein süßeres Leben

»Warum ich auf Zucker nie ganz verzichten könnte

Waffel mit Schokoeis
Ab und an ein Schokoeis – das ist für unsere Autorin Lebensqualität. Ganz auf Zucker zu verzichten, kommt ihr nicht in die TüteFoto: Getty Images

Kaiser Nero liebte Eis, Ronald Reagan Zitronensoufflé und Thomas Gottschalk Gummibärchen – dennoch sprechen derzeit alle davon, raffinierten Zucker von ihrem Speiseplan zu verbannen oder zumindest zeitweise darauf verzichten zu wollen. Die Folgen des Konsums seien verheerend. Träge würde er uns machen, der Zucker, dick sowieso, süchtig und außerdem sei er ursächlich für unzählige Krankheiten, die am Ende sicher zum Tode führen. Warum ich trotzdem nicht darauf verzichten möchte? Ein Plädoyer für mehr Süße im Leben.

Eines ist mir vorab wichtig: Ich respektiere, wenn sich jemand dafür entscheidet, Zucker aus seinem Leben zu verbannen. Wie mein Kollege Nuno Alves, der sich vor drei Jahren dazu entschloss, als sein Vater an einem Hirntumor erkrankte. Und der diese Entscheidung nie bereut hat und sie trotz Widerständen durchzieht. Ich hatte nie dieses Bedürfnis. Weil mir die nötige Selbstdisziplin fehlt? Nein. Vielmehr überwiegt für mich das Positive, das ich mit Zucker verbinde. Gefühle und Erinnerungen, auf die ich nicht verzichten möchte.

Hier alle Zuckerfrei-Kolumnen zum Nachlesen: Nuno Alves: »Mein süßes Leben ohne Zucker

Gründe, warum ich nie ganz auf Zucker verzichten möchte

Ich bin nicht adipös und meine Hausärztin bescheinigte mir bei meinem letzten Check-up hervorragende Werte. Darüber hinaus ernähre ich mich einigermaßen ausgewogen. Und: Ich liebe Süßigkeiten. In Maßen, aber regelmäßig. Eine Kugel Schoko-Eis bei meiner Lieblings-Eisdiele, ein saftiges Stück Zitronenkuchen, Vanille-Pudding, eine Handvoll saure Pommes. Ich erinnere mich an Familienfeste mit Kaffee und Butterkuchen, an den Geschmack von Brause gemischt mit Chlorwasser im Freibad, an den Geruch der Melissen-Bonbons, die es nur und ausschließlich beim Besuch meiner Oma in Köln gab. Mein strenger Lateinlehrer wurde bei jeglicher Art von süßem Kuchen butterweich, was ihn in meiner Wahrnehmung plötzlich Mensch werden ließ. 

Ich verbinde mit dem Konsum süßer Dinge Behaglichkeit, Zusammensein, gemeinsamen Genuss. Vielleicht manchmal auch Trost. Und Glück! Ich liebe es, meine Kinder zu beobachten, wenn ich ihnen ein paar Münzen in die Hand drücke, damit sie sich ein Eis kaufen können. Wenn stolz die Tütchen ausgewertet werden, die man beim letzten Kindergeburtstag abgegriffen hat. Wenn tagelang darüber sinniert wird, welcher Kuchen wie-wann-wo-mit-wem am leckersten geschmeckt hat. Auf Zucker zu verzichten, würde für mich auch bedeuten, auf diese Momente zu verzichten.

Auch interessant: 6 Symptome, die zeigen, dass man zu viel Zucker isst

Trixi mit Eis

Kurzer Boxenstopp bei meiner Haus-und Hof-Eisdiele,
aktuelle Lieblingssorte SalzkaramellFoto: FITBOOK

Churros in Madrid, Milch-Shake in Louisiana

Die Italiener haben ihr Gelati, die Franzosen Petits Fours und Macarons, die Österreicher Palatschinken, Kaiserschmarrn und Linzer Torte – Zucker ist aus der (Ess-)Kultur unzähliger Länder nicht wegzudenken. Und auch da kommen Erinnerungen: fettige, klebrige Churros mit flüssiger Schokolade nach einer durchgefeierten Nacht in Madrid, mein erster Milky-Way-Mega-Shake in einem Diner in der Pampa von Louisiana, Madeleines mit Kakao als morgendliches Frühstücks-Ritual im Frankreichaustausch. Erinnerungen, die mich geprägt haben. Und die ich ohne Zucker nicht hätte.

Und dann ist da noch ein ganzer Berufsstand, der durch die Zucker-Ablehnung in Frage gestellt wird: Seit Jahrhunderten, Jahrtausenden!, zaubern Konditorinnen und Konditoren Torten und Törtchen, modellieren Marzipanskulpturen. Beliefern damit Königshöfe, Opernbälle, Galas und Gipfeltreffen. Ein Beruf ohne Daseinsberechtigung?  

Vieles, was Spaß macht, hat Suchtpotenzial 

Ich bin mir absolut bewusst darüber, dass übermäßiger Zuckerkonsum ungesund ist. Dass wir eine übersättigte Gesellschaft sind mit zu vielen Volkskrankheiten und schlechten Zähnen. Träge und faul. Aber dass Dinge, die uns Spaß machen, Suchtpotenzial haben, ist nicht neu, das gilt auch für Sex, Glücksspiel und Handynutzung. Trotzdem will ich die kleinen, süßen Momente nicht aus meinem Leben killen. Ganz einfach deswegen, weil ich sie liebe und weil sie mir guttun. Auch ich wünsche mir ein gesundes, langes Leben. Aber bitte mit Sahne.

Auch wenn es sich bei diesem Text um ein Plädoyer gegen den kompletten Zuckerverzicht handelt, weisen wir an dieser Stelle auf Folgendes hin: Es gibt durchaus Erkrankungen, bei denen vom Konsum von Zucker strikt abzuraten ist. Sprechen Sie in solchen Fällen unbedingt mit Ihrem Arzt.

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