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Professor erklärt in „Corriere della Sera“

Italiens dramatische Fehler im Kampf gegen Corona

In Italien wütet Corona. Ein italienischer Professor erklärt, welche Fehler vor allem in der Lombardei Menschenleben gefordert haben.
Ärzte stehen um das Bett eines Corona-Patienten herum
Foto: Getty Images

Kein anderes europäisches Land ist so stark von Corona betroffen wie Italien. Vor allem in der Region Lombardei (wo auch die Millionenstadt Mailand liegt) errechnen Statistiker Besorgnis erregende Mortalitätsraten, die um ein Vielfaches höher liegen als etwa in Deutschland. Daraus zu schließen, dass SARS-CoV-2 bzw. Covid-19 in Italien per se „tödlicher“ ist, greift zu weit. Denn auch Fehler vonseiten der Politik und Verwaltung können höhere Ansteckungsraten begünstigen. Ein italienischer Mikrobiologie-Professor erklärt, was vor allem in der Lombardei falsch gelaufen ist.

Auch wenn sich Italien gerade darüber freut, dass ein 101-Jähriger wie durch ein Wunder eine Corona-Lungenentzündung überlebt hat: Das Land ist weiterhin in Europa am schlimmsten von der Corona-Pandemie betroffen. Am 03.04.20 zählte die Johns-Hopkins-Universität dort 115.242 bestätigte Infektionsfälle, 13.915 Menschen sollen bereits an den Folgen von Covid-19 gestorben sein. Die Heftigkeit, mit der SARS-CoV-2 im Land wütet, gepaart mit den erschreckenden Krankenhausberichten aus Bergamo, macht auch vielen Menschen hier in Deutschland große Angst.

Immer wieder kommt dabei die Frage auf, warum in Italien so viel mehr Menschen am Coronavirus sterben als anderswo. Neben Erklärungsansätzen, dass dort u.a. viel weniger getestet wird und somit die Dunkelziffer Infizierter sehr hoch ausfallen wird (was die De-facto-Mortalität wiederum drücken würde), erklärte ein italienischer Virologie-Professor, Giorgio Palù, gegenüber der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“ jetzt, dass man in Italien bei der Corona-Bekämpfung auch buchstäblich fatale Fehlentscheidungen getroffen habe.

Letzter Lehrstuhl für Virologie in Italien wurde 1982 besetzt

Streng genommen ist er aber gar kein Professor der Virologie (mehr). Und genau diese Tatsache, wie er selbst feststellt, mache ein strukturelles Problem in Italien aus. Denn die letzte Professur für Virologie sei in Italien vor fast 40 Jahren vergeben worden (übrigens an ihn). „Wir sind ein Volk voller Virologen geworden, wo alle von dem Virus sprechen. Schade nur, dass man in Italien – im Gegensatz zu Deutschland oder den USA – die letzten Lehrstühle für Virologie im Jahr 1982 berufen hat“, bemängelt der Professor im „Corriere“-Interview. Danach sei alles in die Fachrichtung Mikrobiologie eingegliedert worden. „Klar, auch Viren sind Mikroben, aber die Mikrobiologie befasst sich neben Viren auch mit Bakterien, Protozoen, Parasiten und Pilzen. Und jetzt sehen wir, wie groß der Bedarf an einer eigenen und spezifischen Fachrichtung für diese doch sehr spezielle Materie wäre“, erklärt er weiter.

Deutschland, Hochburg der Virologen

Ganz anders die Situation in Deutschland, wie wir spätestens seit den omnipräsenten Drostens, Kekulés und Co. wissen: Deutschland kann Virologen – und hat (zusammen mit Österreich und der Schweiz) seit 1990 eine eigene Gesellschaft für Virologie e.V. (GfV) mit mehr als 1000 Mitgliedern. Die Fachgesellschaft mit Sitz in Erlangen wurde gegründet, um die Forschungsinteressen und Aufgaben des Fachbereichs Virologie noch besser zu vertreten und zu fördern, als es bis dahin in der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) der Fall war. Die GfV ist die größte Virologen-Fachgesellschaft in Europa.

Außerdem kommt der emeritierte Professor, der weiterhin an der Uni Padua forscht (u.a. am neuartigen Coronavirus), auf Fehler zu sprechen, die gleich zu Beginn der Epidemie in Italien begangen worden sind. Vor allem zwei Fehlentscheidungen haben insbesondere die Region Lombardei sehr stark im Kampf gegen Corona zurückgeworfen.

Zu viele (unnötige) Krankenhausaufnahmen

Angesprochen auf die hohe Mortalität in der Lombardei (bis zu 14 Prozent) erklärt Professor Palù weiter: „In der Lombardei haben sie alle ins Krankenhaus eingeliefert. Das hatte zur Folge, dass die Klinikbetten sehr schnell überfüllt waren.“ Insgesamt seien 60 Prozent der bestätigten Fälle aus dieser Region im Krankenhaus gewesen.

Daraus schließt der Experte, dass man versäumt habe, eine wichtige Lektion aus der SARS-Pandemie 2002/2003 zu lernen: „Genauso wie bei Covid-19 handelte es sich (damals, Anm. d. Red.) um ein nosokomiales Virus. Das sich also im Krankenhaus ausbreitet.“

Ein isolierter Corona-Herd wurde verteilt

Vor diesem Hintergrund habe die Region Lombardei eine folgenschwere und laut Prof. Palù „sehr unglückliche“ Entscheidung getroffen. Sie verteilte Covid-19-Infizierte aus dem Krankenhaus von Codogno, der ersten „Brutstätte“, auf andere Kliniken der Region. Auf diese Weise habe man das Virus erst so richtig „exportiert“. Gleichzeitig habe man bei den aufnehmenden Krankenhäusern das Personal nicht ausreichend und nachhaltig auf Corona getestet.

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Prof. Palù sagt weiter: „Sie haben sich von den Emotionen mitreißen lassen. Alle ‚rein‘ (die Infizierten in die Krankenhäuser, Anm. d. Red.). Dabei hätte man sie weitestmöglich ‚draußen‘ lassen müssen.“

Der Experte betont die Neuartigkeit des SARS-CoV-2-Erregers und leitet daraus folgende Handlungsnotwendigkeiten ab: Man müsse ihm mit Präventivmaßnahmen und Isolierung entgegentreten, dadurch die Ansteckungskette unterbrechen – und „nicht mit dem Automatismus Notaufnahme“.

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