Bild.de Hier geht es zurück zu Bild.de

Internationale Studie

Wird bald ein Antidepressivum zur Behandlung von Corona eingesetzt?

Antidepressivum Corona: Eine Frau hält zwei Pillen in der Hand
Ein altbewährtes Medikament gegen Depressionen wirkt womöglich bei einem schweren Krankheitsverlauf einer Corona-ErkrankungFoto: Getty Images

Ein Antidepressivum könnte im Kampf gegen Corona zum Einsatz kommen. Eine große Studie mit Risikopatienten ergab, dass das Medikament gegen den Virus wirkt. Ein weiterer Vorteil: Das Mittel ist zudem günstig.

Das Medikament Fluvoxamin wird eigentlich gegen Depressionen verordnet. Aber nach neuester Studienlage könnte es wohl auch gegen Corona helfen. Die Hoffnung: Durch den Einsatz des Medikamentes schwere Krankheitsverläufe verhindern. Letztlich würde das die sogenannte Hospitalisierungsrate senken. Darunter versteht man die Zahl der Neuaufnahmen in Krankenhäusern wegen Corona. Konkret stellt die Rate die Anzahl der Aufnahmen pro 100.000 Einwohnern dar. Seit Mitte September 2021 ist sie in Deutschland der Leitindikator, um den Verlauf der Epidemie zu bewerten. Was das Antidepressivum im Kampf gegen Corona auszeichnet, ist seine antientzündliche Wirkung. Möglicherweise hat Fluvoxamin auch einen antiviralen Effekt, so das Ergebnis der aktuellen Studie.

Wem das Antidepressivum gegen Corona helfen könnte

Ein internationales Forscherteam aus den USA, aus Kanada und Brasilien testete Fluvoxamin an rund 1500 brasilianischen Patienten, die sich mit dem Coronavirus infizierte hatten. Die Patienten waren dem Risiko eines schweren Krankheitsverlaufes ausgesetzt, weil sie an Vorerkrankungen litten, zum Beispiel an Diabetes. Rund die Hälfte der Betroffenen nahm das Medikament für zehn Tage zu Hause ein. Die andere Hälfte bekam ein Placebo.

Über einen Zeitraum von vier Wochen beobachteten die Forscher, wer während des Krankheitsverlaufes in einer Klinik oder einer Notaufnahme aufgenommen wurde. Unter den Patienten, die Fluvoxamin erhielten, waren das elf Prozent. Dagegen wurden 16 Prozent der Patienten stationär behandelt, die das Placebo erhielten.1

Auch lesenswert: Ab sofort keine Lohnfortzahlung mehr für Ungeimpfte in Quarantäne

Weniger Todesfälle dank Fluvoxamin

Nicht jeder Patient vertrug Fluvoxamin. Einige Probanden setzten das Medikament daher vorzeitig ab. Dennoch ist das Ergebnis der Studie signifikant. Die Gabe von Fluvoxamin vermindere längere ärztliche Behandlungen und Krankenhausaufenthalte um ein Drittel, so die Forscher. Wer das Antidepressivum gegen Corona über den ganzen Zeitraum einnahm, hatte noch bessere Heilungschancen. Um zwei Drittel reduzierte sich die Notwendigkeit einer Behandlung im Krankenhaus. Aus dieser Gruppe verstarb zudem nur einer von 548 Patienten an den Folgen von Covid-19. Aus der aus 618 Personen bestehenden Gruppe, die das Placebo erhielt, waren es hingegen zwölf Patienten.

Warum könnte das Antidepressivum gegen Corona helfen?

Fluvoxamin wurde Ende der 1980er Jahre zur Behandlung von Depressionen, Angststörungen und Zwangsstörungen eingeführt. Das Medikament gehört zur Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Das Antidepressivum hat jedoch auch eine entzündungshemmende Wirkung. Die Wirkstoffe blockieren in Entzündungszellen die Ausschüttung von Zytokinen. Diese Proteine sind wichtig für das Immunsystem, fördern aber auch Symptome wie Fieber, Erweiterung der Blutgefäße und eine stärkere Durchblutung.2

Bei einigen Menschen, die an Covid-19 erkranken, entgleist die Immunreaktion. Die Zytokine fluten bei den Betroffenen geradezu den Körper. Dieser reagiert dann mit schweren Entzündungen, zum Beispiel der Lunge oder anderer Organe.

Auch interessant: Psychische Belastung durch Corona – wie mit einer Depression umgehen?

Patienten waren überwiegend ungeimpft

Das Ergebnis der Studie weckt Hoffnungen im Kampf gegen Corona. Es gibt jedoch einige Kritikpunkte. So ist nicht ganz klar, wie gut das Antidepressivum bei Geimpften gegen Corona anschlägt. Denn die meisten Patienten der Studie waren nicht geimpft. Auch die optimale Dosis müssen die Forscher noch ermitteln.

Fakt ist: Die Wirkung und etwaige Nebenwirkungen von Fluvoxamin sind bekannt. Denn das Medikament ist schon lange auf dem Markt. Zudem ist es vergleichsweise günstig. Die Kosten einer zehntägigen Behandlung belaufen sich hierzulande auf unter 20 Euro. Dahingegen kostet Molnupiravir ein vielfaches. Für eine Behandlung mit diesem Medikament, das auch gegen eine Corona-Erkrankung helfen soll, berappt man in den USA umgerechnet rund 600 Euro.3

Quellen:

  1. Reis G, dos Santos Moreira-Silva EA, Medeiros Silva DC et al. (2021). Effect of early treatment with fluvoxamine on risk of emergency care and hospitalisation among patients with COVID-19: the TOGETHER randomised, platform clinical trial. The Lancet Global Health
  2. rme (2021). COVID-19: SSRI-Antidepressivum Fluvoxamin erneut in Studie im Frühstadium wirksam. aerzteblatt.de
  3. Heinrich C (2021). Molnupiravir: Kommt die Anti-Covid-19-Pille? Apotheken Umschau

Themen