24. August 2026, 20:01 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Schützt Spaß an Sport das Gehirn? Wer Freude an Bewegung hat, hat womöglich ein geringeres Demenzrisiko als Menschen, die körperlich hart arbeiten. Zu diesem Ergebnis kam eine Metaanalyse mit über 4,2 Millionen Teilnehmern. FITBOOK erklärt die Hintergründe.
Wer täglich mehrere Stunden auf dem Bau schuftet, geht mitunter davon aus, dass er keinen Sport mehr braucht. Immerhin werden dabei Muskeln beansprucht und ordentlich Kalorien verbrannt. Und dass regelmäßige Bewegung das Gehirn schützt, gehört ebenfalls so gut wie zum Allgemeinwissen. Doch macht es Demenzrisiko einen Unterschied, wo und warum wir uns bewegen? Um dies zu klären, werteten Forscher der University of Southern California insgesamt 74 Studien mit 4.227.297 Menschen aus über 30 Ländern aus. Tatsächlich scheint der Spaßfaktor einen erheblichen Einfluss auf unsere Hirngesundheit zu haben.
Die Sache mit dem „Physical Activity Paradox“
Dieses in der Forschung bereits bekannte Paradoxon besagt vereinfacht: Körperliche Aktivität in der Freizeit kann gesundheitsfördernd sein, während sie während körperlich belastender Arbeit unter bestimmten Bedingungen sogar problematisch für die Gesundheit ist. Zeitdruck, Verletzungsrisiko, Lärm, schlechte Luft, Schichtarbeit und viele weitere Faktoren sind mit einer Vielzahl von Krankheiten und Einschränkungen verbunden. Ob dieses Phänomen auch für Demenz gilt, war bislang deutlich weniger untersucht, heißt es in der aktuell in der Fachzeitschrift „The Lancet Public Health“ veröffentlichten Metastudie. 1
Welche Studien durften hinein?
Damit sich ein möglicher Zusammenhang zwischen Bewegungsmotivation und Demenzrisiko überhaupt zeigen kann, mussten die mit einbezogenen Kohorten- und Fall-Kontroll-Studien unter anderem:
- Erwachsene ab 20 Jahren untersuchen,
- die körperliche Aktivität der Teilnehmer erfassen,
- die kognitive Gesundheit zu Beginn berücksichtigen,
- mindestens ein Jahr Nachbeobachtung haben
- und untersuchen, ob und wann Demenz, Alzheimer oder vaskuläre Demenz auftrat.
Bei der vorliegenden Auswahl lag das mediane Alter bei 67,3 Jahren, das Geschlechterverhältnis war ausgeglichen und die typische Nachbeobachtungszeit betrug zehn Jahre. Allerdings stammten 69 der 74 Studien aus Ländern mit hohem Einkommen.
Bewegung senkt das Demenzrisiko … unter dieser Bedingung
Ja, Personen, die sich regelmäßig und viel bewegen, haben im Vergleich zu Couch Potatoes ein ca. 20 Prozent geringeres Demenzrisiko. So weit, so erwartbar. Doch dann schauten die Forscher genauer hin: Wann und warum bewegen sich diese Menschen eigentlich? Wenn es sich um Freizeitgestaltung in Form von Radfahren, Wandern, Joggen, Klettern etc. handelte, sank die Wahrscheinlichkeit, an Demenz und Co. zu erkranken, um 24 Prozent, also fast um ein Viertel. Ein auffällig deutlicher Zusammenhang. Das bedeutet jedoch nicht, dass Sport nachweislich 24 Prozent aller Fälle verhindert.
Das bisschen Haushalt … gut fürs Gehirn?
Für die einen ist Putzen ein notwendiges Übel, für andere ein herrlich befriedigendes Ritual. Leider haben nur wenige Studien Haushaltstätigkeiten wie Kochen, Staubsaugen und Co untersucht, um aussagekräftige Schlüsse zu ziehen. Die vorliegenden Daten deuten allerdings auf ein um 15 Prozent geringeres Demenzrisiko hin. Ob dieser Effekt bei Personen mit Putzfimmel größer ausfällt, kann nur vermutet werden.
Diese Erkenntnis überraschte die Forscher
Damit hatte keiner gerechnet. Bei Personen, die aufgrund ihres Berufes täglich körperlich anstrengende Tätigkeiten verrichteten, war die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, um etwa 20 Prozent höher. Somit sind Menschen, die hauptsächlich am Schreibtisch arbeiten, klar im Vorteil. Und das, obwohl sie sich wesentlich weniger bewegen. „Eigentlich heißt es, dass für die Gehirngesundheit jede Bewegung zählt“, betont Studienleiter Nathan Feter in einer Universitätsmitteilung.2 „Allerdings stellen unsere Ergebnisse diese weit verbreitete Annahme infrage.“ Offenbar macht es für das Gehirn einen Unterschied, ob auf dem Bau geschuftet oder Gewichte im Fitnessstudio gestemmt werden.
Wer in dieser Lebensphase Sport macht, senkt Demenzrisiko um 45 Prozent
So beeinflusst Bewegung Ihr Gehirn möglicherweise stärker als gedacht
Warum Bewegung das Demenzrisiko senken, aber auch steigern kann
Die Forschung hat es mit einem weiteren Paradoxon zu tun. Wie lässt es sich erklären? Da die Analyse auf Beobachtungsstudien basiert, kann sie keinen direkten Zusammenhang zwischen beruflicher Tätigkeit und Demenz beweisen. Auch verzerren die hauptsächlich aus reichen Industrienationen stammenden Daten das Gesamtbild. Die Studie zeigt jedoch, wie wichtig es ist, den Kontext körperlicher Aktivität zu berücksichtigen. „Stress und das Gefühl, keine Kontrolle über die Situation zu haben, spielen wahrscheinlich eine Rolle”, vermutet Feter. Bewegung unter Zwang erzeugt Stress. Wird sie selbstbestimmt, freiwillig und mit Freude ausgeführt wird, hat dies genau die gegenteilige Wirkung.
Auch interessant: Zu langes Fernsehen könnte diese Erkrankung begünstigen
Studie mit wichtigen Botschaften
Für den Einzelnen lautet die Botschaft: Freizeit ist zum Bewegen da. Ob Radfahren, Schwimmen oder Spazierengehen. Was auch immer Spaß macht, das Gehirn wird’s danken. Angesichts der weltweit rasant steigenden Demenzfälle ist die Studie für gesundheitspolitische Entscheidungen besonders relevant, betonen die Forscher. „Ein verbesserter Zugang zu sicheren Parks, Wanderwegen und Freizeiteinrichtungen, ausreichend Freizeit für Bewegung und die Reduzierung schädlicher Belastungen am Arbeitsplatz könnten sich letztendlich als genauso wichtig erweisen wie die Förderung körperlicher Aktivität an sich.“