19. September 2025, 13:02 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
In 70 Ländern weltweit wird noch immer zweimal im Jahr die Zeit umgestellt. Und das, obwohl längst bekannt ist, dass diese Maßnahme der Gesundheit nicht zuträglich ist. So gibt es nicht nur zahlreiche Menschen, die sich rund um den Termin der Zeitumstellung herum wie gerädert fühlen. Auch Studien belegen ein dadurch erhöhtes Risiko für verschiedene gesundheitliche Probleme. Eine jüngere Untersuchung hat gezeigt, wie beachtlich viele Schlaganfälle sich durch das Abschaffen der Zeitumstellung verhindern ließen. Gleiches gilt für Adipositas-Fälle.
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Abschaffen der Zeitumstellung, 300.000 weniger Schlaganfälle?
Wir befinden uns aktuell noch in der Sommerzeit – einer deutschen Erfindung übrigens, die mit der Zeit von zahlreichen Ländern übernommen wurde. Das Ziel dahinter war, das Sonnenlicht effektiver auszunutzen und somit weniger Energie zu benötigen. Der Nutzen des Ganzen erwies sich jedoch bald als überschaubar. Und inzwischen ist auch um die negativen Auswirkungen der Zeitumstellung auf den Biorhythmus bekannt. Doch bislang bleibt es bei wiederkehrenden Diskussionen darüber, die umstrittene Routine abzuschaffen. Eine neue Studie der Stanford Medicine – von ihr ist bislang nur eine Pressemitteilung erschienen – liefert nun einmal mehr Argumente dafür, den Worten endlich Taten folgen zu lassen.1 Genauer gesagt: konkrete Zahlen. Demnach könnten sich durch ein Abschaffen des Uhrzeitenwechsels in den USA jedes Jahr 300.000 Schlaganfälle und 2,6 Millionen Fälle von Adipositas (Fettleibigkeit) verhindern lassen.
Zeitumstellung und Schlaganfälle – der Zusammenhang ist nicht neu. „Wir wissen beispielsweise, dass in den 14 Tagen nach der Umstellung auf Sommerzeit die Herzinfarkt- und Schlaganfallraten um 20 Prozent erhöht sind.“ Das erklärt Dr. Michael Feld, Allgemein- und Schlafmediziner, auf FITBOOK-Nachfrage. Eine finnische Studie aus dem Jahr 2015 untermauert diese Aussage.2 Für Dr. Felds Tätigkeit ist das Thema zirkadianer Rhythmus extrem relevant, da es eine zentrale Rolle dabei spielt, wann und wie gut Menschen schlafen – und damit auch für die körperliche und geistige Gesundheit. Er wird sich später noch ausführlicher zu dem Sachverhalt äußern.
Details zur Untersuchung
Die Forscher haben sich genauer mit den potenziellen langfristigen Auswirkungen unterschiedlicher Zeitregelungen auf die Gesundheit auseinandergesetzt. Dabei untersuchten sie drei mögliche Modelle:
- eine dauerhafte Normalzeit (dieses wäre die sogenannte „Winterzeit“)
- eine dauerhafte Sommerzeit
- das derzeitige Szenario mit zweimaljährlicher Zeitumstellung
Der Fokus ihrer Untersuchung lag auf der Frage, inwieweit diese Varianten den zirkadianen Rhythmus beeinflussen. Diese sogenannte innere Uhr des Menschen steuert bekanntlich zahlreiche biologische Prozesse, darunter das Immunsystem und der Schlaf-Wach-Zyklus. Es ist bekannt, dass Schlafprobleme das Schlaganfallrisiko erhöhen können. Auch weiß man, dass sich der Schlaf auf den Hormonhaushalt, den Stoffwechsel und das Essverhalten auswirkt, er steht daher auch im Zusammenhang mit dem Körpergewicht.
Die Forscher entwickelten ein mathematisches Modell, um auszurechnen, wie stark sich der natürliche Biorhythmus verschiebt, wenn Menschen unter den verschiedenen Zeitsystemen leben. In dieses Modell flossen neben den lokalen Sonnenaufgangs- und Sonnenuntergangszeiten auch die geografische Lage der einzelnen Regionen sowie Daten zum Gesundheitszustand der Bevölkerung ein. Die ermittelten zirkadianen Belastungen (Biorhythmus-Veränderungen) verknüpften sie daraufhin mit konkreten Krankheitsdaten, die unter anderem von den US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) stammen. Sie konzentrierten sich dabei auf Erkrankungen, die nachweislich in engem Zusammenhang mit Störungen des Biorhythmus stehen, darunter Schlaganfälle, Adipositas sowie Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
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Beim Vergleich der drei Zeitregelungen schnitt das aktuelle System, bei dem zweimal im Jahr eine Umstellung erfolgt, am schlechtesten ab. Aus gesundheitlicher Sicht wäre es demnach am besten, dauerhaft die Normalzeit beizubehalten. Laut den Berechnungen könnten dadurch in den USA jährlich rund 300.000 Schlaganfälle und 2,6 Millionen Fälle von Adipositas verhindert werden. Selbst eine dauerhafte Umstellung auf Sommerzeit wäre laut den Forschern noch die bessere Variante im Vergleich zum ständigen Wechsel.
Zusammenfassend plädieren sie eindeutig dafür, die Zeitumstellung gänzlich abzuschaffen und dauerhaft die Normalzeit beizubehalten – zumindest aus gesundheitlicher Sicht. Sie betonen jedoch, dass diese Entscheidung nicht allein auf Basis biologischer Faktoren getroffen werden kann. Auch ökonomische und soziale Aspekte müssten berücksichtigt werden. Ein wichtiger Zusatz, wie auch aus dem Gespräch mit Dr. Feld hervorgeht.
Warum an der „ungesunden“ Zeitumstellung festgehalten wird
Der Experte zeigt sich von den neuen Untersuchungsergebnissen wenig beeindruckt. Nicht zuletzt gebe es ein Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes der EU-Kommission – diese hat bereits 2018 offiziell vorgeschlagen, die saisonale Umstellung zu beenden.3 Die Zusammenhänge zwischen Herzinfarkten rund um die Umstellung auf Sommerzeit und Schlaganfällen, die er oben bereits erwähnte, seien eindeutig belegt. Nach der Zeitumstellung im Winter sinken die Raten hingegen wieder. Erklärt wird dies unter anderem durch die erhöhte Verklumpungswahrscheinlichkeit der Thrombozyten (Blutplättchen) am Morgen. Mit Verweis auf eine Studie aus dem Jahr 2011 betont er, dass dies ein natürlicher Vorgang sei, der den Körper auf den Tag vorbereitet.4 Zum Beispiel um Blutungen zu stoppen, falls man sich verletzt. Während der Sommerzeit ist es morgens länger dunkel, wodurch man weniger natürliches Licht bekommt, also sozusagen entgegen der inneren Uhr aufsteht. Diese Diskrepanz kann die Thrombozytenaktivität zusätzlich steigern und damit das Risiko für Schlaganfälle erhöhen.
Warum wird die Zeitumstellung also immer noch nicht abgeschafft? „Ich glaube, der Hauptgrund ist die Angst vor einem Systemkollaps“, erklärt er. In allen großen Rechenzentren, bei Konzernen und sogar in Autos sei die Uhrzeit aufwendig synchronisiert. Dr. Feld erinnert an die Jahrtausendwende 1999/2000. Damals wurde ein Super-GAU befürchtet – dass die Systeme angeblich mit der Zeitumstellung nicht zurechtkommen würden.
Schlaganfälle sind, wie auch Adipositas, ernsthafte Bedrohungen für die Gesundheit. Angesichts der wachsenden Evidenz über die Risiken der Zeitumstellung drängt sich die Frage auf, ob diese nicht endlich ernsthafter gegen die befürchteten technischen und organisatorischen Probleme abgewogen werden sollten.