16. September 2026, 13:52 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Antibiotika-Resistenzen zählen zu den größten Herausforderungen der modernen Medizin. Eine neue Studie zeigt nun: Auch die Vaginalflora könnte dabei eine größere Rolle spielen als bislang angenommen. Forscher fanden bei mehr als der Hälfte der untersuchten Proben von Schwangeren Gene, die Bakterien unempfindlich gegen bestimmte Antibiotika machen können. Besonders auffällig waren Unterschiede je nach Zusammensetzung des vaginalen Mikrobioms.
Die Rolle der vaginalen Bakterien
Während einer Schwangerschaft schützt eine gesunde Vaginalflora vor Krankheitserregern und trägt dazu bei, das Gleichgewicht der dort lebenden Mikroorganismen aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig werden Antibiotika eingesetzt, um Infektionen bei Mutter und Kind zu behandeln oder zu verhindern.
Weltweit breiten sich jedoch immer mehr antibiotikaresistente Bakterien aus. Dabei handelt es sich um Erreger, gegen die bestimmte Medikamente nicht mehr ausreichend wirken. Welche Rolle die Vaginalflora bei dieser Entwicklung spielt, ist bisher kaum erforscht.
Forscher aus Frankreich wollten deshalb genauer untersuchen, ob bestimmte Bakteriengemeinschaften in der Vagina häufiger sogenannte Resistenzgene tragen. Diese Gene können Bakterien in die Lage versetzen, sich gegen Antibiotika zu schützen. Außerdem wollten die Wissenschaftler herausfinden, ob sich Unterschiede zwischen Frauen mit komplikationslosen und auffälligen Schwangerschaftsverläufen zeigen.1
Studiendesign und Methoden
Für die Studie analysierten die Forscher insgesamt 1957 Vaginalabstriche von 1547 schwangeren Frauen. Die Teilnehmerinnen wurden an drei französischen Geburtskliniken betreut. Mithilfe moderner genetischer Untersuchungsmethoden erfassten die Wissenschaftler, welche Bakterienarten in den Proben vorkamen und welche Resistenzgene nachweisbar waren. Anschließend verglichen sie verschiedene Typen des vaginalen Mikrobioms miteinander. Dabei interessierte vor allem, ob bestimmte bakterielle Gemeinschaften häufiger Resistenzgene enthielten als andere.
Zusätzlich wurden die Proben verschiedenen Schwangerschaftsverläufen zugeordnet. Dazu gehörten unkomplizierte Schwangerschaften, vorzeitige Wehen sowie ein vorzeitiger Blasensprung – sowohl vor als auch am Entbindungstermin.
Mehr als die Hälfte der Proben enthielt Resistenzgene
In 1097 der 1957 untersuchten Proben fanden die Forscher klinisch relevante Resistenzgene. Das entspricht 56 Prozent aller Proben. Besonders deutlich waren die Unterschiede zwischen den verschiedenen Mikrobiomtypen. Frauen, deren Vaginalflora überwiegend von dem Bakterium Lactobacillus crispatus geprägt war, hatten vergleichsweise selten Resistenzgene. Drei von vier Proben dieser Gruppe waren sogar komplett frei davon.
Anders sah es bei Frauen aus, deren Mikrobiom von Lactobacillus iners oder verschiedenen anaeroben Bakterien dominiert wurde. Dort waren Resistenzgene deutlich häufiger vertreten. Zu den am häufigsten nachgewiesenen Resistenzgenen gehörten lsa(C), tet(M) und erm(B). Diese stehen mit Resistenzen gegen verschiedene Antibiotikagruppen in Zusammenhang.
Darüber hinaus beobachteten die Forscher Unterschiede zwischen verschiedenen Schwangerschaftsverläufen. Frauen mit einem vorzeitigen Blasensprung vor dem errechneten Entbindungstermin wiesen häufiger Bakteriengemeinschaften auf, die mit einer größeren Vielfalt an Resistenzgenen verbunden waren.
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Vaginalflora als Speicher für Resistenzgene
Die Ergebnisse legen nahe, dass das vaginale Mikrobiom ein bislang wenig beachteter Speicher für Resistenzgene sein könnte. Besonders interessant ist dabei, dass nicht alle Bakteriengemeinschaften gleichermaßen betroffen waren. Einige Mikrobiomtypen, vor allem solche mit einer Dominanz von Lactobacillus crispatus, gingen mit einer deutlich geringeren Belastung durch Resistenzgene einher. Andere Gemeinschaften zeigten dagegen eine wesentlich größere Vielfalt entsprechender Gene.
Nach Ansicht der Forscher könnte die Zusammensetzung der Vaginalflora daher ein wichtiger Faktor sein, wenn es darum geht, die Entstehung und Verbreitung von Antibiotika-Resistenzen besser zu verstehen. Die Ergebnisse liefern außerdem neue Erkenntnisse darüber, wie sich das vaginale Mikrobiom während einer Schwangerschaft zusammensetzt und welche Rolle einzelne Bakterienarten dabei spielen könnten.
Einordnung der Studie und mögliche Einschränkungen
Die Studie gehört zu den bislang größten Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen vaginalem Mikrobiom und Antibiotika-Resistenzen während der Schwangerschaft. Die große Teilnehmerzahl und die detaillierten genetischen Analysen gelten als wichtige Stärken.
Allerdings untersuchten die Forscher ausschließlich Resistenzgene und nicht, ob die jeweiligen Bakterien tatsächlich gegen Antibiotika resistent waren. Die Ergebnisse geben also Hinweise auf ein mögliches Resistenzpotenzial, erlauben jedoch keine Aussagen darüber, wie wirksam Antibiotika bei einzelnen Frauen wirklich wären.
Außerdem handelt es sich um eine Beobachtungsstudie. Daher kann nicht geklärt werden, ob bestimmte Bakteriengemeinschaften die Resistenzgene verursachen oder ob andere Faktoren dahinterstecken. Die Autoren betonen deshalb, dass weitere Untersuchungen notwendig sind, um die Zusammenhänge besser zu verstehen.