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Voraussetzungen

Schwerbehindertenausweis – wer hat Anspruch, welche Vorteile bringt er?

Wer einen Schwerbehindertenausweis hat, bekommt Nachteilsausgleiche
Wer einen Schwerbehindertenausweis hat, bekommt NachteilsausgleicheFoto: dpa/Andrea Warnecke

Wer Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis hat, muss nicht automatisch im Rollstuhl sitzen oder etwa geistig beeinträchtigt sein. Auch eine chronische Nasennebenhöhlenentzündung oder Akne kann als Behinderung eingestuft werden. Wichtig: Betroffenen stehen Nachteilsausgleiche zu.

In Deutschland leben laut Statistischem Bundesamt 7,9 Millionen schwerbehinderte Menschen. Das entspricht 9,5 Prozent der Gesamtbevölkerung, also fast jeder Zehnte ist betroffen. In Wirklichkeit dürften es noch deutlich mehr sein, da viele Menschen schwerbehindert sind, ohne es zu wissen. Warum? Weil vielen nicht bekannt ist, dass auch chronische Krankheiten wie Tinnitus oder Rheuma unter bestimmten Voraussetzungen eine Schwerbehinderung darstellen und sie somit Anrecht auf einen Schwerbehindertenausweis hätten. Damit entgehen den Betroffenen Vergünstigungen und Nachteilsausgleiche.

Ab wann gilt man als schwerbehindert?

Ab wann mal als schwerbehindert gilt, ist im Sozialrecht definiert. Eine Behinderung liegt vor, wenn jemand eine oder mehrere Beeinträchtigungen hat, die länger als sechs Monate anhalten. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben muss beeinträchtigt sein. Der Grad der Behinderung (GdB) beziehungsweise den Grad der Schädigungsfolgen (GdS) drückt die Schwere aus. Sie erfolgt in Zehnerschritten von 20 bis 100. Als schwerbehindert gilt man, wenn der Grad der Behinderung 50 oder mehr beträgt.

Eine schwere Verlaufsform von Migräne kann einen GdB von 50 bis 60 begründen. Auch Menschen mit stark ausgeprägter Akne haben mitunter einen GdB von 50. Im Prinzip kann jede Krankheit – ob nun körperlicher oder psychischer Art – einen GdB begründen. Eine Krebserkrankung beispielsweise begründet ebenfalls einen GdS von mindestens 50. Eine Übersicht gibt die Versorgungsmedizinverordnung (VersMedV).

Schwerbehinderte Menschen in Deutschland nach Ursache und Grad der Behinderung

Den größten Anteil an schwerbehinderten Menschen, genau: 2,63 Millionen, machen jene aus, die einen Grad von 50 Prozent aufweisen, wie Daten des Statistischen Bundesamts zeigen. Einen 100-prozentigen Grad der Behinderung haben 1,84 Millionen Menschen. Sie stellen die zweitgrößte Gruppe dar.

 GesamtGdB 50%GdB 60%GdB 70%GdB 80%GdB 90%GdB 100%
Angeborene Behinderung257.54134.12016.75817.54136.3248823143.975
Arbeitsunfall (einschl. Wege- und Betriebsunfall), Berufskrankheit55.77421.79410.7136940546324908374
Verkehrsunfall30.031865545543662375514907915
Häuslicher Unfall578521689165855402151361
Sonstiger oder nicht näher bezeichneter Unfall20.31571273152227320718874805
Anerkannte Kriegs-, Wehrdienst- oder Zivildienstbeschädigung13.19235172057168016129613365
Allgemeine Krankheit (einschl. Impfschaden)7.062.2642.388.9771.101.041772.185862.076359.8391.578.146
Sonstige, mehrere oder ungenügend bezeichnete Ursachen458.058165.88177.84653.45650.37821.97388.524
Insgesamt7.902.9602.632.2391.217.037858.322962.219396.6781.836.465
Statistisches Bundesamt. (14. September, 2020). Anzahl schwerbehinderter Menschen in Deutschland nach Ursache und Grad der Behinderung im Jahr 2019. In Statista. Zugriff am 07. Oktober 2021, von Statista

Was die Ursache der Behinderung angeht, so handelt es sich bei 89,36 Prozent um allgemeine Krankheiten, gefolgt von „sonstigen, mehreren oder ungenügend bezeichneten Ursachen“ mit 5,8 Prozent und angeborenen Behinderungen mit 3,26 Prozent.

Der Antrag auf einen Schwerbehindertenausweis

Wer eine Schwerbehinderung feststellen lassen möchte, muss einen Antrag beim Versorgungsamt seiner Gemeinde stellen. Dafür reicht ein formloses Schreiben.

Daraufhin bekommt der Antragsteller ein Formular zugeschickt, das ausgefüllt werden muss. Wichtig ist hierbei, dass der Antragsteller seine persönliche Betroffenheit deutlich macht. Er muss genau beschreiben, inwiefern die Krankheit den eigenen Alltag beeinträchtigt.

Um die Bearbeitungszeiten zu verkürzen, sollten alle ärztlichen Unterlagen, die sich auf die Gesundheitsstörung beziehen, dem Antrag beigefügt werden. Das Amt prüft den Antrag und stellt fest, ob eine Behinderung vorliegt und welchen Grad sie hat. Liegt der GdB beziehungsweise GdS bei mindestens 50, wird ein Schwerbehindertenausweis ausgestellt. Mit diesem Ausweis besteht der Anspruch auf Nachteilsausgleiche und Vergünstigungen.

Welche Vorteile bietet ein Schwerbehindertenausweis?

An dieser Stelle wichtig zu erwähnen ist, dass die hier als Vorteile bezeichneten Ansprüche eher als Nachteilsausgleich zu betrachten sind.

Menschen mit Behinderung können einen Steuerfreibetrag geltend machen. Zudem können Menschen mit Schwerbehinderung mit 62 Jahren in Rente gehen – vorausgesetzt, sie haben mindestens 35 Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt.

Arbeitnehmer sind übrigens nicht verpflichtet, dem Arbeitgeber von ihrer Schwerbehinderung zu erzählen. Viele verschweigen es, weil sie befürchten, berufliche Nachteile zu haben. Dabei ist in der Regel das Gegenteil der Fall. Der Arbeitgeber muss per Gesetz Schwerbehinderte fördern. Ihnen stehen etwa fünf Tage bezahlter zusätzlicher Urlaub im Jahr sowie das Recht zu, Überstunden zu verweigern. Zudem können Schwerbehinderte nicht so ohne Weiteres gekündigt werden und haben, je nach Art der Behinderung haben sie auch Anspruch auf entsprechende Hilfsmittel am Arbeitsplatz.

Auch außerhalb des Berufslebens gibt es einige Vergünstigungen. So können etwa mobilitätsbehinderte Menschen günstiger oder mitunter auch kostenlos mit Bus und Bahn fahren. Bei Kultur- und Freizeitveranstaltungen gibt es oft Preisnachlässe, wenn man einen Schwerbehindertenausweis vorlegt. Auch Mitgliedsbeiträge in Vereinen sowie Kurtaxen sind mitunter vergünstigt.

Weitere Vorteile im Überblick:

  • Vortritt bei Besucherverkehr in Behörden
  • Vorzeitige Rente
  • Bevorzugung bei Einstellung
  • Ermäßigung/Befreiung bei der Rundfunkgebühr (GEZ)