6. April 2026, 18:03 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Sepsis ist eine lebensbedrohliche Fehlreaktion des Immunsystems auf eine Infektion. Der Intensivmediziner Prof. Dr. med. Michael Bauer hat an der Uniklinik Jena tausende Fälle behandelt. Er sagt: Viel zu viele Patienten sieht er erst, wenn bereits ein Organversagen eingetreten ist – dann setze ein „Dominoeffekt“ ein, der oft mit dem Tod endet. Drei wichtige Leitsymptome der Sepsis sollte daher jeder kennen.
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Die Sepsis (Blutvergiftung) gehört zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland – und ist die häufigste Todesursache auf Intensivstationen. Die genauen Zahlen sind schwer zu greifen. Schätzungen reichen von rund 230.000 bis 300.000 Fällen pro Jahr. „Es gibt hier eine große Grauzone“, sagt Prof. Dr. med. Michael Bauer, Klinikdirektor an der Uniklinik Jena und Vorstandsmitglied des Zentrums für Sepsis und Sepsisfolgen. „Oft steht auf dem Totenschein nicht die Sepsis, sondern die zugrunde liegende Infektion.“ Der Intensivmediziner hat schon mehr als 4.000 Sepsis-Fälle behandelt – rund 430 pro Jahr. Was man ziemlich genau weiß: 85.000 Menschen sterben jährlich auf deutschen Intensivstationen an einer Sepsis.
„Häufig sehen wir die Patienten erst, wenn bereits ein Organversagen eingetreten ist“
Die Zahl der Sepsis-Fälle nimmt insgesamt zu in Deutschland.1 Ein Grund dafür ist laut dem Experten vor allem der demografische Wandel: Die Menschen werden immer älter und damit auch anfälliger für schwere Infektionen. Gleichzeitig spielen laut Bauer auch medizinische Fortschritte eine Rolle – etwa Therapien, die das Immunsystem schwächen und das Risiko für Infektionen erhöhen. Das extrem Gefährliche: Die Erkrankung wird oft zu spät erkannt.
Das größte Problem bei Sepsis: Vielen Menschen ist nicht bewusst, wie zeitkritisch die Erkrankung ist. „Häufig sehen wir die Patienten erst, wenn bereits ein Organversagen eingetreten ist“, sagt Prof. Bauer.
Fällt der Blutdruck eines Sepsis-Patienten so weit ab, dass seine Organe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden, spricht man von einem septischen Schock. Die Überlebenschance sinkt drastisch, laut Prof. Bauer kommt es in etwa 40 Prozent der Fälle zum Tod.
Bei Verdacht auf Sepsis zählt deshalb jede Minute. Entscheidend ist, wie früh und konsequent gehandelt wird. Ganz entscheidend ist laut Bauer, dass man die drei Leitsymptome der Erkrankung kennt.
Die 3 Leitsymptome einer Sepsis
- akute Wesensveränderung (z. B. Verwirrtheit, Desorientierung)
- Atemnot (mehr als 20 Atemzüge pro Minute)
- niedriger Blutdruck („oberer Wert“ unter 100 mmHg)
Vor allem eine plötzlich auftretende Verwirrtheit, ein Leitsymptom, wird laut Bauer oft falsch eingeschätzt oder nicht ernst genommen. Dabei ist sie ein Alarmsignal: Im Zweifel sofort den Notruf wählen. Zusätzlich können unspezifischere Symptome auftreten, die leicht mit einer Grippe verwechselt werden.
Weitere mögliche Anzeichen:
- Fieber oder ungewöhnlich niedrige Körpertemperatur
- Schüttelfrost
- starke Abgeschlagenheit und schwerstes Krankheitsgefühl
- marmorierte Haut
- auffällige Blässe
- Benommenheit
Oft zeigt sich eine Kombination dieser Symptome – entscheidend ist, dass sich der Zustand rasch verschlechtert.
Häufiger Irrtum: Der „rote Strich“
Bei dem bekannten roten Strich auf der Haut, der sich langsam ausbreitet, handelt es sich laut dem Facharzt für Intensivmedizin nicht um ein Sepsis-Symptom. Dieser sei vielmehr eine Folge von Lymphangitis– einer seltenen Entzündung der Lymphbahnen von Haut und Unterhautfettgewebe. Lymphangitis wird umgangssprachlich fälschlicherweise ebenfalls häufig als Blutvergiftung bezeichnet. Sie kann sich allerdings, wie alle schweren Infektionen, zu einer Sepsis entwickeln.
Sepsis bei Babys: Worauf Eltern achten sollten
Bei Neugeborenen und Säuglingen sind die Symptome oft unspezifisch. Umso wichtiger ist es, früh auf Veränderungen zu achten. Warnzeichen könne sein:
fleckige, blasse Haut und kalte Gliedmaßen
auffällige Müdigkeit, Teilnahmslosigkeit oder schweres Aufwecken
Trinkschwäche oder Appetitlosigkeit
schneller Herzschlag oder schnelle, angestrengte Atmung
Fieber – oder auch ungewöhnlich niedrige Körpertemperatur
Entscheidend ist die Kombination: Wirkt ein Baby plötzlich deutlich verändert oder zunehmend schwach, sollte das immer ärztlich abgeklärt werden. Im Zweifel gilt: lieber einmal zu früh handeln als zu spät.
Was im Körper passiert
Der Begriff Sepsis stammt aus dem Griechischen und bedeutet Gärung oder Fäulnis. Sie ist Folge zahlreicher Infektionskrankheiten, die sowohl durch äußerliche Wunden als auch innere Entzündungen entstehen können. Eine Blutvergiftung entsteht, wenn …
- … der Körper nicht in der Lage ist, die Infektion zu kontrollieren und das Immunsystem zu schwach reagiert – oder
- … die Abwehrreaktion des Immunsystems zu stark ausfällt und dem eigenen Körper sogar schadet.
„Infolgedessen kann es zum Schock, multiplem Organversagen und sogar zum Tod kommen“, sagt Intensivmediziner Michael Bauer zu FITBOOK.
Ursachen: Was eine Sepsis auslösen kann
Die Weltgesundheitsorganisation benennt in erster Linie Pneumokokken, das unter anderem für Bronchitis verantwortliche Bakterium Haemophilus influenzae oder auch Salmonellen als häufige Verursacher einer Sepsis.2 Aber auch saisonale sowie meldepflichtige Viren wie beispielsweise Schweinegrippe-, Gelbfieber- oder Ebola-Viren werden gelistet.
Als weitere häufige Auslöser nennt Bauer Entzündungen der Lunge, des Hautgewebes und Bauchfells sowie der Harnwege. „Auch Krebspatienten, deren Immunsystem beispielsweise durch eine Chemotherapie stark geschwächt ist, sterben bei einer in diesem Fall häufiger auftretenden Infektion letztendlich an einer Sepsis“, sagt Bauer.
Die Vorstufe, die sich noch gut behandeln lässt
„Eine leichte oder weniger gefährliche Form der Sepsis gibt es nicht“, sagt Bauer. Unangenehme Infektionen seien die Vorstufe, die sich noch gut behandeln lassen. Sobald offiziell von einer Sepsis – und somit einer Beeinträchtigung der Organfunktionen – auszugehen sei, sollte man umgehend einen Arzt aufsuchen. Dieser bekämpft dann den Infektionsherd – beispielsweise bei einer Lungenentzündung mit Antibiotika, bei einer Blinddarmentzündung sogar mit einer Operation, erklärt der Experte.
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So wird eine Sepsis im Krankenhaus behandelt
Bei Verdacht auf Sepsis zählt jede Minute. Die Behandlung beginnt sofort – oft noch bevor alle Befunde vorliegen. Zu den ersten entscheidenden Maßnahmen gehören die Bestimmung des Laktatwerts im Blut – er zeigt an, ob das Gewebe bereits schlecht durchblutet ist und gilt als wichtiger Marker für einen drohenden septischen Schock. Über das Blut wird auch der Erreger identifiziert.
Parallel dazu startet unmittelbar die Therapie. Noch innerhalb der ersten Stunde bekommt der Patient Breitband-Antibiotika. Flüssigkeit über Infusionen stabilisieren seinen Kreislauf. Bei Bedarf werden Medikamente zur Blutdrucksteigerung gegeben.
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Überlebenschancen – Organe bei instabilem Kreislauf wie „fallende Dominosteine“
„Viele Patienten sprechen auf diese frühe Behandlung schnell an. Entscheidend ist jedoch, wie früh und konsequent gehandelt wird“, so der Intensivmediziner. „Man muss sich das wie fallende Dominosteine vorstellen: Wenn der Kreislauf länger als etwa eine Stunde instabil bleibt, geraten immer mehr Organe in Mitleidenschaft.“
Je schneller die Therapie beginnt, desto höher sind die Überlebenschancen – und desto geringer das Risiko bleibender Schäden. Mediziner von der „Golden Hour of Shock“ – die kritischen ersten 60 Minuten.
Was passiert nach einer überlebten Sepsis?
Eine Sepsis zu überleben bedeutet nicht automatisch, wieder vollständig gesund zu sein. „Viele Betroffene tragen ein erhöhtes Risiko für weitere schwere Infektionen – und sogar für eine erneute Sepsis“, sagt Bauer. Ein Grund dafür: Die Erkrankung trifft häufig Menschen, deren Immunsystem ohnehin geschwächt ist. Und dieses Risikoprofil verschwindet nicht einfach nach der Akutbehandlung.
Wer bereits einmal eine Sepsis hatte, hat ein deutlich höheres Risiko, erneut daran zu erkranken. „Ich sehe immer wieder Patienten mit wiederholten Sepsis-Episoden – oft ausgelöst durch unterschiedliche Infektionen“, so der Mediziner. Nach einer überstandenen Sepsis braucht es deshalb besondere Aufmerksamkeit – sowohl für mögliche Spätfolgen als auch für neue Infektionen.
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Wer besonders gefährdet ist
Überproportional häufig von einer Sepsis betroffen sind Säuglinge unter einem Jahr sowie ältere Menschen ab 70 beziehungsweise 75 Jahren. Auch genetische Faktoren spielen eine Rolle. Studien zeigen, dass das Risiko erhöht sein kann, wenn enge Familienangehörige früh an einer Sepsis verstorben sind. Bauer: „Wer in seiner Familie Fälle hat, wo Menschen unter 50 Jahren an einer Sepsis verstorben sind, hat ein sechsfach erhöhtes Risiko.“
Was kann man vorbeugend tun?
Zugehörige dieser drei Risikogruppen sollten laut dem Mediziner auf hohe Hygienestandards achten und vorbeugende Impfungen durchführen lassen, bspw. gegen Grippe oder Pneumokokken. „Das Impfen ist völlig unterschätzt und besonders wichtig“, ordnet der Intensivmediziner ein.
In besonders anfälligen Stadien, zum Beispiel während einer Chemotherapie, sollten außerdem große Menschenmassen wegen des hohen Infektionsrisikos gemieden werden. Auch Wunden sollten aufmerksam beobachtet werden. Rötung, Schwellung, Schmerzen und verzögerte Heilung sind Warnzeichen.