26. Oktober 2026, 17:55 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Das Sexualhormon Testosteron hat großen Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden des Mannes. Ein zu niedriger Spiegel kann verschiedene körperliche und psychische Beschwerden begünstigen. Frühere Untersuchungen deuten zudem darauf hin, dass ein Mangel an Testosteron mit einem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern verbunden sein könnte. Doch „je mehr, desto besser“ gilt deshalb offenbar nicht. Den Ergebnissen einer aktuellen Übersichtsarbeit zufolge könnten auch hohe Testosteronwerte mit der Herzrhythmusstörung zusammenhängen.
Bei Vorhofflimmern, einer der häufigsten Herzrhythmusstörungen, laufen die elektrischen Signale in den beiden Vorhöfen des Herzens ungeordnet ab – die Vorhöfe geraten aus dem Takt. Das kann den Herzschlag unregelmäßig machen, manchmal auch schneller. Besonders gesundheitlich relevant ist ein erhöhtes Schlaganfallrisiko durch Vorhofflimmern. Denn durch den gestörten Blutfluss können sich Blutgerinnsel bilden.
Neben bekannten Risikofaktoren – wie Bluthochdruck, Übergewicht und Diabetes – rücken auch Sexualhormone in den Fokus der Forschung. Übergewicht spielt dabei eine Doppelrolle: Es kann sowohl den Testosteronspiegel senken als auch das Herzgewebe direkt verändern und so das Vorhofflimmerrisiko eigenständig erhöhen.
Zusammenhang zwischen Vorhofflimmern und Testosteron
Bisher zeichnet die Forschung zum Zusammenhang zwischen Testosteron und Vorhofflimmern ein uneinheitliches Bild. Es gab einerseits Hinweise darauf, dass Testosteron das Herz schützen könnte – unter anderem, weil es entzündungshemmende Effekte haben und die Herzfunktion beeinflussen kann. Einige Studien fanden jedoch ein erhöhtes Vorhofflimmerrisiko bei hohen Testosteronwerten. Wieder andere konnten keinen eindeutigen Zusammenhang nachweisen.
Ziel des vorliegenden Übersichtsartikels war es, auf Basis der bisherigen Ergebnisse mehr dazu sagen zu können, welche Rolle niedrige und hohe Testosteronwerte bei Vorhofflimmern spielen könnten.1 Welche biologischen Mechanismen könnten dahinterstecken? Und was lässt sich für die Behandlung von Männern mit Testosteronmangel daraus ableiten?
Details zur Untersuchung
Das Studiendesign war das eines strukturierten, narrativen Übersichtsartikels. Denn die Autoren haben keine eigene klinische Studie mit neu rekrutierten Teilnehmern durchgeführt – sie fassten bereits veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchungen zusammen.
Berücksichtigt wurden verschiedene Arten wissenschaftlicher Untersuchungen aus den Datenbanken MEDLINE/PubMed und Embase mit Veröffentlichungsdatum vor dem 4. Mai 2026. Zusätzlich prüften die Autoren die Quellen anderer relevanter Studien sowie ausgewählte Kongressbeiträge, behördliche Dokumente und Stellungnahmen von Fachgesellschaften. Die Autoren werteten ganz unterschiedliche Studien aus: von Untersuchungen zur Testosteronersatztherapie über große Beobachtungsstudien und zusammenfassende Analysen mehrerer Studien bis zu genetischen Untersuchungen und Experimenten an Herzmuskelzellen.
Eine wichtige Einzelstudie in der Übersichtsarbeit war die TRAVERSE-Studie. Dabei handelt es sich um eine bekannte Langzeitstudie zu möglichen kardiovaskulären Folgen einer Testosterontherapie.2 Sie untersuchte 5246 Männer zwischen 45 und 80 Jahren, die vor der Hormonbehandlung nachgewiesenermaßen unter einem Hormonmangel litten und zusätzlich bereits Herzerkrankungen oder ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko aufwiesen.
Die Männer verwendeten entweder einmal am Tag ein Testosterongel oder ein Gel ohne Wirkstoff. Im Schnitt wurden sie 22 Monate behandelt und dann 33 Monate beobachtet.
Ergebnisse
Sowohl niedrige als auch hohe Testosteronwerte können mit einem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern verbunden sein – so das zentrale Ergebnis der Übersichtsarbeit. Die Autoren beschreiben das Muster als „u-förmigen Zusammenhang“. Demnach ist das Risiko an beiden Enden der Testosteronverteilung erhöht, im mittleren physiologischen Bereich möglicherweise niedriger.
In der TRAVERSE-Studie entwickelten in der Testosterontherapie-Gruppe 3,5 Prozent der Männer erstmals Vorhofflimmern. In der Placebogruppe waren es dagegen nur 2,4 Prozent. Weiterhin traten auch unter Testosteron nicht tödliche Herzrhythmusstörungen insgesamt häufiger auf (5,2 vs. 3,3 Prozent). Wiederum bei schweren kardiovaskulären Ereignissen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder kardiovaskulärem Tod zeigte sich kein erhöhtes Risiko (7,0 gegenüber 7,3 Prozent).
Ebenso deuteten einige der Beobachtungsstudien auf einen Zusammenhang hin. In einer Nachauswertung der ASPREE-Studie mit 4570 älteren Männern traten innerhalb von im Mittel 4,4 Jahren 286 neue Fälle von Vorhofflimmern auf.3 Bei den Probanden mit den höchsten Testosteronwerten war das Risiko gegenüber der mittleren Gruppe fast doppelt so hoch.
Doch weiterhin bleibt die Studienlage uneinheitlich. Eine Metaanalyse von 106 randomisierten Studien, an denen insgesamt 15000 Männer teilgenommen hatten, beobachtete keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Testosterontherapie und Vorhofflimmern. Auch wurde in einer weiteren Auswertung von Gesundheitsdaten das in der TRAVERSE-Studie ermittelte erhöhte Risiko nicht bestätigt.
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Mögliche Bedeutung der Ergebnisse
Die Ergebnisse sind vorrangig für Männer relevant, bei denen ein Testosteronmangel festgestellt wurde und für die eine Hormonersatztherapie infrage kommt. Bei der Entscheidung sollten neben dem Hormonwert und den gewünschten Behandlungseffekten auch die Herzgesundheit und das individuelle Risiko für Herzrhythmusstörungen berücksichtigt werden, betonen die Forscher.
Fällt die Entscheidung für eine Behandlung, empfehlen sie eine individuell angepasste Therapie mit Testosteronwerten im mittleren physiologischen Bereich. Als Orientierung nennen die Forscher Testosteronwerte im mittleren physiologischen Bereich von 350 bis 550 ng/dl. Bei übergewichtigen oder älteren Männern sollte zudem das sogenannte ‚freie Testosteron‘ bestimmt werden, da das Gesamttestosteron oft verfälscht ist. Wichtig unter einer Therapie ist außerdem die regelmäßige Kontrolle des Blutbilds (Hämatokrit), um eine gefährliche Bluteindickung zu vermeiden.
Warum sind sowohl niedrige als auch hohe Testosteronwerte problematisch? Das könnten biologische Mechanismen erklären, die die Forscher experimentell untersucht haben. Testosteron beeinflusst Ionenkanäle in Herzmuskelzellen. Diese steuern elektrische Signale. Hohe Werte könnten bestimmte Kaliumströme verändern, was kreisende elektrische Erregungen begünstigen könnte. Solche sind an Vorhofflimmern beteiligt. Bei niedrigen Werten wären es möglicherweise Veränderungen im Kalziumhaushalt, die zusätzliche elektrische Impulse auslösen könnten. Wichtig an dieser Stelle: Diese Mechanismen bieten eine mögliche Erklärung für den u-förmigen Zusammenhang. Sie beweisen aber keine direkte Ursache beim Menschen.
Zusammenfassend sprechen die Ergebnisse nicht grundsätzlich gegen eine Behandlung, wenn ein Testosteronmangel besteht. Vielmehr unterstreichen sie, so die Autoren, dass Patienten Nutzen und Risiken individuell mit dem behandelnden Arzt abwägen sollten.
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Einschränkungen
Die Autoren fassen frühere Studien in einem narrativen Überblick zusammen, ohne die Ergebnisse statistisch in einer Metaanalyse auszuwerten, und auch die Qualität der einzelnen Studien wurde nicht systematisch bewertet. Die Schlussfolgerungen können somit nur einen Überblick über den bisherigen Forschungsstand geben. Sie belegen nicht, dass Testosteron selbst das Risiko für Vorhofflimmern erhöht.
Zumal sich die ausgewerteten Studien hinsichtlich der Teilnehmer, der gemessenen Testosteronwerte, der Behandlungsformen und der Beobachtungszeiträume unterscheiden. Generell gilt: Beobachtungsstudien können nur Zusammenhänge aufzeigen. Andere Faktoren und Begleiterkrankungen könnten die Ergebnisse beeinflusst haben.
Auch die TRAVERSE-Studie hat Grenzen. Sie umfasste eine relativ spitze Stichprobe (45- bis 80-jährige Männer mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko) und lieferte nur Daten für einen Testosteronmangel. Es ist daher fraglich, ob sich die Ergebnisse auf jüngere, gesündere Männer oder andere Darreichungsformen übertragen lassen.
Neben weiteren Einschränkungen ist auch der vermutete u-förmige Zusammenhang noch nicht abschließend bestätigt. Um eine zuverlässige Aussage darüber treffen zu können, welcher Testosteronbereich für das Herz am günstigsten ist und welche Patienten besonders gefährdet sind, werden größere prospektive Studien benötigt. Diese müssen verschiedene Behandlungsziele, Darreichungsformen und individuelle Risikofaktoren gezielt vergleichen.