15. September 2026, 9:50 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Eine heiße Tasse Tee kann wohltuend sein – für Körper wie Geist. Andere brauchen die morgendliche Tasse Kaffee, um munter zu werden. Doch wer zu heiß trinkt, riskiert möglicherweise mehr als nur ein verbranntes Zungengefühl. Eine neue Studie aus dem Vereinigten Königreich sorgt für Aufsehen: Sie zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen regelmäßigem Konsum sehr heißer Getränke und einem erhöhten Risiko für eine bestimmte Form von Speiseröhrenkrebs. Und sie ist nicht die einzige Untersuchung, die zu diesem alarmierenden Ergebnis kommt.
Jetzt dem FITBOOK-Kanal bei Whatsapp folgen!
Heißgetränke: Zwischen Wohlbefinden und Risiko
Wer gönnt sich nicht hin und wieder einen heißen Tee oder Kaffee? Und das hat auch Vorteile für die Gesundheit. So kann Tee emotional beruhigen und für mentale Klarheit sorgen.1 Regelmäßiger Teekonsum kann laut Forschung zudem das Risiko für eine Depression senken.2 Auch Kaffee werden neben seinem Wachmacher-Effekt weitere positive Eigenschaften zugeschrieben. Doch wer seine Getränke dauerhaft sehr heiß konsumiert, könnte seiner Gesundheit schaden. Eine britische Studie liefert neue Hinweise darauf, dass sehr heiße Getränke das Risiko für eine bestimmte Form von Speiseröhrenkrebs deutlich erhöhen können.
Neue britische Studie mit fast einer Million Menschen
Für die Untersuchung analysierten Forscher der University of Oxford Daten von insgesamt 977.282 Erwachsenen aus zwei großen britischen Langzeitstudien, der UK Biobank und der Million Women Study. Die Teilnehmer wurden im Durchschnitt 11,1 oder 14,2 Jahre lang beobachtet. In dieser Zeit traten 2348 Fälle von Speiseröhrenkrebs auf.3
Risiko bei sehr heißen Getränken rund dreimal so hoch
Besonders deutlich war der Zusammenhang bei einer bestimmten Form von Speiseröhrenkrebs, dem sogenannten Plattenepithelkarzinom. Dieser Krebs entsteht aus den Zellen, die die Speiseröhre von innen auskleiden. Teilnehmer, die ihre Getränke nach eigener Einschätzung „sehr heiß“ tranken, hatten ein rund 3,2-fach so hohes Erkrankungsrisiko wie Menschen, die ihre Getränke warm bevorzugten. Bei einer anderen Form von Speiseröhrenkrebs zeigte sich dagegen kein vergleichbarer Zusammenhang.
Auch die Menge spielte offenbar eine Rolle. Wer sechs oder mehr heiße Getränke täglich konsumierte, hatte ein um 71 Prozent höheres Risiko für diese Form von Speiseröhrenkrebs als Menschen, die weniger als zwei Tassen pro Tag tranken. Dieser Zusammenhang blieb auch bestehen, nachdem die Forscher die bevorzugte Trinktemperatur berücksichtigt hatten.
Die Untersuchung kann allerdings nicht beweisen, dass sehr heiße Getränke den Krebs verursachen. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Zudem wurde die tatsächliche Temperatur der Getränke nicht gemessen – die Teilnehmer gaben selbst an, ob sie ihre Getränke warm, heiß oder sehr heiß bevorzugten. Die Ergebnisse passen jedoch zu mehreren früheren Untersuchungen.
Britische Studie von 2025 kam zu ähnlichem Ergebnis
Eine im Februar 2025 veröffentlichte Studie analysierte Daten von 454.796 Erwachsenen. Die Teilnehmenden stammten aus der britischen UK Biobank. Sie wurden im Durchschnitt über 11,6 Jahre hinweg beobachtet. Ziel war es, herauszufinden, ob heiße Getränke das Risiko für Speiseröhrenkrebs erhöhen.4
Deutlich erhöhtes Risiko bei mehr als acht Tassen täglich
Das Ergebnis: Wer täglich acht oder mehr Tassen sehr heißer Getränke konsumierte, wies ein 5,6-fach erhöhtes Risiko auf, an dieser Form von Speiseröhrenkrebs zu erkranken. Der Vergleichsmaßstab waren Personen, die entweder keine oder nur warme Heißgetränke tranken. Doch auch bei geringeren Mengen zeigte sich ein klarer Zusammenhang: Bereits bei bis zu vier sehr heißen Getränken täglich war das Risiko etwa zweieinhalbmal so hoch.
Die Studie konzentrierte sich dabei auf das bereits erwähnte Plattenepithelkarzinom. Eine andere Form von Speiseröhrenkrebs, die vor allem im unteren Bereich der Speiseröhre entsteht, war dagegen nicht eindeutig mit der Temperatur der Getränke verbunden.
Die Forscher gehen davon aus, dass vor allem die hohe Temperatur eine entscheidende Rolle spielen könnte. Ob Tee oder Kaffee – die Ergebnisse sprechen dafür, dass nicht ein bestimmtes Getränk für den beobachteten Zusammenhang verantwortlich ist. Sehr heiße Flüssigkeiten können die empfindliche Schleimhaut der Speiseröhre immer wieder verletzen. Der Körper muss diese Schäden anschließend reparieren. Passiert das über einen langen Zeitraum immer wieder, könnte dies die Entstehung von Krebs begünstigen.
Auch interessant: Speiseröhrenkrebs – diese Symptome können auf die Erkrankung hindeuten
Ist Kaffee riskant?
Mit der Frage beschäftigte sich eine 2025 veröffentlichte japanische Langzeitstudie. Sie konnte keine Hinweise dafür finden, dass Kaffee an sich das Risiko für Speiseröhrenkrebs erhöht. Forscher werteten dafür Daten von 103.932 Menschen im Alter zwischen 40 und 69 Jahren aus. Die Teilnehmer wurden im Durchschnitt 18,7 Jahre lang beobachtet. In dieser Zeit erkrankten 434 Menschen an der bereits beschriebenen Form von Speiseröhrenkrebs.5
Dabei zeigte sich kein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Menge des konsumierten Kaffees und dem Erkrankungsrisiko. Auch drei oder mehr Tassen Kaffee am Tag waren nicht mit einem deutlich höheren Risiko verbunden. Das galt auch für Teilnehmer, die angaben, heiße Speisen und Getränke zu bevorzugen. Die Ergebnisse liefern damit weitere Hinweise darauf, dass nicht Kaffee an sich problematisch ist.
Wie sich die Kombination von Kaffee und Tee in Maßen auf das Sterberisiko auswirkt
Teetrinken kann Diabetes vorbeugen – ab einer bestimmten Tassen-Anzahl pro Tag
Frühere Studie aus dem Iran untermauert Temperatur als Risikofaktor
Bereits zuvor hatte eine Untersuchung der Tehran University of Medical Sciences einen klaren Zusammenhang zwischen sehr heißem Teekonsum und Speiseröhrenkrebs festgestellt.6 Demnach betrifft das Risiko nicht nur Tee, sondern auch Kakao und andere Heißgetränke. Entscheidend sei nicht der Inhalt des Getränks, sondern ausschließlich die zu hohe Temperatur. Denn heiße Flüssigkeiten reizen die empfindlichen Schleimhäute im Mund- und Rachenraum. Auf Dauer kann dies zu kleinen Verletzungen und chronischen Entzündungen führen. Ist die DNA einmal geschädigt, kann dies das Wachstum bösartiger Tumore begünstigen.
In der Studie wurde das Trinkverhalten von 50.045 Personen im Alter zwischen 40 und 75 Jahren erfasst. Die Teilnehmer wurden im Mittel rund zehn Jahre lang beobachtet. In dieser Zeit erkrankten 317 Personen an Speiseröhrenkrebs. Menschen, die täglich mindestens 700 Milliliter Tee mit einer Temperatur von mindestens 60 Grad Celsius tranken, hatten ein rund 90 Prozent höheres Risiko für diese Form von Speiseröhrenkrebs als Personen, die weniger und kühleren Tee tranken. Auch unabhängig von der getrunkenen Menge zeigte sich ab einer Temperatur von 60 Grad ein erhöhtes Risiko.
Sehr heiße Getränke besser etwas abkühlen lassen
Eine pauschale Regel, nach der Getränke unter 60 Grad Celsius grundsätzlich unbedenklich sind oder exakt vier Minuten abkühlen müssen, lässt sich aus den Untersuchungen nicht ableiten. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) stuft das Trinken sehr heißer Getränke mit Temperaturen über 65 Grad Celsius als wahrscheinlich krebserregend für Menschen ein.7 Wer Tee oder Kaffee sehr heiß trinkt, sollte ihn deshalb etwas abkühlen lassen.
In vielen Ländern wird Tee traditionell sehr heiß getrunken
Genau wie im Iran wird zum Beispiel in der Türkei, in Asien und in Südamerika der Tee traditionell sehr heiß getrunken. In Teilen dieser Regionen kommt tatsächlich das Plattenepithelkarzinom besonders häufig vor. Allerdings bedeutet das nicht automatisch, dass heiße Getränke dafür verantwortlich sind. Auch andere Faktoren können das Krebsrisiko beeinflussen.8
In China brachte eine prospektive Beobachtungsstudie der Universität Peking zudem noch mehr Alarmierendes zutage. Anders als im Iran, wo Alkohol und Rauchen kulturell weniger ein Thema sind (zumindest in der Öffentlichkeit), ist beides bei chinesischen Männern weit verbreitet. Hier zeigte sich, dass der Zusammenhang mit Speiseröhrenkrebs besonders ausgeprägt war, wenn sehr heißer Tee mit starkem Alkoholkonsum oder Rauchen zusammentraf.9