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Scheinbar mehr und mehr Todesfälle

Ist das Coronavirus für junge Menschen doch gefährlicher als angenommen?

Junge Covid-19-Patientin
Von jungen Patienten mit schweren Covid-19-Verläufen hört man immer öfter – scheinbar zumindest. FITBOOK hat bei Experten nachgehakt. Foto: Getty Images

Es scheint, als beträfen schwere Covid-19-Verläufe mehr und mehr junge Patienten – auch solche mit Todesfolge. Dabei hieß es eigentlich, dass vor allem ältere Menschen und Risikogruppen eine Infektion mit dem Coronavirus bestmöglich verhindern sollten, da die Erkrankung für sie gefährlich werden kann. Hat sich die Lage geändert? FITBOOK hat bei Experten nachgefragt.

Schockierend war zuletzt der Fall einer 16-jährigen Französin, die laut Aussage ihrer Mutter keine Vorerkrankungen hatte. Das Virus (zunächst falsch gedeutet) hatte bei ihr einen scheinbar leichten Husten ausgelöst und wurde dann unerwartet immer schlimmer, wenige Tage später war die Patientin verstorben. Kurz vorher war ein 17-Jähriger aus Los Angeles einem septischen Schock im Rahmen seiner Corona-Erkrankung erlegen.

Näher: der Fall eines 22-jährigen Mannes in Berlin-Mitte, offenbar „Patient null“ (= der erste bestätigte Fall) in der Hauptstadt. Nach bald einem Monat wird er immer noch abgeschottet in der Charité behandelt. Es gehe ihm langsam besser, hat ihn aber sehr heftig erwischt – das zeigen die Eckdaten und sagte er auch dem öffentlich-rechtlichen Videokanal „Strg_F“.

Bisher dachten wir, dass das Virus eher bei älteren, gesundheitlich vorbelasteten Menschen so schwere Erkrankungen auslöst. Aber stimmt das überhaupt noch?

Was sagen Experten über junge Corona-Tote?

FITBOOK hat mit Arzt und Dipl. Mikrobiologe Enrico Zessin gesprochen. Er erklärt es ganz pragmatisch:

Daten immer pragmatisch betrachten

Laut Zessin ist es also keineswegs so, dass plötzlich mehr junge Betroffene sterben bzw. dass es sich um eine veränderte, aggressivere Form des Virus handelt. „Solche Behauptungen sind nicht belegt. Fakten und Studien sprechen eine andere Sprache“, weiß er.

Wenn junge Menschen ohne (bekannte) Vorbelastungen so schwer erkranken, handele es sich auch nicht etwa um eine gefährlichere Variante des Virus. Das versichert Enrico Zessin im Gespräch mit FITBOOK. „Die genetische Struktur von Coronaviren ist recht stabil. Es ist also nicht von einer aggressiveren Form auszugehen, die sich jetzt plötzlich entwickelt hat.“

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Vergleich mit der saisonalen Grippe

Es bleibe dabei: Schwere Covid-19-Verläufe drohten vor allem bei Personen mit Risikofaktoren, zu denen das Alter, mögliche Vorerkrankungen und ggf. auch Immunschwächen durch Medikamente-Einnahme gehören können.

Das sei bei der Influenza ganz ähnlich. „Alle Altersklassen können sich infizieren“, räumt Zessin ein, „komplizierte Verläufe kommen eher bei den Alten und Kranken vor. Dennoch können bei ungünstigen Umständen auch junge Menschen einen schweren Verlauf mit intensivmedizinischer Versorgung haben oder gar versterben.“ An dieser Stelle erinnert er an die mehr als 25.000 Grippe-Toten die in der Saison 2017/18.

Auch interessant: Corona-Pandemie und Grippewelle 2017/18 im Vergleich?

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Auch für „Risikopatienten“ gilt: Keine Panik

Zessin findet es gerade jetzt wichtig, „einen kühlen Kopf zu bewahren“ und sich an belegte Fakten zu halten. Spekulationen schürten allenfalls noch mehr Ängste in der Bevölkerung – und das sieht Dr. med. Matthias Riedl, Facharzt für u.a. Innere Medizin, auch so.

„Die Aussage, ‚chronisch Kranke und Ältere sind gefährdet‘, halte ich für fahrlässig“, so Dr. Riedl zu FITBOOK. Es scheine bestimmte Lücken im Immunsystem zu geben, die das Virus kritischer machen. Und diese können in jeder Altersgruppe auftreten.

Fazit

Laut Angaben der „Centers for Disease Control and Prevention (CDC)“ machen in den USA (dort gibt es die meisten Infektionen weltweit) etwa ein Fünftel der schweren Covid-19-Krankheitsverläufe Patienten zwischen 20 und Anfang 40 aus. „Nach wie vor haben junge, an sich gesunde Menschen in der Regel einen milden Verlauf der Erkrankung“, fasst Enrico Zessin zusammen. So sei es auch in anderen Ländern.

„Es ist ein gefährliches Virus, das wir immer besser lernen zu verstehen“, sagt abschließend Dr. Riedl. Panik bringt niemandem was, aber es gilt, den Erreger ernst zu nehmen – egal in welchem Alter.

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