3. September 2026, 18:08 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Eine ausreichende Versorgung mit Folsäure rund um den Beginn einer Schwangerschaft kann das Risiko bestimmter Fehlbildungen beim ungeborenen Kind senken. Doch welche Rolle spielen andere Nährstoffe – und könnte dabei auch die Ernährung des Vaters von Bedeutung sein? Eine große, im Jahr 2026 im renommierten Fachjournal „Annals of Internal Medicine“ veröffentlichte Kohortenstudie des Kinderkrankenhauses der Fudan-Universität in Shanghai hat untersucht, wie die Vitamin-B12- und Folatwerte beider Eltern mit dem Auftreten von Geburtsfehlern zusammenhängen. Die Erkenntnis: Nicht nur die Nährstoffversorgung der werdenden Mütter, sondern auch die der Väter ist wichtig.
Vitamin B12 vor der Empfängnis zeigt deutlichen Zusammenhang
Die Studie liefert Hinweise darauf, dass der Vitamin-B12-Spiegel beider Eltern vor der Zeugung wichtig sein könnte. So hatten sowohl Väter als auch Mütter mit sehr niedrigen B12-Werten vor der Empfängnis statistisch deutlich häufiger Kinder mit Geburtsfehlern als Eltern mit hohen Werten. Spannend ist, wie sich die Werte der Väter auswirkten. Während bei Vätern mit weniger als 148 Pikomol pro Liter (pmol/L) – einem sehr niedrigen Vitamin-B12-Wert – auf 1000 Schwangerschaften 55,5 Geburtsfehler kamen, waren es bei hohen Werten ab 590 pmol/L nur rund 24 Fälle.1
Wie die Studie durchgeführt wurde
Folat ist unter anderem wichtig für die Bildung der DNA und das Wachstum von Zellen. Frauen wird deshalb empfohlen, bereits vor und zu Beginn einer Schwangerschaft Folsäure einzunehmen. Auch Vitamin B12 spielt bei diesen Vorgängen eine wichtige Rolle. Bisher ist jedoch nur wenig erforscht, wie die Versorgung beider Eltern mit Vitamin B12 und Folat rund um die Empfängnis mit Geburtsfehlern zusammenhängt. Ganz besonders die Rolle der Väter ist noch nicht ausgiebig verstanden.
Die Forscher werteten dafür Daten der Shanghai Preconception Cohort aus. In einer ersten Analyse untersuchten sie 3032 Paare, denen innerhalb von vier Monaten vor der Empfängnis Blut abgenommen worden war. In dieser Gruppe wurden 73 Fälle von Geburtsfehlern erfasst. Eine zweite Analyse umfasste 17.765 Frauen, denen bis zum vierten Schwangerschaftsmonat Blut abgenommen worden war. Hier wurden 327 Fälle von Geburtsfehlern erfasst.
Die Forscher bestimmten im Blut die Vitamin-B12-Werte und die Folatkonzentration in den roten Blutkörperchen. Letztere zeigt, wie gut eine Person über einen längeren Zeitraum mit Folat versorgt ist. Anschließend berechneten die Forscher, wie häufig Geburtsfehler bei unterschiedlichen Vitamin-B12- und Folatwerten statistisch zu erwarten waren.
Weniger Geburtsfehler bei höheren Vitamin-B12- und Folatwerten
Mehr als die Hälfte der erfassten Geburtsfehler betraf das Herz-Kreislauf-System. Insgesamt waren es 55,9 Prozent der Fälle. Bei den Paaren, die man vor der Empfängnis untersuchte, lag der Anteil bei 52,1 Prozent, bei den Frauen, deren Blutwerte man in der frühen Schwangerschaft bestimmte, bei 59,6 Prozent. Neuralrohrdefekte wie der „offene Rücken“, die häufig mit der Folsäureversorgung in Verbindung gebracht werden, spielten dagegen nur eine geringe Rolle: Rund 98 Prozent der erfassten Geburtsfehler waren keine Neuralrohrdefekte.
Auch höhere Folatwerte vor der Empfängnis gingen tendenziell mit weniger Geburtsfehlern einher. Allerdings waren diese Ergebnisse nach Angaben der Forscher mit größerer Unsicherheit verbunden.
Nach der Empfängnis zeigte sich bei den Folatwerten der Mutter ein differenzierteres Bild mit einem deutlichen Sättigungseffekt: Bei Werten zwischen 906 und 1131 nmol/L wurden rund 17 Fälle pro 1000 Schwangerschaften vorhergesagt. Bei niedrigen Werten unter 453 nmol/L waren es rund 26 Fälle. Noch höhere Folatwerte gingen dagegen kaum mit einer weiteren Abnahme einher.
Für die Zeit vor der Empfängnis zeigte sich bei den Müttern ein klarer Trend. Bei sehr niedrigen B12-Werten unter 148 pmol/L lag die vorhergesagte Häufigkeit bei rund 50 Fällen pro 1000 Schwangerschaften, bei 148 bis 294 pmol/L bei rund 31 und bei Werten ab 590 pmol/L bei etwa 16. Nach der Empfängnis war das Muster weniger eindeutig: Hier unterschieden sich die niedrigeren B12-Kategorien nur wenig, während bei hohen Werten ab 590 pmol/L eine geringere vorhergesagte Häufigkeit von rund 12 Fällen pro 1000 Schwangerschaften berechnet wurde.
Was bedeuten die Ergebnisse für Paare mit Kinderwunsch?
Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass Frauen oder Männer mit Kinderwunsch vorsorglich hoch dosierte Vitamin-B12-Präparate einnehmen sollten. Die Forscher untersuchten die Vitamin-B12- und Folatwerte im Blut – nicht, ob die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln Geburtsfehler verhindern kann.
Hinzu kommt: Bei den Vätern flachte der beobachtete Zusammenhang bei höheren Vitamin-B12-Werten ab. Die Ergebnisse sprechen daher nicht dafür, dass möglichst hohe Werte automatisch mit einem immer geringeren Risiko verbunden sind.
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Stärken und Schwächen der Studie
Eine Stärke der Studie ist, dass die Blutwerte bereits vor beziehungsweise früh in der Schwangerschaft bestimmt wurden – also bevor der Ausgang der Schwangerschaft bekannt war. Zudem untersuchten die Forscher nicht nur die Werte der Mütter, sondern auch die der Väter. Die Analyse der Frauen in der frühen Schwangerschaft umfasste außerdem eine große Zahl an Teilnehmerinnen.
Bei der Erfassung von Geburtsfehlern berücksichtigten die Forscher neben Lebendgeburten auch Totgeburten und Schwangerschaftsabbrüche aufgrund fetaler Fehlbildungen.
Eine wichtige Einschränkung ist, dass andere, nicht oder nicht vollständig erfasste Faktoren die beobachteten Zusammenhänge beeinflusst haben könnten. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, lässt sich daher nicht nachweisen, dass höhere Vitamin-B12- oder Folatwerte tatsächlich die Ursache für die geringere Häufigkeit von Geburtsfehlern waren.
Aus den vorliegenden Unterlagen geht zudem nicht hervor, wie gut sich die Ergebnisse der chinesischen Kohorte auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen lassen.
Das zeigen frühere Studien
Die Beobachtung, dass sehr hohe Werte keinen zusätzlichen Vorteil bringen, deckt sich mit früheren Untersuchungen. Eine chinesische Fall-Kontroll-Studie aus Guangdong verglich 129 Kinder mit angeborenem Herzfehler mit 516 Kontrollen und fand einen u-förmigen Zusammenhang.2 Sowohl niedrige als auch besonders hohe Folatwerte im mütterlichen Blut gingen mit einem erhöhten Risiko einher. Bei niedrigen Werten war die Wahrscheinlichkeit rund dreimal so hoch. Bei sehr hohen Werten, etwa 1,8-mal so hoch wie im mittleren Bereich. Ein zusätzlicher Vitamin-B12-Mangel verstärkte diesen Effekt.
Für die Frage, ob hinter den Zusammenhängen tatsächlich eine Ursache-Wirkungs-Beziehung steckt, ist eine Analyse derselben Shanghaier Kohorte aus dem Jahr 2022 aufschlussreich.3 Die Forscher nutzten dort eine genetische Variante, die den Folatstoffwechsel beeinflusst, als eine Art natürliches Experiment. Auch mit diesem Ansatz war ein höherer Folatwert mit einem geringeren Risiko für Herzfehler verbunden. Da es sich um dieselbe Kohorte handelt, ist das allerdings keine unabhängige Bestätigung.