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Laut Studie

Der morgendliche Urin zeigt an, wie gestresst man ist

Was hat der morgendliche Urin mit Stress zu tun?
Die Farbe des Urins verrät einiges über den körperlichen Zustand – und wohl auch über das Stresslevel Foto: Getty Images
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Melanie Hoffmann
Ernährungs-, Fitness- und Schlafexpertin

25. September 2025, 16:16 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Ist Ihr Urin am Morgen dunkel? Dann können Sie daran offenbar erkennen, dass Sie gestresst sind bzw. mit möglicherweise bevorstehendem Stress nicht so gut umgehen können. Der Grund ist laut einer aktuellen Studie, dass Sie am Tag zuvor zu wenig Wasser getrunken haben und diese Dehydrierung Ihre Stressreaktion verstärkt. Dies ist messbar: Die Cortisolwerte steigen. Langfristig kann sich das negativ auf die Gesundheit auswirken und sogar das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen und chronische Entzündungen erhöhen.

Wenig Urin oder konzentrierter Urin (dunkelgelb bis bernsteinfarben) sind Anzeichen einer suboptimalen Hydrierung. Ein Phänomen, das viele vom morgendlichen Toilettengang kennen dürften. Denn viele Erwachsene trinken dauerhaft weniger Wasser, als offiziell empfohlen wird (2,5 Liter für Männer, 2 Liter für Frauen täglich).1 Solche Flüssigkeitsdefizite stehen mit einem erhöhten Risiko für Nieren-, Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen in Verbindung. Darüber hinaus kann Dehydrierung auch den körperlichen Stress erhöhen und zu einer gesteigerten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol führen.

Zwar ist ein moderater Cortisolanstieg bei Stress normal, doch eine übermäßige oder fehlgesteuerte Reaktion gilt als Risikofaktor für zahlreiche Krankheiten. Frühere Studien konnten bereits zeigen, dass extreme Dehydrierung (z. B. durch Sport oder Hitze) die Cortisolwerte erhöht.2,3 Ob aber auch dauerhaft geringe Trinkmengen und leichte Alltags-Dehydrierung diesen Effekt haben – und ob dies zu stärkeren Reaktionen auf alltägliche Stresssituationen führt –, war bislang unklar.

Die neue Studie schließt diese Lücke. Sie hat untersucht, ob Menschen mit dauerhaft niedriger Flüssigkeitsaufnahme und suboptimaler Hydrierung stärker auf akuten psychosozialen Stress reagieren – gemessen über die Cortisolkonzentration im Speichel. Mit anderen Worten: Zeigt die Farbe des morgendlichen Urins an, wie hoch das Level an Stress einer Person ist?

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Flüssigkeitsaufnahme, Urinfarbe und Stress

Bei der Untersuchung handelt es sich um eine prospektive Interventionsstudie. Sie wurde an 32 gesunden, sportlich aktiven Erwachsenen zwischen 18 und 35 Jahren durchgeführt.4

Auf Basis von objektiven Trinkprotokollen mit Daten über sieben Tage und nationalen Vergleichsdaten teilten die Wissenschaftler die Probanden in zwei Gruppen ein:

  • LOW: niedrige Flüssigkeitsaufnahme (Männer tranken weniger als 1,6 Liter pro Tag, Frauen weniger als 1,5 Liter)
  • HIGH: hohe Flüssigkeitsaufnahme (Männer tranken 2,9 Liter täglich oder mehr, Frauen 2,5 Liter oder mehr)

Zur Kontrolle des Flüssigkeitsstatus wurden mehrfach Urinproben (zur Bestimmung der Osmolalität und Farbe), Blutproben (zur Messung von Copeptin und Plasma-Osmolalität) und standardisierte Fragebögen erhoben. Mittels eines anerkannten Labor-Stresstests, dem Trier Social Stress Test (TSST), lösten die Forscher bei den Studienteilnehmern eine Stressreaktion aus. Der TSST ist ein Verfahren mit mentaler Belastung in einer Interview-Situation. Speichelproben zur Cortisolmessung wurden zu acht Zeitpunkten rund um den Test genommen.

Die Analyse konzentrierte sich auf sogenannte „Cortisol-Responder“, also Personen, deren Cortisolreaktion die übliche Tagesschwankung überstieg. Zusätzlich wurde die subjektive Stresswahrnehmung (State-Anxiety) gemessen. Die statistische Auswertung erfolgte über lineare gemischte Modelle sowie Korrelationsanalysen zwischen Hydratationsstatus (Zustand der Hydrierung) und Cortisolreaktion.

Die Wissenschaftler stellten zudem sicher, dass gewisse Faktoren, die die körperliche Stressreaktion beeinflussen können, ausgeschlossen bzw. kontrolliert waren. So durften Personen, die einen allgemein hohen Koffein- und Alkoholkonsum hatten, an der Studie nicht teilnehmen. Die späteren Probanden wurden zudem angewiesen, um den Stresstest herum kein Koffein und Alkohol zu trinken sowie generelle Nahrungsaufnahme und Zähneputzen zu vermeiden. Im Fall der Frauen durften nur diejenigen teilnehmen, die rezeptpflichtige orale Kombinationsverhütungsmittel nahmen. Die zuvor erwähnte siebentägige Ermittlung ihrer Flüssigkeitsaufnahme (Trinkprotokoll) fand zudem nur während ihres 21-tägigen Pillenzyklus statt. So verringerten die Forscher den Einfluss von Hormonen auf die Studienergebnisse.

Weniger Wasser = dunklerer Urin und mehr Cortisol

Teilnehmer mit niedriger täglicher Trinkmenge (LOW) und schlechter Hydrierung zeigten eine deutlich stärkere Cortisolreaktion auf akuten psychosozialen Stress als gut hydrierte Teilnehmer (HIGH).

Der Stresstest (TSST) ließ in beiden Gruppen die Herzfrequenz und das subjektive Stressgefühl ähnlich ansteigen. Bei den Teilnehmern der LOW-Gruppe stieg zudem das Speichelcortisol – und zwar 10, 20 und 30 Minuten nach dem Stresstest – merkbar an, nicht aber in der HIGH-Gruppe.

Die Urinproben offenbarten, dass eine dunklere Farbe am Morgen des Stresstests mit einer erhöhten Cortisolantwort auf den Stress korrelierte. Ebenfalls gab es eine Korrelation zwischen Urinosmolität und der Cortisolreaktion. Zeigte dieser Hydrierungs-Marker über mehrere Tage eine schlechte Flüssigkeitsversorgung an, fiel auch die Cortisolreaktion auf den Stresstest größer aus.

Insgesamt reagierte die Mehrheit der Probanden (81 Prozent) biologisch messbar auf den Stresstest. Die stärksten Reaktionen maßen die Forscher bei den Teilnehmern, die wenig tranken (LOW-Gruppe).

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Dauerhaft niedrige Flüssigkeitsaufnahme erhöht Stressreaktion

Die Ergebnisse deuten auf einen Zusammenhang zwischen schlechter Hydrierung und erhöhter physiologischer Stressreaktion hin. Der beobachtete Cortisolanstieg bei LOW-Teilnehmern zeigt, dass selbst leichte, aber chronische Unterversorgung mit Flüssigkeit die Aktivität des zentralen Stresssystems des Körpers verstärken kann.

Das ist insofern relevant, als erhöhte Cortisolspiegel langfristig mit erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Depressionen und chronische Entzündungen verbunden sind.

Für den Alltag bedeutet das: Selbst leichte Dehydrierung – messbar über dunklen Urin oder erhöhte Urinosmolalität – kann die Stressverarbeitung auf biologischer Ebene beeinflussen. Wer regelmäßig zu wenig trinkt, könnte also überproportional stark auf Alltagsstress reagieren – mit potenziell schädlichen Langzeitfolgen.

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Einordnung der Studie und mögliche Einschränkungen

Die Studie ist methodisch solide aufgebaut, nutzt etablierte Messmethoden (TSST, Speichelcortisol, Copeptin) und berücksichtigt wichtige Störfaktoren wie Schlaf, Koffein, Alkohol und den hormonellen Zyklus. Die Einteilung der Probanden in LOW und HIGH basierte auf objektiven Trinkdaten über eine Woche und erlaubte eine differenzierte Betrachtung des Hydrationsstatus.

Allerdings hat die Studie auch Einschränkungen:

Es handelt sich um eine Querschnittstudie mit relativ kleiner Stichprobe, sodass keine kausalen Aussagen möglich sind. Zudem wurde die mittlere Gruppe (Teilnehmer mit moderatem Trinkverhalten) bewusst ausgeschlossen, was die Übertragbarkeit einschränken könnte. Auch mögliche Unterschiede hinsichtlich der Geschlechter wurden nicht untersucht, obwohl Männer und Frauen gleichmäßig vertreten waren.

Die Studie wurde teilweise von Danone Research & Innovation finanziert, was beachtet werden muss – allerdings war der leitende Studienautor unabhängig und erhielt keine Honorare. Die Methodik, insbesondere die Erhebung der Hydrationsmarker und Cortisolwerte, war wissenschaftlich standardisiert und robust.

Fazit

Die Studie liefert überzeugende Hinweise darauf, dass eine dauerhaft niedrige Flüssigkeitszufuhr und suboptimale Hydrierung zu einer verstärkten hormonellen Stressreaktion führen – konkret zu erhöhtem Cortisolanstieg bei psychosozialem Stress. Damit könnte Flüssigkeitsmangel ein bisher unterschätzter Risikofaktor für stressbedingte Gesundheitsprobleme sein. Für Forschung und Praxis bedeutet das: Der Hydrationsstatus sollte bei der Beurteilung von Stressreaktionen mit berücksichtigt werden. Für den Alltag gilt: Regelmäßiges, ausreichendes Trinken ist ein einfacher, aber potenziell wirksamer Schutzfaktor gegen übermäßige Stressreaktionen. Und weiter: Wer morgens häufiger feststellt, dass sein Urin dunkel ist, sollte auf seine Trinkmengen am Tag achten, seiner Gesundheit zuliebe und um im Alltag stressresilienter zu sein.

Quellen

  1. Pharmazeutische Zeitung. Fast jeder Dritte trinkt zu wenig (aufgerufen am 25.9.2025) ↩︎
  2. Francesconi, R.P., Sawka, M.N., Pandolf, K.B. et al. (1985). Plasma hormonal responses at graded hypohydration levels during exercise-heat stress. Journal of Applied Physiology. ↩︎
  3. Maresh, C.M., Whittlesey, M.J., Armstrong, L.E. et al. (2006). Effect of hydration state on testosterone and cortisol responses to training-intensity exercise in collegiate runners. Int J Sports Med ↩︎
  4. Kashi, D.S., Hunter, M., Edwards, J.P. et al. (2025). Habitual fluid intake and hydration status influence cortisol reactivity to acute psychosocial stress. Journal of Applied Physiology. ↩︎

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