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Immunologe räumt mit dem Boost-Mythos auf

»Am besten läuft das Immunsystem, wenn man es in Ruhe lässt!

T-Lymphozyten, bekannter unter dem Namen T-Helferzellen, sind für die Erkennung von Antigenen zuständig und leiten die Immunantwort des Körpers ein
T-Lymphozyten, bekannter unter dem Namen T-Helferzellen, sind für die Erkennung von Antigenen zuständig und leiten die Immunantwort des Körpers ein
Foto: Illustration/ Getty Images

Wenn Viren und Bakterien in den Körper eindringen, ist das Immunsystem gefragt. Immer wieder ist zu lesen, dass man es durch die Einnahme von Vitaminen und Spurenelementen stärken kann. Warum es sich dabei aus Sicht des Immunologen Thomas Kamradt um ein völlig falsches Verständnis der körpereigenen Abwehrkraft handelt – und was stattdessen sinnvoller wäre – hat er FITBOOK verraten.

Jeder Mensch hat sein ganz individuelles Immunsystem. Mehr als 2000 Gene, Lebensalter, aber auch Vorerfahrungen, die es mit Infektionen gemacht hat, prägen dessen Abwehrkraft. Kann man durch mittlerweile überall erhältliche Immun-Booster gezielt das Immunsystem stärken? Nein, sagt Thomas Kamradt, Professor für Immunologie an der Universität Jena und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGFI). Stattdessen könne man aber dazu beitragen, dass es nicht geschädigt wird.

Wie die Abwehr von Viren und Bakterien organisiert ist

Viren und Bakterien können auf vielfältige Weise in unseren Körper gelangen. Dem eigentlichen Immunsystem vorgeschaltet sind die Schutzbarrieren der Haut und Schleimhäute. Sie haben die Aufgabe, schädliche Bakterien oder Viren sowohl mechanisch, chemisch als auch ökologisch abzuwehren (Haut), abzutöten (Magensäure) beziehungsweise zu verhindern, dass sich schädliche Bakterien vermehren (Darmmikrobiom).

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Setzen sich Eindringlinge durch, beispielsweise durch Risse in der Haut, stellt sich bei einem gesunden Menschen die körpereigene Immunabwehr in den Weg. Dabei handelt es sich um ein System aus Immunzellen, Antikörpern und Botenstoffen, das nichts anderes im Sinn hat, als Eindringlinge unschädlich zu machen. Dieses System ist anfällig für Störungen. Doch um es zu verstehen, müssen wir zunächst eine Unterscheidung treffen.

Angeborenes vs. erworbenes Immunsystem

Das angeborene Immunsystem legt sofort los, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Es reagiert schnell und immer wieder gleich auf Erreger. Bleiben wir beim Beispiel mit dem Riss in der Haut, erkennt es den Gewebeschaden, führt als eine erste Maßnahme Zellen an den Ort des Geschehens, die schädliche Bakterien auffressen. Wenn man so will, agiert es ein bisschen stereotyp – aber sehr schnell.

Über Botenstoffe ruft es einen weiteren Mitspieler auf den Plan: Das erworbene Immunsystem wartet in den Lymphknoten auf Einsatzbefehle und reagiert aufgrund von Vorerfahrungen mit Infektionen. Es agiert, wenn man so will, etwas langsamer, dafür differenzierter. Es braucht ein bisschen, bis es bestimmte Zellsorten und Abwehrstoffe bereitstellt – erledigt dies dann aber passgenau zugeschnitten auf den Erreger.

Warum man ein gesundes Immunsystem nicht stärken kann

Dieses Zusammenspiel ist komplex, und ein nicht funktionierendes Immunsystem ist tödlich. Die Evolution hat deshalb gelernt, dass es einen großen Spielraum geben muss. „Die Bandbreite des Normalen ist beim Immunsystem enorm“, sagt Kamradt zu FITBOOK. Selbst wenn sich die Zahl einiger zum Immunsystem gehörenden Zellsorten vermindere, arbeite es noch genauso zuverlässig. Das bedeute, dass Menschen mit einem gesunden Immunsystem nicht nur nichts unternehmen sollten, um eine vermeintliche Stärkung herbeizuführen – es sei auch gar nicht möglich.

Die Immunbooster-Lüge

Die vielfach empfohlene zusätzliche Einnahme von Vitaminen (Vitamin C wird am häufigsten genannt) und Spurenelementen, um den sogenannten Boost für das Immunsystem herbeizuführen ist aus Sicht des Immunologen wirkungslos. Es gebe, führt er aus, keine Studien, die gezeigt hätten, dass man jemandem etwas Gutes tut, wenn man ihm über seinen Bedarf hinaus beispielsweise Vitamin C zuführt. Ein Überschuss wird von den Nieren abgebaut und mit dem Urin ausgeschieden.

Wer diesen Zusammenhang verstanden habe, hat aus Kamradts Sicht schon gewonnen. Bei einem Mangel sieht die Sache natürlich anders aus. Dieser ist beispielsweise bei Vitamin C, wenn man sich vernünftig ernährt, in unseren Breitengraden aber extrem selten. Schon ein 200-Gramm-Schälchen Erdbeeren decken den Tagesbedarf. Anders liegt der Fall bei Vitamin D: Hier ist es empfehlenswert, den persönlichen Versorgungsstatus abklären zu lassen (am besten per Bluttest beim Arzt, etwa 30 Euro).

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Womit wird das Immunsystem schädigen

Stärken lässt sich das Immunsystem laut dem Immunologen nicht, aber: Schädigen können wir es durchaus. „Wenn Sie jahrelang Junk Food essen oder dauergestresst sind, zu wenig (dauerhaft unter sieben bis acht Stunden) schlafen, rauchen und trinken, schädigen Sie Ihr Immunsystem definitiv“, erklärt Kamradt. Schlafmangel, Rauchen und Alkohol in größeren Mengen seien besonders schlimm. Und natürlich summiere sich das über die Lebenszeit.

Auch chronische Krankheiten wie Diabetes und Medikamente können das Immunsystem schwächen. Antibiotika etwa zerstören nicht nur die schädlichen Bakterien, deretwegen sie eingenommen werden. Sie vernichten auch nützliche Bakterien im Darm.

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Ballaststoffreiche Ernährung ist gut fürs Immunsystem

Hinweise, dass eine ballaststoffreiche Ernährung (Gemüse!) unser gutes Immunsystem erhält, gibt es reichlich. Vor allem weiß man das aus der Erforschung des Darmmikrobioms, die seit einigen Jahren besonders stark vorangetrieben wird. Die im Darm lebende Gemeinschaft, bestehend aus Billionen von Bakterien, beeinflussen neben Stoffwechsel, Körpergewicht und sogar Gehirngesundheit eben auch das Immunsystem.

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Fazit

So schön die Vorstellung ist, das Immunsystem mit Vitaminpillen und anderen Nahrungsergänzungsmitteln zu boosten: Wenn man sich gesund und ausgewogen ernährt und kein Mangel vorliegt, sind diese Mittel aus Expertensicht nicht hilfreich. Wichtig ist es jedoch, einen Lebensstil zu verfolgen, der das Immunsystem nicht schädigt. Eine zentrale Rolle spielt hierbei das Gleichgewicht der Darmflora, also des Darmmikrobioms.