20. April 2026, 12:59 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Kinder, die regelmäßig Vollmilch trinken, haben ein deutlich geringeres Risiko, fettleibig zu werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine kanadische Studie und stellt damit eine allgemeine Empfehlung infrage.
Vollmilch scheint einen „Schutzeffekt“ vor Fettleibigkeit bei Kindern zu haben
Auch in Deutschland lautet die Ernährungsempfehlung für Kinder: Um die Aufnahme gesättigter Fettsäuren zu reduzieren und somit das Risiko für Übergewicht zu senken, sollten fettarme Milchprodukte vorgezogen werden.1 Fettreduzierte Milch und Milchprodukte haben fast den gleichen Gehalt an Eiweiß, Vitaminen und Mineralstoffen wie Vollmilch. Neuere Erkenntnisse von Forschern der Universität Toronto stellen diese Richtlinie jedoch infrage. Nach der aktuell in der Fachzeitschrift „The American Journal of Clinical Nutrition“ veröffentlichten Studie sind Kinder, die Vollmilch zu trinken bekommen, seltener von Übergewicht und Adipositas betroffen.2 Ist die Annahme, dass fettarme Milch für schlanke Kinder sorgt, demnach ein Ernährungsirrtum?
Neue Belege für schon länger diskutierten Zusammenhang
Tatsächlich ist die Vermutung, dass Vollmilch beim Schlankbleiben hilft, gar nicht so neu. Bereits eine umfassende Meta-Analyse aus dem Jahr 2020, die 28 Studien mit fast 21.000 Kindern weltweit unter die Lupe nahm, lieferte deutliche Hinweise.3 Schon damals zeigte sich, dass Kinder, die Vollmilch tranken, ein um 39 Prozent geringeres Risiko für Übergewicht oder Adipositas hatten als jene, die zu fettarmen Varianten griffen. Die Forscher beobachteten dabei sogar einen sogenannten Dosis-Effekt: Mit jedem Prozent mehr Fettgehalt in der Milch sank das Risiko für Übergewicht statistisch um etwa 25 Prozent.
Doch während man sich bisher oft auf solche zusammenfassenden Rückblicke verlassen musste, liefert die aktuelle Untersuchung aus Kanada nun entscheidende neue Hinweise für die langfristige Entwicklung. Sie bestätigt nicht nur den Trend der alten Meta-Studie, sondern zeigt mit noch präziseren Messmethoden und modernen medizinischen Definitionen, dass der Schutzeffekt über die Jahre sogar noch massiver ausfallen kann, als bisher angenommen.
Auch interessant: Wer Rohmilch besser nicht trinken sollte
Neue Studie mit 2000 Kindern
Für ihre Untersuchung nutzten die Forscher Daten aus der CHILD-Kohortenstudie. Diese prospektive Studie umfasst Gesundheitsinformationen und Kennzahlen zu Tausenden von Kindern von der Zeit vor der Geburt bis zur Adoleszenz. Dort gaben unter anderem Eltern von über 2000 fünfjährigen Kindern an, wie viel Milch ihr Nachwuchs täglich trinkt und welchen Fettgehalt diese hat. Zur Auswahl standen
- Magermilch
- 1 Prozent Fettgehalt
- 2 Prozent Fettgehalt
- oder Vollmilch mit 3,25 Prozent Fettgehalt (in Kanada, dem Studienort, hat Vollmilch nicht die in Deutschland üblichen 3,5 Prozent Fettgehalt)
Tatsächlich tranken 90 Prozent der Vorschulkinder täglich mindestens eine Tasse Milch. Allerdings bekam nur ein Viertel (24 Prozent) Vollmilch hineingeschüttet. Auch der Fettgehalt sonstiger verzehrter Milchprodukte wurde berücksichtigt. Zudem wurden der Body-Mass-Index (BMI), das Taille-zu-Körpergröße-Verhältnis sowie der Körperfettanteil gemessen. Drei Jahre später, als die Kinder acht Jahre alt waren, wiederholten die Forscher die körperlichen Messungen, um die langfristigen Auswirkungen zu sehen.
Ergebnis: 5-jährige Vollmilchtrinker hatten mit 8 knapp 70 Prozent geringeres Adipositasrisiko
Für die Auswertung versuchten die Forscher, möglichst viele Verzerrungen auszuschließen. Dazu berücksichtigten sie Faktoren wie Bildungsstatus und Gewicht der Mütter, ethnische Zugehörigkeit, den sozioökonomischen Status und Bewegung. Bei all diesen Faktoren wurde bereits in früheren Studien ein Zusammenhang mit kindlichem Übergewicht festgestellt. Nach sämtlichen Berechnungen kristallisierte sich das folgende Ergebnis heraus: Kinder, die im Alter von fünf Jahren Vollmilch tranken, hatten einen deutlich niedrigeren BMI und ein um 69 Prozent geringeres Risiko, mit acht Jahren an Adipositas (Fettleibigkeit) zu leiden, als Kinder, die Magermilch tranken.
Vollmilch-Effekt noch deutlicher in Phase vor der Fettleibigkeit
Ein noch deutlicherer Effekt bei der sogenannten „vorklinischen Adipositas“: Der Begriff bedeutet, dass ein Kind zwar bereits einen deutlich zu hohen Körperfettanteil hat, aber biologisch gesehen noch keine Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder schlechte Stoffwechselwerte aufweist. In dieser frühen, oft noch „stummen“ Phase der Fettleibigkeit war der Schutzeffekt von Vollmilch sogar noch stärker: Kinder, die mit fünf Jahren Vollmilch tranken, hatten im Alter von acht Jahren ein um 75 Prozent geringeres Risiko für diese Vorstufe der klinischen Adipositas im Vergleich zur Magermilch-Gruppe. Das ist bedeutsam, denn dieser Zustand ist oft der erste, entscheidende Schritt auf dem Weg zu späteren chronischen Krankheiten.
Vollmilch oder fettarme Milch – was ist gesünder für Kinder?
Fettarme Milchprodukte können Parkinson-Risiko erhöhen
Was die Studie eigentlich sagen will
Wie jede Beobachtungsstudie beweist auch diese nicht, dass Vollmilch ein „Schlankheitsmittel“ für Kinder ist. Das kann und will diese Untersuchung auch nicht. Die Autoren räumen selbst ein, dass Eltern von Kindern, die ohnehin schon schwerer sind, eventuell bewusst zu fettarmer Milch greifen. Die Ergebnisse lassen jedoch Raum für Vermutungen, denen weiter nachgegangen werden könnte. Beispielsweise könnte untersucht werden, ob Vollmilch länger satt hält und das Verlangen nach ungesunden Snacks bremst. Eine weitere Vermutung ist, dass Milchfette anders verstoffwechselt werden. Dennoch ist Milch nur einer von vielen Faktoren in der Ernährung von Vorschulkindern. Was die Studie jedoch zeigt, ist, dass die Ernährung im frühen Kindesalter langfristige Effekte haben kann.
Forscherin rät: fettarme Milch nicht nötig
Trotz offener Fragen zieht Studienleiterin Prof. Kozeta Miliku in einer Universitätsmitteilung ein erstes Fazit: „Die wichtigste Erkenntnis aus dieser Studie ist, dass Vollmilch nicht mit einem höheren Körperfettanteil oder einem höheren Risiko für Fettleibigkeit bei Kindern in Verbindung gebracht wurde und möglicherweise sogar mit gesünderen Wachstumsmustern zusammenhängt.“4 Daher hält sie es für sinnvoll, die Milchfettrichtlinien für Kinder zu überdenken. „Beim Umstieg auf fettarme Milch ging es bisher vor allem darum, den Fettgehalt der Ernährung zu reduzieren. Dabei wird aber möglicherweise das Gesamtbild verkannt.“