29. Juli 2026, 20:34 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Kann die Ernährung des Vaters schon vor der Zeugung die Entwicklung des Babys beeinflussen? Während dieser Zusammenhang für Mütter intensiv erforscht wird, ist über den Einfluss der väterlichen Ernährung bislang wenig bekannt. Eine brasilianische Studie hat deshalb untersucht, ob der Verzehr ultraverarbeiteter Lebensmittel durch Väter mit Körpermaßen und Fettverteilung ihrer Neugeborenen zusammenhängt.
Vorsicht vor diesen Lebensmitteln
Die aktuelle Analyse deutet darauf hin, dass ein höherer Anteil ultraverarbeiteter Lebensmittel in der Ernährung des Vaters mit einigen Wachstumsmerkmalen des Kindes bei der Geburt zusammenhängt. Kinder dieser Väter zeigten ein statistisch höheres Geburtsgewicht sowie höhere Werte bei bestimmten Hautfaltenmessungen, die Hinweise auf die Körperzusammensetzung geben können.
Wie die Studie durchgeführt wurde
Forscher der Universität São Paulo wollten herausfinden, ob die Ernährung von Vätern bereits vor der Geburt Auswirkungen auf die körperliche Entwicklung ihres Kindes haben könnte. Hintergrund ist die sogenannte „Paternal Origins of Health and Disease“-Hypothese (POHaD). Sie geht davon aus, dass Lebensstil und Ernährung von Männern die Gesundheit ihrer Kinder über biologische Prozesse beeinflussen könnten, etwa durch Veränderungen an Spermien.1
Für die Untersuchung hat man 43 Mutter-Vater-Kind-Trios aus Brasilien ausgewertet. Die Ernährung der Väter hatten die Forscher mithilfe von zwei Ernährungsprotokollen erfasst. Anschließend berechneten sie, wie hoch der Anteil ultraverarbeiteter Lebensmittel (englisch: UPF, „Ultra-Processed Foods“) an der täglichen Energiezufuhr war.
Dazu zählen etwa Softdrinks, Süßigkeiten, Kekse, Wurstwaren, Instantprodukte oder andere stark industriell verarbeitete Lebensmittel. Die Körpermaße der Neugeborenen wurden nach der Geburt erhoben und statistisch mit den Ernährungsdaten der Väter verglichen. Dabei berücksichtigten die Wissenschaftler verschiedene Einflussfaktoren wie Alter, Bildung, Rauchen, Alkoholkonsum und körperliche Aktivität.
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Auffälligkeiten bei den Neugeborenen
Im Durchschnitt stammten bei den Vätern rund 30 Prozent der aufgenommenen Kalorien aus ultraverarbeiteten Lebensmitteln. Je höher dieser Anteil war, desto höher fielen einige Messwerte der Neugeborenen aus. So zeigte sich ein Zusammenhang mit dem Geburtsgewicht, dem sogenannten Ponderalindex – einem Maß für die Körperproportionen von Neugeborenen – sowie mit der Dicke bestimmter Hautfalten an Hüfte und Oberschenkel. Diese Hautfalten gelten als indirekte Hinweise auf die Verteilung von Körpergewebe.
Keinen statistisch bedeutsamen Zusammenhang fanden die Forscher hingegen für die Geburtslänge, verschiedene standardisierte Größenmaße oder die geschätzte gesamte Körperfettmasse der Neugeborenen.
Während die Ernährung der Mutter direkt auf das ungeborene Kind wirkt, könnte der Einfluss des Vaters über biologische Veränderungen der Spermien und epigenetische Prozesse vermittelt werden. Auffällig war zudem ein gegenteiliger Zusammenhang bei den Müttern. Ein höherer Anteil ultraverarbeiteter Lebensmittel in der frühen Schwangerschaft war mit niedrigerem Geburtsgewicht, geringerer Geburtslänge, kleinerem Kopfumfang und einem niedrigeren Ponderalindex verbunden.
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Stärken und Schwächen der Studie
Die aktuelle Studie aus Brasilien hat einige Stärken: Sie wurde prospektiv durchgeführt und nutzte standardisierte Methoden. Zudem ist sie eine der ersten Untersuchungen zum möglichen Zusammenhang zwischen dem Konsum ultraverarbeiteter Lebensmittel durch Väter und der Körperentwicklung ihrer Neugeborenen.
Allerdings schränken mehrere Faktoren die Aussagekraft ein. Die Studie umfasste nur 43 Familien und erlaubte keine Rückschlüsse auf einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Zudem wurde die Ernährung der Väter nicht vor der Zeugung, sondern erst während der Schwangerschaft der Partnerinnen erfasst. Da sich die Lebensgewohnheiten von Männern beim Übergang zur Vaterschaft meist kaum verändern, nutzten die Forscher diese Daten trotzdem als Annäherung an die Zeit vor der Empfängnis.
Auch der Körperfettanteil der Neugeborenen wurde nicht direkt gemessen, sondern anhand eines Vorhersagemodells geschätzt. Darüber hinaus nahmen ausschließlich Frauen mit einem Body-Mass-Index zwischen 25 und 29,9 teil, sodass unklar ist, ob sich die Ergebnisse auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen lassen. Weitere große Studien müssen nun folgen, um die Ergebnisse abzusichern.
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Ein Blick auf frühere Studien zu diesem Thema
Zum Abschluss wollen wir uns noch zwei Studien ansehen, die sich mit diesem Thema beschäftigt hatten. Die brasilianische Untersuchung steht nämlich nicht alleine da.
Eine Studie, die in der Fachzeitschrift „Cell Metabolism“ veröffentlicht wurde, lieferte 2025 einen möglichen Mechanismus.2 43 junge Männer aßen jeweils drei Wochen lang eine stark ultraverarbeitete und eine weitgehend unverarbeitete Kost – bei identischer Kalorienmenge. Nach der UPF-Phase stiegen Körpergewicht und das LDL/HDL-Verhältnis. Auch mehrere Hormone veränderten sich, darunter das für die Spermienbildung wichtige FSH (follikelstimulierendes Hormon). Und auch die Beweglichkeit der Spermien verschlechterte sich bei kalorienreicher Kost. Entscheidend: Die Effekte traten unabhängig von der Kalorienzufuhr auf – es lag also nicht nur daran, dass die Männer mehr aßen. Wichtig aus Transparenzgründen: Ein an der Studie beteiligter Autor ist beratend für Unternehmen im Bereich Stoffwechsel und Fruchtbarkeit tätig.
Andere Daten sprechen dagegen für Zurückhaltung. Eine finnische Auswertung der STEPS-Kohorte mit mehr als 1500 Vätern fand 2025 keinen signifikanten Zusammenhang zwischen väterlichem BMI oder Ernährungsqualität und dem Geburtsgewicht oder der Geburtslänge der Kinder.3 Allerdings hatten die Forscher auch hier die Ernährung erst spät in der Schwangerschaft erfasst – dasselbe Problem wie in der brasilianischen Studie. Die Forschung steht bei diesem Thema dahingehend noch am Anfang.