27. Mai 2026, 10:15 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Wer Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis hat, ist vielen nicht bewusst. Denn auch Krankheiten, die äußerlich kaum sichtbar sind, können als Schwerbehinderung anerkannt werden. FITBOOK klärt auf.
Was gilt rechtlich als Schwerbehinderung?
Laut Sozialrecht liegt eine Behinderung vor, wenn jemand eine oder mehrere Beeinträchtigungen hat, die länger als sechs Monate anhalten. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben muss beeinträchtigt sein. Der Grad der Behinderung (GdB) bzw. der Grad der Schädigungsfolgen (GdS) drücken die Schwere aus. Der GdB wird in Zehnerschritten von 20 bis 100 festgestellt. Als schwerbehindert gilt man, wenn der Grad der Behinderung 50 oder mehr beträgt.1 Beispiele:
- Eine schwere Verlaufsform von Migräne kann einen GdB von 50 bis 60 begründen.
- Auch Menschen mit stark ausgeprägter Akne haben mitunter einen GdB von 50.
- Das gilt auch für Diabetiker, die täglich mehrere Insulininjektionen benötigen.
- Bei bestimmten Krebserkrankungen kann zeitweise ein GdB von mindestens 50 festgestellt werden.
Grundsätzlich können sowohl körperliche als auch psychische Erkrankungen einen GdB begründen. Eine Übersicht gibt die Versorgungsmedizinverordnung (VersMedV).
Bei der letzten Erhebung Ende 2023 lebten in Deutschland laut Statistischem Bundesamt rund 7,9 Millionen Menschen mit einer schweren Behinderung.2 Das waren etwa 67.000 beziehungsweise 0,9 Prozent mehr als bei der vorherigen Erhebung Ende 2021. Damit galten 9,3 Prozent der Bevölkerung als schwerbehindert.
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Schwerbehinderte Menschen in Altersgruppen
Die Erhebung des Statistischen Bundesamts von 2023 zeigt, dass 45 Prozent (3,6 Millionen) der schwerbehinderten Menschen 55 bis 74 Jahre alt sind. Rund ein Drittel (2,7 Millionen) ist älter als 75. Drei Prozent (214.000) waren Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.
Die häufigsten Ursachen
Fast 91 Prozent aller schweren Behinderungen sind auf Krankheiten zurückzuführen. Drei Prozent der Fälle sind angeboren, bei einem Prozent waren ein Unfall oder eine Berufskrankheit die Ursache.
Körperliche Einschränkung
Insgesamt 58 Prozent der schweren Behinderungen sind körperlich bedingt. Die unten stehende Tabelle gibt Aufschluss darüber, welche Körperteile bzw. -funktionen häufig beeinträchtigt sind.
| Körperliche Behinderung | Betroffene in Prozent |
|---|---|
| Innere Organe/ Organsysteme | 26 |
| Arme und Beine | 11 |
| Wirbelsäule und Rumpf | 10 |
| Blindheit oder Sehbehinderung | 4 |
| Schwerhörigkeit, Gleichgewichts- oder Sprachstörungen | 4 |
| Verlust einer oder beider Brüste | 2 |
Geistig oder seelisch bedingte Einschränkung
15 Prozent sind aufgrund geistiger oder seelischer Beeinträchtigungen schwerbehindert. Bei etwa 9 Prozent liegen zerebrale Störungen vor.
Schwerbehinderte Menschen in Deutschland nach Grad der Behinderung
Die aktuelle Erhebung liefert keine genauen Angaben über die Verteilung des Behinderungsgrades. Das Statistische Bundesamt gab lediglich an, dass ein Fünftel der Menschen – also 22 Prozent – den höchsten Behinderungsgrad von 100 aufweisen. Über ein Drittel (35 Prozent) hatten einen Grad der Behinderung von 50.
Eine ältere Statistik aus dem Jahr 2019 beschäftigte sich genauer mit den verschiedenen Graden. Den größten Anteil an schwerbehinderten Menschen bildeten damals 2,63 Millionen, die einen Grad von 50 Prozent aufwiesen. Einen 100-prozentigen Grad der Behinderung hatten 1,84 Millionen Menschen. Sie stellten zu dem Zeitpunkt die zweitgrößte Gruppe dar.
| Gesamt | GdB 50% | GdB 60% | GdB 70% | GdB 80% | GdB 90% | GdB 100% | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Angeborene Behinderung | 257.541 | 34.120 | 16.758 | 17.541 | 36.324 | 8823 | 143.975 |
| Arbeitsunfall (einschl. Wege- und Betriebsunfall), Berufskrankheit | 55.774 | 21.794 | 10.713 | 6940 | 5463 | 2490 | 8374 |
| Verkehrsunfall | 30.031 | 8655 | 4554 | 3662 | 3755 | 1490 | 7915 |
| Häuslicher Unfall | 5785 | 2168 | 916 | 585 | 540 | 215 | 1361 |
| Sonstiger oder nicht näher bezeichneter Unfall | 20.315 | 7127 | 3152 | 2273 | 2071 | 887 | 4805 |
| Anerkannte Kriegs-, Wehrdienst- oder Zivildienstbeschädigung | 13.192 | 3517 | 2057 | 1680 | 1612 | 961 | 3365 |
| Allgemeine Krankheit (einschl. Impfschaden) | 7.062.264 | 2.388.977 | 1.101.041 | 772.185 | 862.076 | 359.839 | 1.578.146 |
| Sonstige, mehrere oder ungenügend bezeichnete Ursachen | 458.058 | 165.881 | 77.846 | 53.456 | 50.378 | 21.973 | 88.524 |
| Insgesamt | 7.902.960 | 2.632.239 | 1.217.037 | 858.322 | 962.219 | 396.678 | 1.836.465 |
Der Antrag auf einen Schwerbehindertenausweis
Wer eine Schwerbehinderung feststellen lassen möchte, muss diesen in der Regel beim zuständigen Versorgungsamt seiner Gemeinde stellen. In der Regel erhalten Betroffene anschließend ein Formular, das ausgefüllt werden muss. Wichtig ist hierbei, dass der Antragsteller seine persönliche Betroffenheit deutlich macht. Er muss genau beschreiben, inwiefern die Krankheit den eigenen Alltag beeinträchtigt.
Um die Bearbeitungszeiten zu verkürzen, sollten alle ärztlichen Unterlagen, die sich auf die Gesundheitsstörung beziehen, dem Antrag beigefügt werden. Das Amt prüft den Antrag und stellt fest, ob eine Behinderung vorliegt und welchen Grad sie hat. Liegt der GdB beziehungsweise GdS bei mindestens 50, wird ein Schwerbehindertenausweis ausgestellt. Mit diesem Ausweis besteht der Anspruch auf Nachteilsausgleiche und Vergünstigungen.
Kann man mit Diabetes einen Schwerbehindertenausweis beantragen?
Auch psychische Erkrankungen können als Behinderung gelten
Welche Vorteile bietet ein Schwerbehindertenausweis?
An dieser Stelle ist wichtig, zu erwähnen, dass die hier als Vorteile bezeichneten Ansprüche eher als Nachteilsausgleich zu betrachten sind.
- Menschen mit Behinderung können einen Steuerfreibetrag geltend machen.
- Schwerbehinderte Menschen können unter bestimmten Voraussetzungen früher in Altersrente gehen.
Arbeitnehmer sind übrigens nicht verpflichtet, dem Arbeitgeber von ihrer Schwerbehinderung zu erzählen. Viele verschweigen es, weil sie befürchten, berufliche Nachteile zu haben. Dabei ist in der Regel das Gegenteil der Fall. Der Arbeitgeber muss per Gesetz Schwerbehinderte fördern. Ihnen stehen etwa fünf Tage bezahlter zusätzlicher Urlaub im Jahr sowie das Recht zu, Überstunden zu verweigern. Zudem können Schwerbehinderte nicht so ohne Weiteres gekündigt werden und haben, je nach Art der Behinderung auch Anspruch auf entsprechende Hilfsmittel am Arbeitsplatz.
Auch außerhalb des Berufslebens gibt es einige Vergünstigungen. So können etwa mobilitätsbehinderte Menschen günstiger oder mitunter auch kostenlos mit Bus und Bahn fahren. Bei Kultur- und Freizeitveranstaltungen gibt es oft Preisnachlässe, wenn man einen Schwerbehindertenausweis vorlegt. Auch Mitgliedsbeiträge in Vereinen sowie Kurtaxen sind mitunter vergünstigt.
Weitere Vorteile im Überblick:
- Vortritt bei Besucherverkehr in Behörden
- Vorzeitige Rente
- Bevorzugung bei Einstellung
- Ermäßigung/Befreiung beim Rundfunkbeitrag
Wie lange ist ein Schwerbehindertenausweis gültig?
Der Ausweis muss in aller Regel nach einigen Jahren neu ausgestellt werden. 2022 entschied das Landessozialgericht Baden-Württemberg, dass auch bei unbefristet festgestelltem GdB kein Anspruch auf einen unbefristeten Schwerbehindertenausweis besteht.3